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Netzwoche 18/2018

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54 Management & Career

54 Management & Career Titelgeschichte Mädchen besetzt. Während die Anzahl angebotener Lehrstellen für die Technischen Berufe also steigt, stagniert der Anteil weiblicher ICT-Lernenden. Die Bemühungen, Lehrstellen zu schaffen, waren laut ICT-Berufsbildung insofern ungenügend, als dass sich der zusätzliche Bildungsbedarf in den letzten Jahren nicht verringert habe. «Die Zahl der Lehrstellen stagniert zurzeit», so Frech weiter. Gemäss ICT-Fachkräfteprognose 2026 wird selbst bei einer Verdoppelung oder Verdreifachung der Lehrstellen der benötigte Bedarf nicht gedeckt werden können. Deswegen sollten alle Unternehmen, die ICT-Fachkräfte beschäftigen, vermehrt Lehrstellen schaffen und ihre Mitarbeiter in ICT-Weiterbildungen schicken. Unternehmen müssen sich anstrengen Eine Schlüsselrolle für mehr weibliche ICT-Fachkräfte kommt laut dem Bericht des SBFI den Unternehmen der MINT-Branche zu: Sie müssen die Bedingungen herstellen, die es für Frauen attraktiver machen, sich für einen Beruf in dieser Branche zu entscheiden. Viele ICT-Unternehmen sind mittlerweile bei der Förderung von (zukünftigen) weiblichen ICT-Fachkräften äusserst engagiert. «Unternehmen müssen sich speziell um Frauen bemühen, indem sie die richtigen Bedingungen schaffen», sagt Michael Späth, Chapter Lead Talents, Sourcing & Succession bei Swisscom. Absolut essenziell sei Flexibilität bei den Arbeitszeiten. Auch die Möglichkeit, von zuhause arbeiten zu können, schaffe etwa jungen Familien Luft. «Swisscom bietet generell in vielen Bereichen flexible Arbeitszeitmodelle an, und zwar für Frauen und für Männer», sagt Späth, der selbst Teilzeit arbeitet. Per Laptop und Handy sei man heutzutage gut erreichbar, was die Möglichkeit von Homeoffice eröffne. Es sei auch kein Stigma, wenn eine Frau schwanger werde oder ein Mann nicht Vollzeit arbeiten wolle, weil er die Kinder betreuen möchte, so Späth. Teilzeitarbeit gleich Frauenarbeit Swisscom bietet laut Späth viele Teilzeitstellen an. Dabei zeige sich jedoch, dass die Chance auf eine Karriere mit sinkendem Beschäftigungsgrad ebenso sinke. Auch bei Swisscom. Zudem sei es problematisch, dass in der Schweiz Frauenarbeit häufig mit Teilzeitarbeit gleichgesetzt werde. Um Mädchen Einblick in technische Berufe zu ermöglichen, veranstaltet Swisscom als weitere Massnahme die «Digital Days for Girls». Mädchen erhalten dort die Gelegenheit, unter anderem Multimedia-Erfahrungen zu sammeln, einen Roboter zu programmieren und mehr über die ICT- Trends der Zukunft zu erfahren, wie das Unternehmen auf der Website schreibt. Bei Swisscom werde «das stereotype Bild», dass Männer IT-Cracks seien und Frauen dafür besser mit Menschen umgehen könnten, ganz anders empfunden. «Sowohl Frauen als auch Männer müssen beides mitbringen. Wir stellen keine Person ein, nur weil sie weiblich – oder männlich – ist, sondern weil sie uns überzeugt hat, sowohl in technischer als auch im menschlicher Hinsicht», sagt Späth. «Frauen bringen eine andere Perspektive in ein Team», so Späth. Das höre man auch von ganz klar männerdominierten Teams innerhalb von Swisscom. Dadurch entstehe eine ganz andere Dynamik und das sei nur positiv. Generell müsse man darauf achten, dass man Frauen in einem männlich dominierten Umfeld auch Raum schaffe. Der Weg ist noch weit Um das Interesse von Mädchen und Frauen für die MINT- Fächer zu wecken, bedarf es auch einer Veränderung in den Köpfen. Ein Umdenken ist bei den Führungskräften, ICT- Fachkräften, den Mädchen und Frauen selbst, in ihrem privaten Umfeld und vor allem in den Bildungsinstitutionen nötig. Das Grundproblem ist damit jedoch noch nicht gelöst: der Mangel an Bewerberinnen. Mädchen tun sich immer noch schwer damit, sich mit naturwissenschaftlichen Berufen anzufreunden. Es gibt kaum Rollenvorbilder und zu wenig Berührungspunkte im Stadium der Berufsfindung. Jungen und Mädchen reagieren zwar laut Miller sehr positiv auf Schnupperangebote, dennoch werde sich nur ein Teil der möglichen Kandidatinnen dann auch für eine Karriere in der ICT-Branche entscheiden. Zu stark ist noch die Gegenströmung in der Gesellschaft und zu schwach wirken die wenigen Vorbilder, wie Miller feststellt. Für die zukünftige Schweizer ICT-Branche erhofft sich Frech «ausreichend und gut ausgebildete Fachkräfte, eine hohe Frauenquote und eine hohe Beschäftigung der ICT-Fachkräfte über 50». Späth dagegen gibt zu bedenken, dass es für Frauen schwer bleiben werde, solange die Branche, insbesondere die IT-Branche, so stark von männlichen Mitarbeitern dominiert werde. Martínez-Cámara, die kürzlich zu den 100 «Digital Shaper» der Schweiz gekürt wurde, steht stellvertretend für die vielen Förderer und Organisatoren von MINT-Initiativen. «Die ICT-Branche verändert die Welt. Sowohl Männer als auch Frauen sollten daran teilhaben», ist sie überzeugt. Das gesellschaftliche Umdenken braucht wohl noch viel Zeit und Engagement. Unternehmen sind aber bereit, entsprechend zu investieren. Doch klar ist auch: Der Weg ist noch weit. Bild: mediaphotos / iStock.com « Wir stellen keine Person ein, nur weil sie weiblich – oder männlich – ist, sondern weil sie uns überzeugt hat. » Michael Späth, Chapter Lead Talents, Sourcing & Succession, Swisscom 18 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Management & Career Titelgeschichte 55 « Natürlich ist eine geschlechterneutrale Erziehung wichtig, aber nicht einfach » In der Schweiz werden die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik in den letzten Jahren vermehrt gefördert – trotzdem stagniert der Anteil an weiblichen Fachkräften in der ICT-Branche. Im Interview erklärt Béatrice Miller, Expertin der Leitungsgruppe MINT 2 der Akademien der Wissenschaften Schweiz, wie es um die MINT-Förderung in der Schweiz steht. Interview: Barbara Camenzind Warum braucht es MINT-Initiativen? Béatrice Miller: In der Schule ist die Mathematik gut verankert. Und auch die Naturwissenschaften haben seit Jahrzehnten ihren festen Platz. Technik und Informatik sind hingegen Stiefkinder, wobei sie mit dem neuen Lehrplan 21 etwas mehr Präsenz erhalten, etwa mit dem neuen Fach «Medien und Informatik». Um dieses Manko auszugleichen, sind in den letzten Jahren viele Initiativen entstanden. Eine Auswertung der Akademien Schweiz von fast 700 ausserschulischen Schweizer MINT-Initiativen zeigt, dass insbesondere viele Angebote in Naturwissenschaften und Technik entstanden sind, deutlich weniger in Informatik und am wenigsten in Mathematik. « In unserer Kultur entwickeln Mädchen ein tieferes Selbstkonzept in Bezug auf Technik und Informatik. » Béatrice Miller, Expertin in der Leitungsgruppe MINT 2, AKS & Leiterin Nachwuchsförderung SATW Inwiefern wird bei MINT-Förderprogrammen darauf geachtet, sowohl Jungen als auch Mädchen anzusprechen? Die Berufslehren und Studiengänge in Technik und Informatik sind nach wie vor vorwiegend durch männliche Lernende belegt. Die Frauen sind mit 20 Prozent und weniger deutlich untervertreten, was darauf hindeutet, dass die Ausbildungsgänge, aber auch die Förderprogramme in Technik und Informatik eher die Knaben ansprechen. Im Zusammenhang mit Förderprogrammen entdecke ich öfter, dass die Sensibilität für Inhalte, die Mädchen ansprechen, noch ungenügend ist oder auch das Vokabular männlich geprägt ist, indem nur von Ingenieuren und Informatikern die Rede ist, aber nie von Ingenieurinnen und Informatikerinnen. Der Fachkräftemangel und die Untervertretung der Frauen führten dazu, dass in der Schweiz verschiedene Gender-Studien durchgeführt wurden. Der Bund setzte daraufhin finanzielle Anreize für Projekte zur Förderung der vermehrten Teilhabe von Frauen in geschlechtsuntypischen Berufen. Welche Rolle spielt eine geschlechterneutrale Erziehung durch die Eltern? Natürlich ist eine geschlechterneutrale Erziehung wichtig, aber in einer von Geschlechter-Stereotypen geprägten Welt nicht einfach zu gestalten. Studien zeigen, dass Mädchen allgemein die Tendenz haben, ihre Leistungen tiefer einzuschätzen als Knaben – und dies meist zu Unrecht. Es ist deshalb wichtig, dass die Eltern ihre Töchter in deren technischen und informatischen Fähigkeiten bereits früh bestärken, indem sie Erfolgserlebnisse bei praktischen Arbeiten im Familienalltag ermöglichen. Dabei ist Lob von männlichen Bezugspersonen besonders wertvoll, weil Technik und Informatik in unserer Kultur immer noch als männliche Fähigkeiten gelten. Zudem ist es auch wirkungsvoll, wenn die Eltern ermöglichen, dass Mädchen weibliche Rollenmodelle aus Technik und Informatik kennenlernen. Welche Herausforderungen gilt es in der Schweiz bezüglich geschlechterneutraler MINT-Förderung noch zu meistern? Wenn Eltern und Lehrpersonen in Geschlechter-Stereotypen denken, übertragen sie dies auf die Kinder. In unserer Kultur entwickeln Mädchen in der Folge ein tieferes Selbstkonzept in Bezug auf Technik und Informatik. Dieses hemmt die Mädchen, eine MINT-Ausbildung zu ergreifen, selbst wenn sie die notwendigen Voraussetzungen dazu mitbringen. Angesichts der grossen Bedeutung des Fachs Mathematik in den MINT-Ausbildungen ist es besonders wichtig, dass der Mathematikunterricht auf allen Schulstufen geschlechtergerecht gestaltet wird. Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_114989 www.netzwoche.ch © netzmedien ag 18 / 2018

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