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Netzwoche 04/2016

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16 People Live «Der

16 People Live «Der Schweizer Markt ist begrenzt» Seit Anfang des Jahres hat der Schweizer Softwareentwickler Crealogix einen neuen CEO: Thomas Avedik. Im Interview erklärt er, wieso der Schweizer Bankensektor dem Ausland hinterherhinkt. Zudem spricht er über seine ersten Monate im Amt und die globalen Expansionspläne von Crealogix. Interview: Marc Landis, Coen Kaat. Redaktion: Coen Kaat « Meistens geht es nicht darum, sich permanent neu zu erfinden, sondern den Moment zu erkennen, in dem man sich aus der Komfortzone bewegen muss. » Thomas Avedik, CEO von Crealogix i ZUR PERSON Thomas Avedik übernahm als CEO per 1. Januar 2016 die Führung der Crealogix Gruppe. Das Schweizer Software haus mit rund 450 Mitarbeitern gehört als Fintech-Top-100-Unternehmen zu den Marktführern im Digital Banking. Avedik kann auf eine langjährige Erfahrung im Digital Banking zurückgreifen. Er begann seine berufliche Laufbahn bei der UBS, wo er den Aufbau und die Erweiterung des E-Bankings leitete. Dazu kamen Projekte wie die Einführung des UBS-Marktdatensystems, die Konzeption und Implementierung einer E-Banking-Sicherheitslösung sowie die Erarbeitung der globalen Digital-Banking-Strategie der UBS. Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode 6926 Sie sind jetzt seit etwa 100 Tagen als CEO von Crealogix im Amt. Wie ist es Ihnen seit Januar ergangen? Thomas Avedik: Es war ein nahtloser Übergang. Dies dank der gut vorbereiteten Kommunikation intern wie auch extern. So waren die Gespräche und Reaktionen nicht von Überraschungen geprägt. Den jährlichen Crealogix-Weihnachtsapéro unserer Mitarbeiter haben wir dann intern für die offizielle Stabsübergabe genutzt. Wo gab es nach Ihrem Amtsantritt unmittelbaren Handlungsbedarf? In der Banking-Software-Branche stehen unterschiedlichste Themen an, die alle unmittelbar angegangen werden. Es hat sich durch den Wechsel in meine neue Position daher auch kein zusätzlicher Handlungsbedarf ergeben, der nicht schon bekannt war. Es ist ein kontinuierlicher Prozess in unserer Industrie, um Innovationen und Trends zeitgerecht anzugehen. Meistens geht es nicht darum, sich permanent neu zu erfinden, sondern den Moment zu erkennen, in dem man sich aus der Komfortzone bewegen muss. Diese Balance zwischen dem Erreichen der strategischen Unternehmensziele und den vom Markt her gegebenen Bedürfnissen liegt jeder Entscheidung oder Handlung zugrunde. Dabei geht es unseren Kunden ähnlich. Es besteht also kein unmittelbarer, aber ein kontinuierlicher Handlungsbedarf. Die wichtigen Themen erfassen wir früh und engagieren uns dort mit entsprechendem Fokus. Um welche Themen geht es denn konkret? Alle sprechen über das «Internet der Dinge» (Internet of Things, IoT), doch was ist das eigentlich, und hat es wirklich das Potenzial, Finanzdienstleistungen zu revolutionieren? Die einfache Antwort lautet meiner Meinung nach: «Ja» – doch bei zahlreichen Funktionen der Finanzdienstleistungen hängt der Erfolg dieser Vernetzung von Technologien davon ab, wie umfassend das IoT Eingang in unser Leben und unsere Arbeitswelt im Allgemeinen findet. Dennoch müssen wir realistisch bleiben, denn bis Finanz institute wirklich von den Vorteilen des Internets der Dinge profitieren können, gilt es noch einige Herausforderungen zu bewältigen. Dazu gehören der Einsatz von Sensoren, die Verarbeitung und Analyse von Daten, der Zugang zu Daten (von Unternehmen oder Einzelpersonen) sowie die Sicherheit. Das Internet der Dinge birgt für die Finanzdienstleistungsbranche zahlreiche Chancen, und wer es nicht schafft, sich diese Vorteile zunutze zu machen, wird das Nachsehen haben. Es ist nun an der Zeit, Prozesse, Infrastrukturen und Strategien anzupassen, um mit den riesigen Mengen an wertvollen Opportunitäten – die nicht auf uns warten – besser umgehen zu können. Haben Sie keine Angst, dass Crealogix den Anschluss an die jungen und wilden Start-ups verpassen könnte? Wie William Gibson sagte: «Die Zukunft ist längst unter uns – sie ist nur nicht gleichmässig verteilt.» Wir sind nach wie vor jung und hungrig. Und wir sind erfolgreich: Als innovativer Anbieter unseres Digital Banking Hubs nimmt Crealogix die Vorreiterrolle bei der Gestaltung von neuartigen digitalen Finanzdienstleistungsangeboten ein und bietet den Banken die Möglichkeit, neue Geschäftsmodelle zu verfolgen. Die Grundidee des Hubs besteht in seiner Offenheit durch den gezielten Einsatz von APIs gegenüber Drittanbieter-Apps. Damit können wir die Apps der Fintech-Start-ups integrieren, die oft nur einen spezialisierten Teil der gesamten Wertschöpfungskette einer Bank abdecken. Andererseits können auch wir selbst neue Module entwickeln. Wir verfolgen einen Best-of-Breed-Ansatz und sind damit immer im Wettbewerb mit anderen Anbietern. Für die Banken, die Start-ups und für uns ist dies jedoch eine Win-win-Situation. Ende Januar kündigten Sie eine Partnerschaft mit Hewlett Packard Enterprise (HPE) an. Was hoffen Sie gemeinsam zu erreichen? Mit HPE haben wir einen zusätzlichen Vertriebs- und Implementierungspartner für Europa. Durch die Kooperation konnten wir ein umfassendes Lösungsangebot für die Finanz- und Bankenindustrie schaffen, das mit den modernen Ansprüchen der Digitalisierung mitwächst. Zusammen erreichen wir auch Regionen und Märkte, die uns sonst aufgrund unserer Grösse zu sehr strapazieren würden. Schliesslich braucht es viel Zeit und noch viel mehr Geld, in neuen Gebieten organisch zu wachsen. Der Schweizer Markt ist also nicht genug für Crealogix? In der Schweiz sind wir sehr gut in den Bereichen Digital Banking, Digital Payment und Digital Learning positioniert. Aber der hiesige Markt ist begrenzt und wir entschieden uns daher im Rahmen unserer Wachstums- und Internationalisierungsstrategie, noch weitere Märkte zu erschliessen. Deshalb haben wir vor ein paar Jahren unsere erste Firma in Deutschland akquiriert. 2015 etablierten wir unsere Prä- 04 / 2016 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 17 « Wir sind nach wie vor jung und hungrig. » Thomas Avedik, CEO von Crealogix senz in UK und Anfang 2016 verstärkten wir unsere Präsenz im Nachbarland erneut und erwarben Beteiligungen an Elaxy, einem führenden deutschen Fintech-Anbieter für interaktive Beratungslösungen für Banken und Finanzdienstleister. Damit ist Deutschland für uns nun der wichtigste Markt nach der Schweiz. Mit dieser Beteiligung gingen wird mit der Fiducia & GAD eine Kooperation ein, die uns den Marktzugang zu den deutschen Volks- und Raiffeisenbanken ermöglicht. Ausser der Stärkung unseres Produktportfolios bietet die Transaktion auch einen ausgezeichneten Zugang zu einem stark vergrösserten Kundenkreis. Dies ist für Crealogix ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem europäischen Anbieter von Softwarelösungen im Digital Banking und Digital Advisory. Wie profitieren die Kunden in der Schweiz von dieser globalen Expansion? Schweizer Kunden sollen von der zusätzlichen Erfahrung profitieren, die wir im Ausland sammeln. Ausserhalb der Schweiz herrscht eine grössere Dynamik. Ausländische Kunden greifen neue Themen viel früher auf. Die Lösungen, die wir etwa in Grossbritannien entwickeln, hielten unsere Schweizer Kunden vor einem halben Jahr noch nicht für wichtig. Bis das Interesse plötzlich doch aufkam. Was sind derzeit die grossen Technologietrends in der Branche? Die Rolle der Banken verändert sich. Für Banken von morgen geht es nicht mehr um die besten Produkte. Es geht darum, die attraktivste Plattform für bankeigene und Drittprodukte anbieten zu können, ein sogenanntes Ökosystem für alle finanziellen Belange. Diese Transformation wird durch neue gesetzgeberische Richtlinien noch beschleunigt. So verlangt etwa die neue Zahlungsrichtlinie (PSD2) effizientere und kostengünstigere Zahlungsdienste und einen besseren Schutz für Verbraucher und Unternehmen. Konkret müssen Banken laut PSD2 offene APIs erstellen, die Dritten Zugang zu Transaktionsdaten gewähren. Dies geschieht selbstverständlich mit Zustimmung der Kunden. So entsteht derzeit eine regelrechte API-Wirtschaft. Denn viele Technologieunternehmen bieten ihre Dienstleistungen über diese digitalen Schnittstellen an. Services über APIs nutzen zu können, ermöglicht auch den nächsten Schritt hin zum SaaS-Modell. Wir gehen deshalb davon aus, dass PSD2 nicht nur zum Katalysator für APIs, sondern auch für SaaS-Banking werden kann. Wie könnte Blockchain den Schweizer Finanzplatz verändern? Blockchain ist ein weiterer Trend, der gerade an Bedeutung gewinnt. Wir prüfen derzeit, die Technologie im Brokerage-Umfeld einzusetzen. Denn mit Blockchain braucht es keinen Intermediär mehr, der die Identität der involvierten Parteien bestätigt. Das gilt für das Kreditwesen aber auch überall sonst, wo Transaktionen bestätigt werden müssen. Das schafft vollkommene Transparenz. In der Schweiz dauert es vielleicht noch eine Weile, bis sich Block- www.netzwoche.ch © netzmedien ag 04 / 2016

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