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Netzwoche 13/2018

44 Women in Tech Podium

44 Women in Tech Podium Sechs Frauen aus der Schweizer ICT- Branche berichten über ihre Karriere Frauen stellen auch in der Schweizer IT-Branche immer noch die Minderheit dar. Das vorherrschende «Nerd-Image» scheint viele Frauen davon abzuschrecken, sich für einen Informatikberuf zu entscheiden. Die Redaktion sprach mit sechs Frauen von Schweizer IT-Unternehmen über diese Problematik. Autorin: Barbara Camenzind Julia Aymonier Chief Information Officer, Ecole hôtelière de Lausanne Wie haben Sie Ihren beruflichen Werdegang in der IT-Branche als Frau erlebt? Julia Aymonier: Ich habe in den frühen 80er-Jahren an der Universität Informatik studiert, und wir waren unter 450 Studenten 4 Frauen. Danach einen Job zu finden, war nicht schwierig, aber in jedem Job, den ich hatte, musste ich immer wieder beweisen, dass ich wusste, wovon ich sprach – im Gegensatz zu meinen männlichen Kollegen. Auch wenn Sie über langjährige Erfahrung verfügen, müssen Sie als IT-Frau wie ein Schweizer Taschenmesser sein und sich in allen Bereichen der IT auskennen, damit Sie beweisen können, dass Sie Ihren Platz am Tisch verdienen und berücksichtigt werden. Um diese Position zu erreichen, musste ich lange Zeit Hard- und Software installieren und mich für alles interessieren, was um mich herum passiert. Und ich muss mich ständig darüber informieren, was es Neues gibt, um in allem immer einen Schritt voraus zu sein. Zum Glück mache ich meinen Job mit Leidenschaft. IT ist für viele Menschen ein Rätsel – ich betrachte sie wie Elek trizität: Wenn sie funktioniert, ist sie nicht sichtbar, wenn sie aber nicht funktioniert, haben wir ein Problem. Ich glaube, dass ich in solchen Situationen einen Vorteil habe, da Frauen besser in der Lage sind, eine Situation so zu erklären, dass andere sie verstehen können. Das ermöglicht uns, mit Nicht-IT-Mitarbeitern klar und verständlich zu kommunizieren. Maggie Neale von der Stanford University erklärt in ihren Kursen, dass Frauen, die in Führungspositionen erfolgreich sein wollen, oft ihren EQ verstecken oder unterdrücken und sich nur auf ihren IQ verlassen. Ich glaube, dass dies in meiner Generation bei einer grossen Zahl von Frauen der Fall war. Leider hat dieses Verhalten den Eindruck vermittelt, kalt und unnahbar zu sein. Aber ich glaube, das ändert sich allmählich. Grafik: milosdizajn / Fotolia.com Was machen Sie, um mehr Diversität/Frauen an der Ecole hôtelière de Lausanne (EHL) zu fördern? Ich bin seit drei Jahren an der EHL tätig und habe in dieser Zeit die Zahl der Frauen in der IT-Abteilung verdreifacht, vor allem unter den Businessanalysten und Projektleitern. In diesen Rollen kommt der von mir erwähnte Kommunikationsvorteil von Frauen zum Zug, denn hier geht es darum, IT in die «normale» Sprache zu übersetzen. Als Mutter verstehe ich aber auch den Druck auf Frauen und Männer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren und sich gleichzeitig um eine Familie kümmern zu müssen. Um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleisten zu können, arbeiten die meisten meiner Mitarbeiter, sowohl Männer als auch Frauen, in Teilzeit, sodass sie mehr Zeit mit ihren Familien verbringen können. Die EHL bietet auch die Möglichkeit für Mitarbeiter, einen Tag pro Woche von zuhause aus zu arbeiten, was rege genutzt wird. Ich habe allerdings immer noch ein grosses Problem, Frauen für die eher technischen Stellen zu gewinnen. Alle meine Kollegen in der IT-Abteilung werden jährlich evaluiert und ihre Karriere geplant. Ich coache Mentorinnen, die sich für Fortschritte in der Organisation interessieren und ermutige Frauen, Führungsaufgaben zu übernehmen. Ich glaube, dass die Tatsache, dass ich die erste Frau im Vorstand der EHL in ihrer 125-jährigen Geschichte bin, anderen Frauen in der Organisation als Vorbild dient. Warum sind Ihrer Meinung nach die bisherigen Initiativen zur Förderung von Frauen in der IT-Branche wenig erfolgreich? IT war schon immer eine männlich dominierte Branche und viele Frauen finden das einschüchternd. In der Vergangenheit wurden Frauen in den frühesten Phasen ihrer Ausbildung nicht ermutigt, den mathematischtechnischen Weg zu gehen, was bedeutet, dass die Zahl der Frauen, die die Universität mit einem technischen Abschluss verlassen, begrenzt war. Die Jobs in der IT beinhalteten anfangs allesamt umfassende Tätigkeiten: Man musste in der Lage sein, Geräte zu installieren, Code zu schreiben und Probleme zu analysieren. Aufgrund der Komplexität der IT sind die Rollen heute in verschiedene Bereiche aufgeteilt, sodass Frauen, die technisch vielleicht nicht so versiert sind, trotzdem eine Chance haben. Dies hat dazu geführt, dass sich mehr Frauen für IT interessieren und damit den Pool an potenziellen Mitarbeitern vergrössern. Aber das braucht Zeit, man kann Frauen in Jobs zwar fördern, aber wenn es keine weiblichen Kandidaten mit den erforderlichen Fähigkeiten auf dem Markt gibt, dann kann man auf Dauer nicht erfolgreich sein. Welchen Rat geben Sie Frauen, die in der IT Karriere machen wollen? Ich bin leidenschaftlich an meinem Job interessiert und war es schon immer. Frauen müssen verstehen, dass IT nicht nur die Installation von Geräten oder das Schreiben von Code bedeutet, sondern dass es heute viele andere Facetten gibt, die es zu erforschen gilt, vor allem wenn man an die Geschwindigkeit des technologischen Wandels denkt. Dieser Reichtum an Möglichkeiten ist da – und Frauen spielen eine wichtige Rolle. Frauen müssen den entsprechenden Universitätsabschluss erwerben, um diese Möglichkeiten nutzen zu können – sie sollten ihre Karriere planen. Es mag manchmal schwierig sein, aber die Frauen sollten sich nie entmutigen lassen. Es gibt auch immer mehr weibliche Vorbilder in diesen Berufen. Die Arbeitswelt ändert sich, auch in der IT. Werden sich dadurch die Chancen für Frauen verändern? Jeder ist heute auf die eine oder andere Weise mit der Technologie konfrontiert, ohne die wir heutzutage nicht mehr leben können. Die Techno- 13 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Women in Tech Podium 45 logie entwickelt sich so rasant, dass fast jedes Jahr neue Arbeitsplätze in der IT geschaffen werden. Diese Arbeitsplätze werden den Frauen noch mehr Jobmöglichkeiten eröffnen, in denen sie ihre einzigartigen Qualitäten wie Kommunikation oder Kreativität zu ihrem Vorteil nutzen können. Um einige Beispiele zu nennen: Damit in der Welt der künstlichen Intelligenz ein virtueller persönlicher Assistent richtig funktioniert, braucht es Linguisten, die die Art und Weise analysieren, wie Fragen gestellt und beantwortet werden. Ein anderer Bereich ist die User Experience, sie ist heute ein sehr wichtiger Bestandteil für den Erfolg von Software. Frauen können hier ihre gestalterischen und kreativen Fähigkeiten einsetzen. Das sich verändernde Arbeitsumfeld wird Frauen auch in Sachen Flexibilität helfen, da wir überall auf der Welt arbeiten und trotzdem Teil eines virtuellen Teams sein können. Wir werden in der Lage sein, unsere Zeit so einzuteilen, dass sie den Anforderungen an das berufliche und private Leben gerecht wird. Dies wird Frauen ermöglichen, ihre berufliche Karriere fortzusetzen, selbst wenn sie eine Familie haben wollen. Frauen müssen sich nicht mehr entscheiden. Diese Veränderung kann für alle nur von Vorteil sein. Jacqueline Badran Nationalrätin SP, Geschäftsleitung & User Experience Architect, Zeix Wie haben Sie Ihren beruflichen Werdegang in der IT-Branche als Frau erlebt? Jaqueline Badran: Ich habe eigentlich nie direkte Diskriminierung erlebt; vielleicht war da ab und zu ein subtiles Misstrauen da, wenn es um Hardcore-Techie-Fragen ging. Da traut man eher Männern. Was machen Sie, um mehr Diversität/Frauen in Ihrer Organisation zu fördern? Eigentlich nichts. Ich rekrutiere Menschen komplett unvoreingenommen, was Geschlecht oder sexuelle Orientierung angeht. Dann ergibt sich Diversität quasi von alleine. Unsere Firma hat aber schon immer Frauen stark angezogen, weil bei uns die User-Experience, der Nutzen und die kommunikativen Funktionen von digitalen Produkten im Vordergrund steht. Und weil wir ein ausgesprochen angenehmes Betriebsklima haben. Warum sind Ihrer Meinung nach die bisherigen Initiativen zur Förderung von Frauen in der IT-Branche wenig erfolgreich? Weil sie zu stark auf das Bild setzen, dass IT angeblich eine Nerd-Veranstaltung von lauter Programmierern ist, die autistisch an ihren Computern vor sich hinarbeiten. Man sagt den Frauen: «Hey, werdet auch so, ihr könnt das auch!» Das ist nicht besonders animierend für Frauen. Frauen tendieren mehr zu sinnstiftenden Arbeiten, wo sie mit Menschen in Kontakt treten. Genau das hat die IT ja vor allem zu bieten, gerade wenn die Rollenverteilung nicht zerstückelt ist. Welchen Rat geben Sie Frauen, die in der IT Karriere machen wollen? In der IT braucht es viele Fähigkeiten, die allgemein Frauen zugeschrieben werden. Es braucht zum Beispiel viel Empathie und Einfühlungsvermögen in Businessprozesse und vor allem in die Bedürfnisse und Kenntnisse der User und Kunden. Im Konzept- und Design-Bereich – im weitesten Sinne – kreieren wir schliesslich in der IT riesige virtuelle Räume und Welten. Dazu braucht es ausgesprochen kreative und synthetische Kompetenzen. Diese schöpferischen Anforderungen im IT-Entwicklungsprozess sollten Frauen vor Augen haben und nicht die des klischeehaften Programmier- Nerds. Wir arbeiten bereits aktiv mit verschiedenen Institutionen zusammen, um diese Klischees bei Kindern und Jugendlichen zu durchbrechen. Die Arbeitswelt ändert sich, auch in der IT. Werden sich dadurch die Chancen für Frauen verändern? Ja, davon bin ich überzeugt. Aber erst dann, wenn man die übliche und überkommene Rollenverteilung zwischen Businessanalyst, Requirement-Engineer, UX-Experte, UX-Designer, Projektleiterin usw. endlich aufgibt und in ein und derselben Person vereint. Dann werden empathische, neugierige, kreative, komplexitätsbewältigende – also weiblich besetzte Eigenschaften gefragt sein. Gabriela Keller CEO, Ergon Wie haben Sie Ihren beruflichen Werdegang in der IT-Branche als Frau erlebt? Gabriela Keller: Ich glaube, nicht viel anders als meine männlichen Kollegen. Bei Ergon hatten wir von Anfang an einen sehr kollegialen Umgang, und ich habe es nie als etwas «Besonderes» empfunden, als Frau im Team zu sein. Dass ich innerhalb des Unternehmens immer mehr Führungsaufgaben übernommen habe, hat sich einfach so ergeben, und die neue Herausforderung hat mir Spass gemacht. Was machen Sie, um mehr Diversität/Frauen in Ihrer Organisation zu fördern? Wir rekrutieren unsere Mitarbeitenden vor allem von der ETH Zürich. Die Anzahl Frauen unter den Softwareingenieuren ist per se tief und liegt bei etwa 15 Prozent. Auch wenn wir Frauen sehr willkommen heissen und bei gleicher Qualifikation für einen Job einer Frau den Vorzug geben, können wir nur sehr bedingt etwas am geringen Frauenanteil in der Branche und in unserem Unternehmen ändern. Verschiedene Ergon-Mitarbeiterinnen engagieren sich in ihrer Freizeit für Initiativen, die Frauen für die Informatik begeistern wollen, zum Beispiel Rails Girls oder Django Girls. Wir begrüssen dies sehr und stellen ihnen Räumlichkeiten für ihre Workshops zur Verfügung. Dass Mütter und Väter Teilzeit arbeiten können und dass sie mit Jahresarbeitszeit ihre Arbeitstage sehr flexibel gestalten können, wird von vielen Eltern gern genutzt. Warum sind Ihrer Meinung nach die bisherigen Initiativen zur Förderung von Frauen in der IT-Branche wenig erfolgreich? Im Informatikstudium muss man sich vor allem am Anfang durch viele abstrakte Gebiete arbeiten und sieht nicht sofort den Bezug zu Menschen und dem späteren Beruf. Das kann abschrecken, gerade auch junge Frauen, die traditionell schon oft gewisse Berührungsängste gegenüber Technik haben. Es sollte uns noch mehr gelingen, als Branche aufzuzeigen, dass die Informatik sehr viel Gestaltungsspielraum bietet und Teamarbeit, aber auch Eigenschaften wie Einfühlungsvermögen oder Kreativität absolut essenziell sind. Wichtig finde ich zudem, dass in den Medien oder an öffentlichen Veranstaltungen, zum Beispiel bei Digitalisierungsthemen, auch weibliche Expertinnen zu Wort kommen, denn je normaler es wird, Frauen in solchen Rollen zu erleben, desto mehr weichen sich die traditionellen Rollenmuster auf. Welchen Rat geben Sie Frauen, die in der IT Karriere machen wollen? Go for it! Frauen werden in unserer Branche mit offenen Armen empfangen, gerade weil es so wenige von ihnen gibt. Vielen Unternehmen ist es bewusst, dass Diversität auch für den Geschäftserfolg wichtig ist, darum setzen sie viel daran, Frauen auch in Führungspositionen zu fördern. Die Arbeitswelt ändert sich, auch in der IT. Werden sich dadurch die Chancen für Frauen verändern? Ja, ich bin überzeugt, dass für Frauen künftig viele neue attraktive Möglichkeiten entstehen werden. Es wird immer mehr Schnittstellenberufe zur Informatik geben, in denen ausser dem Informatikwissen spezifisches Fachwissen gefragt ist. Sei das im Bereich User Interaction Design, Beratung, Augmented Reality, Data Science, aber auch in Fachbereichen wie etwa Medizininformatik oder Jura. Diese Interdisziplinarität liegt vielen Frauen sehr und kann auch ein starker Anreiz sein, sich durch die eher technischen Aspekte der Informatik «durchzubeissen». Informatik ist definitiv ein Berufsfeld mit ganz vielen Perspektiven! www.netzwoche.ch © netzmedien ag 13 / 2018

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