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Netzwoche 01/2020

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32 Web Focus Was macht

32 Web Focus Was macht Ihren Studierenden mehr Spass: für Android oder « Als Android-Entwickler muss man immer am Ball bleiben » Mirko Stocker und Martin Seelhofer dozieren an der Hochschule für Technik Rapperswil und kennen die Vor- und Nachteile von Android und iOS. Sie sprechen über die Unterschiede sowie darüber, was sie ihren Studenten raten und wie sie die Zukunft der App-Entwicklung einschätzen. Interview: Joël Orizet « Googles Open-Source- Story ist mehr Augenwischerei als ein Bekenntnis zu freier Software. » Mirko Stocker, Informatik-Dozent, HSR für iOS zu programmieren? Mirko Stocker: An der HSR besuchen die meisten Studierenden im dritten Semester unser Modul Mobile and GUI Engineering und lernen dort die Android-Entwicklung kennen. Sind die anfänglichen Hürden von Setup und das Zurechtfinden in der Entwicklungsumgebung erst einmal überwunden, dann beginnt es meistens – glaube ich zumindest –, Spass zu machen. Es wäre sehr interessant, dasselbe auch mit iOS zu machen, aber Apple macht einem das leider nicht so einfach. Martin Seelhofer: Ja, während für die Android-Entwicklung der Download des Software Development Kits genügt, müssen bei Apple einige Hürden beseitigt werden, um nur schon eine einfache «Hello World»-Beispiel-App auf einem Gerät zum Laufen zu bekommen. Woran liegt das? Stocker: Man braucht zwingend einen Mac. Da unsere Studierenden auf ihren eigenen Geräten arbeiten, ist ein breiter Einsatz im Unterricht leider unmöglich, wohingegen die Android-Entwicklung auf MacOS, Windows und Linux gleichermassen unterstützt wird. In Projektarbeiten kann sich ein Team mit der nötigen Hardware selbstverständlich dafür entscheiden, für iOS zu entwickeln, und auch am Institut werden sowohl Android- als auch iOS-Projekte für Kunden umgesetzt. Welches Betriebssystem ist Ihr Favorit – und warum? Stocker: Als langjähriger Open-Source-Enthusiast habe ich mich immer mehr zu Android hingezogen gefühlt, wobei ich schnell feststellen musste, dass Googles Open- Source-Story mehr Augenwischerei als ein Bekenntnis zu freier Software ist. Als App-Entwickler habe ich nichts davon, wenn ich das Basissystem, in dem ja sowieso sehr viele andere Open-Source-Software eingesetzt wird, einsehbar ist, aber so gut wie alle Apps – auch die von Google selbst – Closed Source sind. Da ich aber auch keinen Mac habe, bin ich bei Android geblieben. Seelhofer: Mein Zugang zu den Mobilplattformen erschloss sich ursprünglich über die Game-Entwicklung, und da erwies sich das geschlossene System und die überschaubare Gerätevielfalt bei iOS als Erfolg versprechender. Mittlerweile ist die Gerätevielfalt zwar auch bei iOS auf eine aus Entwicklersicht unangenehme Menge an Formfaktoren, Auflösungen und Betriebssystemversionen gewachsen, doch hat Apple durch einige clevere Handgriffe in seinen Programmierschnittstellen – APIs – dafür gesorgt, dass diese Menge weiterhin handlebar bleibt. Aufgrund der recht hohen Investitionen in den Gerätepark und der typischen Vendor-Lock-ins bei geschlossenen Systemen, bin ich bei iOS geblieben. Mirko Stocker, Dozent für Informatik an der Hochschule für Technik Rapperswil. Worin bestehen die grössten Unterschiede aus Entwicklersicht? Stocker: Es gibt natürlich offensichtliche Unterschiede wie die unterschiedlichen Programmiersprachen, die eingesetzt werden: Objective-C und Swift unter iOS und Java und Kotlin für Android. Seelhofer: Erwähnenswert sind zudem die unterschiedlichen Navigationskonzepte und die ähnlichen, aber im Detail dann halt doch sehr unterschiedlichen User-Interface-Bibliotheken. Man muss in Ergänzung zu den Pro- 01 / 2020 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Web Focus 33 grammiersprachen also auch zwei sehr unterschiedliche APIs kennenlernen. Was sind die grössten Herausforderungen eines Android- Entwicklers? Stocker: Obschon Android doch schon über zehn Jahre existiert, gibt es regelmässig Änderungen und Neuigkeiten. So gibt es immer wieder Anpassungen am Berechtigungssystem, aber auch fundamentale Dinge ändern sich. Zum Beispiel die Art und Weise, wie die Navigation zwischen verschiedenen Screens programmiert wird. Dazu kommt, dass sich Google entschieden hat, neu auf die Programmiersprache Kotlin von Jetbrains als Hauptsprache für die Android-Entwicklung zu setzen. Als Android-Entwickler muss man also immer am Ball bleiben. Wie unterscheiden sich die Entwicklungskosten? Seelhofer: Um Apps in den Google Play Store stellen zu können, ist lediglich eine einmalige Gebühr von 25 US- Dollar fällig. Bei iOS fallen für ein einfaches Entwicklerkonto jedes Jahr 99 Dollar an. Durch den Zwang, eine iOS- App nur unter Zuhilfenahme eines Macs kompilieren zu können, sowie die generell höheren Kosten der Apple- Geräte sind die Gesamtkosten für die iOS-Entwicklung tendenziell höher. Da sich bei Android jedoch eine ungleich grössere Auswahl an Geräteherstellern mit sehr vielen verschiedenen Formfaktoren und Funktionen auf dem Markt bewegt, hängen die Kosten auch davon ab, wie viele Testgeräte man sich anschaffen will. Huawei hat im Sommer ein eigenes Betriebssystem vorgestellt. Zunächst hiess es, «Harmony OS» könnte Android umgehend ersetzen. Nun will der Hersteller das OS zumindest vorerst nicht auf seine Smartphones bringen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Stocker: Huawei hat ein schwieriges Jahr hinter sich, an Harmony OS wird ja aber schon länger entwickelt. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Aussage das Ziel hatte, zu zeigen, dass man einen Plan B hat, falls die USA weitere Sanktionen gegen Huawei beschliessen. Huawei ist ja jetzt so weit gegangen, neue Geräte ohne den Play Store auf den Markt zu bringen. Trotzdem sind dies aber immer noch Android-Geräte, und als Entwickler muss ich mich vielleicht um einen neuen Distributionskanal bemühen, aber nicht die App neu entwickeln. Braucht es aus Ihrer Sicht wieder ein drittes Smartphone-System? Stocker: Nein. Mit iOS und Android haben wir zwei aktive Ökosysteme mit grossen Communitys. Die beiden Plattformen bieten alles an Funktionalitäten an, um beliebige Apps zu entwickeln, daher sehe ich keinen Bedarf für ein drittes System. Ein Cross-Plattform-Framework wie React Native und Googles Flutter oder sogar eine einfache Web- App hingegen sind durchaus valable Alternativen zu Native Apps. Martin Seelhofer, Dozent für Informatik an der Hochschule für Technik Rapperswil. Seelhofer: Das sehe ich ähnlich. Nutzt man als Entwickler Cross-Plattform-Frameworks oder die Webtechnologien, kommt es zudem gar nicht so sehr darauf an, ob jetzt noch eine weitere Plattform dazukommt oder nicht. Wie schätzen Sie die Zukunft der App-Entwicklung ein? Seelhofer: Ich erwarte, dass die Cross-Plattform-Frameworks ihren Reifeprozess fortsetzen, wodurch grössere Kosteneinsparungen ermöglicht werden. Die native Entwicklung dürfte dadurch noch weiter an Bedeutung verlieren. Ähnlich wie beim Web mit Content-Management- Lösungen wie Wordpress kann ich mir zudem gut vorstellen, dass der Kostendruck zu einer grösseren Auswahl an App-Baukästen und White-Label-Lösungen führen wird, womit Apps rascher und kostengünstiger zusammengeklickt oder konfiguriert, statt aufwändig programmiert werden können. Was raten Sie Ihren Studierenden für den Einstieg in die Arbeitswelt? Stocker: Selbstbewusst zu sein und mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Und ab und zu auch mal einen kritischen Blick auf die eigene Arbeit zu werfen und zu hinterfragen, ob das, was man tut, auch sinnvoll ist. Seelhofer: Seine Zeit nicht mit technologischen Grabenkämpfen zu verschwenden, sondern sich an der Vielfalt zu erfreuen und offen für Neues zu sein. Mut zur Lücke zu beweisen und sich auch mal dagegen zu entscheiden, sich das allerneueste fancy Framework, von dem der Arbeitskollege so begeistert gesprochen hat, unbedingt schon am nächsten Wochenende anschauen zu müssen. Man kann und muss nicht alles wissen. « Die native Entwicklung dürfte noch weiter an Bedeutung verlieren. » Martin Seelhofer, Informatik-Dozent, HSR Das Interview finden Sie auch online www.netzwoche.ch www.netzwoche.ch © netzmedien ag 01 / 2020

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