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Netzwoche 10/2017

28 Technology

28 Technology Titelgeschichte sowie hiesige Forschungs- und Entwicklungsstandorte. Sie sollen hierzulande auch die Arbeitswelt erreichen. Sie könnten neue Anwendungsgebiete erschliessen und einen Beitrag zur Wertschöpfung leisten. «In den kommenden fünf Jahren werden Drohnen in der Schweiz Gebäude, Brücken und Bahngleise inspizieren, in der Landwirtschaft helfen sowie Pakete ausliefern», sagt Büttner vom SVZD. In anderen Ländern gehören Drohnen bereits heute zum Alltag. Die französische Eisenbahngesellschaft SNCF verwendet Drohnen bereits seit 2012, wie das Unternehmen auf seiner Website schreibt. Der Staatsbetrieb überwacht mit Flugrobotern sein Schienennetz. Das gesammelte Know-how bietet er seit Kurzem auch Drittfirmen an. Zu diesem Zweck gründete die SNCF Anfang dieses Jahres die Tochtergesellschaft Altametris. Ihr Portfolio an Drohnen-Services reicht von Inspektionen über Vermessungen bis hin zur Überwachung. Schweizer Grossunternehmen stecken noch in der Pilotphase Die SBB planen momentan noch keine Drohneneinsätze, wie Mediensprecherin Masha Foursova auf Anfrage mitteilt. Das Unternehmen prüfe allerdings verschiedene Anwendungen. «Denkbar wären zukünftig Einsätze für die Planung und Ausführung von Bauten, Instandhaltung oder um Vandalismus zu verhindern», sagt Foursova. In anderen Branchen starteten Schweizer Firmen bereits Pilotprojekte. In vielen Fällen geht es zunächst darum, den potenziellen Nutzen von Drohnen zu prüfen. Das mit Abstand grösste Marktpotenzial für kommerzielle Drohnen liegt gemäss Goldman Sachs im Bausektor, wie Analysten der Bank in einer Studie berechneten. An zweiter Stelle folgen Anwendungen in der Landwirtschaft. Baustellen aus der Vogelperspektive Anton Affentranger, CEO von Implenia, berichtete auf Finews von seiner Erfolgsgeschichte mit Drohnen. Er erwähnte das Beispiel einer Baustelle in Dagmarsellen im Kanton Luzern. Angeblich gelang es dem Bauunternehmen, seine Effizienz mithilfe von Drohnen um mehr als 30 Prozent zu steigern. Implenia führt zurzeit verschiedene Pilotprojekte mit Drohnen durch, wie die Baudienstleisterin auf Anfrage mitteilt. Das Unternehmen nutze Drohnen, um Daten zu sammeln und Gelände zu vermessen. «Der Vorteil der Vermessung mithilfe von Drohnen ist, dass wir mit den Vermessungspunkten auch Bildmaterial erhalten», heisst es vonseiten Implenia. Die Drohnen lieferten massstabsgetreue Abbildungen. Diese nutze die Firma, um Bauwerksdaten digital zu modellieren. Schädlinge aus der Luft bekämpfen In der Landwirtschaft sollen Drohnen das sogenannte «Precision Farming» vorantreiben. Dieser Ansatz verfolgt das Ziel, den Ackerbau effizienter zu gestalten. Auf der Website Agrair.ch vermittelt Ueli Sager, Präsident des SVZD, eine Reihe von Drohnen- Services im Agrarbereich. Landwirte beauftragen dort professionelle Piloten, ihre Felder mittels Drohnen zu bewirtschaften. Die Leistungserbringer könnten mit den Drohnen etwa Nützlinge, Pestizide und Dünger ausbringen sowie verschiedene Analysen durchführen. «Es besteht eine riesige Nachfrage nach Spritzeinsätzen zur Bekämpfung von Schädlingen», sagt Ueli Sager, Geschäftsführer von Agrair. «Insbesondere in den Weinbergen.» Der Einsatz von Drohnen entlaste die Weinbauern von mühsamer Arbeit. «Die Landwirtschaft könnte von Drohneneinsätzen enorm profitieren», erklärt Sager. Vielen Bauern sei dies aber noch nicht bewusst. Die Lieferdrohne – von der Luftnummer zum Helfer in Not Amazon löste 2013 einen Hype um Drohnen in der Logistik aus. Der Onlinehändler stellte damals sein Projekt Prime Air vor. Der Idee zufolge sollten Drohnen die Pakete von Amazon ausliefern. Kritiker bezeichneten die Pläne jedoch als «Marketing-Luftnummer», wie das «Handelsblatt» berichtete. Konkretere Pläne stellte die Schweizerische Post vor (Interview auf Seite 29). Künftig sollen Lieferdrohnen Laborproben zwischen zwei Spitälern in Lugano transportieren. Dies könnte Zeit und Kosten in der Gesundheitsversorgung sparen. «In solchen Fällen ist der Einsatz von Drohnen sinnvoll», sagt Lorenz Meier von der ETH. «Drohnen sind in der Logistik in zwei Fällen nützlich: erstens, wenn die Sendung besonders schnell sein muss und zweitens, wenn das Verkehrsnetz nicht funktioniert.» Cargo- Drohnen könnten für Spezialsendungen und bei Hilfseinsätzen nützlich sein, wie Meier erklärt. Auch die Post hält Einsätze für spezielle Transporte wie etwa in Notsituationen für denkbar, wie Mediensprecher Oliver Flüeler auf Anfrage sagt. «Lieferdrohnen könnten etwa bei Lawinenniedergängen oder Überschwemmungen betroffene Menschen mit lebenswichtigen Gütern und Medikamenten versorgen», sagt Flüeler. Vorerst kommen die Postdrohnen in Lugano zum Einsatz. Wenn alles klappt, steigen sie dort regelmässig in die Luft. Die Post, das Bundesamt für Zivilluftfahrt sowie die beiden Spitäler könnten mit diesem Projekt ein Zeichen setzen und auf diese Weise dazu beitragen, Drohnen in der Schweizer Wirtschaft salonfähig zu machen. Bestenfalls ermutigen sie andere Firmen, dasselbe zu tun. «Elios» von Flyability (links) und «Albris» von Sensefly (unten) sind beides Drohnen, die unter anderem für Inspektionen zum Einsatz kommen sollen. i INFO Pixhawk und PX4 Lorenz Meier startete das Projekt Pixhawk im Jahr 2008. In dessen Rahmen entwickelte Meier mit Studenten der ETH Zürich ein Autopilot-System für Drohnen. Dieses basiert auf einer Kombination von Open Hardware und Open-Source- Software. Hobbypiloten wie auch Grossunternehmen können die Steuerungsplattform kostengünstig nutzen. Aus dem Pixhawk-Projekt entstand 2011 das quelloffene Betriebssystem PX4. Jeder Anwender kann PX4 erweitern, um Spezialfunktionen wie etwa die Steuerung einer Kamera hinzuzufügen. Gemäss Meier macht der modulare Aufbau der Software ihren Erfolg aus. «Viele Hersteller nutzen PX4 auf ihren Drohnen ähnlich wie Smartphone-Hersteller, die Android verwenden», erklärt Meier. 10 / 2017 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Technology Titelgeschichte 29 « Wir leisten mit diesem Projekt Pionierarbeit » Die Post hat im März ein Pilotprojekt für die kommerzielle Nutzung von Drohnen präsentiert. Künftig sollen Lieferdrohnen Laborproben zwischen zwei Spitälern in Lugano transportieren. Oliver Flüeler, Mediensprecher der Schweizerischen Post, erklärt, wie das Projekt vorangeht und welche Ziele die Post mit den fliegenden Robotern verfolgt. Interview: Joël Orizet Wie geht das Drohnenprojekt der Post voran? Oliver Flüeler: Die ersten Testflüge in Lugano verliefen sehr erfolgreich. Wir führten rund 100 Flüge unter verschiedenen Bedingungen durch. Wir sind mit den bisherigen Ergebnissen sehr zufrieden. Welche Ergebnisse brachten die Tests? Wir sammelten viele Erfahrungen, etwa was die Benutzerfreundlichkeit, den Logistikprozess oder den Einfluss der lokalen Wetterbedingungen angeht. Diese Erkenntnisse fliessen in die Weiterentwicklung der Drohne ein. Mitte März erteilte die Schweizer Luftfahrtbehörde BAZL der Post sowie dem kalifornischen Drohnenhersteller Matternet eine Bewilligung. Diese beinhaltet die Erlaubnis, Drohnenflüge autonom, also ohne manuelle Steuerung und Überwachung, über besiedeltem Gebiet durchzuführen. « Die Post wird Drohnen dort einsetzen, wo sie für den Kunden einen Mehrwert bieten. » Oliver Flüeler, Mediensprecher der Schweizerischen Post Wie verlief die Zusammenarbeit mit Ihren Projektpartnern? Die Zusammenarbeit mit dem BAZL, dem Spitalverbund Tessin und dem Drohnenhersteller Matternet war sehr fruchtbar. Gemeinsam leiteten wir eine Reihe von technischen und organisatorischen Massnahmen ein. Kommerziell angewendete, autonome Drohnenflüge sind Neuland für alle Beteiligten. In diesem Sinne leisten mit diesem Projekt alle Pionierarbeit. Wie sieht der weitere Fahrplan für das Projekt aus? In diesem Sommer sollen erstmals echte Laborproben transportiert werden. Erst wenn die Drohne alle hohen Anforderungen in puncto Sicherheit, Praxistauglichkeit und Zuverlässigkeit erfüllt, werden die Flüge ohne Überwachung durchgeführt. Der tägliche Einsatz beginnt voraussichtlich Anfang 2018. Ab diesem Zeitpunkt werden die Drohnen regelmässig Laborproben zwischen den beiden Spitälern in Lugano transportieren. Welchen Nutzen erwarten die Spitäler? Die Spitäler in Lugano wollen Laborproben zügiger und effizienter befördern. Landen die Proben schneller bei den Labortechnikern, erhalten Ärzte in kürzerer Zeit Analyseergebnisse. Dies geschieht zum Wohle der Patienten. Bisher beauftragten die Spitäler Taxiunternehmen, um die Laborproben zu transportieren. Je nach Innenstadtverkehr dauerte eine Fahrt bis zu einer halben Stunde. Die Drohnen legen den Weg in nur 8 Minuten zurück. Mittelfristig sparen sie nicht nur Zeit, sondern auch Kosten. Welche Ziele verfolgt die Post mit dem Einsatz von Drohnen? Wir wollen mit den Drohnen weiteres Know-how in der Logistik aufbauen und neue technische Möglichkeiten in unsere Logistikprozesse einbinden. Die Post wird Drohnen dort einsetzen, wo sie für spezielle Transporte und Situationen für den Kunden einen Mehrwert bieten. Bei Spezialsendungen wie Laborproben ist dies sicherlich der Fall. Drohnen werden unsere Postboten, die jährlich über 120 Millionen Pakete zustellen, jedoch nicht ersetzen. Welche weiteren Drohnenprojekte plant die Post? Momentan konzentrieren wir uns auf den Einsatz in Lugano. Andere Spitäler, wie etwa das Universitätsspital Insel in Bern, signalisierten Interesse an einer Zusammenarbeit. Die Geschäftsleitung des Inselspitals gab grünes Licht für einen möglichen Einsatz von Drohnen. Zum jetzigen Zeitpunkt existiert aber weder ein konkreter Zeitplan für ein solches Projekt, noch wurde die Machbarkeit einer solchen Anwendung im Detail geprüft. Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_42912 www.netzwoche.ch © netzmedien ag 10 / 2017

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