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Netzwoche 13/2018

46 Women in Tech Podium

46 Women in Tech Podium Doris Agotai Institut für Interaktive Technologien, FHNW Wie haben Sie Ihren beruflichen Werdegang in der IT-Branche als Frau erlebt? Doris Agotai: Sehr positiv. Die Informatik ist ein dynamisches Feld, das sich in den letzten Jahren stark verändert hat. Sie bietet vielfältige und vor allem auch kreative und interdisziplinäre Bereiche, was es für mich immer sehr spannend gemacht hat. Was machen Sie, um mehr Diversität/Frauen in Ihrer Organisation zu fördern? Für mich ist es selbstverständlich, dass Teams durchmischt sein sollten. Ich versuche, dies als festen Bestandteil der Kultur zu etablieren. Warum sind Ihrer Meinung nach die bisherigen Initiativen zur Förderung von Frauen in der IT-Branche wenig erfolgreich? Vielleicht gibt es immer noch das abschreckende Nerd-Image. Zudem fokussieren MINT-Initiativen häufig auf rein technische Programmierfragen. Dabei gibt es viele Bereiche an der Schnittstelle zur Informatik, die für ein interessengeleitetes Lernen geeignet wären. Dazu gehören etwa Bioinformatik, Medtech oder Design – alles Felder, die bei Frauen beliebt sind. Welchen Rat geben Sie Frauen, die in der IT Karriere machen wollen? Eine gute Ausbildung machen und die Chance packen, unsere Zukunft mitzugestalten. Die Arbeitswelt ändert sich, auch in der IT. Werden sich dadurch die Chancen für Frauen verändern? Ja, ich glaube, dass es viele neue fachliche Schnittstellen und Arbeitsmodelle geben wird, die nachgefragt sein werden und eine höhere Durchlässigkeit aufweisen. Silvia Quarteroni Senior manager – Natural language processing expert, Elca Informatique Wie haben Sie Ihren beruflichen Werdegang in der IT-Branche als Frau erlebt? Silvia Quarteroni: Ich bin sehr zufrieden mit meiner Karriere. Abgesehen davon, dass es in meiner Branche schon immer einen auffallend niedrigen Frauenanteil gab, glaube ich nicht, dass meine Erfahrungen im Vergleich zu denen eines Mannes sehr unterschiedlich waren. Gelegentlich war ich das Ziel unangemessener Kommentare von Kollegen oder habe die Überraschung der Kunden über meine technische oder leitende Rolle in einem Projekt erlebt. Aber das bleibt anekdotisch und spiegelt nicht meine durchschnittliche Arbeitssituation wider. Was machen Sie, um mehr Diversität/Frauen in Ihrer Organisation zu fördern? Das mag sich als provokativ erweisen, aber ich glaube nicht an eine positive Diskriminierung. Dies birgt zum einen das Risiko, dass Kollegen annehmen, dass der Grund für die Einstellung eines «Minderheitskollegen» dessen Minderheitenstatus ist. Zum anderen bin ich der festen Überzeugung, dass eine motivierte Person, ob männlich oder weiblich, Mehrheit oder Minderheit, keine Förderung, sondern Fairness am Arbeitsplatz braucht, um zu gedeihen. Warum sind Ihrer Meinung nach die bisherigen Initiativen zur Förderung von Frauen in der IT-Branche wenig erfolgreich? Ich glaube, dass unsere Gesellschaft schon im Vorschulalter Stereotypen über geschlechtsspezifische Karrierewege durchbrechen muss. Kinder müssen aufwachsen und der Meinung sein, dass es völlig normal ist, jede Art von Karriere unabhängig des Geschlechts zu verfolgen und auch ein Elternteil und ein versierter Profi sein zu können. Massnahmen durch beispielsweise Coaching von Jugendlichen oder Erwachsenen – wie in den meisten Initiativen erwähnt, von denen ich gehört habe – sind lobenswert, aber meiner Meinung nach weniger effektiv. Welchen Rat geben Sie Frauen, die in der IT Karriere machen wollen? Den gleichen Ratschlag, den ich auch einem männlichen Kollegen geben würde: keine Angst vor Fragen haben, weiter lernen und nicht vor technischer, «niedriger» Arbeit zurückschrecken. Die Arbeitswelt ändert sich, auch in der IT. Werden sich dadurch die Chancen für Frauen verändern? Ich glaube schon, aber es wird noch einige Zeit dauern, bis IT als «geschlechtsneutraler» Beruf angesehen wird. Barbara Marti Leiterin Application Management, Postfinance Wie haben Sie Ihren beruflichen Werdegang in der IT-Branche als Frau erlebt? Barbara Marti: Sehr gut. Ich empfand es nie als Nachteil, in einer Männerdomäne eine Frau zu sein. Wenn schon eher umgekehrt – man fällt auf als Ausnahme, und dies ist eine Chance, die man ergreifen kann. Ich wurde nie ausgebremst. Was machen Sie, um mehr Diversität/Frauen in Ihrer Organisation zu fördern? Die Frage ist für mich eher, was ein sinnvolles Ziel ist. Diversität fördert die Teamarbeit, davon bin ich überzeugt. Diversität ist aber keinesfalls nur eine Genderfrage. Dies hat Postfinance schon sehr lange erkannt und achtet gezielt auf die verschiedenen Aspekte wie Alter und Herkunft. Ich bin überzeugt von diesem Ansatz und stehe als Führungskraft in der IT dafür ein. Eine Frauenquote als Zielsetzung lehne ich absolut ab – es ist weder sinnvoll noch unterstützt es das Ziel. Die betroffenen Frauen werden eher benachteiligt, weil man ihnen nicht attestiert, dass sie aufgrund ihrer Fähigkeiten gefördert werden. Natürlich ermutige ich zögerliche Frauen, Karriereschritte zu tun, aber mir ist die Gleichbehandlung sehr wichtig – das wird von allen Beteiligten geschätzt. Warum sind die bisherigen Initiativen zur Förderung der Frauen in der IT-Branche wenig erfolgreich? Sie greifen im Leben eines jungen Menschen zu spät. Häufig werden Aktionen erst am Schluss der Schulzeit oder bei der Studienwahl gestartet. Ich habe vor Jahren regelmässig für die Universität Bern ein Referat vor Maturanden gehalten, die vor ihrer Studienwahl standen. Das Ziel war, gegen das Klischee anzukämpfen, indem ich den Mädchen zeigte, was alles in diesem Beruf steckt. Ich stand aber immer vor 95 Prozent jungen Männern. Das war logisch, denn die Sensibilisierung muss früher einsetzen. Welchen Rat geben Sie Frauen, die in der IT Karriere machen wollen? Einfach tun, wofür man Herzblut gibt, sich etwas trauen und auch dafür kämpfen, ohne das Genderthema als Hürde zu thematisieren – ein Problem kann auch entstehen, indem man es benennt. Und nie vergessen, Frau zu sein und Frau zu bleiben – sei es im Auftritt, bei der Kleidung oder im Verhalten. Frauen sind nicht die besseren Männer, sie sind Frauen, und das ist gut so, denn Diversität lebt, wie es das Wort schon sagt, von der Verschiedenheit. Die Arbeitswelt ändert sich, auch in der IT. Werden sich dadurch die Chancen für Frauen verändern? Durch die flexibleren Arbeitszeitmodelle hat sich in der Arbeitswelt bereits viel getan, was vor allem für Frauen, die auch Mütter sind, vorteilhaft ist. Zudem verbreiten sich immer mehr Organisationsmodelle und ein agiles Mindset, das das klassische, hierarchische Modell hinterfragt. Auch dies bietet Chancen für Frauen und Männer, neue Karrierewege einzuschlagen. 13 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Quelle: DrAfter132 / iStock XXXXXXXXXXX XXXXXXXXXXXX 47 Warum die Schweiz mehr Informatikerinnen braucht Ob auf der Chefetage oder im Entwicklungslabor – Frauen sind in der Schweizer IT-Branche selten anzutreffen. Dabei sprechen gute Gründe dafür, sie für die digitale Arbeitswelt zu gewinnen. Vorschläge dazu gibt es viele, doch in der Statistik tut sich bislang kaum etwas. Autor: Oliver Schneider « Die Digitalisierung schreitet mit grossem Tempo voran. Hier müssen Frauen einen aktiveren Teil dazu beitragen. » Priska Altorfer, Vorstandsmitglied, Donna Informatica Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_102644 Die Zahl der Beschäftigten in der Schweizer IT-Branche hat kräftig zugenommen. Im Beschäftigungsbarometer für das erste Quartal 2018 meldete das Bundesamt für Statistik (BfS) 77 853 Vollzeitbeschäftigte bei «Informationstechnologie und Informationsdienstleistungen». Das sind rund 4000 Stellen mehr als im Vorjahresquartal. Seit 2008 ist die Zahl der Beschäftigten sogar um rund 30 Prozent gewachsen. Auch bei den Teilzeitstellen zeigt die Statistik nach oben. Der Bund verzeichnete hier Anfang 2018 25 692 Personen – fast 1500 mehr als 12 Monate zuvor. Die IT-Arbeitswelt wächst. Betrachtet man die Zahlen aber genauer, zeigt sich, dass in einem Bereich seit Jahren ein Ungleichgewicht herrscht. Unter den gut 78 000 Vollzeitbeschäftigten in der IT befinden sich aktuell 11 317 Frauen. Ihr Anteil an allen Jobs beträgt damit nur 14,5 Prozent. Der Zuwachs um 4000 Stellen im Jahresvergleich geht ausserdem fast vollständig auf das Konto der Männer. Die Zahl der Frauen in der Schweizer IT stieg seit dem ersten Quartal 2017 gerade mal um 60 Vollzeitstellen. Über die Zeit betrachtet ging die Zahl der Frauen in der IT sogar zurück (Grafik Seite 48). Ein ausgewogeneres Verhältnis zeigt sich indes bei den Teilzeit-Jobs. Laut BfS arbeiten aktuell in der IT 12 100 Frauen Teilzeit. Mit 47 Prozent sind dies fast die Hälfte aller Beschäftigten. Hier zeigt sich eine Tendenz, die in der Schweizer Arbeitswelt allgemein besteht. Unter den Vollzeit-Beschäftigten sind die Männer deutlich in der Mehrzahl. Bei der Teilzeitarbeit sind dagegen die Frauen häufiger anzutreffen. Schweiz international im unteren Mittelfeld Die Zahlen des Bundes reflektieren nicht die gesamte IT- Welt. Informatiker in Unternehmen anderer Branchen wie CIOs, Administratoren oder Entwickler sind dort beispielsweise nicht erfasst. Auf Grundlage von Erhebungen des Statistischen Amts der Europäischen Union und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung errechnete die niederländische Jobplattform «Honeypot.io» für alle IT-Arbeitplätze hierzulande einen Frauenanteil von 14,6 Prozent. Damit liegt die Schweiz auf Platz 27 von 41 verglichenen Ländern. Der Anteil ist ziemlich genau halb so hoch wie bei den Spitzenreitern der Statistik Bulgarien und Australien. Rund 30 Prozent der in der IT-Branche Beschäftigten sind dort Frauen. Am unteren Ende der Tabelle rangieren Israel, die Türkei und die Slowakische Republik mit Anteilen von gut 10 Prozent. Die Jobwahl hängt eng mit der Ausbildung zusammen, und Entwicklungen im Bildungswesen schlagen sich erst mit zeitlichem Abstand im Arbeitsmarkt nieder. Entsprechend reflektiert sich der Frauenanteil in IT-Berufen in den Studierendenzahlen. Gemäss der «ICT-Lehrabgänger- Innen-Befragung» von ICT-Berufsbildung Schweiz lag der Anteil der Absolventinnen 2017 bei rund 10 Prozent. Den höchsten Frauenanteil hatten die Bereiche Mediamatik (32 Prozent) und Informatikpraktik (9 Prozent). Mit 7 respektive 4 Prozent liegt der Anteil bei der Applikationsentwicklung und der Systemtechnik am tiefsten. Am Departement Informatik der ETH Zürich studierten ebenfalls 2017 nach www.netzwoche.ch © netzmedien ag 13 / 2018

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