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Netzwoche 17/2017

22 Business

22 Business Titelgeschichte Offene Datenbanken gegen Oracle Oracle und Microsoft sind Leader im Markt für Enterprise-Datenbanken. Andere Optionen gab es lange Zeit nur wenige. Das hat sich geändert. Die Open-Source-Community schafft nun eigene, offene Datenbanken und zielt mit ihnen hauptsächlich auf Oracle ab. Die Redaktion schaute sich im Markt um und fand gleich mehrere Alternativen. Vor allem PostgreSQL könnte Oracle das Leben schwer machen. Autor: Marcel Urech 17 / 2017

Business Titelgeschichte 23 Wer Zahlen zu Enterprise-Datenbanken sucht, hat es nicht leicht – es gibt fast keine. Einen Hinweis gibt die Website db-engines.com. Sie wertet unter anderem Bing, Google, Linkedin, Stack Overflow, Twitter und Yandex aus. Sie errechnet so einen Wert, der die Beliebtheit einer Datenbank verrät. Oracle führte das Ranking per Oktober mit 1348,80 Punkten an, gefolgt von MySQL (1298,83) und Microsoft SQL (1210,32). 46 Prozent aller Punkte fielen im Oktober auf offene Datenbanken. Das sind 10 Prozentpunkte mehr als im Januar 2013. Die Beliebtheit der proprietären Datenbanken sank hingegen von 64 auf 54 Prozent. 6 Datenbanken in den Top 10 sind quelloffen: Ausser MySQL auch Postgre- SQL (Rang 4), MongoDB (5), Cassandra (8), Redis (9) und Elasticsearch (10). Gartner sagt voraus, dass bis 2018 70 Prozent aller neuen Applikationen auf Open-Source- Datenbanken laufen werden. Der Druck auf Oracle wächst Ist dieser Trend auch im Schweizer Markt spürbar? Ja, sagt Sandro Köchli, Mitgründer und Verwaltungsrat des Open- Source-Dienstleisters Adfinis Sygroup (Interview auf Seite 25). «Vor allem Oracle ist massiv unter Druck geraten. Viele Schweizer CIOs ärgern sich über die Lizenzbedingungen des Unternehmens und wollen Oracles Ökosystem verlassen», sagt Köchli. Eine Umfrage von Euro-CIO zeigt, dass dieser Eindruck nicht täuscht. Die Organisation befragte letztes Jahr 100 europäische Informatikleiter. 80 Prozent der Grossfirmen fanden die Verträge von Oracle zu starr. 75 Prozent sagten, dass die Lizenzbedingungen zu unflexibel seien. Und 60 Prozent gaben an, dass sie lieber auf andere Lieferanten zurückgreifen würden. 50 Prozent der befragten CIOs seien sogar daran, eine Exit-Strategie zu entwickeln, um ihre Beziehung zu Oracle zu beenden. Die Redaktion wollte von Oracle wissen, was das Unternehmen dazu sage. Offenbar gar nichts – Oracle wollte sich nicht zur Umfrage von Euro-CIO äussern. Auch auf alle anderen Fragen der Redaktion ging der Datenbankspezialist nicht ein. Wer einmal drin ist, kommt fast nicht mehr raus Unternehmen müssen sich gut überlegen, wo sie ihre Daten lagern. Denn der Wechsel einer Datenbank ist nicht trivial. Viele Anbieter nageln ihre Kunden fest: Wer ein geschlossenes Ökosystem verlassen will, dem werden Steine in den Weg gelegt. Diese Taktik nutzt nicht nur Oracle, aber der Konzern ist besonders gut darin. «Oracle bietet eine Oracle-Cloud für Oracle-Kunden an», heisst es in einem Newsletter der Analystenfirma 451 Research treffend. Wer die Datenbank trotzdem wechseln will, kann mittlerweile auf spezialisierte Dienstleister zurückgreifen. Etwa auf Open-SCG. Der Anbieter hat Oracle-Kunden im Visier und hilft ihnen bei der Migration auf PostgreSQL – auch in Europa. Die Kunden würden oft schon nach 6 bis 12 Monaten – spätestens nach zwei Jahren – finanziell von einem Wechsel profitieren. Köchli sagt im Gespräch, dass der Return on Investment oft sogar schon nach 3 bis 6 Monaten erzielt sei. Adfinis arbeitet mit dem niederländischen Postgre- SQL-Spezialisten Splendid Data zusammen. Er bietet Service Level Agreements für Unternehmen mit 24/7-Support und ohne Vendor Lock-in an. Adfinis wiederum übernimmt die Projektleitung, kümmert sich um die Architektur, den Betrieb und betreut die Schweizer Kunden vor Ort. Es gibt Alternativen Open-Source-Datenbanken hatten lange den Ruf, nicht Enterprise-ready zu sein. Das ist vorbei. Heute gibt es gleich mehrere Alternativen. Unter anderem MariaDB, MongoDB und PostgreSQL. Wer von Oracle weg will, beschäftigt sich meist mit PostgreSQL. Der Hauptgrund dafür dürfte sein, dass die Datenbank eine sehr hohe Kompatibilität mit Oracle-Datenbanken hat und ein Wechsel machbar ist. Die Technologie entstand in den 80er-Jahren an der University of California in Berkeley und hiess zuerst Postgres und Postgres95. Am 8. Juli 1996 wurde die erste Version unter dem Namen PostgreSQL veröffentlicht. Heute bietet die Datenbank moderne Funktionen wie Back-up und Point-in-Time-Recovery, Server Side Programming, NoSQL-Datentypen, logische Replikationen und unzählige Erweiterungen für fast jeden Anwendungsfall. Die Entwicklung der Datenbank verläuft ähnlich wie beim Linux-Kernel. Hinter der Technologie steht nicht ein Unternehmen, sondern eine Community. Im Gegensatz zu vielen proprietären Datenbanken läuft PostgreSQL auf etlichen Betriebssystemen. Unter anderem auf diversen Linux-Derivaten, Microsoft Windows, OSX, HPUX, AIX, Solaris und BSD-Variationen. Entwickler bevorzugen PostgreSQL «Wir glauben, dass Oracle unglaublich verwundbar ist, weil das Unternehmen die Herzen und Seelen der Entwickler verloren hat», sagte Dev Ittycheria, CEO von MongoDB, gegenüber dem Magazin Crainsnewyork.com. Ein Blick auf die Ergebnisse der Developer Survey 2017 von Stack Overflow, der grössten Entwicklerumfrage der Welt mit rund 64 000 Teilnehmern, stützt diese Aussage. 63,1 Prozent aller Entwickler, die mit der Oracle-Datenbank arbeiten, wollen sie künftig nicht mehr einsetzen. «Oracle ist die meistgefürchtete Datenbank überhaupt», bilanzieren die Studienautoren. Hingegen sagten 60,8 Prozent der Entwickler, die PostgreSQL nutzen, dass sie die Datenbank auch in Zukunft verwenden wollen. Wenn die Cloud plötzlich das Doppelte kostet Oracle hat noch ein weiteres Problem: die Cloud. Wichtige Technologien des Unternehmens laufen zwar auch in Illustration: Malchev / iStock.com www.netzwoche.ch © netzmedien ag 17 / 2017

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