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Netzwoche 12/2017

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42 Focus Fintech Die

42 Focus Fintech Die Schweiz ist ein globales Fintech-Zentrum Die Schweiz ist in globalen Fintech-Rankings oftmals nicht aufgeführt oder erst im hinteren Teil der Ranglisten zu finden. Dies erstaunt insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Land bei Innovationsrankings regelmässig Spitzenplätze einnimmt. In einer Metastudie werteten wir 21 Studien und Artikel rund um das Thema Fintech aus und evaluierten das Schweizer Fintech-Umfeld in einem internationalen Vergleich. DIE AUTOREN Dr. Thomas Ankenbrand Dozent, Hochschule Luzern Denis Bieri Wissenschaftlicher Mitarbeiter Fintech, Hochschule Luzern FINTECH-HUB-RANKING Um die Leistungsfähigkeit des Schweizer Fintech-Ökosystems im internationalen Kontext zu beurteilen, haben wir im Rahmen der «IFZ Fintech Study 2017» ein globales Ranking für Fintech-Zentren, sogenannte Hubs, erstellt. Dieses basiert auf 68 Indikatoren, welche die Rahmenbedingungen bezüglich des politischen und rechtlichen, ökonomischen, sozialen sowie technologischen Umfelds zeigen. So wurden unter anderem die politische Stabilität, die Effizienz der Behörden, der Zugang zu Krediten und Venture Capital, die Anzahl Studienabgänger in den Bereichen Wissenschaft und Technik sowie der Zugang und der Einsatz von Informationsund Kommunikationstechnologie berücksichtigt. Die Auswertungen aller Indikatoren zeigt, dass die Branche hierzulande sehr gute Rahmenbedingungen vorfindet: Von 27 untersuchten Städten liegen Zürich und Genf auf Platz 2 und 3, hinter dem erstplatzierten Singapur (Grafik). Die beiden Städte haben gegenüber Singapur vor allem in der ökonomischen und technologischen Dimension noch Aufholbedarf. Die guten Rahmenbedingungen zahlen sich aus, wie die ansteigende Zahl an ansässigen Fintech-Unternehmen zeigt: Ein Vergleich von 25 Städten hinsichtlich ihrer Rahmenbedingungen für Fintech-Unternehmen. Politisch / Rechtlich Ökonomisch Sozial Technologisch 1. Singapur 2. Zürich / Schweiz 3. Genf / Schweiz 4. Toronto / Kanada 5. New York City / USA 6. San Francisco / USA 7. Amsterdam / Niederlande 8. London / UK 9. Hongkong 10. Stockholm / Schweden 11. Tokio / Japan 12. Sidney / Australien 13. Frankfurt / Deutschland 14. Berlin / Deutschland 15. Oslo / Norwegen 16. Paris / Frankreich 17. Dublin / Irland 18. Tel Aviv / Israel 19. Dubai / VAE 20. Mailand / Italien 21. Peking / China 22. Shanghai / China 23. Moskau / Russland 24. Kapstadt / Südafrika 25. São Paulo / Brasilien 0 20 40 60 80 Grafik: http://tmsnrt.rs/2tslb1L Zählte die Schweiz in den Jahren 2010 und 2015 24 beziehungsweise 162 Fintech-Unternehmen, liegt diese Zahl im Jahr 2016 bei 190. Dies entspricht einem Zuwachs von 17 Prozent gegenüber dem Jahr 2015. Trotz der steigenden Anzahl von Fintech-Unternehmen, von Branchenvereinigungen und Unterstützungsprogrammen konnte dieses Wachstum noch nicht vollumfänglich in neue Arbeitsplätze oder höhere Unternehmensbewertungen umgesetzt werden. Die Fintech-Branche in der Schweiz birgt also noch weiteres Wachstumspotenzial. Fintech ist global Der Schweizer Markt allein ist allerdings zu klein für die meisten Fintech-Geschäftsmodelle. Als Konsequenz verfolgen rund 60 Prozent der Schweizer Fintech-Unternehmen ein internationales Business-to-Business-Geschäftsmodell. Das heisst, sie sind oft spezialisierte globale Zulieferer von etablierten Finanzdienstleistungsunternehmen. Auch die Inkubatoren/Akzeleratoren und Venture-Kapital-Geber agieren international. Daher wird es für das weitere Wachstum der Schweizer Fintech-Industrie wichtig sein, dass einerseits die Produkte und Dienstleistungen global exportiert werden können, andererseits ein globaler Zugriff auf talentierte Mitarbeitende und Venture Kapital gewährleistet ist. Des Weiteren muss das regulatorische Umfeld weiterhin dynamisch auf kommende Entwicklungen angepasst werden. Ansonsten werden vielen Unternehmen den globalen Markt nicht mehr von der Schweiz aus bearbeiten. Als Beispiel für eine erfolgreiche Spezialisierung und globale Ausrichtung dient der Kanton Zug, der sich zu einem international wichtigen Standort in den Bereichen Blockchain und Cryptocurrencies entwickelt hat. Aufgrund des Clustering von Schweizer wie auch internationalen Unternehmen in diesen Tätigkeitsfeldern wird Zug international auch als «Crypto Valley» bezeichnet. Die innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen tragen dabei zur stetigen Entwicklung des «Crypto Valley» bei. Als symbolisches Beispiel hierfür dient die Akzeptanz von Bitcoin als Zahlungsmittel für behördliche Dienstleistung mit einem Wert von bis zu 200 Franken. Auch ist es im «Crypto Valley» in den vergangenen Monaten zu mehreren Initial Coin Offerings (ICOs) von Schweizer Unternehmen gekommen. Zu den Beispielen für diese innovative Finanzierungsform zählen die ICOs von Lykke, Melonport und Wings. 12 / 2017 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Focus Fintech 43 Mut zur Offenheit – wie sich Banken den Weg in die Digitalisierung ermöglichen Die Transformation der Finanzindustrie nimmt schnell an Fahrt auf. Schweizer Regional- und Kantonalbanken setzen mit der Digitalisierung ihrer Angebote einen wichtigen Schwerpunkt. Wenn sie mit Fintechs zusammenspannen, entsteht eine Win-win-Situation. Ein Plädoyer für Aufgeschlossenheit. Banken und Fintechs schaffen gemeinsam zukunftsorientierte Angebote. Bankdienstleistungen sind heute ein Konsumgut wie Unterhaltung. Vor allem seit das Smartphone den Lifestyle mitprägt, hat sich der Anspruch der Kunden gewandelt. Nicht nur Mitglieder der Generation Y möchten jederzeit und überall ihren Kontostand abrufen und Zahlungen ausführen. Die Nutzer wollen ihre persönlichen Finanzen sogar mobil verwalten. Gemäss der diesjährigen Befragung der Regionalund Kantonalbanken sind sich Bankdirektoren darüber bewusst, dass die Zukunft mit dem Smartphone in den Händen der Nutzer liegt. Die Digitalisierung verbessert dabei die Beziehung zwischen Banken und Kunden und verspricht neues Ertragspotenzial. Durch Partnerschaften mit Fintechs können Bankleistungen markant aufgewertet werden. Die Öffnung scheint hier der Schlüssel zum Erfolg zu sein. Offen für Pioniergeist Werfen wir einen Blick zurück auf die Digitalisierung der Finanzbranche, sehen wir, dass bereits ab 1960 erste Lösungen bankinterne Prozesse automatisierten. Im Jahr 1997 revolutionierte das erste Schweizer Onlinebanking den Zahlungsverkehr für Endkunden. In Pionierarbeit wurden weitere Dienstleistungen wie direkte Börsentransaktionen hinzugefügt. Dieser Innovationsgeist ist heute wichtiger denn je. Regulationen geben nämlich nicht nur Rahmenbedingungen vor. Sie erhöhen gleichzeitig den Wettbewerb und machen Angebote vergleichbar. Um neue Geschäftsmodelle in ihrem Kanal einzuführen, sollten Finanzinstitute proaktiv reagieren und sich mit digitalen und mobilen Lösungen dem Wandel öffnen. Offen für Fehlerkultur Die Digitalisierung von Angeboten verzeiht grosszügiger. Wenn ein Produkt nicht gleich auf Anklang bei den Kunden stösst, kann es nach dem Prinzip «fail fast» auf Eis gelegt werden. Google macht es vor: Das Unternehmen lancierte 2014 mit «Google Glass» die erste Datenbrille. Das Wearable sorgte international zwar für Aufsehen, setzte sich im Alltag aber nicht durch. Ein Jahr später bezeichnete Google die Brille als Flop. Sicher, das Softwarehaus alloziert sein Budget anders als Finanzdienstleister und nimmt Bauchlandungen bewusst in Kauf. Nichtsdestotrotz können sich Banken einiges von der positiven Fehlerkultur abschauen. Denn Learnings aus der Produktentwicklung und -nachfrage bilden eine wichtige Grundlage für zukünftige Dienstleistungen wie Googles Virtual Reality. Werden Erfahrungen transparent geteilt, entstehen darauf basierend über Unternehmen und Branchen hinweg disruptive Innovationen. Offen für Zusammenarbeit Die Voraussetzungen für die digitale Infrastruktur sind mittlerweile in den meisten Finanzinstituten gegeben. Darauf laufen robuste und moderne Mobile-Banking-Applikationen, die einen nahtlosen Support und simple Transaktionen erlauben. Die Bedürfnisse der mobilen Gesellschaft reichen aber darüber hinaus. Um die gestiegenen Anforderungen zu befriedigen, müssen Banken nicht mehr ihre eigene Infrastruktur erweitern. Von Fintechs entwickelte Funktionen können mittels Schnittstellen (API) die Produktpalette der Finanzinstitute jeglicher Grösse und Kundensegmente ergänzen. Von Nutzern offengelegte Informationen bilden die Basis, um auf den Kunden zugeschnittene Dienstleistungen anzubieten. Banken können sich so mit vergleichsweise geringem Aufwand flexible Geschäftsmodelle schaffen. Denn in der sich rasant verändernden digitalen Welt bleibt man nur mit einem offenen Konzept agil und für die nächste Generation Kunden attraktiv. Mit neuen Angeboten lässt sich die Wertschöpfung ausbauen und der Handlungsspielraum weiter vergrössern. DER AUTOR Nico Tschanz Leiter Consulting, Crealogix www.netzwoche.ch © netzmedien ag 12 / 2017

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