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Netzwoche 1/2019

30 Technology Event Die

30 Technology Event Die Blockchain zündet Stufe drei Das Hyperledger-Projekt hat zu seinem ersten globalen Treffen nach Basel geladen. Mehr als 700 Besucher informierten sich über den Stand der Blockchain für Unternehmen, diskutierten über Use Cases und erhielten Einblick in die Schattenseiten der Technologie. Nach dem Hype scheint die Blockchain nun in der Realität anzukommen. Autor: Oliver Schneider Dossier online auf www.netzwoche.ch/dossier/ blockchain Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_119875 Erstmals haben sich die Mitglieder des Open-Source-Blockchain-Verbunds Hyperledger getroffen. Mehr als 700 Entwickler, Firmenvertreter und Blockchain-Interessierte trafen sich in Basel, um sich über den Stand der verschiedenen Projekte unter dem Dach von Hyperledger zu informieren. IT-Grossunternehmen wie IBM, Cisco, Intel oder Swisscom waren mit von der Partie. Aber auch Start-ups zeigten in den Hallen der Messe ihre Lösungen. Die Blockchain, so zeigte der Event, entwächst allmählich dem Hype um Kryptowährungen und Initial Coin Offerings (ICOs). Es standen am Hyperledger Global Forum weniger Versprechungen und Visionen, sondern technische Herausforderungen, Anwendungsszenarien und die Frage «Wozu brauchen wir die Blockchain überhaupt?» im Zentrum. Auch Kritik war zu hören. Am prominentesten formulierte sie Cybersecurity-Experte Bruce Schneier, der die Keynote zum Auftakt des zweiten Kongresstags hielt. Auch die Blockchain braucht Vertrauen Schneier brachte drei Thesen mit nach Basel, die Eindruck hinterliessen. These 1: «Private Blockchains sind zu 100 Prozent uninteressant.» Konsens und Transaktionssicherheit zwischen mehreren Parteien liessen sich auch ohne Blockchain schaffen, sagte er. These 2: «Public Blockchains sind als technisches System cool, aber ihr konkreter Nutzen muss noch bewiesen werden.» In den meisten Fällen schaffe die Technologie keinen Mehrwert. These 3: «Der Blockchain-Technologie ist Vertrauen nicht einfach mathematisch inhärent, Menschen ver- oder misstrauen ihr genauso wie anderen Mechanismen auch.» « Private Blockchains sind zu 100 Prozent uninteressant. » Bruce Schneier, Cybersecurity-Experte Vertrauen war das entscheidende Stichwort in Schneiers Vortrag. Seiner Ansicht nach baut die Gesellschaft ganz auf dem Vertrauen in Menschen, Institutionen und Systemen auf. Die Blockchain verschiebe nun das Vertrauen, weil wir nicht mehr einander oder einem Intermediär, sondern dem System der verteilten Datenbank, seinem Code und seinen Entwicklern trauen müssten. Es gebe genügend Gründe, dies nicht zu tun – etwa die hohe Volatilität von Kryptowährungen, Hard Forks, Betrugsfälle oder die Dominanz weniger grosser Anbieter. Um erfolgreich sein zu können, benötige deshalb auch die Blockchain Vertrauen. «Dazu braucht es immer eine Form von Regulierung ausserhalb des Systems», lautete Schneiers Fazit. Tipps von IBM Die von Bruce Schneier geforderten Anwendungsbeispiele der Blockchain waren auf dem Hyperledger Global Forum in Breakout-Sessions und Demos zu sehen. Gari Singh, CTO von IBM Blockchain, stellte die Mitarbeit des Unternehmens bei Hyperledger Fabric und das Angebot für Firmenkunden vor. Seine Erfahrungen aus verschiedenen Projekten fasste er folgendermassen zusammen: ·· Am Anfang müsse stets das Problem beziehungsweise der Use Case des Unternehmens stehen, erst dann komme die Frage, ob die Blockchain als Lösung tauge. ·· Blockchain erfordere die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Konkurrenten, denn sie entfalte ihr Potenzial nur mit möglichst vielen Teilnehmern. ·· Der Aufbau eines Partner-Konsortiums für eine Blockchain-Lösung stelle den grössten Aufwand dar und müsse zuerst in Angriff genommen werden. ·· Die Technologie entwickle sich im Verlauf des Projekts weiter und gleiche sich dem Business-Ziel an. Wenn zu Beginn noch nicht alle Features implementiert seien, sei das kein Problem. Wichtiger sei ein Prototyp, auf dem man aufbauen könne. ·· Die Mitarbeit an einer Open-Source-Lösung wie Hyperledger sei der Entwicklung einer eigenen Lösung vorzuziehen. ·· Die Blockchain selbst umfasse nur ein Viertel der ganzen Lösung. Die Integration in den Rest der Anwendung müsse deshalb mitgedacht werden. ·· Eine Blockchain-Lösung müsse auf verschiedenen (Cloud-)Infrastrukturen lauffähig sein, um für Partner attraktiv zu sein. 01 / 2019 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Technology Nachgefragt 31 « Blockchain-Technologie für Unternehmen startet jetzt durch » In Basel hat sich die Hyperledger-Community getroffen. Die Teilnehmer diskutierten über den Einsatz der Blockchain. Hyperledger-Chef Brian Behlendorf gibt Auskunft über den Stand der Krypto-Branche und die Arbeit im Hyperledger-Netzwerk. Interview: Oliver Schneider Der Wert vieler Kryptowährungen ist in letzter Zeit stark eingebrochen, viele Krypto-Firmen haben noch keine fertigen Produkte. Welche Auswirkungen hat das Abflauen der Blockchain-Begeisterung auf Hyperledger? Brian Behlendorf: Der sich verlangsamende ICO-Markt steht in keinem Zusammenhang mit der Einführung von Enterprise-Blockchains. Einige mögen argumentieren, dass sich das Rampenlicht nun auf Blockchain als Technologie für Unternehmen und nicht mehr als Kryptowährungsplattform verlagert. Wir sehen auch heute noch einen Aufschwung bei den Blockchain-Projekten in Unternehmen in verschiedenen Branchen, und ich gehe nicht davon aus, dass sich diese Entwicklung 2019 abschwächen wird. « Offene Standards und Open-Source-Software profitieren voneinander. » Brian Behlendorf, Executive Director, Hyperledger Project Wie sehen Sie die Entwicklung der Blockchain-Branche? Ich bin natürlich sehr optimistisch. Wir sehen eine zunehmende Akzeptanz bei Unternehmenskunden und neue Arten von Software, die innerhalb von Hyperledgers «Treibhaus», seinem Portfolio aus verschiedenen Frameworks und Tools, entwickelt werden. Und wir übernehmen nicht nur grosse soziale Aufgaben, wie eine bessere Rückverfolgbarkeit der Lieferkette, um Betrug und Korruption zu bekämpfen, sondern wir haben vielleicht auch den Schlüssel, um die digitale Identität neu zu erfinden – auf eine Weise, die EU-DSGVO-konform und für den Einzelnen intuitiver ist. Es gibt also viele gute Dinge, die uns beschäftigen! Blockchains werden von manchen Verfechtern als nächste IT-Revolution gepriesen. Welches Potenzial hat die Technologie aus Ihrer Sicht? Jedes Unternehmensnetzwerk, das Transaktionen erfasst und sich nicht auf einen zentralen Proxy verlassen kann, dem jeder vertrauen muss, kann mittels Blockchain-Technologie neu erschaffen werden. Die Menschen haben erkannt, dass Blockchain die Art und Weise, wie wir Identitäten und persönliche Informationen verwalten, verändern kann sowie Ehrlichkeit und Transparenz fördert. Deshalb arbeiten so unterschiedliche Branchen wie Landwirtschaft, Finanzen, Medizin, Immobilien, Strom und Diamanten an ersten Projekten. Es ist gut möglich, dass in den nächsten fünf Jahren fast jedes Fortune-500-Unternehmen Transaktionen auf einem Distributed Ledger durchführen und seine Prozesse durch Smart Contracts automatisieren wird. Hyperledger positioniert sich als Open-Source-Blockchain für Unternehmen. Was macht Hyperledger anders als Konkurrenten wie Ethereum? Als Hyperledger und die Enterprise Ethereum Alliance gemeinsam bekannt gaben, dass beide der anderen Organisation beitreten würden, war ein wichtiger Punkt, dass wir uns nicht als Konkurrenten betrachten. Unser gemeinsames Ziel ist es, die Einführung von Enterprise-Blockchains durch die Entwicklung von Open-Source-, standardbasierten und plattformübergreifenden Technologien zu beschleunigen. Wir sind der Meinung, dass es keine einzige Blockchain geben wird, um sie alle zu knechten. Vielmehr betrachten wir Interoperabilität und Standards als Schlüsselfaktoren, um Unternehmen dabei zu unterstützen, eine Blockchain- Lösung zu implementieren. Offene Standards und Open- Source-Software profitieren voneinander. Seit über einem Jahr haben wir ein Softwareprodukt namens Hyperledger Burrow, das eine Implementierung eines Ethereum-Standards, der Ethereum Virtual Machine, ist. Es gibt andere Ethereum-Technologiestandards und -Teile, die eines Tages ihren Weg in die Hyperledger-Community finden könnten. Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_120091 www.netzwoche.ch © netzmedien ag 01 / 2019

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