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Netzwoche 03/2020

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22 Business Focus Was

22 Business Focus Was macht eine City «smart»? « Smart bedeutet nicht immer digital » St. Gallen erprobt seit mehreren Jahren verschiedene Smart-City-Anwendungen. Christian Geiger, seit Herbst 2017 Chief Digital Officer der Stadt, sagt, was bisher umgesetzt wurde. Ausserdem erläutert er, wie St. Gallen die Sicherheit und den Datenschutz der Projekte gewährleistet, und welche Anwendungen er keinesfalls umsetzen würde. Interview: René Jaun « Städte und Gemeinden sollten eruieren, was die wichtigsten Herausforderungen für sie sind, was sie mit ihren Massnahmen eigentlich erreichen wollen. » Christian Geiger, Chief Digital Officer, Stadt St. Gallen Christian Geiger: Eine Stadt zeichnet sich immer durch die Menschen aus, die in ihr leben. Eine smarte Stadt sollte nachhaltiger, ressourcenschonender, partizipativer, effizienter handeln. Dabei spielt die Nutzung von digitalen Lösungen eine wichtige Rolle. «Smart» bedeutet aber nicht immer zwangsläufig «digital». Wann kann man eine Stadt mit als Smart City bezeichnen? Ich glaube, bezüglich einer Smart City sollte man sich überlegen, welches die grössten alltäglichen Herausforderungen der Einwohnerinnen und Einwohner sind und wie man diesen als Stadt begegnen kann. Je nachdem gibt es in jeder Stadt auch unterschiedliche Themen, die schwerpunktmäs sig behandelt werden. An der einen Stelle sind es eher Umwelt- und Energiethemen, in anderen Städten Mobilitätsthemen oder Fragen der gesellschaftlichen Partizipation und der effizienten Verwaltung. Wichtig ist, dass man in der immer komplexer werdenden Welt Themen nicht isoliert betrachtet, sondern bestimmte Fragestellungen interdisziplinär, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Fachbereichen angeht. Beispielsweise hängen Umwelt, Energie und Mobilität fast untrennbar zusammen. Warum muss eine Stadt überhaupt smart sein? In einem internationalen Wettbewerb, bei dem sich die Gesellschaft, Wirtschaft und Technologien verändern, ist es wichtig, dass Städte anpassungsfähig bleiben. Die Bedürfnisse, die an die Städte gerichtet werden, wandeln sich stetig. Und am Ende geht es einfach darum, dass die – hier in der Schweiz – sehr hohe Lebensqualität für die Einwohner sowie die sehr grosse Standortqualität für die Unternehmen erhalten bleibt und ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig organisiert ist. Was ist der grösste Nutzen einer Smart City? Der konkrete Nutzen der Smart City entfaltet sich ganz unterschiedlich: intelligente und energieeffiziente Wohn- und Geschäftsgebäude, weniger Stau in der Innenstadt durch weniger Parksuchverkehr und optimierte Verkehrsführung, kürzere Wartezeiten in der Verwaltung durch optimierte Prozesse, weiter verbesserte Servicequalität bei Dienstleistungsangeboten, weniger Ressourcenverbrauch durch die gemeinsame Nutzung von Produkten (Sharing) sind nur einige der konkreten Mehrwerte. Ende 2017 berichteten Sie in einem Interview mit der «Netzwoche» von zwei Pilotsiedlungen in St. Gallen. Was hat sich seither getan? In den Wohnsiedlungen Remishueb und Sturzenegg wurden in den letzten zwei Jahren in kleinem Massstab Anwendungen für eine Quartier-App getestet. Diese gaben uns wertvolle Erkenntnisse über ein grösseres Stadtquartier mit breitem Nutzungsmix. Sodann wurde im Januar 2020 eine App für das Quartier Linsebühl gestartet, in dem rund 4700 Einwohner leben. Welche Projekte zur Erhöhung der Sicherheit haben Sie schon umgesetzt? Für die Kollegen der Stadtpolizei ist die Digitalisierung ein wesentliches Element effektiver Polizeiarbeit. Beispiele hierfür sind verschiedene Projektvorhaben zur Erleichterung der mobilen Polizeiarbeit oder die verbesserte Bereitstellung des aktuellen Lagebilds. Feststehende Kontaktsäulen zur Polizei stellen einen deutlichen Faktor zur Steigerung der Sicherheit an möglichen Brennpunkten dar. In der Stadt St. Gallen unterstützt derzeit an vier neuralgischen Punkten eine Videoüberwachung die Polizeiarbeit. Dies passiert nicht präventiv, sondern zur Verfolgung begangener Straftaten. Doch diese Massnahmen sind nur ergänzend – sie können die Präsenz der Stadtpolizei nicht ersetzen. Dass neben der physischen Präsenz auch die Kommunikation sehr wesentlich ist, beweist in meinen Augen der äusserst beliebte Quartierblog der Stadtpolizei St. Gallen. Welche besonderen Herausforderungen stellen sich Ihrer Verwaltung beim Umsetzen solcher Projekte? Selbstverständlich ist bei der Realisierung solcher Vorhaben jederzeit die Beachtung des Datenschutzes sicherzustellen. Bei der Videoüberwachung beispielsweise dürfen Bilder erst übertragen und ausgewertet werden, wenn es eine entsprechende Verfügung durch die Staatsanwaltschaft gab oder durch eine Sofortfahndung zu begründen ist. Nach einem festgelegten Zeitraum werden Bilder gelöscht. Ein Reporting über die Wahrung dieser Rechte erfolgt regelmässig durch die Datenschutzstelle. Wo liegt die Grenze zwischen Sicherheit und Überwachung? In meinen Augen ist beim Einsatz von technischen Mass- 03 / 2020 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Business Focus 23 nahmen ein wesentlicher Faktor, dass man sich jederzeit der grossen Verantwortung bewusst ist, die man gegenüber der Gesellschaft und auch gegenüber jedem einzelnen Individuum trägt. Aus diesem Grund ist neben dem Recht auch der Grundsatz der Verhältnismässigkeit in jedem Fall zu beachten und zu wahren. Was muss passieren, damit eine Stadt oder ein Dorf in Sachen Smart City / Village schneller vorankommt? Städte und Gemeinden sollten eruieren, was die wichtigsten Herausforderungen für sie sind, was sie mit ihren Massnahmen eigentlich erreichen wollen und an welcher Stelle sie Mehrwerte generieren möchten. Ausgehend von einer klaren Zielsetzung für die Stadt sollte die Ableitung notwendiger Massnahmen recht einfach erfolgen können. Mittlerweile wurde von der ZHAW auch ein entsprechender Handlungsleitfaden für kleine und mittlere Städte veröffentlicht. Welche Sicherheitsanforderungen stellt Ihre Verwaltung an Smart-City-Projekte? In Bezug auf die Informationssicherheit der Verwaltungssysteme gibt es ein Massnahmenbündel, durch das die IT-Sicherheit gewährleistet werden soll. Neben Beauftragten zur Informationssicherheit und dem Datenschutz finden Weiterbildungen und Sensibilisierungen für sämtliche Mitarbeitende statt, ein Sicherheitsboard thematisiert die Sicherheit in den Systemen, und mit Pentesting wird die Sicherheit von Anwendungen überprüft. Das gleiche Vorgehen wird auch im Bereich der Smart-City- Anwendungen empfohlen. Wie schützen Sie die Daten und Persönlichkeitsrechte der Stadtbewohner im Zeitalter der Big-Data-Projekte? Für uns gilt das Datenschutzgesetz des Kantons St. Gallen, das im Grundsatz vorgibt, dass immer nur so viele persönliche Daten wie nötig und so wenig persönliche Daten wie möglich gesammelt und bearbeitet werden und dass die Bearbeitung der Daten auf rechtlichen Grundlagen basiert. Zudem ist die Bekanntgabe von Daten nur unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Organisatorische und technische Massnahmen helfen uns, unsere Daten vor Verlust und Missbrauch zu schützen. Welche Stadt ist Ihr Vorbild? Ich glaube, dass Städte das Thema Smart City recht unterschiedlich angegangen sind und auch sehr unterschiedliche Schwerpunkte gelegt haben. Aus diesem Grund wäre es falsch, eine bestimmte Stadt als Vorbild zu haben. Ich schaue gerne nach Wien oder Amsterdam, beim E- Government nach Estland. Sehr wertvoll ist aber auch der Austausch zwischen den Schweizer Städten im Smart City Hub Switzerland mit den Städten St. Gallen, Zürich, Zug und Winterthur beziehungsweise Aarau, Wil, Lenzburg, Luzern, Basel, Ittigen, Schaffhausen, Uster oder Bern. Wo geht für Sie die Smart City zu weit? Was werden Sie nie umsetzen wollen? Dinge, die ich ethisch und rechtlich nicht verantworten kann. Hierzu gehören etwa Themen der Gesichtserkennung oder auch heikle Themen im Bereich des Datenschutzes, die Personen auf individueller Ebene tangieren. St. Gallen und Luzern sind die einzigen zwei Städte mit einem CDO. Warum sind es so wenige? Ausser St. Gallen und Luzern besitzt auch Uster einen CDO. Andere Städte arbeiten verwaltungsintern beispielsweise mit Beauftragten für Digitalisierung oder versuchen diese Rolle im Bereich der IT, der Stadtentwicklung oder der Organisationsentwicklung abzubilden. Aufgrund der Querschnittsaufgabe ist eine Umsetzung als Stabsfunktion mit einer Nähe zu den Fachstellen einer Stadt oder einer Gemeinde allerdings die empfehlenswerteste Lösung. Anstatt Smart Citys sollten wir viel mehr Smart Regions umsetzen, einverstanden? Ja. Die Städte und Gemeinden sollten in der Umsetzung der Themen stärker zusammenarbeiten, um die möglichen technischen Synergien entsprechend zu nutzen. Die Aufwände für die Lösung der Herausforderungen werden geteilt während alle Akteure von den Ergebnissen profitieren. « Die Städte und Gemeinden sollten in der Umsetzung der Themen stärker zusammenarbeiten. » Christian Geiger, Chief Digital Officer, Stadt St. Gallen Den vollständigen Artikel finden Sie online www.netzwoche.ch www.netzwoche.ch © netzmedien ag 03 / 2020

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