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Netzwoche 15/2017

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18 People Live « Ein Traktor bringt heute mehr Technologie mit als ein Tesla » Die Landwirtschaft steckt mitten im Strukturwandel. Francis Egger, beim Schweizerischen Bauernverband zuständig für die Digitalisierung, spricht über Drohnen, Daten und die aktuellen Herausforderungen für die Schweizer Bauern. Interview: Oliver Schneider « Der Eindruck, den die Bevölkerung von der Landwirtschaft hat, ist sehr oft falsch. » Francis Egger, Leiter des Departements Wirtschaft, Bildung und Internationales beim Schweizerischen Bauernverband ZUR PERSON Francis Egger ist seit 2010 beim Schweizerischen Bauernverband, wo er dem Departement Wirtschaft, Bildung und Internationales vorsteht. Er studierte an der ETH Zürich Agrarwirtschaft und erwarb 1986 das Diplom als Agraringenieur. Nach Praktika in Deutschland und Frankreich wechselte er 1987 ans Landwirtschaftliche Institut des Kantons Freiburg in Grangeneuve, dem er von 1996 bis 2010 als Direktor vorstand. Seitdem engagiert er sich im SBV auf Bundesebene. Seit 2016 ist er zudem Präsident der Versicherung Agrisano. Egger ist verheiratet, hat zwei Söhne und wohnt im freiburgischen Onnens. Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_59211 Wie hat sich die Landwirtschaft seit Ihrem Amtsantritt 2010 verändert? Francis Egger: Wir sind sehr abhängig von der Agrarpolitik und da gibt es fast alle vier Jahre Änderungen. Die letzte gros se Revision, die Agrarpolitik 2014 bis 2017, brachte viel Arbeit. Die nächste wird 2022 in Kraft treten. Die grösste Herausforderung der Landwirtschaft ist, dass sie immer zwischen zwei Fronten steht. Die einen wollen mehr Ökologie. Es gibt viele Initiativen, etwa bezüglich des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln. Die anderen fordern eine Liberalisierung der Landwirtschaft, das heisst mehr Wettbewerb. Was hat sich in technischer Hinsicht getan? Die Technik ist ein sehr interessantes Feld. Es gibt Leute, die denken, dass die Landwirtschaft altmodisch sei. Aber was die technische Entwicklung anbelangt, liegen wir an der Spitze. Die Landwirtschaft folgt hier gleich auf die Medizin. Das ist manchmal auch problematisch, denn wir stossen an ethische Grenzen, zum Beispiel bei der Gentechnologie. Auch in der Robotisierung liegen wir an der Spitze. Der Eindruck, den die Bevölkerung hat, ist sehr oft falsch. Natürlich verkaufen wir uns sehr traditionell. Wir haben auch ein sehr traditionelles Publikum. Aber die Realität in den Betrieben sieht anders aus. Es gibt einen Widerspruch zwischen Realität und Werbung. Die Werbung der Grossverteiler zeigt nicht die Realität, das ist langfristig gesehen problematisch. Wie spüren die Bauern die Digitalisierung? Die Digitalisierung ist momentan als Modethema omnipräsent. Aber die Technik, die wir jetzt nutzen, existiert eigentlich seit vielen Jahren. Was sich geändert hat ist, dass die Kosten dafür gesunken sind und die Technik somit breiter nutzbar wurde. Ausserdem haben wir durch die Entwicklung der IT die Möglichkeit, die Daten zu verwenden. Ein konkretes Beispiel für die Digitalisierung sind die Melkroboter. Von ihnen haben wir in der Schweiz jetzt 500. Verteilt auf 20 000 Milchproduzenten schneiden wir damit im Vergleich zu anderen Ländern ziemlich gut ab. Auch sonst arbeiten die Bauern bereits mit der IT. Die Bauernfamilien müssen viele Daten für die öffentliche Verwaltung, zum Beispiel die Tierverkehrsdatenbank, liefern. Dass ein Bauer heute ohne Computer auskommt, ist fast undenkbar. Mehr als 95 Prozent der Bauern übermitteln regelmässig ihre Daten per Internet. Wo sind neue Technologien denn schon im Einsatz? Wir haben schon selbstfahrende Maschinen. Ausserdem besteht die Möglichkeit zum «Precision Farming». Die Firma Ecorobotix aus Yverdon etwa entwickelte eine Maschine mit Sonnenkollektor, die Unkrautvertilgungsmittel direkt auf das Unkraut spritzt. Das bedeutet, man braucht pro Hektar 20-mal weniger Pflanzenschutzmittel. Ecorobotix fragte sich schliesslich: Warum spritzen wir überhaupt? Die Maschine könnte das Unkraut doch gleich mechanisch entfernen. In diese Richtung wird sicher noch viel passieren. Zudem können wir im Stall die Automatisierung, beispielsweise für die Fütterung, vorantreiben. Wie würde das aussehen? Es gibt etwa die Möglichkeit, im Stall Sensoren anzubringen. Diese liefern verschiedene Informationen. Ein Bauer mit Melkroboter kann morgens am Computer überprüfen, was nachts passiert ist. Warum hat eine Kuh nicht gefressen? Der Einsatz von Drohnen ist ein anderes Beispiel. In der Westschweiz wird im Weinbau mit Helikoptern Pflanzenschutzmittel gespritzt. Das ist natürlich nicht unproblematisch. Spezialisten fragten uns, warum wir das nicht mit Drohnen machen würden. Diese seien präziser und es gebe weniger Verluste als mit einem Helikopter. Mit Geodaten kann man ausserdem die Erträge auf dem Feld präziser messen und die Düngung besser koordinieren. Am Ende geht es bei solchen Technologien aber auch immer um die Frage, wie viel Geld sich damit sparen lässt. Sie erwähnten die Erzeugung einer grossen Menge von Daten. Was passiert in der Landwirtschaft in Bezug auf Big Data? Wir starteten dazu gerade ein Projekt. Wir sind überzeugt, dass es gut wäre, eine Datenbank für landwirtschaftliche Daten in der Schweiz zu schaffen. Die Bauern müssen viele Daten liefern: Für die Tierverkehrsdatenbank, für die Labels, für die Statistiken usw. Diese öffentlichen Daten sind wichtig, denn sie hängen mit Direktzahlungen und Kontrollen zusammen. Unsere Idee ist, eine nationale landwirtschaftliche Datenbank zu errichten. Dazu arbeitet der Schweizerische Bauernverband (SBV) mit Partnern wie Identitas, Agridea und Fenaco zusammen. Das Ziel ist, dass der Bauer seine Daten nur noch einmal eingeben muss. Er kann dann sein Einverständnis geben, dass diese Daten an andere Institutionen weitergegeben werden, etwa an die 15 / 2017 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 19 können, wo er sich mit seinen Daten im Vergleich zu anderen Bauern befinde, quasi ein Benchmarking. « Die Digitalisierung ist nicht das Allheilmittel. » Francis Egger, Leiter des Departements Wirtschaft, Bildung und Internationales beim Schweizerischen Bauernverband Welche Vorteile bietet die Digitalisierung der Landwirtschaft, abgesehen von der Möglichkeit, Kosten zu senken? Wir analysierten die Chancen und Gefahren. Die Chancen liegen beim Produktivitäts- und Effizienzgewinn, der Schonung der Umwelt und bei der Erhöhung des Tierwohls. Wir haben oft einen Konflikt zwischen Ökologie und Produktion. Aber mit dem erwähnten «Precision Farming» können wir Lösungen finden. Kein Bauer setzt mit Freude Pflanzenschutzmittel auf seinen Feldern ein. Aber es gibt nun mal Unkraut, Insekten und Krankheiten, die bekämpft werden müssen. Des Weiteren bietet sich auch eine Entlastung von monotoner und schwerer Arbeit. Jedes Jahr müssen Steine aus den Feldern entfernt werden. Es wäre besser, wenn das eine Maschine machen könnte. Dann eröffnen sich auch neue Geschäftsfelder und Geschäftsmodelle. Die Franzosen sprechen hier von disruptiver Forschung. Das ist Innovation. Dabei wird nicht etwas verbessert, das schon existiert, sondern etwas ganz Neues geschaffen. «Precision Farming» ist sicher keine einfache Aufgabe. Wie meistern landwirtschaftliche Betriebe diese Komplexität? Damit sprechen Sie die Gefahren der Digitalisierung an. Wir befürchten, dass einige Betriebsleiter sagen werden, dass dies alles nichts für sie sei und dass sie das nicht machen könnten. Wir müssen einfache Anwendungen entwickeln. Auch die Ausbildung und Beratung muss mithelfen. Wir haben zudem Angst, dass die neue Technologie eine Beschleunigung der strukturellen Entwicklung mit sich bringt. Wir verlieren pro Jahr zwischen 1 und 2 Prozent der Bauernbetriebe. Bei 50 000 Betrieben sind das 500 bis 1000 pro Jahr. Das ist schon viel. Aber wir wollen nicht, dass durch die technische Entwicklung 5 Prozent der Bauern pro Jahr ihren Betrieb aufgeben müssen. Ein anderes Problem sind die Kosten. Einen Computer anzuschaffen, das ist machbar. Aber ein Melkroboter kostet ein paar hunderttausend Franken. Zudem brauchen Sie Serviceverträge für diese Einrichtungen. Kantone, den Bund oder an Labelorganisationen. Der Bauer muss die Möglichkeit haben, über die Form und Verwendung der Daten zu bestimmen. Die Kontrolle über die Daten soll beim Bauern bleiben. Es wird nicht einfach, so ein System zu entwickeln, aber wir arbeiten daran. Setzt sich denn im Moment jeder Bauer abends noch an den Computer und muss diese Daten verschicken? Ja. In grossen Betrieben sitzen die Bauern tatsächlich jeden Tag vor dem Computer. Buchhaltung und Tierverkehrsdaten erfordern das. Ein Bauer sagte mir, er sitze eigentlich gerne im Büro – lieber als auf dem Traktor. Besonders bei kaltem Wetter! Aber mehrmals die gleichen Daten abzuliefern, das mache ihm keinen Spass. Er möchte lieber sehen Gibt es ausser der Datenbank noch andere IT-Projekte, an denen die Schweizer Landwirtschaft arbeitet? Es gibt ein paar Start-ups in der Schweiz. Für mich ist auch eine Revolution, wie Hard- und Software heute Hand in Hand gehen. Sie kaufen heute immer beides zusammen. Ein Traktor bringt heute mehr Technologie mit als ein Tesla. Wie steht die Schweizer Landwirtschaft im Vergleich mit dem Ausland da? Das ist schwer zu sagen. Wir haben im Moment viel Kontakt mit Deutschland und Frankreich. Da gibt es ganz verschiedene Denkweisen. In Frankreich gibt es viele Ideen, aber manchmal Schwierigkeiten bei der Konkretisierung. Wenn die Deutschen etwas machen, machen sie es nor- www.netzwoche.ch © netzmedien ag 15 / 2017

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