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Netzwoche 18/2018

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52 Management & Career

52 Management & Career Titelgeschichte Women in Tech: So kann die Schweiz mehr Frauen für die IT begeistern Noch immer entscheiden sich Frauen in der Schweiz selten für ein Studium in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Zwar existieren viele Erklärungsversuche für das geringe Interesse und es gibt MINT- Förderprogramme, doch die Ergebnisse sind ernüchternd. Autorin: Barbara Camenzind i HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN Einige Lösungsansätze, um die Schweizer ICT- Branche für Mädchen und Frauen attraktiver zu gestalten, zeigt ICT-Switzerland in seinem Positions papier: ▪▪ Die Erziehungs- und Bildungsdirektionen sowie die Pädagogischen Hochschulen müssen ihre Anstrengungen erhöhen, einen genderneutralen Unterricht zu gewährleisten. ▪▪ ▪▪ ▪▪ Das familiäre Umfeld, Lehrpersonen und Berufsbildner müssen sich positiv verhalten, wenn Frauen einen geschlechtsuntypischen Berufswunsch äussern, wie beispielsweise heute Informati kerin. Arbeitgeber der Informatikbranche und aller anderen Branchen, die ICT-Fachkräfte anstellen, müssen sicherstellen, dass für Frauen Saläre und Weiterbildungsmöglichkeiten verbessert werden. Zudem sollen flexible Arbeits pensen und Arbeitszeiten für alle Aufgabengebiete bereits beim Berufseintritt angeboten werden. Als Kind wollte Marta Martínez-Cámara LKW-Fahrerin werden und damit in die Fussstapfen ihres Vaters treten. Obwohl sie dafür ausgelacht wurde, bestärkte ihr Vater sie darin. Heute arbeitet Martínez-Cámara als Data Scientist bei einem Berner Start-up – als einzige Frau im 17-köpfigen Team. Das Bild des Ungleichgewichts zwischen Männern und Frauen in ICT-Unternehmen ist bekannt. Frauen, die Berufe in einer männerdominierten Branche erlernen, sind noch in der Minderheit. In der Schweiz ist die Nachfrage nach ICT-Fachkräften in den letzten Jahren enorm gestiegen. Als Hochtechnologiestandort ist die Schweiz auf gut ausgebildete Fachkräfte in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) angewiesen, wie die Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften im «MINT-Nachwuchsbarometer Schweiz» schreibt. Im Jahr 2017 erfasste die Schweizerische Arbeitskräfte erhebung (SAKE) statistisch rund 200 000 ICT-Fachkräfte in der Schweiz mit einem Frauenanteil von nur etwa 15 Prozent. Das Geschlechter-Ungleichgewicht in ICT-Berufsfeldern gilt laut einer Studie der Berner Fachhochschule aus zwei Gründen als problematisch: An der attraktiveren Darstellung des Informatikberufs gerade für Frauen müssen alle arbeiten. Die Informatik soll nicht nur als technische Disziplin positioniert werden. ▪▪ Moderne Arbeitsformen in der Informatik sollen Frauen zusätzlich anziehen. ▪▪ Es ist wichtig, dass sich Frauen, die sich bereits in der ICT-Branche etabliert haben, als Vorbilder zur Verfügung stellen. ▪▪ Die Informatik muss als lernbar positioniert werden. Selbstverständlich sind auch weiterhin technische Fähigkeiten für Informatikberufe wichtig, sie sind jedoch nicht nur Selbstzweck. ▪▪ ▪▪ Um Frauen für die Informatik zu begeistern, müssen die Einsatzgebiete und deren Nutzen besser dargestellt werden. Dies muss auch in den Beschreibungen von Ausbildungen und Studiengängen im Vordergrund stehen. Die Politik ist auf nationaler, kantonaler und auch lokaler Ebene gefordert, sich für die aufgeführten Anliegen starkzumachen. ·· Zentrale Schlüsseltechnologien werden von kaum diversifizierten Belegschaften konzipiert. Diese fehlende Vielfalt in Arbeits- und Projektteams verhindert Möglichkeiten zu innovativeren Produktentwicklungen. ·· Chancen auf gutbezahlte und herausfordernde Arbeitsplätze werden von Frauen wenig genutzt. Die ICT-Branche hat ein Image-Problem Das Engagement von Frauen in der ICT-Branche scheitert laut «Educa.ch», dem Schweizer Medieninstitut für Bildung und Kultur Genossenschaft, nicht allein aufgrund von persönlichen Neigungen, sondern ebenso an beruflichen Perspektiven, die jungen Frauen in diesem Berufsfeld geboten werden. Mädchen und jungen Frauen sollten die MINT-Fächer zumindest als Berufsperspektive in Betracht ziehen. «In der Anhebung der Frauenquote liegt ein grosses Potenzial», stimmt Andreas Kaelin, Präsident von ICT- Berufsbildung Schweiz, dem FHNW-Fachbericht zu. Besonders gegenüber Kindern und Jugendlichen müsse das Bild der ICT-Berufe besser repräsentiert werden. Ein Informatiker sei nicht «der im Keller sitzende Mensch, der autistisch Applikationen entwickelt», so Kaelin. Eine der vielen Massnahmen von ICT-Berufsbildung Schweiz sei deshalb, von den Plakaten wegzukommen, die ICT-Fachkräfte vor «Kästen mit Kabeln» präsentieren. Doch auch Bund, Kantone, Bildungsinstitutionen, Unternehmen und Eltern müssten ihren Beitrag dazu leisten. Bisher gelang es der Branche nicht, das ungenutzte Potenzial an Frauen auszuschöpfen, wie die FHNW in einem Fachbericht schreibt. Darin ist auch zu lesen, dass das Image der ICT für viele junge Frauen – und Männer – wenig attraktiv sei oder sie sich eine ICT-Ausbildung nicht zutrauten. Die Frage laute, wie das Image der ICT-Berufe verändert werden könne, um es für mehr Zielgruppen attraktiver zu gestalten. Frühes, aber kindgerechtes Lernen In den Schulen liegt für Kaelin der Schlüssel für das Problem des geringen Frauenanteils in der Schweizer ICT- Branche. Man müsse schon in den Primarschulen und Kindergärten anfangen. In skandinavischen Ländern werden Kinder bereits im Kindergartenalter mit Programmieren und Robotik konfrontiert. Für Serge Frech, Geschäfts- 18 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

53 Grafik: DrAfter123 / iStock.com führer von ICT-Berufsbildung Schweiz, ist das allerdings zu früh. «Ein Kind soll auch kindgerecht lernen können.» Seit 2011 verfolgen Bund und Kantone das gemeinsame Ziel, Kinder und Jugendliche – vor allem junge Mädchen und Frauen – für ein Studium in den MINT-Fächern zu begeistern. Gemäss einem Bericht des Bundesrates kann bei Kindern das Interesse an MINT-Themen am besten zwischen dem ersten und dem fünften Lebensjahr geweckt werden. In Kindergärten und Primarschulen würden allerdings Technik und Wissenschaft den Mädchen nicht in gleichem Ausmass zugänglich gemacht wie den Jungen. Informatik und Technik in die Lehrpläne aufzunehmen, ist laut «Educa.ch» ein erster Schritt. Dies soll in der deutschsprachigen Schweiz mit der schrittweisen Einführung des Moduls «Medien und Informatik» im Lehrplan der obligatorischen Schule erreicht werden. Der Bund legte vor einigen Monaten fest, dass Informatik an Mittelschulen spätestens mit Beginn der Gymnasialstufe 2022/2023 obligatorisch wird. Langfristige Massnahmen notwendig MINT-Initiativen sind eine weitere Massnahme, um mehr Mädchen und Jungen für die MINT-Fächer zu begeistern. «Wir brauchen MINT-Initiativen, weil die Berufe in diesem Bereich stark auf den Nachwuchs angewiesen sind», sagt Frech. Es brauche jedoch längerfristige Massnahmen, um dies auch nachhaltig in den Köpfen der Eltern und Lehrer zu verankern. Das dachte sich auch Martínez-Cámara. Als Informatik- Doktorandin an der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) sprach sie mit einer Freundin darüber, wie schwer es sei, als Frau immer in der Minderheit zu sein. Damals hätten sie beschlossen: «Hören wir auf, uns zu beschweren und tun wir etwas dagegen.» Sie veranstalteten einen experimentellen, eintägigen Workshop für Mädchen im spanischen Belorado, dem Heimatdorf von Martínez- Cámara. Dieser sei ein voller Erfolg gewesen. Die Mädchen hätten am Workshop gelernt, was Ingenieure tun und wie man einem Computer sagt, was er tun soll. Ausserdem hätten sie wochenlang nicht aufgehört, mit ihren Eltern und Freunden über den Workshop zu sprechen. Im September 2017 beschloss die Informatikerin, zusammen mit ihrer Freundin «GirlsCoding.org» zu gründen. Das Ziel der Organisation ist laut Website, Kinder im Alter zwischen 9 und 16 Jahren – und insbesondere Mädchen – zu motivieren, etwas über Informatik zu lernen. Ihre Neugierde soll geweckt und ihre Kreativität durch Workshops gefördert werden. Mädchen brauchen weibliche Rollenvorbilder Die Erziehung spielt laut Frech eine der wichtigsten Rollen. Es sei wichtig, dass Eltern ihre Töchter in deren technischen und informatischen Fähigkeiten bereits früh bestärken, stimmt auch Béatrice Miller von der Akademie der Wissenschaften Schweiz zu. Mädchen wie auch Jungen sollten Erfolgserlebnisse bei praktischen Arbeiten im Familienalltag ermöglicht werden. Dabei sei Lob von männlichen Bezugspersonen besonders wertvoll. Doch oft fehlen auch die Vorbilder und es herrschen Gender-Stereotypen vor, wie Martínez-Cámara auf «Girls- Coding.org» schreibt. Das mache Informatik bei Frauen weniger beliebt. Auch sie sei von ihrer Familie und Lehrern immer ermutigt worden und hätte es ohne Unterstützung und Vorbilder nicht geschafft, sagt sie. Deshalb versuche sie, Mädchen zu unterstützen und ihnen Zugang zu Technik zu ermöglichen. «Es ist wirkungsvoll, wenn Mädchen weibliche Rollenmodelle aus Technik und Informatik kennenlernen», sagt Miller. In den letzten Jahren seien hunderte MINT- Initiativen wie die von Martínez-Cámara entstanden. Eine Auswertung der Akademie der Wissenschaften Schweiz bei fast 700 ausserschulischen Schweizer MINT- Initiativen habe gezeigt, dass insbesondere viele Angebote in Naturwissenschaften und Technik entstanden seien, deutlich weniger in Informatik und am wenigsten in Mathematik. Trotz des Einsatzes und Enthusiasmus zeigten Statistiken, dass die verschiedenen Initiativen in den letzten Jahren kaum etwas dazu beigetragen hätten, mehr weibliche Fachkräfte für den MINT-Bereich zu gewinnen. «Die Zahl der Lehrstellen stagniert» Laut einem Bericht des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI wurden im Jahr 2017 rund 19 500 Lehrstellen in den Technischen Berufen angeboten. Rund 1000 Lehrstellen gingen dabei an Mädchen. 2011 waren es rund 17 500 Lehrstellen, davon wurden 1500 von « In den Primarschulen und in den Kindergärten liegt der Schlüssel für das Problem des geringen Frauenanteils in der Schweizer ICT-Branche. » Andreas Kaelin, Präsident, ICT-Berufsbildung Schweiz. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 18 / 2018

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