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Netzwoche 11/2016

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30 Technology Hands-on

30 Technology Hands-on Mit der Hololens in virtuelle Welten Die Hololens ist wohl eines der ambitioniertesten Projekte von Microsoft. Die Brille soll die Welt verändern. Die Redaktion hat die Entwicklerversion getestet. Autoren: Coen Kaat, Christoph Grau, David Klier « Bis es konkrete Anwendungen gibt, dauert es noch mindestens fünf Jahre. » Mit der «Bloom»- Geste gelangt man zum Hauptmenü. Gian Paolo Santopaolo, Softwareentwickler bei IBV Seit Ende März verkauft Microsoft die Hololens an Entwickler. Zwei oder drei der Datenbrillen sollen es inzwischen in die Schweiz geschafft haben, sagt Gian Paolo Santopaolo und streicht fast liebevoll über sein Exemplar, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Die zweite sei bei Swisscom, sagt Santopaolo. Den Standort der dritten, die er hierzulande vermutet, kennt er nicht. Santopaolo entwickelt Software für die Firma IBV. Er trägt den Titel «Microsoft Most Valuable Professional», absolvierte die Holographic Academy. Im ehemaligen Hotel Oktogon in Bonstetten-Wettswil, in dem IBV seit drei Monaten zuhause ist, schwärmt Santopaolo von im Raum schwebenden Molekülen, von Wartungsanleitungen für Monteure, von einer völlig neuen Welt. Im Gegensatz zu den VR-Brillen von HTC oder Oculus VR handelt es sich bei der Hololens um ein eigenständiges Gerät. Rechner, Akku und Betriebssystem sind vollständig integriert. Also quasi ein Windows- 10-PC, den man auf dem Kopf mit sich trägt. Virtualisieren und erweitern Was vor Santopaolo auf dem Tisch liegt, ist aber kein fertiges Produkt. Die Hololens ist noch nicht bereit für den Massenmarkt – sie muss erst noch reifen in den Händen von Entwicklern. Die erste Entwicklerversion der Hololens vermittle aber einen beeindruckenden Vorgeschmack. Microsoft setzt mit dem Gerät nicht auf die virtuelle, sondern auf die erweiterte Realität (Englisch: Augmented Reality, kurz AR). Der Hersteller selbst unterscheidet da noch genauer. Die Marketingabteilung des Herstellers erfand für das Produkt den Begriff Mixed Reality (MR). Die Begründung: Bei MR könne man virtuelle Objekte an physischen in der realen Welt festpinnen. Tatsächlich können das aber auch bestehende AR-Lösungen. Die NASA bietet etwa eine App, mit der man den Mars-Rover mithilfe eines Smartphones oder Tables auf ein Blatt Papier zaubern kann. Ricoh macht derweil das Gleiche mit Druckern. Bevor man in die Welt von Microsofts Hologrammen eintauchen kann, muss man die Brille individuell konfigurieren. Dabei misst die Brille den Augenabstand des Nutzers und stellt die Projektion entsprechend ein. Zum Abschluss scannt die Brille den Raum. Die Konfiguration dauert ungefähr zwei Minuten. Nicken und klicken Der Nutzer steuert die Hololens mit Kopfbewegungen, Gesten und Sprache. Alle drei Methoden funktionieren sehr präzise und ergänzen sich sinnvoll zu einer intuitiven Bedienung. Da Rechner und Akku in die Brille integriert sind, liegt sie schwer auf dem Kopf. Rund 600 Gramm wiegt die Hololens. Die 600 Gramm lasten aber nicht auf der Nase. Das Gewicht verteilt sich über den ganzen Kopf. Die Hololens ist deshalb, trotz des Gewichts, angenehm zu tragen – zumindest für eine Weile. Will man das Gerät einen ganzen Arbeitstag tragen, sollte Microsoft wohl zuvor das Gewicht reduzieren. Der Akku hält aber bislang ohnehin nicht allzu lange durch. Nach zwei bis drei Stunden sei Schluss, sagt Santopaolo. Im Zentrum des Sichtfeldes ist ein runder Cursor positioniert. Den bewegt der Nutzer über seine Kopfbewegungen. Anwendungen wählt er mit der «Click»-Geste. Der Nutzer drückt Zeigefinger und Daumen zusammen. Will er zurück zum Hauptmenü, muss er die «Bloom»-Geste ausführen. Dabei öffnet man die Faust, so wie sich eine Blüte öffnet. Auch Sprachbefehle nimmt Cortana entgegen. Derzeit nur auf Englisch.» 11 / 2016 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Technology Hands-on 31 Was man im Video ebenfalls nicht sieht: Das Blickfeld, also der Bereich, in dem man die Hologramme sehen kann, ist klein. Es misst gefühlt 15 Zentimeter in der Breite und vielleicht 10 Zentimeter in Höhe. Es ist vergleichbar mir dem Blick durch eine Taucherbrille. Man muss zwingend geradeaus schauen, sonst sieht man die Hologramme nicht. Volltreffer! Der virtuelle Roboter zerspringt in tausend Teile. Ducken und schiessen Für eine erste Demonstration startet Santopaolo ein Spiel. Es ist jenes Spiel, das bereits in verschiedenen Microsoft- Demo-Videos zu sehen war. Der Spieler sieht die reale Welt durch die Hololens vor sich. Plötzlich öffnet sich an der Wand gegenüber ein Loch. Kabel und Splitter quellen aus der Wand heraus. Ein metallisches Geräusch ist zu hören. Dann klettern und fliegen kleine Roboter heraus. Sie suchen den Spieler und eröffnen das Feuer. Der Spieler muss den Gegenangriff einleiten und dem feindlichen Feuer ausweichen. Mit einem leichten Kniefall gelangt man aus der Schusslinie. Mit der Click- Geste erwidert man das Feuer. Verfehlt! Der Laserstrahl schiesst am Roboter vorbei und trifft stattdessen die Tür zur Toilette und hinterlässt ein klaffendes Loch. Nach wenigen Minuten ist der Raum im Büro von IBV übersät mit virtuellen Einschusslöchern. Der letzte Gegner fliegt in das Sichtfeld hinein. Jetzt noch einmal den Laser neu ansetzen und abdrücken. Genau ins Schwarze. Der Roboter explodiert in tausende Einzelteile und das Loch schliesst sich. Zu früh gefreut. Ein Pfeil zeigt nach links. An einer anderen Wand öffnet sich ein weiteres Loch. Das Gefecht geht in die nächste Runde. Ganz so bunt und kontraststark wie in Microsofts Demo-Video sind die Hologramme nicht. Vor einer weissen Wand funktionieren sie zwar prima. Blickt der Nutzer aber auf ein Fenster oder gegen das Licht, werden die dargestellten Projektionen schnell blass. Besonders gegen das tief einfallende Licht der untergehenden Abendsonne kann die Brille nicht bestehen. Anrufen und malen Nach der Schlacht gegen die Aliens geht es etwas ruhiger zu. Santopaolo schlägt einen Skype-Anruf vor. Erinnerungen an diverse Science-Fiction-Filme werden wach. Sieht man gleich ein dreidimensionales Hologramm seines Gesprächspartners? Nicht ganz. Skype ist auch für die Hololens eine zweidimensionale Anwendung. Öffnet man die Anwendung schwebt Skype einem Monitor gleich mitten im Raum. Man kann um das Skype-Fenster herumlaufen. Auf der Rückseite steht schlicht in grauer Schrift auf weissem Hintergrund «Skype». Auf der Vorderseite sieht man das Bild der Webcam seines Gesprächspartners. Mit einer Kopfbewegung wandert das Fenster zur Wand. Einziger wirklich auffälliger Unterschied zur gewohnten Desktop-Awendung: ein Zeichenstift. Wählt man während des Gesprächs den Stift an, kann man überall im Raum zeichnen. Das funktioniert auch für das Gegenüber ohne Hololens. Santopaolo zeichnet etwas am PC. Nichts passiert. «Dreh dich mal um!», sagt er. Sein Kunstwerk schwebt auf der anderen Seite des Raumes über den Möbeln. Status quo und Potenzial Alien-Angriff, Skype und zum Schluss noch ein virtueller Flug durch das Sonnensystem. Santopaolo zeigt der Redaktion nette Spielereien. Mehr leider nicht. Konkrete Anwendungen, die den Arbeitsalltag erleichtern könnten, sind noch in Entwicklung oder in Planung. Bis die Hololens von einem teuren, eigentlich nicht verkäuflichen Gadget zu einem marktreifen Werkzeug wird, dauert es wohl noch ein paar Jahre. Santopaolo rechnet mit mindestens fünf. Das Potenzial ist dennoch deutlich. Auf der Brille läuft Windows 10, wodurch das Gerät mit allen Windows-10-Geräten kompatibel ist. Vom Surface über Windows Phones und PCs bis hin zum Surface Hub. Es brauche nur eine Schnittstelle ins Windows-10-Kontinuum, sagt Santopaolo. Für Entwickler sei es daher sehr einfach, Anwendungen zu programmieren. IBV ist bereits dabei. Santopaolo erzählt etwa von Lösungen für Pharma-Unternehmen oder Fintech-Firmen. Zentral sei dabei immer der Collaboration-Gedanke mit der Einbindung von Skype. Die Hololens soll nicht nur Objekte aus dem Nichts darstellen, sondern die Nutzer verbinden, die gemeinsam daran arbeiten. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode 8474 www.netzwoche.ch © netzmedien ag 11 / 2016

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