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Netzwoche 11/2019

20 People Live

20 People Live Multinationale Unternehmen pendeln oftmals zwischen einer « Ich bin ein Verfechter der dezentra lisierten Informatik » Vincent Turgis ist CIO des Pharmaunternehmens Ferring. Seiner Ansicht nach kann nur eine dezentrale IT wirklich innovativ sein. Im Interview spricht er über die Tücken direkter Kundenbeziehungen sowie über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung der Pharmabranche. Interview: Rodolphe Koller, Übersetzung: Joël Orizet « Ich sehe die Rolle der IT im Berufsfeld Data Engineering. Was hingegen mit der Nutzung von Daten zusammenhängt, ist eher eine Domäne des Business. » Vincent Turgis, CIO, Ferring zentralen und einer dezentralen IT-Organisation. Wie sieht es bei Ihnen aus? Vincent Turgis: Wir verfügen sowohl über eine zentrale IT als auch über dezentrale Einheiten auf geografischer und geschäftlicher Ebene. Die IT-Zyklen und Bedürfnisse der Forschung unterscheiden sich stark von denen der Produktion oder des Marketings, sei es bei Daten oder Systemen. Manchmal ist es sinnvoll, eine globale Lösung zu haben, manchmal aber auch nicht. Ich habe mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Pharmabranche und kann sagen, dass es kein Patentrezept für dieses Problem gibt. Sprechen die Chancen, die mit neuen Technologien verbunden sind, für eine stärkere Zentralisierung von IT-Organisationen? Ich bin ein Verfechter der dezentralisierten Informatik, die im Business integriert ist – in diese Richtung gehen wir. Ich hätte kein Problem damit, die Rolle des CIO mit einem sehr kleinen Team zu übernehmen. Gesetzt den Fall, es gibt eine starke Strategie, eine starke Governance und eine starke Architektur. Ohne diese Bedingungen wären Integrationsprobleme zwischen den Systemen vorprogrammiert und wir hätten nicht die notwendigen Daten für innovative Projekte. Das Pendel schwingt nun in Richtung Zentralisierung. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Pendel zurückschlägt und wir wieder dezentralisieren können. Wir brauchen diese starke Struktur. Was es an neuen Technologien gibt – Cloud, künstliche Intelligenz, Mobilität, Internet der Dinge – muss im und durch das Business genutzt werden. Diese Innovationen können mit einer monolithischen IT nicht erreicht werden. i ZUR PERSON Vincent Turgis hat mehr als 15 Jahre lang in der IT-Abteilung von Novo Nordisk, in Frankreich, in San Francisco, in der Schweiz und schliesslich fünf Jahre lang als CIO in der dänischen Zentrale des Pharma unternehmens gearbeitet. Seit einem Jahr ist er CIO des internationalen Pharmaunternehmens Ferring mit Sitz im waadtländischen Saint-Prex. Ferring ist in fast 60 Ländern aktiv und beschäftigt rund 6500 Mitarbeiter, davon 200 in der IT. Was sollte diese gemeinsame zentralisierte Basis enthalten? Wichtiger als Industrie- oder Geschäftssysteme sind die Daten. Man muss die richtigen Datenmanagementprozesse gestalten, auf die richtigen Daten zugreifen und sie in geeigneter Weise zur Verfügung stellen können. Ich sehe die Rolle der IT im Wesentlichen im Berufsfeld Data Engineering. Was hingegen mit der Nutzung von Daten zusammenhängt, ist eher eine Domäne des Business. Man kann wohl unterschiedliche CRM-Systeme haben, aber man muss sicherstellen, dass man die richtige Architektur, die richtigen Management-, Reporting- und Datenanalyseplattformen hat. Zudem erfordern innovative Projekte natürlich eine Zusammenarbeit, die IT- und Business-Skills zusammenführt und sich auf Methoden wie Agile und Design Thinking stützt. Haben Sie tatsächlich mehrere CRM-Systeme? Heute haben wir mehrere CRM-Lösungen im Einsatz. In der Pharmaindustrie stehen wir vor der Herausforderung, dass wir nicht direkt an unsere Kunden verkaufen können. Wir bewerben unsere Produkte, Ärzte verschreiben, was die Behörden ihnen erlauben, Menschen kaufen in Apotheken – das variiert natürlich von Land zu Land. Das Schweizer System unterscheidet sich komplett vom französischen oder amerikanischen System. Wir haben deswegen kein einheitliches Vertriebsmodell, das sich in einem globalen CRM-System abbilden liesse. Ist es ein Anliegen, eine direkte Beziehung zu den Kunden zu haben? Das ist eindeutig ein Anliegen. Bisher hatte die IT in der Pharmaindustrie hauptsächlich eine Support- und Backoffice-Funktion. Aber mit dem Aufkommen neuer Technologien können wir Lösungen entwickeln, die ein integraler Bestandteil des Angebots für Patienten sind. Nehmen wir als Beispiel meinen früheren Arbeitgeber, ein Unternehmen, das auf die Behandlung von Diabetes spezialisiert ist. Da hatten wir zum Beispiel vernetzte Injektionsstifte sowie Plattformen für die Erfassung und Analyse von Blutzucker- oder Ernährungsdaten. Die Herausforderung besteht darin, dass man nicht direkt mit den Patienten sprechen kann. Daher ist es notwendig, 11 / 2019 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 21 dass sich alle betroffenen Akteure – Behörden, Pharmaunternehmen, Versicherer und Patienten – auf ein gemeinsames Interesse einigen, was nicht einfach ist. Wie sieht es mit der Konkurrenz durch Technologieunternehmen aus, die in den Gesundheitssektor drängen und ihren Zugang zu Kundendaten ausnutzen? Wir sehen in der Tat grosse Technologieunternehmen, die komplette Ökosysteme im medizinischen Bereich aufbauen. Ich denke insbesondere an Google, das in den Versicherer Oscar Health investiert und mit Sanofi ein Joint Venture gegründet hat, um therapeutische Lösungen und Diagnosemittel für Diabetes zu vermarkten. Diese Unternehmen profitieren von ihrer Expertise in Technologien, Geräten und Algorithmen. Und sie entwickeln Gesundheitsplattformen, die bessere Ergebnisse für die Patienten und eine bessere Vorhersehbarkeit für die Interessengruppen im Gesundheitswesen bieten. Wir kommen aus dem Maschinenraum und sind plötzlich in der Lage, Teil des Produkts zu sein. Vincent Turgis, CIO, Ferring Sehen Sie den Bereich E-Health als Chance für die Pharmabranche? Zu dieser Frage herrschen in der Pharmabranche drei verschiedene Ansichten vor. Die eine geht davon aus, dass am Ende immer das beste Medikament gewinnt und dass die wissenschaftliche Innovation wichtiger ist als die technologische. Andere glauben, dass E-Health eine Bedrohung ist und dass wir uns dagegen wehren müssen. Wiederum andere betrachten E-Health als Chance, die Stärken von Technologie und Wissenschaft zu kombinieren. Und was denken Sie? Ich glaube, dass es für die Pharmaindustrie viele Möglichkeiten gibt, diese neuen Technologien zu nutzen. Für uns in der IT ist es auch eine interessante Entwicklung. Wir kommen aus dem Maschinenraum und sind plötzlich in der Lage, Teil des Produkts zu sein. Aber es ist auch eine Herausforderung, weil wir am Anfang stehen und viele Regulierungs- und Sicherheitsfragen im Zusammenhang mit diesen neuen Medizingeräten noch nicht gelöst sind. Aber es ist klar, dass wir bei Ferring an diesen Fragen arbeiten. Wir haben ein Innovationslabor, das mit diesen neuen Technologien experimentiert, um Informationen aus Daten zu gewinnen und Lösungen für Patienten zu entwickeln. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 11 / 2019

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