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Netzwoche 13/2019

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24 Web Titelgeschichte

24 Web Titelgeschichte Dass OSS-Entwickler nicht für die Qualität ihrer Produkte haften, ist laut Schlauri ebenfalls ein Problem von Open Source. Entsprechende Lizenzen schliessen Garantien häufig aus. Der Zürcher Kantonsrat empfiehlt deshalb Wartungsverträge mit Dienstleistern, die auf die entsprechende Software spezialisiert sind. Ein weiteres Argument gegen quelloffene Lösungen ist deren unsichere Zukunft. Um ein Open-Source-Projekt langfristig und sicher zu gestalten, braucht es laut Matthias Günter Beharrlichkeit. «Der Aufbau einer Community kann Knochenarbeit sein», sagt der Präsident des OSS- Fördervereins CH Open. Im Falle der Verwaltung sei ein Aufbau mit mehreren Kunden und Lieferanten sinnvoll. Bund will Open Source weiter pushen Gegenüber den vielen Vorteilen von OSS stehen also noch einige Hürden, die gegen einen breiteren Einsatz in der öffentlichen Verwaltung sprechen. Im Leitfaden «Open-Source-Software in der Bundesverwaltung» nennt das ISB verschiedene Baustellen, die für Behörden im Speziellen von Bedeutung sind. Dazu zählen etwa Ausschreibungsverfahren und der Fachkräftemangel. Zur Förderung von OSS plant der Bund deshalb unterschiedliche Massnahmen. Im Jahr 2015 veröffentlicht das Bundesamt für Bauten und Logistik das Merkblatt «Software-Ausschreibungen: Sicherstellung eines breiten Wettbewerbs». Es beschreibt, wie OSS bei Submissionsverfahren zu behandeln ist. Laut dem ISB fehlt bei Beschaffungsvorhaben oftmals die Berücksichtigung der spezifischen Merkmale von OSS. Ein überarbeitetes Merkblatt soll deshalb die Vor- und Nachteile der verschiedenen Lizenzmodelle genauer beleuchten. Teilweise sind in Aufträgen direkt proprietäre Softwareprodukte ausgeschrieben, was OSS vorweg aus dem Prozess ausschliesst. «Das darf nicht sein», sagt Mark Waber, CEO des Schweizer Softwareentwicklers und Open-Source-Beraters Puzzle ITC. Insbesondere im öffentlichen Bereich gelte es, die Abhängigkeit von Softwarelieferanten kritisch zu betrachten. Es gebe jedoch auch immer wieder Ausschreibungen, die OSS als Kriterium integrieren. Mit Open Source versucht das ISB auch den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Die Verwaltung habe Mühe damit, qualifizierte Informatikmitarbeitende zu rekrutieren, heisst es im Leitfaden «Open Source in der Bundesverwaltung». Der Einsatz von OSS und die damit verbundene Entwicklerkultur seien jedoch Argumente für Fachleute, sich für eine Stelle zu bewerben. Der Bund will sich in der Öffentlichkeit deshalb als «Open-Source-freundlichen» Arbeitgeber positionieren. «Unternehmen, die mit Open-Source-Software arbeiten, sind bei jungen IT-Fachkräften sehr beliebt», erklärt Waber. OSS eigne sich deshalb gut für die Nachwuchsförderung. Die Möglichkeiten der gemeinschaftlichen Entwicklung einer quelloffenen Lösung entschärften den Fachkräftemangel ebenfalls. Bei Bedarf könnten Unternehmen auch auf Ressourcen aus dem Ausland zurückgreifen, ergänzt Christener von Adfinis Sygroup. Engpässe lassen sich so an vielen Stellen eliminieren. Christener hält jedoch auch fest, dass der Bedarf an lokalen Entwicklerfirmen bei einem stärkeren Fokus auf Open Source weiter zunehme. Politik und Wirtschaft müssen umdenken «Open-Source-Projekte sind aus der heutigen IT-Landschaft nicht mehr wegzudenken», sagt Waber von Puzzle ITC zum heutigen Stand von quelloffenen Lösungen. Trotz aller Hürden und Nachteile setzen bereits viele Unternehmen und Behörden in der Schweiz auf Open Source. Verschiedene Projekte haben sich bereits über Jahre hinweg bewährt und entwickeln sich dank einer breiten Community immer weiter. Auch die politischen Entwicklungen sprechen dafür, dass OSS in Zukunft weiter an Relevanz gewinnen wird. Für einen umfassenden Wechsel auf Open Source in den Schweizer Informatikdiensten sind die Weichen allerdings noch nicht gestellt. Der Umschwung benötigt noch Zeit. Das ISB ist gefordert, eine konkrete Umsetzung des Leitfadens «Open-Source-Software in der Bundesverwaltung» voranzutreiben. Auch die Denkhaltung in Behörden und Unternehmen muss sich für einen Wechsel ändern. «Weg von Lizenzen und hin zu Services», sagt Waber. OPEN-SOURCE-SOFTWARE Gründe für den Einsatz von Open-Source-Software (in %) sehr wichtig wichtig unwichtig weiss nicht Unterstützung von offenen Standards Hohe Verbreitung Breite Community für Wissensaustausch Erhöhte Sicherheit Erhöhte Stabilität Kosteneinsaprungen Fehlende Features / Funktionalitäten Sicherheitslücken Unsichere Zukunft von Projekten Keine passende Lösung vorhanden Fehlende Schnittstellen Abhängigkeiten von proprietären Systemen Unzureichende Stabilität 36,8 37,1 39,7 48,3 47,5 46,8 41,7 44,4 44,4 Hinderungsgründe beim Einsatz von Open-Source-Software (in %) sehr wichtig wichtig unwichtig weiss nicht 15,3 35,1 34,1 31,6 26,0 24,5 25,0 22,4 26,0 56,1 37,8 43,4 44,4 40,8 43,4 37,2 39,0 Den Artikel finden Sie auch online www.netzwoche.ch 26,5 28,6 28,1 24,5 31,6 31,6 32,1 11,7 15,2 16,1 17,2 19,0 20,0 1,0 0,5 0,0 1,4 1,5 1,5 2,1 2,0 2,5 6,6 2,6 2,6 4,7 Quelle: Open Source Studie Schweiz 2018 13 / 2019 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Web Titelgeschichte 25 « Die Verwaltung muss sich trauen, OSS zu einem zentralen Element zu machen » Vor über fünf Jahren hat Matthias Günter das Präsidium des Vereins CH Open übernommen. Im Interview erklärt der promovierte Informatiker, was ein gutes Open-Source-Projekt ausmacht und wie der Bund quelloffene Lösungen fördern kann. Interview: Linus Bauer Sind in den öffentlichen Informatikdiensten der Schweiz die Weichen für einen Wechsel auf Open-Source-Software (OSS) gestellt? Matthias Günter: Es gibt viele Ansätze, aber sie sind meines Erachtens nicht systematisch genug. Es geht nicht nur darum, Open Source zu verwenden, sondern auch herzustellen und mit anderen Verwaltungseinheiten zu teilen. Dies senkt dann nachhaltig die volkswirtschaftlichen Kosten. Die Verwaltung muss sich zutrauen, ein Akteur zu sein und Open Source zu einem zentralen Element der Digitalisierung zu machen. Falls die Verwaltungen selbst Software herstellen, welche Rolle spielt die IT-Wirtschaft dann noch? Die Verwaltung muss die Software nicht selbst inhouse herstellen, sondern kann diese Aufträge vergeben. Sie kann sogar das Community Building um die einzelnen Produkte herum outsourcen, wenn sie will. Die digitale Transformation braucht neben einer guten IT-Wirtschaft auch möglichst viele Leute in den Spitzen der Verwaltung und in Legislative und Exekutive, die selbst genügend Verständnis für IT und schlanke digitalisierbare Prozesse haben. Die Vorgaben und Prozesse von Bund, Kantonen und Gemeinden definieren letztlich, was machbar ist. Wenn diese Rahmenbedingungen gut sind, können alle Seiten voneinander und die Gesellschaft insgesamt profitieren. Was braucht es, um ein OSS-Projekt langfristig zu gestalten? Ausser einem guten Projekt und fähigen Beteiligten braucht es Beharrlichkeit. Ein Produkt lebt, wenn man daran glaubt und daran arbeitet. Der Aufbau einer Community ist Knochenarbeit. Dies gilt letztlich für alles, was nachhaltig wirksam sein soll. Es hilft auch, wenn ein Open-Source-Projekt von Anfang an auf Open Source ausgelegt ist. Im Falle der Verwaltung ist ein Aufbau mit mehreren Kunden und mehreren Lieferanten sinnvoll. Das Projekt muss auch zusammengehalten werden, einerseits organisatorisch und andererseits durch die Konzeption als Produkt. Welchen Stand hat OSS gegenüber proprietärer Software in Ausschreibungsverfahren? Wenn ein Auftraggeber die Ausschreibung richtig macht, kommt es auf dasselbe heraus. Das Problem ist, dass häufig in den Kriterien bereits ein Produkt ausgewählt ist oder dass im Lebenszyklusplan OSS und Nachhaltigkeit vergessen gingen. Jede Plattform erzeugt einen Lock-in. Diesen sollten Anwender nach Möglichkeit minimieren, was mit Open Source einfacher geht. In der Verwaltung war das lange Zeit kein Thema. Leider werden heute noch immer zu viele Ausschreibungen mit schlechten Kriterien versehen, die dann sinnvolle Lösungen für die Verwaltung ausschliessen. Welche Vorteile würde ein vollständiger Wechsel auf Open Source für die Schweizer IT-Wirtschaft bringen? Open Source brächte der Schweiz mehr Wertschöpfung und Potenzial für höherwertige Arbeit. Der Informatikbetrieb könnte mehr machen. Die entwickelten Bibliotheken und Programme könnten auch in der Wirtschaft zur Anwendung kommen. Es gilt zu bedenken, dass für die öffentliche Verwaltung Informatikkosten Overheadkosten sind. « Jede Plattform erzeugt einen Lock-in. » Matthias Günter, Präsident, CH Open Das vollständige Interview finden Sie online www.netzwoche.ch www.netzwoche.ch © netzmedien ag 13 / 2019

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