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Netzwoche 10/2017

26 Technology

26 Technology Titelgeschichte Der Markt für kommerzielle Drohnen floriert. Hiesige Hersteller und Entwickler bringen die fliegenden Helfer weltweit zum Abheben. Sie machen den Standort Schweiz zum Vorreiter auf dem Gebiet der Drohnentechnologien. Autor: Joël Orizet Das Geschäft mit Freizeitdrohnen ist einige Jahre sehr gut gelaufen. Auch für Hersteller aus Europa und den USA. Im vergangenen Jahr drehte jedoch der Wind für einige Hersteller. Der französische Fabrikant Parrot strich nach einem Umsatzeinbruch knapp 300 Stellen. Parrots Abteilung für Consumer-Drohnen schrumpfte um über ein Drittel. Die US-Firma 3D Robotics steuerte sogar auf den Bankrott zu, entliess über 150 Mitarbeiter und schloss die Produktion, wie das Wirtschaftsmagazin «Forbes» berichtete. Behaupten konnte sich hingegen der chinesische Hersteller DJI. Dieser erreichte laut verschiedener Quellen 2016 einen Marktanteil von rund 70 Prozent. Der globale Markt für Consumer-Drohnen wird sich weiter konsolidieren, wie ETH-Forscher Lorenz Meier erklärt. Der Kampf um den Markt für kommerzielle Drohnen beginnt hingegen erst. Viele Tech-Giganten gingen bereits in Stellung. Microsoft will mit einer Open-Source-Umgebung die Entwicklung von Drohnen-Software vorantreiben. Intel übernahm zwei deutsche Drohnen-Start-ups und plant, deren Technologie an Firmenkunden zu verkaufen. Alphabet und Amazon liefern sich derweil ein Rennen um Logistikdrohnen. Bild: Shutterstock Vorboten der Industrie 4.0 Kommerzielle Drohnen bieten längst mehr als nur Aufnahmen von oben. Sie erfassen Umgebungen mittels Sensoren, sammeln Daten und werten diese aus. Manche von ihnen agieren weitgehend autonom, lösen selbstständig Probleme. Sie erkennen Schäden und leiten Reparaturen in die Wege. Flugroboter könnten Arbeitsabläufe automatisieren, neue Berufsbilder schaffen und die Wirtschaft beflügeln. Sie gelten daher als Vorboten der vierten industriellen Revolution, wie der deutschsprachige Verband für unbemannte Luftfahrt schreibt. Professionelle Anwender könnten mithilfe von Drohnen etwa Bauwerke inspizieren, Anlagen überwachen, Felder bewirtschaften, humanitäre Einsätze durchführen, Umgebungen vermessen und kartografieren. Kommerzielle Drohnen heben ab Drohnenhersteller wittern das grosse Geld im Firmenkundengeschäft. «Sie setzen immer mehr auf den Markt für kommerzielle Drohnen», sagt Meier. Bereits im vergangenen Jahr erzielten sie mit Profi-Geräten erstmals mehr Umsatz als im Consumer-Segment, wie die Marktforschungsfirma Gartner schätzte. Die Stunde der Überflieger – Wie Drohnen die Wirtschaft erobern 10 / 2017 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Technology Titelgeschichte 27 Auch DJI und Parrot drängen nun stärker in diesen Markt. Erst kürzlich präsentierten sie Modelle, die Profis aus der Landwirtschaft, der Immobilien- und der Baubranche ansprechen sollen. «Für die grossen Hersteller wird es allerdings schwierig, in diesen Bereich einzusteigen», sagt Siddhartha Arora. Der IT-Spezialist verfasste 2015 eine Masterarbeit zur Schweizer Drohnenindustrie. «Im B2B- Bereich herrscht eine andere Marktdynamik als im Consumer-Segment», sagt Arora. Auf dem Gebiet der kommerziellen Drohnen sind seiner Ansicht nach Schweizer Drohnenfirmen die Vorreiter. Standortvorteile für die Schweiz Arora nennt zwei Faktoren, die den Vorsprung der Schweiz bei professionellen Anwendungen von Drohnen erklären. «Zum einen steht die Schweiz weltweit an der Spitze, wenn es um die Regulierung von Drohnen geht», sagt Arora. Die Gesetzgebung für Drohnen sei vergleichsweise liberal und die zuständigen Behörden sehr kooperativ. Start-ups wie auch grosse Unternehmen könnten aus diesem Grund ohne viel Aufwand Anwendungen testen. «Zum anderen bietet die Schweiz einen hervorragenden Standort für Forschung und Entwicklung», sagt Arora. Die EPF Lausanne, die ETH Zürich und die Universität Zürich brachten Innovationen hervor, von denen auch die Drohnenindustrie profitiert, wie Arora erklärt. Darunter fallen etwa Fortschritte in den Bereichen Feinmechanik, Robotik, Batterietechnologien und Computer Vision. In diesem Teilgebiet der Informatik bringen Forscher Computer-Systemen bei, zu «sehen» und auf ihre Umgebung zu reagieren. Von der Nische zum Weltmarkt «Das grösste Potenzial der Schweizer Drohnenindustrie liegt im Export», sagt Arora. Hierzulande entstünden viele Technologien, die den globalen Markt beleben könnten. Zwei EPFL-Spin-offs gelten bereits als Spitzenreiter im Markt für kommerzielle Drohnen: Sensefly und Flyability. Sensefly ist weltweit Marktführer im Segment kleiner Vermessungsdrohnen, wie Reto Büttner, Vizepräsident des Schweizer Verbands Ziviler Drohnen (SVZD), sagt. Seit 2012 gehört Sensefly mehrheitlich Parrot. Der französische Hersteller machte das damalige Start-up zu seiner Sparte für kommerzielle Drohnen. «Parrots Investition gab uns die Möglichkeit, unser Geschäft auszuweiten», sagt Jean-Christophe Zufferey, CEO von Sensefly. Damals beschäftigte das Unternehmen sieben Mitarbeiter, heute über 130. Diese entwickeln und fertigen die Drohnen in der Nähe von Lausanne. Anschliessend exportiert Sensefly die Produkte in über 90 Länder. Die meisten Drohnen verkauft die Firma in den USA, Kanada, Lateinamerika, China und Australien. Flyability entwickelte eine stossfeste Drohne namens Elios. Ein kugelförmiges Gitter schützt das Fluggerät vor Kollisionen. Die Drohne soll schwer zugängliche Orte erreichen können und besonders robust sein. «Die wichtigsten Kunden von Flyability sind Firmen, die industrielle Anlagen inspizieren und warten», sagt Marc Gandillon, Marketing Manager bei Flyability. Das Unternehmen habe erfolgreich eine Nische besetzt und plane, seine Stellung weiter auszubauen. «Im kommenden Geschäftsjahr wollen wir unseren Umsatz gegenüber dem Vorjahr verdreifachen», sagt Gandillon. Der Autopilot im Open-Source-Format «Komponenten und Software für Drohnen werden immer wichtiger», sagt Arora. Die Flugroboter sollen in Zukunft autonom fliegen und Hindernissen ausweichen können. Um solche Fähigkeiten zu trainieren, setzen Hersteller und Entwickler mehr und mehr auf quelloffene Systeme. Ein ETH-Projekt wird auf diesem Gebiet zur Triebfeder. «Open Source spielt bei der Entwicklung von Drohnentechnologien eine wichtige Rolle», sagt Lorenz Meier von der ETH Zürich. Meier kennt sich auf diesem Gebiet aus. Er ist Chefentwickler der Autopilot-Systeme PX4 und Pixhawk (siehe Info-Kasten Seite 28). «Mit solchen Modulen können Drohnen eigenständig starten, landen und bestimmten Objekten oder Personen folgen», sagt Meier. Das System kombiniert Open Hardware mit Open-Source-Software. Hersteller könnten den Code unentgeltlich nutzen und auf ihre Bedürfnisse anpassen. « Der globale Markt für Consumer-Drohnen wird sich konsolidieren. » Lorenz Meier, ETH Zürich Die Lösung stösst auf grossen Anklang. Qualcomm und Intel verwenden PX4 für ihre jeweiligen Autopilot-Plattformen. Die ETH bezeichnet die Lösung bereits als neuen Industriestandard für Drohnensteuerungen. Zürich soll das Silicon Valley übertrumpfen Meier betreut zurzeit Drohnenfirmen, die in die Schweiz ziehen wollen. «Viele Unternehmen verlagern ihre Abteilungen für Forschung und Entwicklung hierher», sagt er. Zusammen mit der ETH Zürich wirbt Meier für den Standort Zürich. Im Vergleich zum Silicon Valley gibt es hier besser ausgebildete Entwickler, wie Meier sagt. Ausserdem seien die Personalkosten für Unternehmen geringer. «In Zürich sind die Löhne für gut ausgebildete Softwareentwickler rund 40 Prozent tiefer als im Silicon Valley», erklärt er. Auch das Schweizer Migrationsrecht biete Arbeitgebern hierzulande Vorteile. Hochqualifizierte Mitarbeiter aus dem Ausland könnten in der Schweiz einfacher eine Arbeitsbewilligung erhalten, als dies in den USA der Fall sei, sagt Meier. Drohnen erreichen die Arbeitswelt Drohnen bieten Chancen für Schweizer Technologiefirmen www.netzwoche.ch © netzmedien ag 10 / 2017

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