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Netzwoche 08/2017

28 Web Titelgeschichte

28 Web Titelgeschichte 1,6 Millionen Menschen in der Schweiz sind gesundheitlich beeinträchtigt. Sie sind etwa blind oder taub. Diesen Nachteil gegen über anderen Menschen bekommen sie vor allem im Internet zu spüren. Doch das wäre vermeidbar. Autorin: Melanie Sutter Das Internet – ein exklusiver Club für Sehende In der Schweiz sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Niemand darf wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung diskriminiert werden. So steht es im Artikel 8 der Bundesverfassung. Eigentlich sollte dieser Artikel auch für das Internet gelten. Denn für seh-, geh- oder hörbehinderte Menschen ist das Internet oftmals die einzige Möglichkeit, einigermassen unabhängig zu leben. Online Informationen von Behörden abrufen oder im Internet etwas bestellen, erspart diesen Menschen den meist umständlichen Weg aus dem Haus. Die Realität sieht aber anders aus. Beeinträchtigte Menschen stossen im Web auf unzählige Barrieren, die eine Person ohne Beeinträchtigung selten nachvollziehen kann. Ein Blinder sieht nicht, ob ein Eingabefeld ein Such- oder ein Log-in-Feld ist. Einem Gehörlosen bringt ein Video ohne Untertitel nur wenig, da er nur die Hälfte der Informationen erhält. Barrierefreie Websites sind in der Schweiz nach wie vor Mangelware. In der Schweiz gibt es einige Menschen, die diesen Missstand im Web beseitigen wollen. Einer von ihnen ist Bernhard Heinser. Er setzt sich schon lange für Menschen mit Beeinträchtigung ein. Heinser leitete 16 Jahre lang die Schweizerische Bibliothek für Blinde-, Seh- und Lesebehinderte. Zertifikate für barrierefreie Websites Im Jahr 2000 gründete er gemeinsam mit Thomas Schwyter, René Moser, Reto Bulotti und André Assimacopoulos die Stiftung «Zugang für alle». Sie setzt sich für behindertengerechte Technologien und deren Nutzung ein. Als Teil dieses Strebens zertifiziert die Stiftung barrierefreie Websites. «Wir vergeben ein Zertifikat, wenn eine Website die Richtlinien für barrierefreie Webinhalte 2.0 der Web Accessibility Initiative in einer der drei Stufen A, AA oder AAA einhält», sagt Heinser. Die Initiative ist ein Teilbereich des World Wide Web Consortiums. Sie setzt sich für die Barrierefreiheit im Internet ein. Die Buchstaben A, AA und AAA stehen für minimale Zugänglichkeit, gute Zugänglichkeit und sehr gute Zugänglichkeit. 08 / 2017

Marc Moser, Kommunikationschef von «Inclusion Handicap». Bernhard Heinser, Mitgründer der Stiftung «Zugang für alle». « Das Thema Barrierefreiheit wird in den meisten Ausbildungen eher stief mütterlich behandelt. » René Hüsler, Direktor des Departements Informatik der Hochschule Luzern Bild: iStock Keine staatliche Unterstützung «Der Preis für eine Zertifizierung lässt sich schlecht beziffern», sagt Heinser. «Er hängt von verschiedenen Faktoren ab.» Von der Komplexität der Websites oder von der fachlichen Kompetenz seitens der am Projekt beteiligten Auftraggeber. «Bei einer komplexeren Website können die Kosten bis zu 10 000 Franken betragen.» Die Einnahmen durch die Zertifikate fliessen vollständig in die Stiftung. Denn «Zugang für alle» muss sich zu 100 Prozent selbst finanzieren, wie Heinser sagt. «Wir erhalten keine Subventionen vom Bund.» Letztes Jahr habe die Stiftung sechs Zertifikate für barrierefreie Websites vergeben. «Wir vergeben aber nicht nur Zertifikate, wir beraten viele Unternehmen, die ihre Websites barrierefrei machen wollen.» Oder müssen. Das US-Department of Transportation verlangt seit 2015, dass Fluggesellschaften mit Landerecht in den USA ihre Websites barrierefrei anbieten müssen. «Kommen sie dieser Verpflichtung nicht nach, riskieren sie im schlimmsten Fall, das Landerecht in den USA zu verlieren», sagt Heinser. Drastische Massnahmen in den USA Die Fluggesellschaft Swiss und andere internationale Gesellschaften wie etwa die Austria Airlines kamen infolge dieser Regelung auf die Stiftung zu und suchten bei Heinser und seinen Mitarbeitern Rat. So drastische Massnahmen wie in den USA fehlen in der Schweiz. «Bei uns herrscht ein Durchsetzungsnotstand», sagt Heinser. «Unternehmen fühlen sich deshalb wenig verpflichtet, ihre Website barrierefrei zu machen.» Gemäss Artikel 5, Absatz 1 im Behindertengleichstellungsgesetz sind Bund und Kantone verpflichtet, Benachteiligungen von Menschen mit Beeinträchtigung zu verhindern, zu verringern oder zu beseitigen. «Der Bund und auch bundesnahe Betriebe wie die SBB oder die Post geben sich Mühe, sind aber weit davon entfernt, Barrierefreiheit routinemässig in ihren Webangeboten umzusetzen», sagt Heinser. Er weiss das so genau, weil seine Stiftung regelmässig die Accessibility-Studie durchführt. 2016 erschien sie zum vierten Mal. Die Studienautoren untersuchten « Bei uns herrscht ein Durchsetzungsnotstand. » Bernhard Heinser, Mitgründer der Stiftung «Zugang für alle» 98 Websites. Dazu gehörten Bundesbehörden, bundesnahe Betriebe, Kantone, die zehn grössten Schweizer Städte, Schweizer Hochschulen, Newsportale und Onlineshops. «Das Resultat war ernüchternd», sagt Heinser. «Im Durchschnitt erreichten die getesteten Websites 3,2 von 5 Sternen in der Bewertung. Grund dafür seien fehlendes Wissen und mangelnde Budgets. Dabei würden eigentlich alle Menschen von ihnen profitieren. Wenn Entwickler das Layout und den Inhalt der Website klar trennen, hilft das nicht nur dem Screenreader eines Blinden. Die Website ist schlanker, und Suchmaschinen wie Google können sie besser durchsuchen. Die Bildung hinkt hinterher Ein Mitstreiter von Heinser ist Marc Moser. Er ver antwortet die Kommunikation von Inclusion Handicap, dem Dachverband der Behindertenorganisationen der Schweiz. Der Verband wurde 2015 gegründet. Die Verbandsmitglieder setzen sich politisch und rechtlich für die Gleichstellung von Menschen mit Beeinträchtigungen ein. Moser sieht fast überall Verbesserungspotenzial. Bei Betreibern der Websites, bei den Webdesignern und bei deren Ausbildung. Der technische Fortschritt habe die Möglichkeit geschaffen, dass Menschen mit einer Sinnesbehinderung Onlineangebote nutzen könnten, sagt Moser. «Die technischen Möglichkeiten müssen aber von den Anbietern einer Website auch genutzt werden.» Moser und Heinser sind sich deshalb einig: In der Schweiz gibt es einen Bildungsnotstand. Viele Programmierer und Webdesigner haben während ihrer Ausbildung kaum etwas oder gar nichts über barrierefreies Webdesign gehört. Wenn sie Glück hätten, würden sie bei ihrem Arbeitgeber zum ersten Mal etwas in dieser Art sehen. «Wir schenken dem Thema Barrierefreiheit keine spezifische Beachtung», sagt René Hüsler, Direktor des Departements Informatik der Hochschule Luzern. Das Thema würde aber in einzelnen Modulen zu User Experience und Interface Design behandelt, schiebt er nach. In den Abschlussprüfungen der Studierenden an der Hochschule Luzern kommt Barrierefreiheit allerdings nicht vor. Deshalb stimmt Hüsler Heinser zu: «Das Thema Barrierefreiheit wird in den meisten Ausbildungen eher stiefmütterlich behandelt, wenn überhaupt.» 08 / 2017

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