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Netzwoche 04/2016

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08 Business Aktuell

08 Business Aktuell KOLUMNE Unbundling Finanzindustrie Letztens habe ich mich mit einem Kunden aus dem Finanzsektor über digitale Transformation unterhalten. Ich halte es für wahrscheinlich, dass es das traditionelle Bankengeschäft im nächsten Jahrzehnt nicht mehr geben wird. Die rasante technische Entwicklung, die veränderten Bedürfnisse der Bankkunden und die steigende Zahl ernstzunehmender neuer Akteure in der Branche bestärken mich dabei. Dass meine fünfjährige Tochter als Erwachsene noch einen Finanzservice, wie wir ihn heute kennen, nutzen wird, bezweifle ich. Mein Kunde – eigentlich ein Befürworter der Digitalisierung – meint hingegen, dass sich das stark regulierte Bankenwesen nicht so drastisch verändern werde. Doch der Finanzsektor steht unter Konkurrenzdruck, denn kleinere Firmen entwickeln innovative digitale Lösungen entlang der Wertschöpfungskette. Diese neuen Akteure lassen sich nicht von Regulierungen einschränken, sondern orientieren sich an spezifischen Kundenbedürfnissen und finden Wege, bestehende Angebote zu optimieren. Die Gesetzgebung wird sich anpassen müssen. Dieses «Unbundling» oder Diversifizieren der Angebote wird auch die Banken dazu zwingen, ihr traditionelles Geschäftsmodell zu überdenken und zukunftsfähige Strategien zu entwickeln, die über oberflächliche Fintech-Kollaborationen hinausgehen. Kamales Lardi ist Managing Partner von Lardi & Partner Consulting. www.lardipartner.ch Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode 6853 Eine Branche geht auf die Barrikaden dkl. Der Bundesrat will das Schweizer Urheberrecht modernisieren, wie er Ende 2015 in einer Mitteilung schrieb. Am 11. Dezember 2015 begann die Vernehmlassung der Vorlage für das neue Gesetz. Die Vorlage birgt ordentlich Zündstoff. Insbesondere die Internetprovider und Hoster wehren sich zum Teil vehement gegen die geplanten Massnahmen. Sie sind nur mit wenigen Punkten der Vorlage einverstanden. Der Gesetzesentwurf halte sich nicht an den Kompromiss, den die Arbeitsgruppe zum Urheberrecht, kurz AGUR 12, gefunden habe, sagt Matthias Lüscher vom Branchenverband Suissedigital. Die Umsetzung der geplanten Massnahmen wäre im Verhältnis zur Wirkung sehr teuer und aufwändig. «Unsere Mitglieder, die Internetzugänge bereitstellen, sind von dieser Revision sehr stark und direkt betroffen», sagt Lüscher. Auf Seiten der Hoster stösst der Entwurf des Bundesrats auf wenig Begeisterung. «Mit der Revision werden Schweizer Hostern umfassendere Pflichten aufgebürdet, die zu einem schmerzhaften Mehraufwand führen werden», sagt EMC ruft das All-Flash-Jahr aus cka. Festplatten sind tot. Es lebe All-Flash! So sieht es jedenfalls EMC. Der Hersteller präsentierte diese Vision an einem Event in den Londoner Docklands. Der Ort sei passend gewählt, sagte Adrian McDonald, EMEA-Präsident bei EMC. Denn vor 100 Jahren war dieser Ort noch der goldene Standard im Storage-Bereich: Ein Warenhaus und ein Dock. 2016 soll für EMC das Jahr von All-Flash als Primärspeicher werden. 39 Prozent Marktanteil reicht nicht EMC hält nach eigenen Angaben beim All-Flash-Storage einen Marktanteil von 39 Prozent. «Aber damit sind wir noch nicht zufrieden», sagt Jeremy Burton, Präsident Products & Marketing bei EMC. In den nächsten Jahren will das Unternehmen die 50-Prozent-Marke knacken. Um dieses Ziel zu erreichen, erweitert EMC sein Portfolio mit mehreren Neuzugängen. Zuvorderst das neue All-Flash-Flaggshiff namens VMAX All Flash. Das Array erscheint in zwei Modellen mit jeweils zwei Ausführungen: 450 F und FX sowie 850 F und FX. Zudem entwickelte EMC eine neue Architektur namens Rack-Scale Flash. Diese soll die Vorteile von netzgebundenen und direkt angebundenen Speichertechnologien verbinden. Das erste Produkt in dieser neuen Kategorie ist den DSSD D5. Das Gerät richtet sich an extrem leistungshungrige Kunden. Philipp Zeder, verantwortlich für das Marketing bei Cyon. Er fürchtet angesichts der Pflichten gar einen Wettbewerbsnachteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz. Code of Conduct funktioniere seit 2013 tadellos Franz Grüter, Verwaltungsratspräsident von Green.ch, findet ähnliche Worte. Schweizer Hoster würden zu einer Art Content-Zensurstelle. Das führe zu einem «beträchtlichen Mehraufwand». Provider wie Hoster verweisen allesamt auf den Code of Conduct der Swiss Internet Industry Association, kurz Simsa. Der Code of Conduct gilt seit Januar 2013. Er regelt das Vorgehen bei offensichtlich rechtswidrigen Inhalten in «ausreichender und praktikabler Art», wie Grüter sagt. Man versteht in der Branche nicht, warum die Selbstregulierung nicht ausreicht. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode 6869 Interesse in der Schweiz Für den Mittelstand ist der D5 nichts, wie Frank Thonüs, Managing Direktor von EMC Schweiz, auf Anfrage erklärte. Das D5 richte sich eher an Grosskunden. Ein paar Unternehmen in der Schweiz hätten aber bereits Interesse bekundet. Das Zielpublikum des VMAX sei eher unter grösseren Unternehmen wie etwa Schweizer Finanzinstituten zu finden. EMC lieferte gemäss Thonüs bereits erste Testgeräte in der Schweiz aus. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode 6907 Mike Shapiro, Vice President Software Engineering & DSSD, und Jeremy Bur ton, Präsident Products & Marketing bei EMC (v. l.), mit dem DSSD D5. 04 / 2016 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Business Titelgeschichte 09 Das Handy – Goldgrube und Sorgenkind Wiederverwerten. Recyceln. Was bei Papier und PET gut funktioniert, ist bei Handys sehr viel schwieriger. Ein Teil der Probleme wäre relativ einfach lösbar. Autor: David Klier In einem Handy stecken 45 Metalle. Edelmetalle, Nicht-Eisen-Metalle, Seltene Erden. Gold, Silber, Palladium. Zinn, Kobalt, Lithium. Lohnt es sich deshalb, Handys zu recyceln? In der Schweiz gibt es einen Mann, der das weiss. Bei ihm laufen viele Fäden zusammen. Er ist der Geschäftsführer von Swico Recycling. Der Mann heisst Jean-Marc Hensch. Hensch kommt gerade vom Mittagessen. Mit einer Mitarbeiterin hat er darüber diskutiert, wie Recycler mit beschädigten Akkus umgehen sollten. Jetzt steht er in der Cafeteria in den Zürcher Büros des Verbands, neben ihm, in der Ecke, blickt eine mannshohe Statue aus kalten Augen. Eine Art humanoider Roboter. Zusammengesetzt aus alten Platinen, Festplatten, Prozessoren, Kabeln, Schaltern. Hensch führt vorbei am Roboter in ein Sitzungszimmer. Da stehen Tische und Stühle für 15 vielleicht 20 Menschen. Hensch nimmt an einem Tisch in der Ecke Platz. Lohnt es sich, Handys zu recyceln? Er nippt an seinem Kaffee, bevor er antwortet. «Ja. Ja! Unbedingt», sagt er. 2014 landeten in den Schweizer Sammelstellen 110 Tonnen Handys. Das sind knapp 700 000 Stück. Im gleichen Jahr wurden hierzulande allein 3,6 Millionen Smartphones verkauft. Ergiebigste Goldmine gewinnt 5 Gramm Gold pro Tonne Erde Wieso? «Denken Sie an Gold», sagt Hensch. «Was glauben Sie, woher das Gold kommt?» Aus dem Boden. Aus Minen. Der Swico-Chef nickt ernst. In der ergiebigsten Mine der Welt, sie liegt in Südafrika bei Johannesburg, wühlen die Arbeiter in 4000 Metern Tiefe. Von dort unten bringen sie vor allem Erde und Geröll an die Oberfläche. Aus einer Tonne dieses Gerölls gewinnen sie 5 Gramm Gold. Es wird immer weniger Gold aus dem Boden geholt Etwas mehr als die Hälfte des weltweiten Goldbedarfs kommt aus Minen wie dieser. Noch. Denn die Minen geben immer weniger her. Der Gold-Peak, also der Punkt, an dem die weltweite Fördermenge ihr Maximum erreicht, liegt Jahre zurück. Seither sinkt die Ausbeute. Handys sind dagegen echte Goldgruben. In einer Tonne Handys stecken etwa 350 Gramm Gold. Eine Tonne? Das sind ungefähr 10 000 Handys. Zu versuchen, mehr aus Handys oder anderer Elektronik herauszuholen, sei jedoch bedenklich. Da müsse man aufpassen. Warum? «Jeder wird Ihnen sagen, dass wir möglichst viel recyceln, möglichst viel wieder herausholen müssen», sagt Hensch und schüttelt den Kopf. «Aber das ist falsch.» Man müsse eine vernünftige Balance finden, sagt Hensch. Genau schauen, wann sich der Effort des Recycelns wirklich lohne. Eigentlich gibt es dazu gesetzliche Vorgaben. Sogenannte Recyclingquoten. Die geben vor, wie viel Prozent eines bestimmten Gerätes oder einer bestimmten Produktklasse wiedergewonnen werden müssen. Bei einem Auto liegt die Quote bei knapp 90 Prozent. Bei Handys sind es inzwischen 80 Prozent. Diese Quoten haben jedoch ein Problem. Die 80 Prozent beziehen sich auf das Gesamtgewicht eines Handys. Wiegt ein Handy 100 Gramm, müssen also 80 Gramm Material wiederverwertet werden. Wie sich die 80 Gramm zusammensetzen, spielt bei der Quote keine Rolle. Allein das Gehäuse – meist Kunststoff – macht etwa die Hälfte des Gewichts eines Handys aus. Das stört nicht nur Hensch, sondern auch Rolf Widmer. Widmer überprüft, ob sich die Recyclingpartner des Verbands an den Umweltschutz halten, ob sie sachgerecht und nach Vorgabe recyceln. Der Mann arbeitet bei der Empa, der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt. Sie ist der ETH Zürich angegliedert. Widmer ist seit 15 Jahren bei der Empa. Wenn er nicht gerade zwischen den Empa-Standorten in St. Gallen, Dübendorf und Thun hin- und herpendelt, reist er um die halbe Welt. Er macht sich ein Bild davon, wie in Ghana recycelt wird, betreut das Recycling von Kunststoff in Indien. Dazwischen hat er ein paar Stunden Zeit für ein Gespräch. Das Handy ist eine gute Mine Die wirklich wertvollen, seltenen Elemente machen nur i IN DER SCHWEIZ Das machen die Mobil funkanbieter Swisscom, Sunrise und Salt müssen als Verkäufer von Handys, wie alle Verkäufer, die Geräte ihrer Kunden und Nichtkunden zurücknehmen. Alle drei haben über diese Pflicht hinaus spezielle Rücknahmeprogramme. Sie bieten ihren Kunden Geld für alte Handys. Kunden von Swisscom können den Betrag, den sie für ihr altes Gerät erhalten, direkt von Swisscom an SOS Kinderdörfer spenden lassen. Alle drei Anbieter prüfen die Handys auf ihre Funktionsfähigkeit. Sie löschen gespeicherte Daten und verkaufen die Geräte anschlies send weiter. Abnehmer sind in den meisten Fällen Länder in Asien oder Afrika. Die Telefone entziehen sich so dem Schweizer Recyclingsystem. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 04 / 2016

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