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Netzwoche 10/2018

36 Technology

36 Technology Titelgeschichte Der Cobot Yumi von ABB hat zwei Arme. Ein Beispiel für einen einarmigen Cobot ist der «LBR iiwa» von Kuka. programmierung durch Mitarbeiter war es dem Beitrag zufolge zu Zwischenfällen mit Verletzten gekommen. Es brauche umfassende Sicherheitsmassnahmen, um Menschen vor Verletzungen zu schützen. Dies reiche von einfachen Hinweisschildern bis hin zu gut platzierten Notausschaltknöpfen. Auch mittels Lampen, Tönen oder eines auf einem Tablet angezeigten Gesichts mit mimischen Möglichkeiten könnten Menschen gewarnt werden, sagt Bendel. Die Warnungen müssten allerdings so ausgestaltet werden, dass es nicht zu ständigen Sicherheitsabschaltungen komme. Gemäss den Forschern von TÜV Austria würde dies die Produktivität zu sehr senken und Produktionsprozesse blockieren. Die Forschung für mehr Sicherheit stünde daher noch vergleichsweise am Anfang, wie der Beitrag vom TÜV Austria zeigt. « Eine Anekdote, die wir immer wieder hören, ist, dass ein Wettbewerb veranstaltet wird, um dem Roboter einen Namen zu geben. » Steven Wyatt, Head of Marketing & Sales, ABB Robotics Fortschritte durch künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen In der Zukunft versprechen künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen grosse Fortschritte in der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Fortschritt gibt es vor allem in Bereichen wie den Bildverarbeitungssystemen. «Viele dieser Anwendungen befinden sich in einem frühen Entwicklungsstadium und sind noch nicht auf dem Markt», schränkt Wyatt ein. Die enormen Datenmengen von vernetzten Geräten leisten laut Wyatt einen grossen Beitrag dazu, dass sich «Roboter selbst optimieren oder neue Anwendungen von anderen Robotern ‹lernen› können», sagt er. Auch Bendel verspricht sich durch künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen weitere Fortschritte. Ein Roboter kann ähnlich wie ein Mensch Tätigkeiten erlernen. «Man führt den Arm des Roboters, um ihm neue Bewegungen beizubringen, oder man macht ihm etwas vor und er macht es dann nach. Dafür kann man künstliche Intelligenz heranziehen. Sie spielt zudem eine Rolle bei der Zusammenarbeit zwischen Cobots und bei der Kommunikation zwischen ihnen und übergeordneten Systemen, etwa in der Industrie 4.0», sagt Bendel. Die Schweiz hat mit die höchste Roboterdichte der Welt Die Schweiz hat mit 128 Robotern pro 10 000 Angestellten in der fertigenden Industrie mit die höchste Roboterdichte der Welt. Die Zahl ist fast doppelt so hoch wie der globale Durchschnitt, wenn man den Angaben der International Federation of Robotics folgt. Zu den Spitzenreitern Südkorea (631), Singapur (488) und Deutschland (309) ist der Abstand aber deutlich. Für den Wirtschaftsstandort Schweiz könnten Cobots eine wertvolle Ergänzung sein. Gerade um sich als Unternehmen im Wettbewerb mit dem Ausland abzuheben, wie Wyatt betonte. Daher würden sich vor allem kleine und mittlere Betriebe sehr für Cobots interessieren, da sie stark dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind. In den nächsten Jahren wird es zur Normalität werden, dass Menschen mit Robotern interagieren; in welcher Form auch immer. Die Kommunikation und Interaktion werde immer natürlicher werden, zeigen sich alle Gesprächspartner überzeugt. Cobots werden zur Normalität Ganz verschwinden werden die Roboter in Käfigen aber nicht, ist Bendel überzeugt. «Es wird ein Nebeneinander geben zwischen ‹eingesperrten› und scheinbar ‹freien› Robotern.» Es wird einst ganz normal sein, gemeinsam mit einem Roboter zu arbeiten. In der fertigenden Industrie ist dies schon ersichtlich oder teils Realität. In anderen Bereichen, wie der Pflege mit Pflegerobotern oder in der Hotellerie mit Assistenz- und Transportrobotern, laufen Tests; die Entwicklung steht hier aber noch am Anfang. Das Wort «Cobot» wird in den nächsten Jahren im Alltag auf jeden Fall häufiger auftauchen. 10 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Technology Nachgefragt 37 « Menschen müssen Cobots nicht fürchten » Cobots werden die Werkhallen der Zukunft massgeblich prägen. Die Forschung, die das Zusammenspiel von Mensch und Maschine verbessern soll, nimmt gerade Fahrt auf. Warum die Schweiz bei der Entwicklung ganz vorne mitmischt, erklärt Oliver Bendel, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für Wirtschaft der FHNW. Interview: Marcel Urech Wie können Cobots Menschen unterstützen? Oliver Bendel: Cobots, das deutet der Name an, kooperieren oder kollaborieren mit Menschen. Man arbeitet also zusammen an einem gemeinsamen Ziel, wobei die Zusammenarbeit – das ist eben Kollaboration – ausgesprochen eng sein kann: Die Tätigkeiten greifen dann ineinander, der Mensch macht etwas, dann die Maschine; manchmal arbeiten beide gleichzeitig an einem Werkstück. Die Kooperation hingegen muss nicht so eng sein. Die Hauptsache ist das Ergebnis am Ende. Cobots können anstrengende, überfordernde, krankmachende Tätigkeiten übernehmen. Sie können sehr präzise arbeiten und Standards womöglich besser einhalten als der Mensch. Sie sind auch schnell, aber nicht zu schnell, denn dies wäre bei der Kollaboration problematisch. Wie gehen Menschen damit um, wenn sie plötzlich mit Maschinen zusammenarbeiten müssen? Sie müssen die Cobots nicht fürchten, weil sie von diesen nicht weggedrückt werden. Sie dürfen sie sogar mögen. Sie erleben sie als Werkzeuge, die sie entlasten und unterstützen. In einem Autowerk von BMW in Spartanburg übernehmen die Roboter das Hineindrücken der Türdichtungen. Früher waren Arbeiter dafür zuständig, mit der Folge, dass ihre Handgelenke irgendwann kaputt waren. Das hat man über Jahrzehnte einfach so hingenommen, so wie man körperliche Arbeit an sich vielfach idealisiert hat. Aber es spricht nichts dagegen, den Roboter die Drecksarbeit machen zu lassen. Natürlich geraten wir in der Kooperation und Kollaboration mit Maschinen unter Umständen unter Stress. Man kennt das sogar von Fahrerassistenzsystemen. Diese sind in vielen Zusammenhängen sehr nützlich und sinnvoll. Aber manchmal lenken sie uns ab und setzen uns unter Druck. Welche Rolle spielt die Schweiz beim Thema Cobots? In der Schweiz werden zum einen Cobots eingesetzt, zum anderen erdacht und gebaut. ABB hat ein bemerkenswertes Produkt auf den Markt gebracht. Yumi hat zwei Arme, was ihn deutlich von anderen Cobots unterscheidet. Damit wirkt er menschenähnlicher, was man beim Betrieb berücksichtigen muss. Er kann dadurch nämlich einerseits Vertrauen schaffen, andererseits Angst schüren. Was fängt man mit zwei Armen beziehungsweise mit zwei Händen an? Man umarmt, man beschützt, man hält, man hebt, man würgt Menschen. Davon abgesehen hat ein zweiarmiger Roboter einige grundsätzliche Vorteile. Er kann sich selbst etwas « Die Schweiz war schon immer ein Roboterland und wird es auch bleiben. » Oliver Bendel, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für Wirtschaft der FHNW reichen, kann sich stützen, kann sich bei der Arbeit noch besser überwachen. Ebenso sind grundsätzliche Nachteile auszumachen, beispielsweise der erhöhte Raumbedarf und der Koordinationsaufwand, sowohl in Bezug auf das System selbst als auch in Bezug auf den Menschen. Die Firma F&P Robotics in Glattbrugg fertigt ebenfalls Cobots an, nicht zuletzt mit dem Ziel, Therapie und Pflege zu modernisieren und automatisieren. Bei ihren Produkten fällt die Fachkraft freilich nicht weg, sondern wird unterstützt, wie es bei dieser Roboterart eben der Fall ist. Die Schweiz war schon immer ein Roboterland und wird es auch bleiben. Wo werden Cobots als Nächstes Einzug halten? Die KMUs habe ich gerade als Unternehmensform angesprochen. Was die Anwendungsgebiete anbelangt, gibt es kaum Grenzen. Dies liegt daran, dass Cobots Generalisten sind. Man kann am Ende des Arms – man spricht von EOAT (End of Arm Tooling) – alle möglichen Greifer und Aufsätze anbringen, statt der üblichen zwei, drei oder fünf Finger, zudem Werkzeuge aller Art zum Schrauben, Bohren, Fräsen, Spritzen, Saugen, Massieren und Stimulieren. Cobots eignen sich nicht nur für die Produktion, Logistik und Montage, sondern beispielsweise auch für die Pflege und Therapie. Man kann sich denken, dass hier die Sicherheit eine besonders grosse Rolle spielt. Die Roboter kommen den Menschen nicht nur nahe, sondern legen Hand an sie an. Hier können Ergebnisse aus der sozialen Robotik und aus der Maschinenethik, die ich vertrete, wertvoll sein. Die Maschinen müssen einschätzbar und rücksichtsvoll sein, und die eine oder andere moralische Regel, die wir ihnen beibringen, kann den Umgang mit uns im doppelten Sinne verbessern. Oliver Bendel, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für Wirtschaft der FHNW. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 10 / 2018

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