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Netzwoche 16/2016

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20 People Live «Wir

20 People Live «Wir haben zu wenig Leute aus der Maschinenindustrie im Parlament» Digitalisierung, Industrie 4.0 und IoT sind Themen, die auch die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie umtreiben. Die Initiative «Industrie 2025» soll die MEM-Industrie beim Schritt in die digitalisierte Zukunft unterstützen. Am Rande der neuen Fachmesse für Kommunikationsinfrastruktur Com-Ex in Bern traf die Redaktion Swissmem- Präsident Hans Hess zum Gespräch. Interview: Marc Landis, Redaktion: Gianna Crivelli « Die Digitalisierung wird noch 20 Jahre weitergehen. » Hans Hess, Präsident Swissmem, VR-Präsident Reichle & De-Massari Wie sehen Sie die Zukunft für den Werkplatz und Industriestandort Schweiz? Hans Hess: Ich bin sehr optimistisch für den Industriestandort Schweiz. Leider wurde er in den letzten Jahren immer wieder stark geprüft, etwa durch die Finanzkrise und die grossen Aufwertungen des Schweizer Frankens. Dies hat uns aber gezwungen, uns anzupassen und die Innovation und Effizienz massiv anzukurbeln. Die neuen digitalen Technologien helfen uns auf diesem Weg. Ich bin optimistisch für die Schweiz, wenn wir diese Technologien schnell genug zu unseren Gunsten nutzen. Swissmem ist gemeinsam mit Swissnet, Electrosuisse und Asut Mitinitiantin der Initiative «Industrie 2025», die im Jahr 2015 lanciert wurde. Warum hört man so wenig von den Resultaten der Initiative? Die teilnehmenden Firmen wollen nicht gross in der Öffentlichkeit darüber sprechen, was sie im Rahmen der Initiative machen. Sie wollen aber sicher mit den Kunden darüber sprechen, wenn sie etwas Neues zu bieten haben. Im Vorfeld des Industrietags 2016, der dem Thema «Industrie 4.0» gewidmet war, fanden wir bei einer Kurzumfrage heraus, dass bei unseren rund 1000 Mitgliedern bereits rund 1500 Industrie-4.0-Projekte unterwegs sind. Hier läuft also was. Um was für Projekte handelt es sich konkret? Ein klassischer Blechhersteller etwa baute ein Onlineportal für seine Kunden. Diese können ihre CAD-Zeichnungen in das Frontend hochladen und herausfinden, ob das Blech so herstellbar ist, wie sie es auf der Zeichnung vorgesehen haben. Sie können auch die Kosten erkennen und im Trial-und-Error-Verfahren ihr Design optimieren. Auch die anschliessende Offerte oder Bestellung an den Kunden läuft über dieses Portal. Die Initiative heisst ja «Industrie 2025». Was genau soll bis 2025 erreicht sein? Die Initiative ist eine Starthilfe, damit die Unternehmen ihren Einstieg in die Digitalisierung rascher finden. Mein Wunsch ist es, dass es nach 2025 die Plattform nicht mehr braucht, da alle Firmen ihren Einstieg gefunden haben und mit ihren Partnern und Kunden vernetzt sind. Und die Firmen bis dahin auch digitalisiert sind? Nein, das glaube ich nicht. Bis 2025 werden noch nicht alle Unternehmen digitalisiert sein. Sie werden aber keine Hilfe mehr brauchen, um herauszufinden, welche Digitalisierungsthemen für sie relevant sind. Denn aus dem ganzen Spektrum von Industrie 4.0 ist für ein Unternehmen nur ein Teil der digitalen Technologien relevant. Sie glauben also nicht an eine flächendeckende Digitalisierung der Schweizer Industrie? Doch, das glaube ich schon. Die Frage ist, bei welchen Themen. Es werden nie alle Firmen Virtual Reality oder 3-D- Printing nutzen und vielleicht nur 50 Prozent Big-Data- Projekte durchführen. Aber es ist mein Wunsch, dass alle Schweizer Firmen verstanden haben, wie sie die Digitalisierung zu ihren Gunsten nutzen können. Die Digitalisierung wird noch 20 Jahre weitergehen. Es werden sich laufend neue Möglichkeiten bieten und neue Ideen entwickeln. Etwa von jungen Mitarbeitern, die in dem digitalisierten Umfeld aufgewachsen sind. Und die werden vielleicht auch andere Ansprüche haben ... Ja genau. Wir haben jetzt nur von der Technik gesprochen. Aber es ändert sich bei der Digitalisierung viel mehr, etwa in der Arbeitswelt. Ich mache mir keine Sorgen, dass wir in der Maschinenindustrie in grösserem Ausmass Arbeitsplätze verlieren. Aber es wird einen gewissen Wechsel an Stellen und Aufgaben geben. Wie sieht dieser Wechsel aus? Einfache Routinearbeitsplätze werden verschwinden, neue Stellen wie etwa für Datenanalysten werden geschaffen. Hier ergibt sich eine weitere Herausforderung: Wie können wir Mitarbeiter, deren Fähigkeiten aus ihrer Erstausbildung nicht mehr gebraucht werden, weiterbilden, sodass sie in der neuen digitalisierten Industrie von morgen wieder einen Job haben werden? Das ist ein ganz wichtiges Thema. 16 / 2016 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

XXXXXXXXXXX XXXXXXXXXXXX 21 Und wahrscheinlich auch das am schwierigsten zu lösende Problem ... Ich bin für die MEM-Industrie eigentlich optimistisch. Die Firmen sind bereits weit automatisiert, es gibt wenig Routinearbeitsplätze. Nur ein kleiner Teil der klassischen Arbeitsplätze wird verschwinden. Es braucht weiterhin Polymechaniker oder Elektroniker, aber mit erweiterten digitalen Fähigkeiten. Es gibt aber andere Bereiche, wie der Detailhandel oder das Finanzdienstleistungsumfeld, die viel weniger automatisiert sind. In diesen Bereichen wird es wohl einen grösseren Strukturwandel im Arbeitsmarkt geben. Sind Sie zufrieden mit dem, was die Initiative «Industrie 2025» in den eineinhalb Jahren seit ihrer Lancierung erreicht hat? Wir haben Fortschritte gemacht. Ich bin allerdings mit der Geschwindigkeit des Fortschrittes noch nicht zufrieden. Es gibt doch aber immerhin 1500 Projekte. Ich hätte aber lieber 15 000 Projekte. Ich reise viel international und sehe, wie schnell andere Länder die neuen digitalen Technologien aufnehmen. Wir sind nicht die einzigen, die gemerkt haben, welche Chance die Industrie 4.0 bietet. Deshalb müssen wir Schweizer in den nächsten zwei, drei Jahren die digitalen Technologien auf der technischen Ebene und auch in der Arbeitswelt noch viel schneller integrieren. Wir sind hier noch zu gemächlich unterwegs und noch weit weg vom Ziel. Welche Länder sind im internationalen Vergleich denn besonders weit entwickelt? In Europa sind wir im industriellen Umfeld schon recht weit entwickelt. Eine Studie von Roland Berger zum Readiness Index für Industrie 4.0 positioniert die Schweiz und Deutschland an der Spitze. Für die Studie wird gemessen, wie gut die Prozesse beherrscht werden, wie hoch automa- « Es braucht weiterhin Polymechaniker oder Elektroniker, aber mit erweiterten digitalen Fähigkeiten. » Hans Hess, Präsident Swissmem, VR-Präsident Reichle & De-Massari www.netzwoche.ch © netzmedien ag 16 / 2016

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