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Netzwoche 09/2016

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18 Business

18 Business Titelgeschichte AUFTEILUNG DES SCHWEIZER FINTECH-MARKTES Der Schweizer Fintech-Markt nach Finanzfunktionen * Anzahl Unternehmen | Quelle: Deloitte Research und Studie der IG Bank zur Fintech-Szene Schweiz 40* ( 23 % ) 31* ( 18 % ) 28* ( 16 % ) 27* ( 15 % ) 19* ( 11 % ) 29* ( 17 % ) das auf die Vermittlung von Versicherungen spezialisierte Start-up Knip, das in einer Finanzierungsrunde 15 Millionen Franken einwerben konnte. Die Schweizer müssten aber noch lernen, sich besser zu verkaufen. Dabei stünden sie etwa Firmen aus den USA noch in einigem nach. Ausschlaggebend für die Finanzierung sei letztlich meist ein gutes und überzeugendes Team. Wie es geht, zeigt der Fintech-Standort London. Die Stadt betreibt ein äusserst aggressives Standortmarketing im Inund Ausland. Damit versucht sie sich als Fintech-Hub schlechthin zu positionieren, wie Tobler sagt. Dies gelinge ihr ganz gut, da viele private und öffentliche Interessenvertreter eng zusammenarbeiteten. Ausser Risikokapitalgebern findet sich in London die grösste Dichte an Fintech-Start-ups. Die Schweiz sei in dieser Hinsicht bescheiden, sagt Tobler. Investment Management « Wir wollen kein zweites London oder Berlin werden. » Christina Kehl, Vorsitzende SFS Sparanlagen Kredite Bankinfrastruktur Zahlungsverkehr Virtuelles Geld Sonstiges Da seien starke ausländische Partner für Jungunternehmen zentral. Für ein schnelles Wachstum sei die Anzahl potenzieller Kunden in der Schweiz leider nicht gross genug, sagt Tobler weiter. Daher sei es auch nicht verwunderlich, dass viele Fintech-Unternehmen schon sehr früh ins Ausland gingen. Onevisage etwa war nach eigenen Angaben nahezu von Anfang an auf dem internationalen Markt aktiv. Unterstützung dafür gebe es etwa von der S-GE, sagt Remillet. Durch spezielle Unternehmensreisen, Vermittlung von Kontakten und Beratung eröffne die S-GE gezielt Märkte auch für Fintech-Unternehmen. Das Geld sitzt auch im Fintech-Bereich nicht locker Auch fehlendes Risikokapital für die Finanzierung von unternehmerischen Aktivitäten war ein häufig genannter Kritikpunkt am Swiss Fintech & Digitalization Day. Für Dorian Selz, Mitgründer und CEO des Fintech-Start-ups Squirro, war dies sogar der Hauptgrund, warum sein Unternehmen schon früh ins Ausland ging. Wie gering der Anteil einer solchen Finanzierung von Fintech-Firmen ist, zeigt der «Swiss Fintech Report 2016» von EY und der Swiss Finance and Technology Association. Im Jahr 2014 flossen in der Schweiz 470 Millionen Franken in die Finanzierung von Start-ups. Davon gingen aber nur 8 Prozent an den Fintech-Bereich. Im Vergleich dazu investierten Risikokapitalgeber allein im Jahr 2015 weltweit rund 14 Milliarden US-Dollar in Finanztechnologien, wie das Portal Startups.watch schreibt. Für die Schweiz gibt es also noch einiges aufzuholen. In der Finanzierung sieht Gasteiger jedoch kein fundamentales Problem. «Für jedes gute Projekt gibt es eine Finanzierung», zeigt er sich überzeugt. Als Beispiel nennt er Auf Schweizer Stärken setzen Der Abstand der Schweiz zu den Fintech-Hochburgen ist für Hucker recht gross. Ganz vorne werde die Schweiz als Fintech-Standort nicht mitspielen können. Aber in gewissen Bereichen könne sie eine gewichtige Rolle einnehmen. Dafür müsse sich die Schweiz aber noch deutlicher als bisher auf ihre Stärken konzentrieren, sagt Hucker. Diese sieht er in der Verwaltung von Vermögen und alternativen Anlagen, in Versicherungen, Blockchain, ICT-Sicherheit und in der finanziellen Teilhabe. In einer Marktanalyse zum Fintech-Standort Schweiz kommen Daniel Gasteiger und Daniel Grassinger von Nexussquared zu ähnlichen Resultaten. Ausser der Konzentration auf die bestehenden Blockchain-Kompetenzen könne sich die Schweiz zu einem Fintech-Hub im Bereich Vermögensmanagement weiterentwickeln. Auch beim Thema Regulierung ist momentan einiges in Bewegung. Sowohl die Kantone wie auch der Bund haben erkannt, dass die Bedingungen für die Finanztechnologie in der Schweiz dem internationalen Wettbewerb angepasst werden müssen. «Gleichlange Spiesse für die Schweizer Fintech-Unternehmen», lautete der Tenor am Swiss Fintech & Digitalization Day. In den nächsten Monaten müssten die Weichen gestellt werden, waren sich die politischen Entscheidungsträger am Event einig. «Auch wenn die Schweiz, den Startschuss erst spät gehört haben mag, so sind die Voraussetzungen hierzulande insgesamt einfach zu gut, um die Chancen nicht zu nutzen», sagte Kehl an der Veranstaltung. Denn nicht immer sei derjenige mit dem schnellsten Start auch am Ende ganz vorne. Dafür müssten aber sowohl Banken, etablierte Fintech-Anbieter, Start-ups und andere Wirtschaftsakteure intensiver zusammenarbeiten. «Wir wollen kein zweites London oder Berlin werden», sagte Kehl. Vielmehr müsse die Schweiz ihren eigenen Weg und ihre Nische finden. Alle Gesprächspartner zeigten sich optimistisch, dass dies gelingen kann. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode 8130 09 / 2016 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Business Titelgeschichte 19 «Es braucht ein gesamtwirtschaftliches und gesellschaftliches Engagement» Seit Mai ist Christina Kehl Geschäftsführerin des Verbands «Swiss Finance Startups» (SFS). Sie ist Mitgründerin des vielfach ausgezeichneten Fintech-Start-ups Knip. Aus dessen operativen Führung zog sie sich zurück, um sich ganz den Interessen der jungen Fintech-Szene zu widmen. Interview: Christoph Grau « In Zukunft wird es keinen erfolgreichen Finanzplatz ohne Fintech mehr geben. » Christina Kehl, Geschäftsführerin, SFS Seit kurzem engagieren Sie sich Vollzeit für die Interessen der jungen Fintech-Unternehmen. Was sind Ihre nächsten Projekte? Christina Kehl: Wir wollen unsere bisherigen Aktivitäten weiter ausbauen und eine noch engere Verbindung zwischen den Marktteilnehmern auf dem Schweizer Finanzplatz schaffen. Denn wir sehen uns nicht als abgekoppelte Branche, Fintech ist klar ein fester Teil des Finanzmarktes. Mehrere Punke sind mir wichtig. Zunächst das Lobbying auf dem politischen Parkett für die Interessen der Fintech-Szene und bessere Rahmenbedingungen für Start-ups. Dann will ich den Austausch mit den Verwaltungen und Unternehmen stärken. Und schliesslich ist es uns wichtig, eine enge Verbindung zwischen den Banken, Versicherern, also den traditionellen und grossen Playern im Finanzmarkt und den recht neuen Fintechs zu schaffen. Eine Begegnung auf Augenhöhe ist wichtig für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Zuletzt ist es mir noch ein Anliegen, die Schweizer Fintech- Start-ups, aber auch den Fintech Hub Schweiz selbst in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Ausser der nationalen Sichtbarkeit ist uns auch die Steigerung der internationalen Bekanntheit sehr wichtig. Aktuell gibt es drei Verbände für die Fintech-Szene Schweiz. Warum braucht es drei? Es entsteht gerade ein Ökosystem und per se ist es zunächst gut, dass Fintech so viele Unterstützer findet. Weiterhin gibt es viele Individualinteressen, die in den Verbänden ihren Niederschlag finden. Dies ist aber eine normale Entwicklung, wie sie auch in anderen Branchen zu beobachten ist. Könnte es denn zu einer Konsolidierung kommen? Davon gehe ich aus. Die Interessengruppen müssen ihre Profile schärfen und dürfen nicht im Selbstzweck verharren. Unser Fokus liegt auf den Start-ups, und diese bilden den Kern der Fintech-Entwicklung. Gleichzeitig arbeiten wir sehr eng mit grossen Corporates und Bankhäusern zusammen und sehen uns daher als Bindeglied und zentrale Anlaufstelle für Schweizer Fintech-Firmen. Warum hat die Schweiz die Fintech-Welle bisher verschlafen? Von Verschlafen würde ich nicht sprechen. Wir haben die Innovatoren im Land, die das grosse Potenzial der Schweiz Christina Kehl, Geschäftsführerin, SFS in Sachen Fintech erkannt haben und nutzen wollen. Noch wird ihnen das Leben aber schwerer gemacht als nötig. Vielleicht ging es dem Finanzmarkt insgesamt einfach zu gut. Wir haben eine funktionierende Wirtschaft und gut bezahlte Arbeitnehmer, es besteht im Grunde kein Druck für Veränderungen. Dies ändert sich momentan, und in Zukunft wird es keinen erfolgreichen Finanzplatz ohne Fintech mehr geben. Es ist wichtig, die Zeichen der Zeit rechtzeitig zu erkennen. Sollte es mehr Initiativen für die Fintech-Förderung geben? Es braucht ein gesamtwirtschaftliches und gesellschaftliches Engagement für den Finanzplatz Schweiz in der Zukunft. Es geht um die Sicherung wertschöpfender Arbeitsplätze in der Schweiz und damit um die soziale und gesellschaftliche Stabilität unseres Landes. Dies sollten alle Parteien aus Politik, Verwaltung, Grossunternehmen, Startups und Medien als gemeinsamen Auftrag sehen. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode 8129 www.netzwoche.ch © netzmedien ag 09 / 2016

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