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Netzwoche 01/2020

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20 People Live Wo sehen

20 People Live Wo sehen Sie derzeit die grösste Herausforderung für Start-ups? « Ich bin gekommen, um zu bleiben » Swico-Geschäftsführerin Judith Bellaiche politisiert für die Grünliberalen im Nationalrat, wo sie sich für die Anliegen der Digitalwirtschaft engagieren will. Im Interview spricht sie darüber, was sie umtreibt, warum sie mehr liberal als grün ist – und dennoch mit dem Freisinn hadert. Interview: Joël Orizet « Solange Krypto währungen ein Nischenprodukt darstellen, das nur für Spekulanten interessant ist, werden sie keine Zukunft haben. » i Judith Bellaiche, Geschäftsführerin des Swico und Nationalrätin (GLP/ZH) ZUR PERSON Judith Bellaiche ist seit Mai 2019 Geschäftsführerin des Wirtschaftsverbands Swico und seit Dezember 2019 Nationalrätin (GLP/ZH). Zuvor amtete sie acht Jahre als Kantonsrätin in Zürich und weitere acht Jahre als Gemeinderätin in Kilchberg. Bellaiche ist Juristin mit Zusatzausbildung Executive MBA, hatte ihr eigenes Event-Management-Unternehmen geführt und war in der Finanzbranche und im Consulting tätig. Das Interview finden Sie auch online www.netzwoche.ch Judith Bellaiche: Es gibt einige. Das erste Problem besteht darin, dass Firmengründungen einem Spiessrutenlauf gleichen. Ich habe das selbst erlebt, als ich mein Unternehmen gründete: bürokratisches Hickhack und Papierkram ohne Ende. Zweitens haben wir ein Problem mit den Fachkräften. Die sind hierzulande rar und im Ausland kaum noch zu rekrutieren, weil dieses unsägliche Drittstaatenkontingent viel zu klein ist. Ein drittes Problem betrifft die Besteuerung. Viele Start-ups haben Mühe damit, die in der Schweiz üblichen Löhne zu zahlen. Deswegen versuchen sie, ihre Mitarbeiter durch Beteiligungen zu halten. Und diese Beteiligungen werden – insbesondere in der Gründungsphase – zu stark besteuert, was wiederum Investoren abschreckt. Das alles hemmt die Wirtschaft. Was halten Sie von der Schweizer Krypto-Branche? Mir scheint, um das Thema Kryptowährungen gab es einen Hype, der nun vorübergeht. Schade finde ich, dass man Kryptogeschäfte häufig vorschnell mit der Blockchain-Technologie in einen Topf wirft. Kryptowährungen sind aufgrund von Spekulationen etwas in Verruf geraten, könnten langfristig jedoch durchaus an Bedeutung gewinnen. Blockchain sollte man allerdings unabhängig davon beurteilen: Das ist eine Technologie mit Zukunft. Momentan fehlen zwar noch die Anwendungsfelder. Doch ich bin überzeugt, dass Blockchain in einigen Jahren zum Durchbruch kommt. Sie glauben also an das Potenzial der Blockchain, stehen Kryptowährungen aber eher skeptisch gegenüber. Ich sehe die Vorteile einer Weltwährung: Ein Zahlungsmittel, zu dem jede Person freien Zugang hat, ohne staatliche Intervention, ohne Umrechnung. Die Idee der Demokratisierung von Währungen ist eine fantastische Vision. Aber der Weg zu diesem Ziel ist schwierig. Solange Kryptowährungen ein Nischenprodukt darstellen, das nur für Spekulanten interessant ist, werden sie keine Zukunft haben. Zudem beruhen staatliche Währungen hauptsächlich auf Vertrauen. Und dieses Vertrauen in die Kryptowährungen fehlt derzeit noch. Was glauben Sie: Wie ökologisch nachhaltig ist die ICT-Branche? Es kommt auf den Kontext an. Einerseits steigt der digitale Konsum, was auch den Energieverbrauch in die Höhe treibt. Andererseits ermöglicht die Digitalisierung auch einen sparsameren Umgang mit Ressourcen. Beispielsweise drucken wir heute viel weniger auf Papier als noch vor zehn Jahren. Um die Frage zu beantworten, bräuchten wir also eine Bilanz, die auch diese ökologischen Einsparungen mit einberechnet. Wenn man sich nur den Energieverbrauch anschaut, dann geht es um Strom. Und diesen kann man theoretisch vollumfänglich erneuerbar produzieren. Ihre Partei sieht sich als Scharnier zwischen den Grünen und der FDP. Die Kehrseite dieser Funktion besteht darin, dass die Grünliberalen dauernd im Dilemma stecken. Was liegt Ihnen näher: die Umwelt oder die Wirtschaft? Die Parteiparole lautet: Wenn es hart auf hart kommt, dann wählen wir die Umwelt. Ich sage aber, ich wäge im Einzelfall ab. Denn es gibt meiner Meinung nach zu viel Symbolpolitik, auch in der Umweltpolitik. Bisweilen entscheiden wir uns zu einer Massnahme, obwohl die Auswirkungen noch nicht ganz klar sind. Und da muss ich schon sagen: im Zweifel lieber etwas Wichtiges ohne Signal als ein Signal ohne Wirkung. Und wie entscheiden Sie sich zwischen ökologischen und wirtschaftsliberalen Werten? Im politischen Spektrum der GLP bin ich klar auf der Seite der Wirtschaft. Aber ich möchte betonen, dass ich aus Überzeugung bei der GLP bin, denn: Die Wirtschaft hat die besten Chancen und deshalb auch die Aufgabe, die ökologische Wende voranzubringen. Aus diesem Grund will ich nicht gegen, sondern mit der Wirtschaft arbeiten. Sie haben sich schon im Studium entschlossen, in die Politik einzusteigen. Mit welcher Partei haben Sie damals geliebäugelt? Mit keiner. Ich hatte Mühe mit der damaligen Parteienlandschaft. Aufgewachsen bin ich in Basel – die Stadt hatte sich vergleichsweise früh mit Ökologie beschäftigt, viel in öffentliche Verkehrsmittel investiert, zum Beispiel die berühmten Basler Drämmli. Ich ging noch zur Schule, als der Grossbrand im Industriequartier Schweizerhalle ausbrach, worauf sich der Rhein rot färbte. Und plötzlich spürte ich diesen Linksdrall in den öffentlichen Diskussionen, selbst am Gymi, wo wir in der Klasse über den Treibhaus- 01 / 2020 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 21 effekt diskutierten. Da habe ich gemerkt: Sozialistische Politik ist nichts für mich. Dabei bin ich geblieben. Und ich bin so lange keiner Partei beigetreten, bis die Grünliberalen da waren. Warum sind Sie nicht in der FDP gelandet? Die FDP macht nichts, wenn es um Ökologie geht. Im Gegenteil: Kaum haben sie eine Mehrheit, versuchen die Freisinnigen, die Interessen ihrer Klientel auf Kosten der Umwelt zu bewirtschaften. Das hat mich schon im Kantonsrat immer wieder enttäuscht: Eigenverantwortung ist das höchste Gut einer liberalen Politik; dementsprechend ist auch die Internalisierung von Umweltkosten ein urliberales Anliegen – doch die FDP ignoriert diesen Grundsatz. Sobald ökologische Fragen zur Debatte stehen, werden die Freisinnigen sich selbst untreu. Immerhin sind sie im vergangenen Frühling zumindest ein bisschen erwacht. Woher kommt Ihre Faszination für die Politik? Das Staatsrecht hat es mir angetan. Das war im Jura-Studium mein Lieblingsfach – die ganzen demokratischen Prozesse, die staatlichen Gebilde auf der Welt. Was wir in der Schweiz haben, ist ein Juwel. Das ist mir damals klar geworden. Und noch etwas: Es gibt nur einen Ort, an dem ich etwas bewegen kann, und zwar im Parlament – dort muss ich hin. Da entscheidet sich, welche Gesetze entstehen und welche nicht. Haben Sie ein politisches Vorbild? Ich habe viele Vorbilder. Zum Beispiel Angela Merkel. Parteipolitisch bin ich zwar nicht immer auf ihrer Linie, aber ihre Widerstandsfähigkeit beeindruckt mich sehr. Unfassbar, wie sie als Frau mit all den Feindseligkeiten umgeht und sich so lange in diesem Amt behauptet. Egal, was passiert, sie steht immer wieder auf. Selbst gegen Donald Trump setzt sie sich durch. Das finde ich sagenhaft. Wie wollen Sie dafür sorgen, dass mehr Frauen in ICT-Berufe einsteigen? Das Problem fängt damit an, dass wir Kindern und Jugendlichen Bildungswege aufzeigen, statt sie für Berufsbilder zu begeistern. Kinder wollen ja etwas werden, und nicht einfach jahrelang die Bildungsleiter hochklettern. Wenn wir Frauen für das Thema künstliche Intelligenz begeistern wollen, dann müssen wir zeigen, wie man beispielsweise damit Leben retten kann und wie der Arztberuf in Zukunft aussieht. Man muss die jungen Leute abholen, bei ihren Wünschen, ihrer Motivation, und nicht mit der Aussicht auf ein Diplom. Was halten Sie von einer Frauenquote in Schweizer Chefetagen? Da bin ich hin- und hergerissen. Eine Zeitlang dachte ich: Es reicht, wir brauchen eine Quote! Nun haben die Wahlen gezeigt: Es geht auch ohne. Ich bin auch ohne solche Regelungen Geschäftsführerin von Swico geworden. Als liberaler Mensch bin ich zwar grundsätzlich gegen eine Frauenquote. Aber wenn sich die Verwaltungsräte jetzt nicht zusammenraufen, dann werde auch ich dafür stimmen. Bleiben Sie Swico als Geschäftsführerin erhalten oder ist das Amt ein Sprungbrett für höhere Ziele? Ich bin gekommen, um zu bleiben. Dass ich für den Nationalrat kandidiert habe, war dem Vorstand bewusst. Es bleibt nur die Frage nach dem Pensum. Das werde ich allenfalls reduzieren, zumindest während der Sessionen. Trotzdem engagiere ich mich für den Swico voll und ganz. Es gibt so vieles, was mich an dieser Arbeit begeistert. Wir haben ein tolles Team und vertreten eine junge, zukunftsgerichtete Branche. Der Verband ist unglaublich vielseitig. Was unterscheidet den Swico von anderen Ver bänden – insbesondere von Swiss-ICT? Wir vertreten ausschliesslich Anbieter und keine Anwender. Das ermöglicht uns eine klare Positionierung, in der Politik wie auch im Markt. Wenn sich Anbieter und Anwender durchmischen, gibt es zwangsläufig Interessenkonflikte. Zudem sind unsere Mitglieder allesamt Unternehmen. Andere Verbände haben auch persönliche Mitglieder und dementsprechend eine andere Klientel. Gibt es eine Rivalität zwischen Swico und Swiss-ICT? Auf persönlicher Ebene gibt es keine Rivalität. Wir informieren uns gegenseitig und arbeiten in bestimmten « Man muss die jungen Leute abholen, bei ihren Wünschen, ihrer Motivation, und nicht mit der Aussicht auf ein Diplom. » Judith Bellaiche, Geschäftsführerin des Swico und Nationalrätin (GLP/ZH) www.netzwoche.ch © netzmedien ag 01 / 2020

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