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Netzwoche 18/2018

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12 Business Event Wie

12 Business Event Wie die Digitalisierung die Food-Branche durchrüttelt 350 Vertreter der Agro-Food-Branche haben die vierte Ausgabe der Konferenz «Brennpunkt Nahrung» besucht. Sie zeigte, dass es in der Agro-Food-Branche noch jede Menge zu digitalisieren gibt. Eine Rednerin trat allerdings auf die Bremse und warnte vor zu viel Digitalisierung. Autor: Marcel Urech « Nur Dopamin-Junkies und digitale Deppen sind in Nanosekunden erreichbar. » Anitra Eggler, Digitaltherapeutin In der Messe Luzern hat zum vierten Mal die Konferenz «Brennpunkt Nahrung» stattgefunden. Es waren rund 350 Vertreter aus der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft anwesend, rund 10 Prozent mehr als letztes Jahr. Der Event drehte sich um die Digitalisierung in der Agro-Food-Branche. Der «Start-up Innovation Corner» stiess auch dieses Jahr wieder auf grosses Interesse. Digitalisierung in der Lebensmittelwirtschaft Dass es beim Thema Digitalisierung in der Agro-Food- Branche noch viele Hemmschwellen gibt, zeigte der Vortrag von Roger Gaemperle, Leiter Digitalisierung Food & Beverage Industry Segment bei ABB. Er fasste zusammen, wie die Digitalisierung die Lebensmittelwirtschaft durchrüttelt. Die Treiber für diese Entwicklung sind nicht nur Kunden und Konkurrenten. Auch die Blockchain, neuartige Sensoren und Datenanalysen, das Internet der Dinge, CPU-Power aus der Cloud, Edge Computing und künstliche Intelligenz treiben die digitale Transformation in der Agro-Food-Branche voran. Zu viel Digitalisierung schadet Einen Kontrapunkt zur Digitalisierungsdebatte setzte Anitra Eggler, die sich selbst als Digitaltherapeutin bezeichnet. «Die digitale Revolution ist vorbei», sagte sie in ihrem Referat. Der Homo sapiens sei der Verlierer der digitalen Revolution, die Gewinner hiessen Alphabet, Amazon, Apple, Facebook und Microsoft. «Wenn Sie die Ausnutzungsbedingungen von Google nicht akzeptieren, können sie den Dienst nicht nutzen.» Die Menschheit lebe in einer «digitalen Diktatur», darum müsse der Mensch die Digitalisierung nun humanisieren. «Ich habe mich digital therapiert», sagte Eggler. Es sei ihr gelungen, das «digitale Hamsterrad» zu verlassen und den E-Mail-Wahnsinn abzuschalten. Der durchschnittliche Büroarbeiter checke 36 Mal pro Tag seine E-Mails. Neue E-Mails würden das Belohnungszentrum im Hirn aktivieren. Auch das «Sinnlos-Surf-Syndrom» habe sie überwunden. Menschen würden dazu neigen, genau dann planlos im Web herumzusurfen, wenn sie eigentlich unterbrechungsfrei arbeiten könnten, sagte Eggler. Weitere Probleme in der Arbeitswelt seien Meeting-Malaria, Präsentations-Pest und Smartphone-Sucht. «Das Handy macht genau so süchtig wie Nikotin, Pornos und Alkohol», sagte Eggler. Dem Publikum gab Eggler Tipps, wie man den Tag offline starten und zuerst die unangenehmen Dinge erledigen kann. Erst dann sollte man online gehen und die Kommunikationskanäle öffnen. «Nur Dopamin-Junkies und digitale Deppen sind in Nanosekunden erreichbar.» Zudem sei es eine unternehmerische Aufgabe, die Mitarbeiter in einer Firma vor dem digitalen Hamsterrad zu schützen. Hemmschwellen abgebaut «Die Rückmeldungen der Teilnehmenden sind sehr positiv», zitieren die Veranstalter die Kongressleiterin Barbara Kretz in einer Medienmitteilung. «Es sind inspirierende Diskussionen entstanden und ich bin überzeugt, dass das Publikum nachhaltige Schlüsse daraus ziehen konnte.» «Es ist uns gelungen, einen umfassenden Einblick in die Welt der Digitalisierung zu geben und dabei stets unsere Branche im Fokus zu haben», kommentiert Urs Reinhard, Präsident des Conference Boards. «Ich bin überzeugt, dass wir heute einige Hemmschwellen abbauen konnten.» Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_114743 18 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Business Nachgefragt 13 Per Blockchain zum digitalen Mietvertrag Lösen Smart Contracts bald den Mietvertrag ab? Die Blockchain scheint wie geschaffen für die Digitalisierung der Miete. Drei Schweizer Firmen entwickeln Lösungen, die Mietern und Vermietern den Alltag erleichtern sollen. Autor: Oliver Schneider Wie können Unternehmen die Blockchain konkret nutzen? Wird diese Frage an Events gestellt, gehen die Antworten oft in zwei Richtungen. Entweder der Referent macht technische Erläuterungen dazu, die Verständnis und Fachwissen der Anwesenden herausfordern. Oder es folgt ein Feuerwerk an Versprechungen, welche die Blockchain als Mittel für alle möglichen Anwendungsszenarien anpreisen. Tim Weingärtner, Professor am Departement Informatik der Hochschule Luzern (HSLU), wählte einen anderen Ansatz. Im Blog der HSLU erzählte er die Geschichte eines Bauern. Dieser möchte seine Alphütte an Wanderer vermieten und dabei auf einen Dienstleister wie Airbnb verzichten. Also hängt er ein smartes Schloss an die Tür und lässt Touristen per QR-Code einchecken. Dabei wird automatisch der Mietvertrag aktiviert und ein Depot hinterlegt. Checken die Gäste aus, wird das Schloss wieder verriegelt, das Depot ausbezahlt und der Bauer erhält den Mietbetrag. All dies soll per Blockchain respektive Smart Contract sicher, zuverlässig und mit minimalem Zeitaufwand funktionieren. «Seine Hütte konnte die Verträge ganz ohne ihn abschliessen», schreibt Weingärtner über die Erfahrungen des Bauern. Digitalisierung des Mietprozesses Das Beispiel der smarten Alphütte ist noch Fiktion, das Interesse der Immobilienbranche an der Blockchain jedoch ganz real. Vor gut einem Jahr kündigte die Investmentfirma Swiss Prime Site eine Partnerschaft mit dem Zuger IT-Beratungsunternehmen Inacta zur Entwicklung von Lösungen auf Basis der Technologie an. Inacta zielt auf die Entwicklung des digitalen Mietvertrags, wie Markus Fischer, Business Development Real Estate, sagt. Bei der Vermietung sei heute immer noch viel Papier, Verhandlungsaufwand und manuelle Arbeit im Spiel. Die Blockchain mit ihren Stärken Nachvollziehbarkeit, Automation, Unveränderbarkeit und sichere Werteübertragung könne diesen Prozess stark vereinfachen. «Die heutigen Vertragsinhalte mit den komplexen Regelwerken eines Mietverhältnisses werden in Software-Code gegossen», sagt Fischer. Bis der altbekannte Mietvertrag verschwinde, werde es allerdings noch einige Jahre dauern. Zum einen, weil die Technologie noch in den Kinderschuhen stecke. Zum anderen, weil manche Immobilienunternehmen der Blockchain skeptisch gegenüberstünden. Die Hypothekarbank Lenzburg geht noch einen Schritt weiter und will auf Grundlage der Blockchain den gesamten Mietprozess digitalisieren. «Die involvierten Parteien sollen alle Interaktionen digital ausführen können – von der Interessensbekundung an einem Mietobjekt bis zur Auszahlung der Mietkaution nach Beendigung des Mietverhältnisses», sagt CEO Marianne Wildi. Die Plattform werde im ersten Quartal 2019 marktreif sein. In einem zweiten Schritt soll dann ein digitales Ökosystem mit weiteren Dienstleitungen für Mieter und Vermieter aufgebaut werden, etwa die Koordination von Handwerkerterminen. All dies könne man theoretisch auch ohne Blockchain digital anbieten, räumt Wildi ein. Sobald jedoch weitere Prozesse und Parteien hinzukämen, biete die Technologie Möglichkeiten, Transparenz und Klarheit zu schaffen. Auch Nikolai Kalinin, CEO des in Baar beheimateten Start-ups Prepayway, sieht den Mietvertrag auf Papier mittelfristig verschwinden. Allerdings müssten hierfür noch juristische und technische Hürden überwunden werden. Das internationale Recht etwa sehe für digitale Unterschriften noch keine Regeln vor. Eine viel grössere Herausforderung sei aber die Ablösung des klassischen Vertrags durch Smart Contracts. Hier gebe es noch zu viele offene Fragen, weshalb herkömmliche und smarte Verträge auf absehbare Zeit koexistieren dürften. Prepayway konzentriere sich deshalb vorerst auf einen Teilbereich der Vermietung, in dem es besonders oft zu Missverständnissen und Betrug komme: den Reservierungsprozess. Auch dort stünden noch viele Aufgaben an, sagt Kalinin. So müsse erst noch eine Lösung entwickelt werden, um Fiat- Geld sicher auf der Blockchain abzubilden. Es brauche also noch einige Veränderungen im Recht, in der Bankenwelt und in der Mentalität, bis die Blockchain im Miet-Alltag Einzug halte. «Es tauchen immer wieder neue Herausforderungen auf», sagt Nikolai Kalinin. «Wenn es keine mehr gibt, bedeutet das, dass man sich nicht vorwärtsbewegt.» Bild: ilkercelik / iStock.com Dossier online auf www.netzwoche.ch/dossier/ blockchain Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_114667 www.netzwoche.ch © netzmedien ag 18 / 2018

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