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Netzwoche 12/2020

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86 Management & Career

86 Management & Career Fachbeitrag Digitale Nachhaltigkeit: Ein grundlegender Faktor für Business-Entscheider Nachhaltigkeit ist ein allgegenwärtiges Thema, auch bei der Digitalisierung. Digitale Nachhaltigkeit kann die Verkaufszahlen verbessern und neue Dienstleistungen schaffen. Was genau der Begriff bedeutet, was bei der Umsetzung berücksichtigt werden muss, erklärt Ladan Pooyan-Weihs, Dozentin und Leiterin des CAS Digital Architect an der Hochschule Luzern. DIE AUTORIN Ladan Pooyan-Weihs Dozentin und Leiterin des CAS Digital Architect an der Hochschule Luzern Da neue Produkte und Dienstleistungen blitzschnell auf den Markt kommen, ist eine Transformation des Geschäftsmodells nicht einmalig, sondern immer wieder notwendig. Die Covid-19-Pandemie hatte negative Auswirkungen auf den wirtschaftlichen und soziodemografischen Ebenen, aber sie hat auch Positives gebracht. So wurde etwa die Umwelt weniger belastet, weil weniger Auto gefahren wurde und weniger Flugzeuge weltweit in Betrieb waren. Die meisten Unternehmen machten grosse Fortschritte in Sachen Fernarbeit und Homeoffice, aber der Einsatz von Ressourcen dafür variierte stark. Die Massnahmen zur Bekämpfung dieser Pandemie sowie deren Auswirkungen verdeutlichten, dass sich aktuelle Herausforderungen nur dann möglichst effizient bewältigen lassen, wenn vorgängige Entscheidungen die nötigen, dauerhaften und nachhaltigen Lösungen geliefert haben. Hier kommt die digitale Nachhaltigkeit ins Spiel. Sie beschäftigt sich mit dem Einsatz neuer digitaler Technologien und Tools, die überhaupt erst ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit ermöglichen oder optimieren. Was «nachhaltig» bedeutet Die digitale Entwicklung hat sich zum bestimmenden Geschäftsthema unserer Zeit entwickelt. Es ist unterdessen ein allgegenwärtiges Thema auf unserem blauen Planeten, wo Unternehmen, Organisationen, Institutionen und Verwaltungen auf der ganzen Welt darum kämpfen, den digitalen Wandel so zu bewältigen, dass eine nachhaltige Entwicklung und Veränderung möglich sind. Bevor die Voraussetzungen für einen nachhaltigen Erfolg diskutiert werden, stellt sich hier vor allem die Frage, wann eine Entwicklung und Veränderung überhaupt nachhaltig ist. «Nachhaltige Entwicklung» ist ein offizieller Begriff aus dem Brundtland-Bericht, den die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen mit dem Titel «Our Common Future» im Jahr 1987 in Norwegen veröffentlichte. Dieser Bericht wurde nach der ehemaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland benannt, die den Vorsitz der Kommission hatte. Gemäss diesem Bericht wird eine Entwicklung als nachhaltig bezeichnet, die den Bedürfnissen der jetzigen Generationen dient, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Der Begriff selbst ist jedoch älter als diese Definition und kommt ursprünglich aus der Forstwirtschaft. Er wurde zum ersten Mal im Jahre 1713 von Hans Carl von Carlowitz im Zusammenhang mit der Waldbewirtschaftung erwähnt. Heute wird «nachhaltige Entwicklung» als ein etablierter Begriff mit sozialen, ökonomischen und ökologischen Aspekten verstanden und national sowie international auf politischer und wissenschaftlicher Ebene diskutiert. Vorteile und Anwendungsbeispiele Viele Unternehmen begrüssen Nachhaltigkeit als Garantie für nachhaltiges Wachstum und Leistung. Sie sind bestrebt, ökologische, soziale und wirtschaftliche Anliegen in ihre Gesamtstrategie zu integrieren. Aber sie wollen auch ihre Interaktionen mit dem gesamten Ökosystem einbeziehen: mit Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern oder lokalen Behörden. Die digitale Entwicklung ist in diesen Unternehmen zu einem festen Bestandteil der Strategie für nachhaltige Entwicklung geworden. Diese umfasst die Schaffung und Nutzung neuer und verantwortungsbewusster Produkte und Dienstleistungen sowie die Werbung in sozialen Medien. Aus der Sicht der Innovation geht die Anwendung neuer digitaler Tools mit einer nachhaltigen Entwicklung Hand in Hand und bringt den Unternehmen Vorteile: Kostensenkung, Schaffung neuer Dienstleistungen, Verbesserung der Verkaufszahlen, Loyalität und Imagewiederherstellung. Gesellschaftlich betrachtet zielen viele Anwendungen da rauf ab, die Lebensqualität von Individuen zu verbessern. Mit digitaler Technologie können zum Beispiel Systeme entwickelt werden, die das Management von Energie, Ressourcen und Transport verbessern. So sparen etwa Smart- Grid-Projekte, die digitale Technologien in Stromverteilungsnetzen verwenden, Energie. Die Software, die smarte Wasserprojekte steuert, gestaltet das Wassermanagement intelligenter, gewährleistet die Versorgungssicherheit und reduziert Abfall. Das schafft sie durch Echtzeitsteuerung des Netzwerks, intelligente Mess- und Durchflussmessungen sowie den Einsatz von Wasserqualitätssensoren. Diese ermöglichen, die Leckraten zu reduzieren, den Betrieb zu beschleunigen und Betriebsgewinne zu erzielen. Durch die Kombination von Satellitenbildern, Open Data und Crowd-Sourcing können Waldüberwachungssysteme Daten zur Entwaldung und deren Klimafolgen liefern. Auf 12 / 2020 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Management & Career Fachbeitrag 87 dieser Basis können fundierte und nachhaltige Entscheidungen getroffen werden. Auf der Strasse kann ein Lieferant seine Routen je nach Stau variieren, dabei Zeit und Geld sparen und gleichzeitig die CO2-Bilanz des Transports reduzieren, um die Auswirkungen auf die Umwelt zu begrenzen. Auch Güter- und Personenverkehr sind zwei Bereiche, in denen digitale Werte einen Mehrwert anbieten. Verschiedene Städte haben mobile Anwendungen, die die Bewegung der Gastfahrer unabhängig von den verwendeten Transportmitteln in Echtzeit berechnen und auf einer Plattform speichern. Diese Plattform kann dank Sensoren, die sich im gesamten Verkehrsbereich befinden, verschiedene Routen für das Ziel vorhersagen. Benutzer können dann das effizienteste Transportmittel auswählen, um von einem Punkt zum anderen zu gelangen. Aktuelle Herausforderungen lassen sich nur dann möglichst effizient bewältigen, wenn vorgängige Entscheidungen die nötigen, dauerhaften und nachhaltigen Lösungen geliefert haben. Wer für die Umsetzung verantwortlich ist Da neue Produkte und Dienstleistungen blitzschnell auf den Markt kommen, ist eine Transformation des Geschäftsmodells nicht einmalig, sondern immer wieder notwendig. Diese Tatsache bestimmt, dass die Zukunft der Arbeit denjenigen gehört, die sich kontinuierlich und nachhaltig anpassen können. Eine nachhaltige Anpassung als strategisches Ziel für die Geschäftsinnovation festzulegen, ist die Entscheidung der obersten Führungsetage. Sie kann jedoch nicht ohne die internen und externen IT-Experten getroffen werden. Der massive Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) im Jahr 2000 hat zu neuen Produktivitätsgewinnen geführt und insgesamt die Rolle der IT zum Enabler der technischen Innovationen erhoben. Auf genau diese Weise positioniert die Digitalisierung die IT-Architekten eines Unternehmens neu und definiert neue, vielseitige und geschäftsprozessorientierte Rollen und Aufgabenstellungen für sie. In anderen Worten transformiert Digitalisierung IT-Architekten zu Digitalarchitekten beziehungsweise zu denjenigen IT-Architekten, die zur Gestaltung von datengetriebenen Lösungen in einem sich rasch ändernden und komplexen Umfeld zu Rate gezogen werden. Die Rolle der IT als Enabler der Innovation ist längst durch Führungskräfte erkannt und im Unternehmen etabliert worden. Deshalb können die Führungskräfte konkret von Digitalarchitekten und Chief Digital Officers erwarten, dass sie basierend auf ihrem Know-how, ihren Erfahrungen und idealerweise auch mithilfe von Entscheidungsunterstützungssystemen einen Umsetzungsplan für eine nachhaltige Anpassung vorschlagen. Digitale Nachhaltigkeit in der Praxis umsetzen Was bedeutet dies in der Praxis? Bei der Vorbereitung des Plans sollten IT-Architekten und Chief Digital Officers folgende Punkte unbedingt in Betracht ziehen: ·· Datenschutz: Die Digitalisierung im Unternehmen wirft die Frage nach dem Schutz personenbezogener Daten auf, die beispielsweise von Geolokation oder biometrisch gesicherten Geräten stammen. ·· Umweltfreundlichkeit: «Digital» heisst nicht immer «umweltfreundlich»: Schadstoffproduktion bei der Herstellung von Geräten, kurze Lebenszyklen (geplante Obsoleszenz), schwer wiederverwertbarer Elektronikschrott (E-Waste), erheblicher Stromverbrauch der IT. Auch den Umweltaspekt gilt es zu beachten. ·· Der Rebound-Effekt: Der Rebound-Effekt oder das «Paradoxon von Jevons» beschreibt folgenden Umstand: Je mehr technologische Verbesserungen die Effizienz erhöhen, mit der eine Ressource verwendet wird, desto eher steigt der Gesamtverbrauch dieser Ressource, anstatt sich zu verringern. Ausserdem sollten die IT-Architekten und Chief Digital Officers die folgenden Fragen klar beantworten: ·· Inwiefern trägt die geplante Digitalisierungsmassnahme zur nachhaltigen Entwicklung bei? ·· Inwiefern behindert die geplante Digitalisierungsmassnahme die nachhaltige Entwicklung (Wo werden durch die Massnahme zum Beispiel neue Bedürfnisse geweckt, wo gibt es unerwartete Rebound-Effekte etc.)? ·· Wo behindern Rahmenbedingungen den Einsatz von Digitalisierungslösungen zugunsten der Nachhaltigkeit? ·· Wo müssten der Digitalisierung aus ethischen oder ökologischen oder gesellschaftlichen Gründen Grenzen gesetzt werden? Digitale Nachhaltigkeit ist ein allgegenwärtiges Thema. Ihre Realisierung benötigt eine gesamtheitliche Herangehensweise und setzt Weitsicht voraus. Doch ist sie eine grosse Chance für die Unternehmen, um über die Politik hinaus und über Corporate Social Responsibility (CSR) eine wichtige Rolle in der Gesellschaft zu spielen. Das ist gleichzeitig eine Chance für Digitalarchitekten, ihre neue Rolle im Unternehmen verantwortungsvoll anzugehen und sich beruflich weiterzuentwickeln. Den Beitrag finden Sie auch online www.netzwoche.ch www.netzwoche.ch © netzmedien ag 12 / 2020

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