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Netzwoche 17/2019

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16 People Live Was macht

16 People Live Was macht eigentlich ein Ergonome? « Je einfacher man es dem Nutzer macht, desto zufriedener sind alle » Die Ergonomen Usability feierte kürzlich das zehnjährige Bestehen. Gründer und Verwaltungsratspräsident Christopher Müller spricht im Interview über den Weg der Usability vom Buzzword zum Trendwort, warum er bei seiner Arbeit nicht nach Fehlern sucht und wie sich sein Unternehmen in den nächsten zehn Jahren weiterentwickeln könnte. Interview: René Jaun « Dass sich so viele Usability auf die Fahne schreiben, ist ein Beleg dafür, wie wichtig das Thema ist. » i Christopher Müller, Gründer und VR ­ Präsident, Die Ergonomen Usability ZUR PERSON Christopher Müller studierte Umweltnaturwissenschaften mit Vertiefungsrichtung Ergonomie und Risikokommunikation an der ETH Zürich. Im Jahr 2000 promovierte er am Institut für Hygiene und Arbeitsphysiologie der ETH. Begleitend zur Doktorarbeit absolvierte Müller den Nachdiplomkurs «Risiko und Sicherheit» an der ETH Zürich, der EPF Lausanne und an der Universität St. Gallen mit Abschluss im Bereich «Risikowahrnehmung von diffusen Gesundheitsrisiken». Seit 2001 beschäftigt sich Müller mit dem Thema Benutzerfreundlichkeit. Im selben Jahr startete er Ergonomie & Technologie – eine Spin-off-Firma der ETH Zürich. 2009 gründete Müller Die Ergonomen Usability und ist auch Inhaber des Unternehmens. Christopher Müller: Einem Ergonomen geht es immer darum, effizientes und effektives Arbeiten zu ermöglichen, also dass eine Arbeit schnell, in guter Qualität und mit möglichst wenig Fehlern erledigt werden kann. Er kümmert sich um die effiziente und effektive Arbeit oder gute Arbeitsplätze. Er befasst sich auch mit der Benutzerfreundlichkeit von Software, Bedienungsanleitungen, Geräten oder Produkten aller Art. Und was macht einen besonders guten Ergonomen aus? Bei uns in der Firma geht es oft um eine besondere Art der Ergonomie. Wir fokussieren auf Softwareergonomie, auf die Ergonomie der Kommunikation und um Design oder anders gesagt um möglichst einfache Produkte und um eine bewältigbare Komplexität. Bei uns zeichnet sich ein guter Ergonom durch seine Empathie aus. Dank der Fähigkeit, den Nutzer zu verstehen und sich in ihn hineinzuversetzen, können wird aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen ein besseres Produkt für den Auftraggeber umsetzen. Er kann eine Perspektive einnehmen, die der Produktentwickler selbst nicht mehr einnehmen kann, wegen seiner Innensicht und Voreingenommenheit. Wie hat sich Ihre Firma in letzter Zeit verändert? Wir haben uns zum zehnten Geburtstag eine grundlegende Reorganisation geschenkt, weg von einem patronalen hin zu einem flexibel geführten Unternehmen. Lukas Bänninger wurde vom COO zum CEO befördert. Das Leadership-Team umfasst neben dem CEO neu vier Personen, die sich die Aufgabenbereiche teilen. Die ganze Verantwortung wird jetzt von dieser verbreiterten Geschäftsleitung wahrgenommen. In den zehn Jahren davor hing die Leitung an einzelnen Personen: In den ersten fünf Jahren an mir, und danach zusätzlich an Lukas Bänninger. Ich bin sehr froh, dass diese Umstellung so rasch und vor allem gut funktionierte. Die Ergonomen gibt es seit zehn Jahren. In dieser Zeit entwickelte sich «Usability» vom seltenen Fachbegriff zum Buzzword. Wie kam es dazu? Einerseits ist es eine normale Entwicklung: Je länger man über etwas redet, desto mehr besteht die Chance, dass es in den Alltagsgebrauch übergeht. Gleichzeitig hat sich der Markt verändert: Mit der Einführung von Smartphones mit Touchbedienung und der generellen Vereinfachung von Produkten weg von überladener Software hin zu Apps mit einer zentralen Funktion, haben wir uns alle auch zu einfacheren Produkten erzogen. Den Fokus legen wir heute weniger auf den Funktionsumfang als auf Einfachheit. Diese Entwicklung verlief gerade in den letzten zehn Jahren rasant. Usability ist für mich aber nicht so sehr ein Buzzword als vielmehr eine Grundbedingung, die an Produkte gestellt wird. Dass sich so viele Usability auf ihre Fahne schreiben, ist ja ein Beleg dafür, wie wichtig das Thema ist. « Uns geht es nicht darum, den Finger in die Wunde zu legen. » Christopher Müller, Gründer und VR ­Präsident, Die Ergonomen Usability Sie selbst sind schon seit fast 20 Jahren in dem Bereich tätig. Wie und warum kamen Sie damals zur Usability? Ich doktorierte zwischen 1996 und 2000 am Institut für Hygiene und Arbeitsphysiologie an der ETH Zürich. Ich erforschte damals das Thema Elektrosensibilität und hatte viel mit betroffenen Menschen zu tun. Dass ich mich für Usability zu interessieren anfing, war so eine Art Eingebung: auch da hat man mit Menschen zu tun, die unter schlechten Produkten und komplizierten Prozessen «leiden». Diese Arbeit mit Menschen, die Möglichkeit, etwas zu verbessern und mit wenig viel zu bewirken, hat mich fasziniert. Am Institut gab es auch eines der ersten Usability-Labs in der Schweiz. So ergab sich die Chance, mit einem Kollegen zusammen ein Spin-off zu gründen und dieses Usability-Labor zu privatisieren. Laut Ihrem LinkedIn-Profil sind Sie in einem Tennisklub aktiv. Gibt es da auch eine Analogie zur Usability? Vielleicht die vielen Ballwechsel? Na ja, für mich ist Tennis in erster Linie ein Ausgleich. 17 / 2019 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 17 Christopher Müller, Gründer und VR ­ Präsident, Die Ergonomen Usability Reden wir ein wenig über Usability: Was macht eine gute User Experience aus? Wenn wir von User Experience reden, sprechen wir vom Erlebnis, das der Benutzer beim Bedienen eines Produkts oder beim Verstehen einer Kommunikation hat. Es geht weniger um konkrete Farben und Formen, mit denen ein Front-End besonders gut aussieht. Eine gute User Experience ist dann gegeben, wenn der Nutzer ein Produkt intuitiv verwenden kann. Er muss sein ursprüngliches Ziel effizient erreichen können. Dabei sollte er möglichst positive Emotionen erleben. Wer oder was ist der grösste Feind guter Usability? Aus der Erfahrung heraus würde ich sagen, es sind die Innensicht und die eigene Überzeugung. Auf dem Weg der Produktentwicklung trifft man ja eine Menge Entscheidungen – bewusst und unbewusst. Und oft vergisst man, dass manche dieser Entscheidungen für den Benutzer nicht einfach so nachvollziehbar sind. Die Entwickler kennen den ganzen Prozess, der User sieht aber nur das Endprodukt. Und diese unterschiedliche Wahrnehmung zu ignorieren, ist der grösste Fehler, den man machen kann. Welche Rolle spielt Geld in Bezug auf gute Usability? Das Budget spielt natürlich eine Rolle. Aber es gibt jene, die begriffen haben, dass sich die Investition in Usability, in die Aussensicht auf jeden Fall lohnt. Und in diesen Fällen ist das Budget auch nicht das Problem, zumal es oft nicht darum geht, riesige Projekte daraus zu machen. Es reicht oft, die Aussensicht in den Entwicklungsprozess einzubeziehen. So gesehen spielt die Reife der Stakeholder eine grössere Rolle. Aber wenn wir eine Analogie finden möchten, denke ich eher an ein Tennis-Doppel, weil man es oft mit Partnern zu tun hat. Natürlich kommt es beruflich vor, dass wir dem Benutzer einen Ball zuspielen. Wenn dann «ein böser Slice» zurückkommt, liegt es an uns, eine Lösung zu finden. Aber ich glaube, diese Tennis-Metaphern sind recht weit hergeholt. Was sind häufige Fehler, die im UX-Design gemacht werden? Da bin ich überfragt. Wir konzentrieren uns bei der Arbeit auf das Potenzial und schauen, wie es sich effizient nutzen lässt. Wir erstellen keine Listen mit Fehlern oder Bugs, denn es geht uns nicht darum, den Finger in die Wunde zu legen. Würden wir anfangen, von Fehlern zu sprechen, würden wir automatisch eine Konfrontation schaffen, die nicht zielführend wäre. Wir wollen das Potenzial, die Möglichkeiten aufzeigen und konkrete Verbesserungsvorschläge aus Sicht der Benutzer erarbeiten. Wir geben auch nie dem Entwickler die Schuld, wenn während eines Benutzertests etwas nicht funktioniert. Vielmehr schauen wir mit dem Entwickler gemeinsam an, wie ein Prozess verbessert werden kann. War diese Offenheit, dieser Fokus auf das Potenzial, schon immer Teil der Ergonomen? Ja, sie ist ein Bestandteil unserer Philosophie. Einer unserer Werte lautet «we deliver». Wir wollen bewusst mit Spass bei der Sache sein. Würden wir auf Fehler pochen, würde unsere Arbeit keinen Spass mehr machen, und wir wären www.netzwoche.ch © netzmedien ag 17 / 2019

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