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Netzwoche 13/2018

50 Women in Tech

50 Women in Tech Titelgeschichte « Die Unternehmenskultur in der Techbranche ist nicht inklusiv » Valérie Vuillerat ist ehemalige Chefin der Digitalagentur Ginetta und Mitbegründerin des IT-Frauennetzwerks We Shape Tech. Ihr neues Projekt Witty Works will Unternehmen der Techbranche zu mehr Diversität verhelfen. Im Interview erklärt sie, wie das gehen soll und warum Frauen in der Schweizer IT immer noch kaum vertreten sind. Interview: Oliver Schneider « Gerade in der Tech-Welt muss eine junge Frau ihre Kompetenz stärker beweisen. » Valérie Vuillerat, Gründerin, Witty Works Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_101110 Ihr neues Projekt heisst Witty Works. Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Unternehmen? Valérie Vuillerat: Organisationen werden von uns dabei begleitet, eine gender-diverse Belegschaft zu rekrutieren, zu fördern und langfristig zu binden. Sie werden passende Methoden beherrschen, um eine Kultur der Inklusion zu entwickeln und über alle Ebenen zu verankern. Insbesondere Unternehmen aus der Tech-Industrie werden dadurch inklusiver, fairer, transparenter und unter dem Strich auch bei den Kunden erfolgreicher. Wie wollen Sie diese Ziele erreichen? Gemeinsam mit meinen Geschäftspartnerinnen Nadia Fischer und Verena Oberholzer will ich Unternehmen beispielsweise schon vor dem Rekrutieren, etwa beim Employer Branding, unterstützen. Das heisst, wie schreibe ich ein Stelleninserat? Wie sieht meine Website aus? Was posten wir auf Social Media, und vor allem wer? Wie – gender-neutral – läuft der Rekrutierungsprozess ab? Dies und mehr beeinflusst, wie attraktiv ein Unternehmen für Frauen ist. Wir betreiben ausserdem eine Jobplattform, die sich explizit an eine weibliche Zielgruppe richtet. Über unser «Women in Tech»-Onlineverzeichnis, das wir erstellen, sollen Firmen gezielt Frauen finden können. Ferner konnten wir bereits einer Reihe von Firmen dabei helfen, sich durch gezielte Eingriffe in die Firmenstruktur und Organisationsprozesse hin zu einer Kultur der Inklusion zu entwickeln. Wie haben Sie Ihren beruflichen Weg als Frau erlebt? Ich habe mich früh dafür entschieden, selbst darüber zu bestimmen, wo und für wen ich tätig bin. Nach der Ausbildung wollte ich weder bloss als Entwicklerin noch ausschliesslich als Designerin arbeiten, sondern alles machen. Das hat aber nichts mit dem Geschlecht zu tun. Ausschlaggebend war ein inspirierendes Umfeld, in dem viele Freunde selbstständig waren. Ich war einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Und ich hatte einen Chef, der mich förderte, mich in anspruchsvolle Projekte steckte und mit den richtigen Leuten in Kontakt brachte. So konnte ich genug Selbstsicherheit sammeln. Ausserdem konnte ich immer wieder selbst entscheiden, was ich machen möchte und wo ich mitwirken will. Hatten Sie das Gefühl, dass Sie mehr leisten mussten als Ihre männlichen Kollegen? Gerade in der Tech-Welt muss eine junge Frau ihre Kompetenz stärker beweisen. Der Anspruch, alles zu verstehen und mehr als 100 Prozent zu geben, ist bei mir immer noch sehr ausgeprägt. Das hat viel mit dem zunächst defensiveren, weiblichen Selbstvertrauen zu tun. Früher habe ich auch oft gehadert und mich nicht getraut. Fühlten Sie sich weniger akzeptiert als Männer in der Branche? Ja. Es kam vor, dass man mir etwas nicht zutraute, weil ich eine Frau bin. Wie sind Sie damit umgegangen? Manchmal hilft der Vorsatz: Jetzt zeige ich es denen! In der prä-gymnasialen Oberstufe zum Beispiel traute mir mein Mathelehrer nicht zu, dass ich es ans Gymnasium schaffe. Trotzdem habe ich die Matura bestanden. Später hatten meine Eltern Bedenken, weil ich mich selbstständig machte. Solche Erfahrungen trieben mich noch stärker an, etwas zu erreichen. Denn von nichts kommt nichts. Der Frauenanteil in IT-Berufen liegt in der Schweiz bei kaum 15 Prozent. Woran liegt das? Studien zeigen, dass fast 40 Prozent der Ausbildungsabschlüsse in den MINT-Berufen von Frauen gemacht werden. Die Frage ist, wohin diese Frauen nachher gehen. Denn in der klassischen Techbranche findet man sie nicht in vergleichbarem Ausmass. Das liegt am Berufsbild und an der Unternehmenskultur, die nicht inklusiv ist. Diversität zu rekrutieren, ist nicht schwer. Schwieriger ist es, die Frauen im Beruf zu halten. Da liegt viel Potenzial brach. Warum verlieren Unternehmen Frauen in der IT? Es gibt verschiedene Gründe. Ich weiss von Frauen, die sich in den Betrieben nicht ernst genommen fühlen. Andere müssen minderwertige Arbeit leisten, werden sexuell belästigt oder mundtot gemacht. Wenn ETH-Absolventinnen ihrem Chef Kaffee bringen müssen, dann haben sie irgendwann keine Lust mehr. Spätestens, wenn eine Frau eine Familie gründet, überlegt sie es sich zweimal, ob sie in einem solchen Umfeld arbeiten möchte. Ein anderer 13 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Women in Tech Titelgeschichte 51 « Es geht uns noch zu gut, um wirklich etwas verändern und die Chancen von mehr Diversität und Inklusion nutzen zu wollen. » Valérie Vuillerat, Gründerin, Witty Works für Frauen viel höher, wenn dort nur Männer im Management sitzen und die Firmen nach aussen repräsentieren. So fällt die Identifikation mit einem Arbeitgeber schwer. Warum ist der tiefe Frauenanteil ein Problem für die Branche? Die Belegschaft in der Produktentwicklung sollte ähnlich divers sein wie die Zielgruppe, für welche die Unternehmen ihre Leistungen erbringen. Frauen und Männer haben verschiedene Perspektiven auf die Welt. Deshalb ist es wichtig, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und mehr Vielfalt in die Unternehmenswelt zu bringen. Nur so können wir Lösungen entwickeln, die für die ganze Gesellschaft funktionieren. Die IT-Branche ist eine zukunftsweisende Branche. Dort entstehen neue Technologien wie KI oder Blockchain. Gerade im Machine Learning ist es essenziell, dass Systeme nicht nur von Männern lernen. Es kann für uns Frauen sogar sehr gefährlich werden, wenn KI ausschliesslich von Männern gemacht wird. Deshalb brauchen wir Diversität. Was können Unternehmen tun? Um Frauen wirklich zu halten, muss man am Mindset, an der Kultur arbeiten. Diese folgt meistens dem Vorbild der Unternehmensführung. Deshalb ist es essenziell, zuerst dort anzusetzen. Solange diejenigen die Entscheidungen treffen, für die das System stimmt, wird sich nichts ändern. Veränderung kommt also nur dann, wenn wir mehr Frauen in Führungspositionen bringen und eine Kultur der Inklusion schaffen. Dann wird das Rekrutieren, das Halten und das Fördern von Frauen in der IT leichter fallen. Ich habe diese Erfahrung als Chefin der Digitalagentur Ginetta selbst gemacht. Wir hatten nie Probleme, talentierte Frauen zu finden. Grund ist, dass unsere Unternehmensstrukturen in einer Zeit entstanden sind, in der nur Männer zur Arbeit gingen. Die Rollenverteilung war so, dass der Mann das Geld nach Hause brachte und die Frau sich um Haushalt und Kinder kümmerte. Damals dachte niemand daran, dass die Frauen eines Tages auch arbeiten werden. Wie wirkt sich das heute aus? Die Welt hat sich komplett verändert, aber die Firmenstrukturen bauen immer noch auf der patriarchalen Rollenverteilung auf. Dabei wollen Frauen heute arbeiten und immer mehr Männer Zeit mit der Familie verbringen. Gleichzeitig ist die Hemmschwelle für eine Bewerbung bei einer Firma Das System der Firmenstrukturen zu ändern, klingt nach einer schwierigen Aufgabe. Wie lässt sich dies umsetzen? Das ist eine ähnliche Herausforderung wie die Digitalisierung. Wenn die Digitalisierung nicht zuoberst auf der Agenda strategisch verankert ist und vom CEO vorangetrieben wird, wird sie nicht gelingen. Mit der Diversität ist es genau gleich. Sie ist kein HR-, sondern ein Führungsthema. Die Frauen sind bereit. Die Frage ist, sind es auch die Unternehmen? Dass Frauen in der IT kaum vertreten sind, wird seit Jahren von Politik, Unternehmen und Verbänden bemängelt, trotzdem tut sich in der Statistik kaum etwas. Warum ist das so? Das Problem ist noch zu wenig dringend. Es geht uns noch zu gut, um wirklich etwas verändern und die Chancen von mehr Diversität und Inklusion nutzen zu wollen. Das ändert sich jetzt. Junge Leute, auch Männer, werden nicht mehr für und mit Firmen arbeiten wollen, die nach dem alten System funktionieren und wo auf den Führungsetagen nur «male, pale & stale» regiert, wo also weisse, langweilige Männer entscheiden. Die Kundinnen und Kunden übrigens auch nicht. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 13 / 2018

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