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Netzwoche 11/2017

36 Focus Start-ups Mit

36 Focus Start-ups Mit Start-ups den Innova tionstakt im Fintech-Bereich steigern Firmen wie Google oder Apple haben die Produktentwicklung zu einem schnellen und flexiblen Prozess gemacht, indem radikal bessere Produkte nicht auf den Schultern ihrer riesigen Konzerne liegen, sondern auf den Schultern vieler Iterationen. Googles Verwaltungsrat Eric Schmidt spricht deshalb von der kontinuierlichen «Product Excellence» (höchste Produkt qualität im Interesse der Kunden) und nennt die Geschwindigkeit die neue Basis für den Erfolg. DER AUTOR Thomas Landis Program Manager & Startup Coach, F10 Die Kombination zwischen bestehender Marktpower der Vereinsmitglieder und der Agilität der Start-ups zahlt sich für alle Partner aus. Bild: Fotolia Ausser Google und Apple drängen auch vermehrt Start-ups mit neuen, teilweise disruptiven Businessmodellen und neuen, kundenzentrierten Lösungen entlang der gesamten Kundenerlebniskette in den Kernmarkt der Schweizer Banken vor. Diese Marktveränderungen führen dazu, dass die heutigen Player einerseits die Taktrate der Innovationen drastisch erhöhen, andererseits ihren Kunden neue innovative Produkte, Services und Businessmodelle entlang der gesamten Kundenerlebniskette anbieten müssen. Diese Marktveränderung benötigt teilweise völlig neue Denkansätze, die sowohl intern wie auch bei den Stakeholdern zu grossen Widerständen führen. Zudem sind Zahlungsverkehr, Banken- oder Börsendienstleistungen stark reguliert und haben als wichtigsten Wert die Systemstabilität, die schnelles und einfaches Innovieren mit Dritten oft verhindert, beziehungsweise enorm verlangsamt. Sprich, die Kernwerte und die Prozesse der Finanzdienstleister behindern ein schnelles, einfaches Innovieren. Fruchtbare Zusammenarbeit Um diese Pattsituation zu durchbrechen, gründeten vor knapp einem Jahr Six, die Bank Julius Bär und PWC gemeinsam den Verein F10 Fintech Incubator & Accelerator. Im vergangenen Jahr traten die Generali und Basler Versicherung sowie die Eri Bancaire und Eny Finance bei. Das externe Start-up-Accelerator-Programm verfolgt das Ziel, radikale und disruptive Innovationen schneller und vor allem gemeinsam mit den Start-ups auf den Markt zu bringen. Nach knapp einem Jahr lässt sich sagen, dass die Kombination zwischen der bestehenden Marktpower der Vereinsmitglieder und der Agilität und Kultur der Startups sich langfristig für alle Parteien auszahlt. Der Verein erfuhr nicht nur enorm viel über die aufkommenden Trends, die branchenverändernden Technologien und deren Reifegrad, sondern lernte auch diverse disruptive Businessmodelle kennen und arbeitete diese mit den Startups aus, verfeinerte sie und leitete deren Umsetzung ein. Viele Innovationsansätze Ausser dem Ansatz, in einem Unternehmen interne und externe Innovation durchzuführen, gibt es heute in der Schweiz viele verschiedene Herangehensweisen, mit den Herausforderungen umzugehen. Diese reichen von firmeninternen Innovationslaboren, in denen vor allem neue Technologien angewendet werden, über universitäre Forschungs kooperationen mit Finanzmarktteilnehmern oder Vereinen, die den Finanzmarktteilnehmern gemeinsames Erarbeiten und Verstehen von Technologiemöglichkeiten bieten, bis hin zu Inkubatoren oder Acceleratoren, die etablierten Firmen Innovation als Service anbieten. Letztere kümmern sich nicht nur um die technologischen Möglichkeiten, sondern erkennen, dass die Fintech-Start-ups in ihren Nischen in erster Linie Geschäftsmodell-Innovation betreiben, indem sie wirkliche Kundenprobleme lösen und nicht nur bestehende Geschäftsmodelle digitalisieren. Es ist schwierig zu beurteilen, welcher Ansatz der Erfolg versprechendste ist, da viele Faktoren hineinspielen. Der bestehende Digitalisierungsgrad der Firma, ihr Risikoappetit, ihre Veränderungsbereitschaft und Entwicklungen im Markt spielen eine grosse Rolle. Es ist jedoch klar, dass Fintech oder Insurtech in fünf bis zehn Jahren die normale Art sein wird, wie wir Finanz- oder Versicherungsdienstleistungen beziehen werden. Infolgedessen muss jedes Finanz- oder Versicherungsinstitut eine Möglichkeit finden, diese Kompetenzen aufzubauen und solche Produkte auf den Markt zu bringen. 11 / 2017 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Focus Start-ups 37 Schweiz auf dem richtigen Weg, muss aber noch an Tempo zulegen Die Schweiz hat vermehrt Zeichen gesetzt, dass junge Start-ups für das Land wichtig sind. Zwar ist es noch ein weiter Weg, bis die Schweiz in einem Satz mit den Hubs Berlin und London genannt wird. Aber Akteure aus Politik, Wirtschaft und Forschung stellen die Weichen in die richtige Richtung. Seit Jahren befindet sich die Schweiz nahezu unangetastet an der weltweiten Innovationsspitze. Im Gegensatz zu anderen Ländern hat die Schweiz keine Rohstoffe zur Verfügung, weshalb sie sich immer wieder weiterentwickeln und innovieren muss, damit sie mit der Wirtschaftsweltspitze mithalten kann. Die Schweiz ruht sich aber glücklicherweise nicht auf den Lorbeeren der Innovationsrankings aus. Die digitale Transformation ist erkannt, die Berührungsängste sind vielerorts abgelegt und die Chancen werden vermehrt wahrgenommen. Politik hat Handlungsbedarf erkannt Diverse Berichte zur «digitalen Strategie», «digitalen Wirtschaft» und zu «Rahmenbedingungen für Jungunternehmen» wurden von den Bundesverwaltungen verfasst und präsentiert. Darin wurden die Chancen und Herausforderungen zur digitalen Transformation gleichermassen aufgezeigt. Nichtsdestotrotz wurden diverse Themen nicht aufgenommen, die aber für ein florierendes und kompetitives Innovations- und Start-up-Ökosystem Schweiz von grosser Wichtigkeit sind. Dies sind unter anderem ein Schweizer Zukunftsfonds, Talente aus dem Ausland und die Bildung. Zukunftsfonds fördert Wachstumskapital Die Schweiz braucht einen Zukunftsfonds, um mehr Risikokapital zur Verfügung zu haben und die Venture-Industrie zu professionalisieren. In der Schweiz ist aktuell zwar ausreichend Kapital für die Gründung von Start-ups und für etablierte Unternehmen vorhanden. Jedoch fehlt es an genügend Wachstumskapital für die Skalierung eines Startups, namentlich wenn ein solches international auftreten will. Hier besteht Nachholbedarf. müssen auch die bürokratischen Prozesse zur Erlangung einer Arbeitsbewilligung effizienter werden. Ansonsten werden Start-ups künftig eher in London oder in Kanada gegründet. Bildung für die digitale Zukunft Die digitale Transformation schreitet in grossen Schritten voran. Entsprechend werden sich die Berufsbilder in Zukunft ändern. Dies ist aber nicht neu, denn die Berufslandschaft verändert sich stetig. Einziger und entscheidender Unterschied aktuell ist die Geschwindigkeit. Das Schweizer Bildungssystem ist bekannt für seine hohe Qualität über alle Stufen hinweg, leider aber nicht für die agile Umsetzung und Implementierung von neuen Lehrplänen und Fächern. Primarschulen und Mittelschulen sind deshalb schnellstmöglich in die Pflicht zu nehmen, um analytisches Denken und die Grundzüge des Programmierens in die Lehre aufzunehmen. Nur wenn unsere Kinder die digitalen Produkte, die sie täglich bedienen, verstehen, sind sie nicht mehr nur Anwender, sondern werden zu Gestaltern, Gründern und Problemlösern. Die Bundesverwaltungen werden mit der Konferenz zur «Digitalen Schweiz» im November dieses Jahres einen weiteren Meilenstein in Richtung digitale Zukunft legen. Unterstützt wird dies durch die Initiative Digitalswitzerland, welche die Kräfte aus Wirtschaft, Politik sowie Forschung bündelt und zusammen die Schweiz und ihre Bevölkerung durch die digitale Transformation begleitet. DER AUTOR Nicolas Bürer Managing Director, Digitalswitzerland Die Erfolgsgeschichte der Schweiz ist zu einem wichtigen Teil Talenten aus dem Ausland zu verdanken. Bild: Fotolia Talente in die Schweiz holen Die Erfolgsgeschichte der Schweiz ist zu einem wichtigen Teil Talenten aus dem Ausland zu verdanken. Sie haben der Schweiz Wohlstand gebracht. Dies wird auch in Zukunft so sein, sofern keine Abschottung stattfindet. Die Schweiz muss ein attraktives Umfeld schaffen, das ausländische Talente anzieht. Dazu müssen in erster Linie die rechtlichen Rahmenbedingungen dahingehend angepasst werden, dass diese wichtigen Talente auch hierbleiben dürfen. Zwingend www.netzwoche.ch © netzmedien ag 11 / 2017

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