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Netzwoche 11/2020

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20 People Live « Die Banken waren gut vorbereitet » Die Finanzwelt ist in Bewegung. Start-ups und Tech-Konzerne drängen mit neuen Ideen, Technologien und Ambitionen auf den Markt. Wo stehen die Schweizer Banken in diesem Wandel? Und wie gehen sie mit der Coronakrise um? Einblicke von Jörg Gasser, CEO der Schweizerischen Bankiervereinigung. Interview: Oliver Schneider. «Die meisten Institute hatten bereits vor Corona Konzepte, wie Teams im Pandemiefall aufgesplittet werden. » i ZUR PERSON Jörg Gasser, CEO, SBVg Jörg Gasser hat langjährige Erfahrung in Diplomatie und Finanzmarktpolitik. Nach dem Studium der Volkswirtschaft und der Internationalen Beziehungen begann er seine berufliche Laufbahn beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz. Anschliessend bekleidete er verschiedene leitende Funktionen beim Bund, zuletzt als Vorsteher des Staatssekretariats für internationale Finanzfragen. Gasser ist seit Mai 2019 CEO der Schweizerischen Bankiervereinigung. Das vollständige Interview finden Sie online www.netzwoche.ch Die Covid-19-Pandemie trifft die ganze Schweizer Wirtschaft. Von den Banken war bislang aber eher selten die Rede. Was macht Ihnen in diesen Tagen am meisten Kopfschmerzen? Jörg Gasser: Zuallererst bin ich erleichtert, dass die Massnahmen des Bundesrats Wirkung gezeigt haben, die Fallzahlen inzwischen sehr tief sind und die Öffnung begonnen hat. Der Schutz der Gesundheit steht auch für uns Banken an oberster Stelle. Sorgen bereiten mir die Konjunkturprognosen des Seco, wonach das Brutto inlandprodukt in der Schweiz dieses Jahr einbrechen wird. Die Krise hat die Realwirtschaft und unser gesellschaftliches Zusammenleben in einer Geschwindigkeit und Härte getroffen, die beispiellos ist. Immerhin kam unsere Antwort auf die Krise ebenso schnell. Wie lautet diese Antwort? Gemeinsam mit Bund und Behörden haben die Schweizer Banken innert kürzester Zeit ein Hilfspaket in Milliardenhöhe auf die Beine gestellt, um notleidende KMUs rasch und unbürokratisch mit Liquidität zu versorgen. Das Schweizer Kreditprogramm dient vielen ausländischen Regierungen als Musterbeispiel und Vorbild, weil der Prozess einfach und die Hilfe schnell und wirksam ist. Bis heute hat fast jedes fünfte Schweizer KMU das Programm in Anspruch genommen und von einer Liquiditätsüberbrückung profitiert. Wie viele andere Unternehmen haben auch die Schweizer Banken wo möglich auf Homeoffice umgestellt. Wie gut hat das geklappt? Die Banken waren gut vorbereitet. Die meisten Institute hatten bereits vor Corona Konzepte, wie Teams im Pandemiefall aufgesplittet werden, um die Sicherheit zu gewährleisten, und auch das Homeoffice war bereits in zahlreichen Funktionen etabliert. Das immense Volumen an Anfragen und Anrufen, das mit dem Kreditprogramm auf die Banken – wie auch auf uns als Verband – zukam, konnte dank intensiver Vorbereitungsarbeiten bewältigt werden: Innert Wochenfrist wurden ganze Teams geschult, Prozesse eingeführt, Websites aufgebaut und Telefonhotlines eingerichtet. Sie sind also zufrieden? Die lösungsorientierte Zusammenarbeit zwischen den Banken, bei der wir als SBVg immer wieder die Scharnierfunktion einerseits unter den Banken, aber dann auch zwischen den Banken und den Behörden einnehmen konnten, ist beeindruckend. Es zeigt sich, dass die Schweizer Banken auch in einer Ausnahmesituation absolut zuverlässig funktionieren und exzellente Arbeit leisten. Alles spricht von der digitalen Transformation. Was bedeutet dieses Schlagwort für die SBVg? Der Einsatz von innovativen Technologien verändert die Art und Weise, wie wir leben, arbeiten und miteinander kommunizieren. Und das ist auch in Bezug auf die Finanzdienstleistungen nicht anders. Die Kunden von heute möchten das gleiche Erlebnis, das sie schon aus anderen Bereichen in ihrem Alltag kennen, auch in Bezug auf ihre Finanzen, und zwar jederzeit und überall. Auf diesem Weg unterstützen wir unsere Mitglieder. Drei Faktoren sind dabei letztlich entscheidend für den Kunden: die Einfachheit, die Kosten und die Verlässlichkeit. Diesem Wandel in der Branche müssen sich die Banken stellen. Die SBVg trägt mit ihrem Beitrag für optimale Rahmenbedingungen dazu bei, dass sie dies aus einer Position der Stärke und ohne unnötige Hürden tun können. Die Banken befinden sich seit längerer Zeit in der Transformation. Wie könnte sich die Coronakrise auf diesen Prozess auswirken? Die Beschleunigung der digitalen Transformation zeigt sich aktuell in sämtlichen Branchen und Industrien. Mit Blick auf die Banken wirkt die Coronakrise in erster Linie als Katalysator. Die Krise beschleunigt gewisse Entwicklungen, die sich schon vor der Krise abzeichneten. Beispielsweise die Zunahme der bargeldlosen Transaktionen, sowohl mit Karten als auch über Mobile Payment. Der Finanzplatz hat auf diese Entwicklung sehr rasch reagiert. Können Sie dafür ein Beispiel nennen? Ein Beispiel ist die Limite für kontaktlose Zahlungen ohne PIN-Eingabe, die von 40 Franken auf 80 Franken erhöht wurde. Ein weiteres Beispiel ist die digitale Kontoeröffnung: Zahlreiche Banken hatten bereits vor Corona einen digitalen Onboarding-Prozess, der nun aufgrund der aktuellen Situation wichtiger und häufiger genutzt wird. Auch der Kontakt mit dem Kunden wird digitaler, etwa durch die digitale Kundenberatung. Welche digitalen Services erwarten Sie als Kunde heute von Ihrer Bank? Persönlich möchte ich als Kunde möglichst einfach, intuitiv und natürlich sicher meine Bankgeschäfte erledigen 11 / 2020 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 21 « Anders als reifere Unternehmen brauchen jüngere Fintechs primär keine Kredite, sondern Investitionen. » Jörg Gasser, CEO, SBVg können und dabei von den beiden Trends hin zu mehr Geschwindigkeit und mehr Transparenz profitieren. Ganz konkret habe ich für meine Tochter ein Konto bei einer Neobank eröffnet, da sie sich immer wieder im Ausland aufhält. Ein Vorteil für diese Lebenssituation sind die tagesaktuellen Wechselkurse bei niedrigen Gebühren. Ist das alles schon Realität? Die Banken in der Schweiz haben bereits eine Menge digitaler Services in ihren Portfolios und bewegen sich mit einem hohen Innovationstempo im Markt. Im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage entwickeln sich die einzelnen Institute auch wegen des Wettbewerbs mit neuen Anbietern. Die Angebote der Neobanken sind bereits Realität und wir werden noch viele Neuerungen in den kommenden Jahren sehen. Denken Sie beispielsweise nur an die Möglichkeiten, wenn sich der Trend hin zu nachhaltigen Finanzanlagen und die technologischen Fortschritte verknüpfen lassen. Die Schweiz hat bereits heute eine führende Rolle im Bereich der nachhaltigen Anlagen. Dort bieten sich für den Finanzplatz grosse Chancen. Bleibt Homeoffice ein Dauerzustand, auch nach Corona? Die Gewohnheiten der Kundinnen und Kunden verändern sich durch die aktuelle Situation, und mit den langandauernden Präventionsmassnahmen ist zu erwarten, dass dieser Prozess unsere Arbeits- und Konsumgewohnheiten nachhaltig verändern wird. Über alle Branchen hinweg glaube ich, dass wir in Zukunft digitaler und mobiler arbeiten werden. Für die Banken birgt die Krise auch durchaus Chancen, etwa mehr Effizienz. Wie sieht es für die jungen Fintech-Unternehmen aus, die auf Wachstum und Kapital angewiesen sind? Das Fintech-Ökosystem ist ein wichtiger Bestandteil des Schweizer Finanzplatzes. Die Krise stellt junge Unternehmen vor besondere Herausforderungen, gerade in Bezug auf die Liquidität. Anders als reifere Unternehmen brauchen jüngere Fintechs jedoch primär keine Kredite, sondern Investitionen. Hier ist sicherlich eine gewisse Solidarität notwendig. Fintech-Hotspots wie das Crypto Valley in Zug sind besonders betroffen. In einer Umfrage der Swiss Blockchain Federation gaben drei Viertel der Mitglieder an, dass sie damit rechnen, in den nächsten sechs Monaten höchstwahrscheinlich insolvent zu werden. In anderen Fintech-Bereichen dürften die Prognosen ähnlich ausfallen. Es ist daher erfreulich, dass der Bundesrat in Zusammenarbeit mit den Kantonen die Bürgschaftsverordnung auf aussichtsreiche Start-ups erweitert hat. Hier sind auch die einzelnen Kantone gefordert, ihre Start-up- und Fintech- Ökosysteme zu stärken. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 11 / 2020

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