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Netzwoche 18/2018

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40 XXXXXXXXXXX XXXXXXXXXXXX Fujitsu baut sich um Fujitsu hat an seiner europäischen Hausmesse gezeigt, wie sich das Unternehmen vom Produkthersteller zum Dienstleister wandeln will. Das Management schraubt an der Effizienz, forciert Partnerschaften und pusht neue Technologien – darunter so etwas wie Quanten-Computing in der Cloud. Autor: Joël Orizet « Wir werden die Anzahl unserer Executive Officers halbieren. » Tatsuya Tanaka, Präsident, Fujitsu Manche Menschen befürchten, dass sie bei der Digitalisierung aussen vor bleiben. Solche Befürchtungen wollte Fujitsu-Präsident Tatsuya Tanaka am diesjährigen Fujitsu Forum Anfang November in München zerstreuen. Menschen und ihre Kreativität seien der Schlüssel zur digitalen Transformation, sagte er in seiner Eröffnungsrede. Dementsprechend lautete der Leitspruch des Events: Gemeinsames Schaffen führt zu Erfolg. Für das Unternehmen, die Partner, Kunden und die Gesellschaft. Tags zuvor hatte Tanaka noch andere Töne angeschlagen. Der Markt habe sich drastisch verändert, sagte er gegenüber Analysten und Journalisten. An den Finanzzielen hält er dennoch um jeden Preis fest: Bis 2022 will Fujitsu eine Gewinnmarge von 10 Prozent erreichen. Dies, indem das Unternehmen sein Servicegeschäft ausbaue, die Produktsparte reorganisiere und das Topmanagement verschlanke. Der Chef macht reinen Tisch «Wir werden die Anzahl unserer Executive Officers halbieren», sagte Tanaka. Zurzeit beschäftigt Fujitsu gemäss Firmenwebsite 60 Corporate Executive Officers. Auch das oberste Führungsgremium schrumpft um die Hälfte: In Fujitsus Board of Directors sitzen künftig nur noch CFO Hidehiro Tsukano und Präsident Tanaka selbst, wie er sagte. EMEIA-Chef Duncan Tait, der vor drei Jahren als erster Europäer in das geschäftsführende Gremium aufgestiegen war, scheidet aus. Ebenso der Leiter des Bereichs Serviceintegration Norihiko Taniguchi. «All diese personellen Massnahmen treten per Anfang 2019 in Kraft», sagte Tanaka. Zusätzliche Mitarbeiter will Fujitsu unter anderem in den Bereichen Sales und SAP-Services einstellen. Auch die Beratungstätigkeit soll wichtiger werden, insbesondere rund um das Thema Hybrid-IT. Statt wie noch vor ein paar Jahren die eigene Cloud- Plattform K5 zu bewerben, setzt Fujitsu nun auf Partnerschaften mit Hyperscalern wie AWS und vor allem Microsoft Azure. Auf der Infrastruktur dieser «Mega- Cloud-Partner» werde Fujitsu fortan mehr Servicepakete schnüren, sagte Tanaka. Die letzten Mohikaner Was die Produktentwicklung angeht, «müssen wir das Not-invented-here-Syndrom stoppen», merkte Tanaka an. Er sprach damit die Schliessung des Augsburger Fujitsu- Werks an, die der Konzern zwei Wochen zuvor bekannt gegeben hatte. Bis Dezember 2020 muss die Fabrik schliessen. 1800 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Fujitsu sei derzeit dran, mit den Mitarbeitervertretern sozial verträgliche Lösungen zu finden, sagte Fujitsu-Produktchefin Vera Schneevoigt. Die Produktion werde «grösstenteils nach Asien verlagert», sagte sie. Deswegen, weil der Kostendruck aufgrund globaler Wettbewerbsbedingungen zu hoch geworden sei. «Wir haben um den Standort Augsburg gekämpft», sagte Schneevoigt. Doch die Kunden seien nicht bereit, einen Aufpreis für Hardware «Made in Germany» zu bezahlen. «Wir waren ohnehin die letzten Mohikaner, die IT in Deutschland hergestellt haben», sagte sie. 18 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

41 Fujitsu-CTO Joseph Reger. Tatsuya Tanaka, Präsident von Fujitsu. Fujitsu präsentierte seine Produkte und Lösungen auf 3500 Quadratmetern Fläche. Auf zum Quantum «Umbau bedeutet jedoch nicht nur Abbau, sondern auch Auf- und Ausbau», betonte Fujitsu-CTO Joseph Reger. Kern der Unternehmensstrategie sei es, «Connected Services» zu fördern. Es gelte, Dienstleistungen auf Basis von Technologien wie Machine-Learning-Modellen, dem Internet der Dinge und Blockchain-Anwendungen zu kombinieren, statt sie als separate Lösungen anzubieten. «Es muss nicht immer disruptiv sein», sagte Reger. «Hauptsache, wir schöpfen Optimierungspotenziale aus». Maschinelles Lernen sei keine Allzwecklösung, fuhr Reger fort. Um komplexe kombinatorische Probleme zu lösen, brauche es in erster Linie robuste mathematische Verfahren – und sehr viel Rechenleistung. «Hier kommen Quantencomputer ins Spiel», sagte er. Die würden jedoch erst in fünf bis zehn Jahren für die Industrie tauglich sein. Deswegen will Fujitsu nun mit einem Produkt auftrumpfen, das «quantenähnliches Rechnen» ermöglichen soll. Es scheint, als hätte der Hersteller zu diesem Zweck tief in die Trickkiste gegriffen. Eine mysteriöse Maschine in der Cloud Der sogenannte Digital Annealer sei erheblich schneller und genauer als herkömmliche Rechner, lautet das verheissungsvolle Versprechen. Die Maschine kann Quantenalgorithmen bei Raumtemperaturen ausführen, wie Reger sagte. «Normale» Quantencomputer funktionieren hingegen nur bei Betriebstemperaturen, die nahe beim absoluten Nullpunkt liegen – also bei fast Null Grad Kelvin respektive minus 273 Grad Celsius. Der Prozessor basiere zwar auf konventionellen Halbleiterkomponenten, sei jedoch aufgrund seiner Programmierung nicht mit traditionellen Chips vergleichbar, sagte Reger. Für das Projekt spannte Fujitsu mit dem kanadischen Softwarehersteller 1QBit zusammen. Fujitsu vermarktet den Digital Annealer zunächst als Cloud-Service. In Japan ging das Angebot schon im vergangenen Mai an den Start. In Europa soll der Dienst Anfang 2019 erhältlich sein. «Später werden wir auch Server ausliefern – Automobilhersteller zeigten Interesse daran, das Ganze auf eigenen Instanzen laufen zu lassen», sagte Reger. Allerdings würden keine hohen Stückzahlen produziert. Denn die Geräte seien sehr pflegebedürftig, ihre Programmierung anspruchsvoll. «Deswegen werden wir den Digital Annealer stets mit zusätzlichen Services anbieten», sagte er. Use Cases in der Automobil- und Finanzindustrie Volkswagen und BMW hätten den Digital Annealer bereits erfolgreich für die Optimierung ihrer Produktion eingesetzt, sagte Andreas Rohnfelder, Head of Industry 4.0 CC bei Fujitsu. Auch in der Finanzbranche habe sich bereits ein Proof-of-Concept bewährt. Die britische Retailbank Natwest optimiere mit dem Digital Annealer ihr Risikomanagement für hochwertige liquide Vermögenswerte, erklärte Dennis Loktionov, Head of Product bei 1Qbit. Für ihn liege das spannendste Anwendungsgebiet allerdings in der Luft- und Raumfahrt sowie im Gesundheitswesen, wo der Rechner die Entwicklung von Medikamenten beschleunigen könnte. In den kommenden Monaten soll bereits die zweite Generation von Fujitsus Quasi-Quantencomputer bereit sein. Dieser sei nochmals um einiges schneller als die aktuelle Version und werde später auch als On-Premises-Version auf den Markt kommen, erklärte David Snelling, Program Director Artificial Intelligence bei Fujitsu. 10 000 Besucher an zwei Tagen Gemäss Fujitsu kamen an das diesjährige Fujitsu Forum rund 10 000 Besucher, darunter Kunden, Partner und Mitarbeiter. An zwei Tagen präsentierte das Unternehmen seine Pläne und Produkte. Auf 3500 Quadratmetern stellte das Unternehmen zudem über 250 Lösungen vor, darunter branchenspezifische Angebote etwa für Banken, die Fertigungsindustrie, den Einzelhandel, für Krankenhäuser und Hochschulen. Es gab aber auch klassische Hardware zu sehen – von Laptops bis hin zu Servern. Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_114979 www.netzwoche.ch © netzmedien ag 18 / 2018

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