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Netzwoche 16/2020

14 Business Nachgefragt

14 Business Nachgefragt Vom Silicon Valley ins Silicon Wallis Andy Abgottspon entwickelt seit knapp 20 Jahren Onlineplattformen, Apps, Games und High-End-Software. Am diesjährigen CNO Panel hält Abgottspon eine Keynote. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen aus dem Silicon Valley. Interview: Pascal Sieber i «Machen ist wie wollen, nur krasser.» VERANSTALTUNG Andy Abgottspon Das CNO Panel feiert am 26. Oktober 2020 das 20- Jahre-Jubiläum. Mit Christian Häuselmann und Andy Abgottspon erwarten Sie zwei Keynotes der Extraklasse. Auch die Kunst und Unterhaltung kommt wie immer nicht zu kurz. Lassen Sie von Christoph Rummel Ihre Leidenschaft entfachen. Das CNO Panel ist die Schweizer Plattform für das Top-Management mit Schwerpunktreferaten, Workshops und viel Raum für persönliches Networking. Freuen Sie sich auf relevante Statements aus Wissenschaft, Politik und Praxis – sowie auf Kunst und Kulinarik. www.cno-panel.ch Das vollständige Interview finden Sie online www.netzwoche.ch Man bezeichnet Sie als Unternehmer «durch und durch». Was bedeutet der Begriff Unternehmer für Sie? Andy Abgottspon: Machen ist wie wollen, nur krasser. Viele Leute haben eine Idee oder wollen gerne etwas sein. Sobald sie realisieren, wie viel Zeit, Risiko und Energie dies bedarf, lassen sie es sein. Unternehmerinnen und Unternehmer sind für mich diejenigen, die es trotzdem tun. Der legendäre Geiger Isaac Stern wurde einmal nach einem Konzert von einer Frau mittleren Alters angesprochen. Sie schwärmte: «Oh, ich würde mein Leben dafür geben, so zu spielen wie Sie!» «Lady», sagte Stern scharf, «genau das habe ich getan!» Was haben Sie aus Ihren ersten Schritten des Unternehmertums für die späteren Ventures mitgenommen? Bei mir fing dies mit 13 Jahren an, als ich meine ersten kommerziellen Websites erstellte. Ob für ein Hotel, den grössten Kabelnetzanbieter im Kanton zu dieser Zeit oder eine Foto-Community, die zu den meistbesuchten Seiten im Wallis gehörte: Bei jedem Projekt lernt man die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden kennen. Da mich alles interessierte – von Grafik über Programmierung bis hin zu Verkauf –, konnte ich alles aus einer Hand anbieten. Mit der Zeit waren meine eigenen Ansprüche in vielen Bereichen höher als die von Leuten, die sich nur mit Grafik, Programmierung oder Verkauf befassten. Es gibt den Spruch: «Jack of all trades, master of none.» Oft wird damit suggeriert, dass man entweder ein oberflächlicher Generalist ist oder in einem Gebiet eine hohe Expertise hat. Ich versuche lieber, ein «Master of many» zu werden. Malcolm Gladwell stellte die bekannte These auf, es brauche 10 000 Stunden, um einen Skill wahrlich zu meistern. Das würde also bedeuten, dass wir dies schon rein rechnerisch nur in wenigen Bereichen schaffen können. Sie haben viel Erfahrungen im Ausland gemacht. Was sind die Eigenheiten der Schweiz, die Sie verinnerlicht haben? Es wird gesagt, im Silicon Valley sei es anfangs einfacher, Risikokapital zu holen als in der Schweiz, wo die Investoren den ersten Teil dieses Begriffs oft noch nicht wirklich verstanden haben. Dazu kommt der Umgang mit dem Scheitern: In den USA ist es einem Early Investor klar, dass 90 Prozent seiner Hochrisikoinvestments scheitern werden. In der Schweiz suchen Investoren eine sichere Sache, die genau deswegen kaum entstehen kann, weil die nötigen Risiken, die es braucht, um wirklich einen Wandel zu bewirken, gar nicht erst finanziert werden. Sie sprechen von Metaphern, die wir neu erfinden sollen. Was meinen Sie damit? Entwickler arbeiten mit Metaphern, um Leuten den Einstieg in abstrakte Konzepte zu vereinfachen. Die erste Kontakte- App des iPhones sah aus wie ein Adressbuch, der erste Kalender wie eine physikalische Agenda. Auch das Symbol zum Knipsen eines Fotos ähnelte einer Kamera, inklusive Sound beim Abdrücken. Apple und Steve Jobs waren Pioniere dieses sogenannten Skeuomorphismus, obschon sie diesen nach einigen Jahren bewusst und nahezu vollumfänglich aufgaben, oder aufgeben mussten. Der Grund: Die Metaphern kamen ans Limit. Wo bringe ich in meiner Adressbuch-Metapher nun die Suchfunktion unter, wenn mein physikalisches Adressbuch diese Funktion gar nicht hat? Zudem hatten die Metaphern mittlerweile ihren Zweck erfüllt und die Mehrheit der Benutzer das Prinzip verstanden. Im Vergleich zur Digitalkamera musste man zwar neu erlernen, wie man dort ein Foto schiesst, dafür war es in einem Klick weitergeschickt, ohne SD-Karten-Jongliererei. Was geben Sie den Managerinnen und Managern mit auf den Weg? Wie Steve Jobs sagte: «Stay hungry, stay foolish.» Erlaubt euch und euren Leuten, Fehler zu machen, und lernt daraus. Ein gewisses Mass an Chaos schafft neue Gedanken. Zu viel Chaos ist schwer kontrollierbar. Kein Chaos bedeutet Stillstand. Wenn ihr nicht absolut überzeugt seid und nicht an euch glaubt, dann gibt es gar keinen Weg. Wenn ihr es aber tut, gibt es immer einen. 16 / 2020 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Business Nachgefragt 15 « Auf dem Payment-Markt ist es so spannend wie nie zuvor » Sandro Graf leitet das Swiss Payment Research Center, ein Forschungskompetenzzentrum zu Fragen des bargeldlosen Zahlungsverkehrs des Instituts für Marketing Management an der ZHAW in Winterthur. Welche Trends er im Payment- Markt sieht und warum Kreditkartenherausgeber unter der Pandemie leiden, sagt er im Interview. Interview: René Jaun Sie beobachten den Schweizer Payment-Markt sehr genau. Was ist gerade besonders angesagt? Sandro Graf: Schon länger sind Debitkarten ein Payment- Liebling von Herrn und Frau Schweizer. Dieser Trend wird auch weiter anhalten. Neu werden auch Debitprodukte speziell für Onlinezahlungen eingesetzt. Was auch langsam Fahrt aufnimmt, ist Mobile Payment. Zwar hält es sich im Gesamtbild noch auf tiefem Niveau, wird aber deutlich besser bewertet und auch vielseitiger eingesetzt. « Ich würde mir einen anbieterübergreifenden, einfachen Check-out-Prozess wünschen. » Sandro Graf, Dozent für Konsumentenverhalten und Customer Experience Management an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW Wo hat Mobile Payment denn konkret zugelegt? Einerseits hat Mobile Payment vor allem in Onlinebereich – im sogenannten Distanzgeschäft – Marktanteile gewonnen. Andererseits geht die Nutzung der Peer-to- Peer-Zahlungen – direkte Geldüberweisungen von Person zu Person – stark nach oben. Derweil werden laufend neue Payment-Produkte entwickelt. Welche davon faszinieren Sie persönlich am meisten? Was mich fasziniert, und was ich mir auch persönlich wünsche, sind unkomplizierte Lösungen für den Checkout im Onlinebereich. Heute muss man noch zu oft von Hand seine Zahlungsdetails eintragen. Es gibt zwar bereits nutzerfreundliche Lösungen wie etwa Apple Pay oder Paypal. Ich würde mir jedoch einen anbieterübergreifenden, einfachen Check-out-Prozess wünschen. Weiter beobachten meine Kollegen und ich spannende Entwicklungen im Bereich Kryptowährungen. Und auch Wearables – etwa Ringe oder Uhren, mit denen man bezahlen kann – gewinnen möglicherweise in Zukunft an Bedeutung. Konnte der Payment-Markt von der Pandemie profitieren? Man könnte vielleicht meinen, dass Kreditkartenfirmen zu den grossen Profiteuren der Coronakrise zählen – aber das stimmt nicht. Zwar hat sich das Zahlungsverhalten in den vergangenen Monaten zugunsten der Kartenprodukte verändert. Vor allem das kontaktlose Zahlen legte während des Lockdowns zu. Negativ entwickelte sich jedoch gleichzeitig das Konsumverhalten: Es wurde weniger konsumiert, und die Auslandstransaktionen sind regelrecht eingebrochen. Abgesehen vom Distanzgeschäft gingen die Umsätze während des Lockdowns deutlich zurück. Und wie entwickelt sich die Situation weiter? Umsatzmässig gehören Kreditkartenherausgeber bisher eher zu den Verlierern der Pandemie. Aber sollten die Einschränkungen weiter gelockert werden, konsumieren wir auch wieder mehr. Entsprechend dürfte sich der Markt erholen. Ob sich das Zahlungsverhalten nachhaltig stärker zugunsten der Kartenprodukte ändert, muss sich zuerst noch zeigen. Was ist Ihre Kernbotschaft an die Besucher des Swiss Payment Forums? Auf dem Payment-Markt ist es so spannend wie nie zuvor. Einerseits erlebten wir gerade einen Digitalisierungsschub. Andererseits gibt es viele spannende Entwicklungen: von digitalen Identitäten über Real-time-Payment bis hin zu Mobile Payment. Das zeigt sich auch im Vortragsprogramm der diesjährigen Konferenz: Die Diversität der Themen ist viel grösser als in vergangenen Jahren. Auf welchen Vortrag freuen Sie sich besonders? Am zweiten Konferenztag spricht Key Pousttchi zum Thema «Die verblendete Gesellschaft – warum uns keiner die Wahrheit über die Digitalisierung sagt». Pousttchi hat nicht nur sehr viel Wissen weiterzugeben, sondern ist auch ein begnadeter Keynote-Sprecher, auf den ich mich sehr freue. Das Interview finden Sie auch online www.netzwoche.ch www.netzwoche.ch © netzmedien ag 16 / 2020

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