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Netzwoche 09/2016

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16 Business

16 Business Titelgeschichte « Je nach Geschäftsmodell Schweizer Fintech: (noch) mit angezogener Handbremse London, Singapur und New York: Das sind die globalen Zentren für Finanztechnologien, kurz Fintech. Der Schweizer Finanzplatz ist auf dieser Landkarte bisher kaum vertreten. Die Branche gibt sich aber optimistisch, wenn sich die Rahmenbedingungen verbessern. Autor: Christoph Grau Die Finanzbranche ist einer der Schlüsselbereiche der Schweizer Wirtschaft. Laut dem Eidgenössischen Finanzdepartement werden hier rund 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Die Finanzplätze Zürich und Genf zählen in Sachen Banking und Finanzverwaltung zu den bedeutendsten weltweit. Was die relativ jungen und zukunftsweisenden Finanztechnologien, kurz Fintech, angeht, spielt die Schweiz jedoch noch kaum eine Rolle. London ist in Europa mit Abstand der wichtigste Platz für Fintech-Unternehmen. Auf der Liste der 50 wichtigsten Fintech-Start-ups 2016 stammen allein 29 aus der Stadt an der Themse. Im Vergleich dazu schafften es mit Knip, Monetas und Etherium gerade einmal drei Jungunternehmen aus der Schweiz auf die Liste. Weitere globale Zentren der Fintech-Szene sind New York, Singapur und das Silicon Valley. Stärken des Fintech-Standorts Schweiz Dabei hat die Schweiz als Standort für Fintech-Unternehmen einiges zu bieten. Durch die vielen international tätigen Banken gibt es hierzulande ein grosses Finanz-Know-how und gut ausgebildetes Personal. Zudem sorgen Hochschulen wie die ETH Zürich, die EPF Lausanne oder die Hochschule St. Gallen für steten Nachwuchs an gut ausgebildeten Fachkräften. Und: Die Schweiz gilt in den meisten Studien als das Land mit dem höchsten Innovationspotenzial. Die Stärken der Schweiz liegen laut Sandra Tobler, Swiss Business Hub USA und ICT-Spezialistin bei Switzerland Global Enterprise (S-GE), in der Vermögensverwaltung und bei den Versicherungen. Aber auch Sicherheitsthemen, ob nun Zugangsmanagement oder Cybersicherheit, würden durch Schweizer Jungunternehmen stark vorangetrieben. Christophe Remillet, Gründer, CTO und Managing Director von Onevisage, bestätigt diese Ansicht. Das Westschweizer Start-up hat sich auf die 3-D-Gesichtsauthentifizierung spezialisiert. Das Branding als Schweizer Fintech-Unternehmen sei für Onevisage etwa in den USA ein wichtiges Verkaufsargument. Die Schweiz stehe nicht nur für hochentwickelte Produkte, sondern vor allem auch für Sicherheit. Dies liege auch an den strengen Anforderungen des Gesetzgebers an Sicherheit und Datenschutz, sagt Remillet. Ein weiterer Standortvorteil ist, dass die Region Zug über ein starkes Blockchain-Ökosystem verfügt. Dies war für Daniel Gasteiger, Mitgründer der Blockchain-Plattform Nexussquared, ein wichtiges Argument für den Standort. Die Stärken der Blockchain, einer Schlüsseltechnologie im Fintech-Bereich, decken sich sehr gut mit den Merkmalen der Schweiz, wie er sagt. Denn Aspekte wie Dezentralisierung, Sicherheit, Unabhängigkeit und Neutralität stünden sowohl für die Schweiz wie auch die Blockchain. Sogar Blockchain-Start-ups aus den USA zeigten zunehmend Interesse an einem Umzug in die Schweiz. Der hohe Stellenwert des Datenschutzes sei hierfür oft der Hauptgrund, wie auch schon Remillet betonte. müssten sich Fintech- Unternehmen etwas schneller auf ausländische Märkte konzentrieren. » Sandra Tobler, ICT-Spezialistin, S-GE 09 / 2016 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Business Titelgeschichte 17 Bild: iStock Regulierungen sollten möglichst offen und technologieunabhängig gestaltet werden. Regulierung behindert Innovationen Dass trotzdem noch kein starkes Fintech-Ökosystem entstanden ist, liegt an gewichtigen Standortnachteilen. Am «Swiss Fintech & Digitalization Day» Anfang Mai war das Thema Regulierung der am häufigsten genannte Kritikpunkt. Denn die Fintech-Unternehmen unterliegen wie auch Banken und Vermögensverwalter den strengen Auflagen der Finanzmarktaufsicht Finma. Daher forderte auch Bundespräsident Johann Schneider-Ammann am Event eine Überarbeitung der Regeln. Den Jungunternehmen sollten mit der Regulierung keine Steine in den Weg gelegt werden. Nur so könnten sich ihre Geschäftsmodelle entwickeln. Der Bundesrat habe diesen Missstand erkannt und erste Schritte unternommen. So habe die Finma Mitte März dieses Jahres die «Video- und Online-Identifizierung» zugelassen. Weitere Schritte in dieser Richtung habe der Bundesrat angekündigt, sagte Schneider-Ammann an der Veranstaltung. Für Christina Kehl, Mitgründerin des Fintech-Start-ups Knip und Geschäftsführerin von Swiss Finance Startups (SFS), sollten die Regulierungen möglichst offen und technologieunabhängig gestaltet werden. Denn die Fintechs seien den Regulatoren zumeist mehrere Schritte voraus. Von der Bundesratsinitiative erhofft sich Kehl, dass die Finma ein «einwilligungsfreies Entwicklungsfeld mit brauchbaren Schwellenwerten» schafft. Darunter sind etwa finanzielle Grenzwerte zu verstehen, unterhalb derer nicht alle Finma-Regulierungen greifen. In die gleiche Richtung geht Kehls Forderung nach «separaten Bewilligungskategorien für Finanzinnovatoren». Rahmenbedingungen noch nicht ideal Abgesehen von den rechtlichen Rahmenbedingungen stellen auch die hohen Kosten in der Schweiz ein erhebliches Problem für die Fintech-Start-ups dar, wie Gasteiger sagt. Allein schon die Lebenshaltungskosten der Mitarbeiter würden viele ausländische Start-ups vor eine grosse Herausforderung stellen. Dass es für einige Fintech-Firmen wie auch für ICT-Unternehmen teils schwierig sei, spezifische Fachkräfte zu finden, nennt Tobler als Problem. Die Arbeitsbewilligungen für IT-Spezialisten aus Drittstaaten seien nicht in allen Kantonen gleich ausgeschöpft, sagt Tobler. Um im weltweiten Wettbewerb bestehen zu können, müssten die Fintech-Start-ups jedoch «in der Lage sein, internationale Talente ins Land zu holen». Des Weiteren gebe es bisher keine zentrale Fördereinrichtung für Fintech-Unternehmen. John Hucker, Vorsitzender der Swiss Finance + Technology Association, wünscht sich eine Institution, die hierbei eine Art Führungsrolle übernimmt. Bestenfalls in der Form einer Kooperation zwischen Regierung und Industrie. Dieser Meinung ist auch Kehl. Sie wünscht sich sogar einen «Beauftragen für digitale Fragen». Dieser solle als eine Art Bindeglied zwischen «Bern und der Fintech- sowie Digitalbranche» fungieren. Die Schweiz ist ein kleiner Markt Ein weiteres Hemmnis für die Schweizer Fintech-Szene ist der vergleichsweise kleine heimische Markt mit 8 Millionen Menschen. Jungunternehmen in Berlin oder London haben durch den EU-Markt rund eine halbe Milliarde potenzielle Kunden, wie einer gemeinsamen Studie von Roland Berger und Swiss Finance Startups zu entnehmen ist. Der US-Binnenmarkt hat immerhin noch eine Grösse von mehr als 300 Millionen potenzielle Kunden. «Je nach Geschäftsmodell müssten sich Fintech-Unternehmen etwas schneller auf ausländische Märkte konzentrieren», sagt Tobler. Gerade bei B2C-Produkten sei eine schnelle internationale Marktpenetration wichtig und damit verbunden sei die Abhängigkeit von Fremdkapital. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 09 / 2016

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