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IT for Health 2/2018

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GESELLSCHAFT &

GESELLSCHAFT & POLITIK « Die Apotheke ist prädestiniert dafür, das Gesundheitsdossier zu eröffnen » Seit 175 Jahren vertritt der Schweizerische Apothekerverband Pharmasuisse die Anliegen der Apotheken. Im Interview zeigt Geschäftsführer Fabian Vaucher, wo heute die digitalen Herausforderungen der Branche liegen und wie er die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorantreiben will. Interview: Oliver Schneider Wie ist in den Schweizer Apotheken der Stand der Digitalisierung? Fabian Vaucher: Die Apotheken sind bereits relativ weit. Mit unseren ERP-Systemen führen wir heute Lageroptimierung, Liquiditätsplanung oder den Kontakt mit Grossisten und Versicherungen digital. Die Herausforderung heute liegt natürlich in der digitalen Transformation des Gesundheitswesens. Ohne IT geht in einer Apotheke nichts. Doch gilt es jetzt, die Primärsysteme für den interprofessionellen Austausch fit zu machen. Mit Versicherungen, Grossisten und Logistikern war dies einfach, weil wir es dort mit technologiegetriebenen Fachleuten zu tun hatten. Bei Hausärzten, Spitälern und der Pflege sind die technischen Voraussetzungen aber sehr unterschiedlich. Der wichtigste Anspruchspartner einer öffentlichen Apotheke ist der Hausarzt – und da gibt es durchaus noch Potenzial bei der Digitalisierung. Wo liegt das Problem? Mein eigener Hausarzt etwa hat alle Krankengeschichten digitalisiert. Andere sagen aber: Das mache ich nicht mehr und fahren weiter wie bisher. Hausärzte, die in Gruppenpraxen eintreten und digitalisieren müssen, nehmen diese Arbeit auf sich. Einzelpraxen, die keine aktive Nachfolgeregelung betreiben, werden diesen Aufwand nicht betreiben. Was sind die Knackpunkte bei der Einführung des EPD? Der erste ist die sogenannte doppelte Freiwilligkeit. Nach ihr können beide, sowohl der Leistungserbringer wie auch der Patient ein Opt-in, das heisst ihr Mitmachen, frei wählen. Nach unserer Meinung ist das ein falscher Entscheid. Der alleinige Entscheider ist der Kunde; und wenn der ein EPD wünscht, müssten alle es anbieten. Wir sind ready, haben damals aber Rücksicht auf die Ärzte genommen, die noch nicht so weit sind und mit dem Referendum drohten. Wenn die stationären Leistungserbringer ab 2020 in die Pflicht genommen werden und wenn das EPD erfolgreich Anwendung finden soll, wird man sich sehr schnell überlegen müssen, es mit einer entsprechenden Übergangslösung auch für die ambulanten Leistungserbringer zur Pflicht zu machen. Wo liegen weitere Herausforderungen Der zweite Knackpunkt ist die Top-down-Organisation des EPD über Staat, Kantone und Spitäler. Man greift mit dieser vertikalen Ausrichtung zu kurz. Wenn ich erst im Spital ein Patientendossier brauche, könnte man meinen, dass ich angezählt bin und wohl bald die letzte Ölung bekomme. Die Akzeptanz des EPD in diesem Setting ist beim Polymorbiden sicher gegeben, aber wir möchten auch den Kunden berücksichtigen, der sich um seine Gesundheit kümmern will – denn das sind weit über 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Und der dritte Knackpunkt? Die EPD-Provider wollen von den Zusatzdienstleistungen leben, die nicht im EPDG geregelt sind. Hier steht es jeder (Stamm-)Gemeinschaft frei, eigene Austauschformate zu definieren. Das wird das Roaming dieser Zusatzdienstleistungen erschweren. Wählt man den dualen Ansatz, sind die Leistungen zwischen den Leistungserbringern in der ganzen Schweiz zu standardisieren. Darin sehen wir noch einige Arbeit, die Pharmasuisse weiter unterstützt. Auch weil Stammgemeinschaften unter der Ägide der Kantone dazu verleitet sein könnten, Zusatzdienstleistungen rund um die stationären Leistungserbringer zu bevorzugen. Gesundheitsdienstleister auf der untersten, ambulanten Stufe – wo die Schaffung einer Schweizer Lösung eigentlich schnell und einfach wäre – werden wahrscheinlich zuletzt und dies zulasten des Patienten berücksichtigt. Welchen Beitrag leisten die Apotheken zum Projekt EPD? Wir sind im Gespräch mit Abilis, der einzigen Stammgemeinschaft, die einen nationalen Ansatz verfolgt. Die Apotheke ist prädestiniert dafür, das Gesundheitsdossier zu eröffnen, da dort eine Beratung stattfinden und der Identifikationsprozess initiiert werden kann. Auch für die Befähigung der Bevölkerung zum Umgang mit dem Tool bieten sich unsere 1800 Verkaufsstellen an. Pharmasuisse prüft, wie dieser Prozess angetrieben werden kann. Im Rahmen der Digitalisierung der Grundversorgung wollen wir die Führung übernehmen. Welche Digitalisierungsprojekte sind abgesehen vom EPD für die Apotheken wichtig? 26

Digitalisierung betrifft die Apotheken im Hinblick auf das ganze Gesundheitswesen, sie betrifft uns aber auch als KMU- Detailhandel. Das geht so weit, dass wir über neue Ladenkonzepte nachdenken: Wie können wir Menschen heute zum Besuch eines lokalen Geschäfts begeistern? Dabei stehen zwei Aspekte im Vordergrund. Erstens: Wie können wir mit unseren Kunden in Kontakt bleiben, um ihren Bedürfnissen nach dem Einkauf nachzukommen und Pflegepersonen den Job zu erleichtern? Zweitens, und das ist schwieriger, wollen wir mit neuen Kunden in Kontakt treten. Dort ist die digitale Sichtbarkeit der Apotheke die grösste Herausforderung. GESELLSCHAFT & POLITIK Was verstehen Sie darunter? Heute ist jede Apotheke mit einer Website unterwegs, aber das genügt nicht. Ein Mitarbeiter von Google Health sagte uns, dass die häufigste Frage im Internet lautet: Wo ist die nächste Apotheke? Wir müssen unsere Apotheken also erst einmal dazu bringen, ihre Informationen bei Google Business einzutragen, damit sie dort überhaupt sichtbar werden. Die zweite Erkenntnis von Google war, dass die meisten digitalen Anfragen morgens um sieben Uhr kommen. Daraus lernen wir, dass wir unsere Öffnungszeiten und unser Leistungskonzept anpassen müssen. Was heisst das konkret? Wir haben drei verschiedene Konzepte. Erstens die Apotheke im urbanen Gebiet, wo ein Überangebot herrscht, aber auch mehr Kapital. Zweitens der rurale Bereich, wo man froh ist, wenn man überhaupt noch eine Apotheke findet. Dort gibt es ganz andere Anforderungen an die Digitalisierung. Es geht nicht um einen Marktvorteil, sondern um die Zugänglichkeit, dass zum Beispiel auch der Alphirt noch Zugang zum Gesundheitswesen hat. Und drittens gibt es den Zwischenbereich der Agglomerationen, wo das Angebot relativ knapp ist. Diese drei Konzepte müssen wir beim Ladenbau und beim Aussenauftritt berücksichtigen. In Bezug auf die digitale Sichtbarkeit heisst das vor allem, dass wir Leistungen auf einer Plattform anbieten wollen. « Im Rahmen der Digitalisierung der Grundversorgung wollen wir die Führung übernehmen. » Fabian Vaucher, Geschäftsführer, Schweizerischer Apothekerverband Pharmasuisse Wie sehen die Eckpunkte dieser Plattform aus? In der Interaktion mit den Kunden sind vor allem Vertrauen und Sicherheit wichtig, und dies muss auch digital spürbar werden. Insbesondere in der Kundenbetreuung denken wir über verschiedene Lösungen nach. Zum Beispiel könnten wir jedem Kunden eine Bezugsperson für seine Anliegen anbieten, die dann beispielsweise via Tele-Coaching mit ihren spezifischen Kenntnissen dem Kunden zur Seite steht. Den Wissensaustausch zwischen diesen Spezialisten wollen wir digital fördern. Das Bild des Apothekers ist eher traditionell. Wie digital sind die Apotheken heute im Alltag? Die Digitalisierung hat mit der Automatisierung einen grossen Schritt gemacht. Es gibt kaum noch Apotheken, die keinen Roboter zur Lagerverwaltung haben. In Net-Care-Apo­ 27

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