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Fintech & Insurtech - Digitalisierung bei Banken und Versicherungen - 2020

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MARKET « Maschinelles

MARKET « Maschinelles Lernen kann Muster in Daten entdecken, die vom Menschen nicht gefunden werden » Als ZHAW-Professor für Finance and Risk Modelling beschäftigt sich Jörg Osterrieder mit Datenanalyse, Blockchain und künstlicher Intelligenz. Seine Expertise ist auf internationaler Ebene gefragt. Im Interview gewährt er Einblick in die aktuellen Entwicklungen der Finanztechnologie. Interview: Marc Landis Fintech-Start-ups sind vor Eintreten der Covid- 19-Pandemie wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wie gestaltet sich die Situation jetzt? Jörg Osterrieder: Die wirtschaftliche Destabilisierung aufgrund von Covid-19 hat auch vor Fintech-Start-ups nicht haltgemacht. Das Finanzierungsvolumen war so niedrig wie seit Jahren nicht mehr. Während der Covid-19-Pandemie hat Technologie jedoch auch neue Möglichkeiten für digitale Finanzdienstleistungen geschaffen, um die finanzielle Inklusion zu beschleunigen und zu verbessern. Nicht zuletzt aufgrund der sozialen Distanzierungs- und Eindämmungsmassnahmen hat die Nutzung digitaler Finanzdienstleistungen und des elektronischen Handels enorm zugenommen. Aktuell stellt sich die Wirtschaft wieder von «Reagieren» auf «Erholen» um – dadurch könnten sich für einige Fintechs neue Möglichkeiten ergeben. Eine Schlüsselfrage ist, wie diese ihre einzigartigen Vermögenswerte und Fähigkeiten nutzen können, um in Zukunft neue Chancen zu ergreifen. Die unmittelbare Sorge ist natürlich der Umgang mit der gegenwärtigen Unsicherheit, die noch andauern wird, aber sicherlich überwunden wird. Mittel- bis langfristig wird sich der Trend der Fintech-Start-ups also fortsetzen? Die Digitalisierung fliesst heute in alle Aspekte des Lebens ein. PERSÖNLICH Prof. Dr. Jörg Osterrieder ist Professor für Quantitative Finance an der ZHAW. Zuvor war er bei globalen Investmentbanken und Hedge Fonds (u.a. Goldman Sachs, Bank of America Merrill Lynch, Man Investments) tätig, zuletzt als Senior Vice President bei der Credit Suisse. Seine Forschungsprojekte sind auf die Finanzindustrie ausgerichtet, mit quantitativen, datengetriebenen Analysen. Aktuell leitet er ein globales Forschungsnetzwerk mit 150 Forschern in 33 Ländern und arbeitet mit der Columbia University in New York zusammen, um Reinforcement Learning Strategien für die Finanzbranche nutzbar zu machen. Quelle: ZHAW Was die Wirtschafts- und Geschäftsaktivitäten betrifft, bildet die Finanzindustrie keine Ausnahme. Die Investitionen in den Fintech-Sektor nehmen weltweit zu. Schauen wir uns die Neugründungen an, waren allein in der Schweiz per Anfang 2020 über 360 Fintech-Start-ups registriert. Die Menge an Daten und an digitalen Vermögenswerten explodiert geradezu. Es bestehen gleichzeitig hohe Bedenken bezüglich Privatsphäre. Dazu gewinnen Nachhaltigkeitsaspekte immer mehr an Bedeutung. Und nicht zuletzt bietet der technologische Fortschritt neue Möglichkeiten. Was meinen Sie damit konkret? Künstliche Intelligenz – oder kurz KI – ist ein prominentes Beispiel für diese neuen Technologien und wird am häufigsten medial erwähnt. Bis 2021 werden weltweit Investitionen von bis zu 58 Milliarden US-Dollar in KI erwartet. Finanzunternehmen können auf zwei Arten einen Mehrwert aus Analytik und maschinellem Lernen ziehen: Kosten senken und Umsatz steigern. Beispielsweise können Banken maschinelles Lernen in ihrem Kreditprozess anwenden. Abhängig vom Kunden, der Höhe des Kredits und der Komplexität des Vorgangs kann die Kreditvergabe automatisiert werden, was sich direkt auf die Betriebskosten auswirkt. Darüber hinaus kann maschinelles Lernen Muster in Daten entdecken, die vom Menschen nicht gefunden werden. Dies kann dazu beitragen, bessere Kreditentscheidungen zu treffen, selbst wenn der Prozess nicht vollständig automatisiert werden kann. Inwiefern ist KI auch für die ZHAW ein Forschungsthema? Wir arbeiten an der ZHAW interdisziplinär und departementsübergreifend daran. Im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts haben wir Netzwerkmodelle verwendet, um genauere Vorhersagen über die Kreditwürdigkeit von Kunden zu treffen. Zusammen mit 22 europäischen Partneruniversitäten und 27 nationalen Aufsichtsbehörden wollen wir in dem Projekt aber auch neue Wege untersuchen, wie man Risiken besser abschätzen kann. Ein weiteres Hauptforschungsgebiet ist erklärbare KI. Im Rahmen eines Innosuisse-Projekts konzentrieren wir uns auf transparente, nichtdiskriminierende und verständliche Kreditentscheidungen. Durch maschinelles Lernen können Gläubiger das Kreditrisiko reduzieren, indem sie eine Fülle von Kundendaten auswerten. Diesen Modellen fehlt jedoch die von den Regulie- 14 Fintech & Insurtech

« Open Banking bietet nun die Chance, auch im Bankenbereich, das Kundenerlebnis in den Vordergrund zu stellen. » MARKET Jörg Osterrieder forscht an der ZHAW im Schwerpunkt Finance, Risk Management and Econometrics rungsbehörden geforderte Transparenz. Wir schlagen deshalb ein visuelles Analysetool vor, um das Innenleben von solchen Modellen für die Kreditbewertung zu verstehen. KI darf keine Blackbox sein. Sie sprechen von Transparenz in der Finanzindustrie. In diesem Zusammenhang ist auch die Entwicklung von Open Banking ein wichtiges Thema. Inwiefern wird Open Banking das Banking in der Schweiz verändern? Open Banking ist ein Begriff, der die technologische Öffnung der Finanzbranche für Drittanbieter beschreibt. Dabei werden Kundendaten über offene Schnittstellen anderen Finanzdienstleistern, zumeist Fintech-Firmen, zur Verfügung gestellt, mit dem Ziel, neue Produkte und Dienstleistungen bereitzustellen. Für die Schweiz und die Schweizer Banken bedeutet dies einerseits eine neue Herausforderung als auch neue Chancen. Mit neuen innovativen Finanzprodukten können die Banken im Zentrum eines neu geschaffenen Ökosystems stehen. Andererseits müssen die Aufgaben der Digitalisierung erst einmal bewältigt werden. Welche Vorteile ergeben sich durch Open Banking für die Nutzer? Die Kunden haben bereits jetzt schon den Wunsch nach integrierten Lösungen und innovativen Finanzprodukten. Nicht zuletzt durch die grossen amerikanischen Bigtech-Firmen wurde das Kundenerlebnis neu definiert. Open Banking bietet nun die Chance, auch im Bankenbereich, das Kundenerlebnis in den Vordergrund zu stellen. In der Schweiz gibt es im Vergleich zum EU-Ausland keine Verpflichtung der Banken zur Öffnung ihrer APIs für Dritte, wie das etwa die EU-Direktive PSD2 vorgibt. Was halten Sie davon, dass es in der Schweiz eine Schweizer Lösung für eine europäische beziehungsweise globale Entwicklung braucht? In der Tat haben neue regulatorische Bestimmungen, wie die EU-Direktive PSD2 sowie die Datenschutz-Grundverordnung (GDPR) überhaupt erst die Grundlage für Open Banking gelegt, indem dass die Daten von Kunden externen Anbietern zur Verfügung gestellt werden können sowie eine externe Schnittstelle zur Verfügung gestellt werden muss. In der Schweiz gibt es Fintech & Insurtech 15

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