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Netzwoche 18/2019

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46 Management & Career

46 Management & Career Nachgefragt « Man darf Angst haben, aber die Angst darf einen nicht haben » Eine Präsentation zu halten ist keine leichte Aufgabe. Dabei sind Auftritte vor Publikum und Kamera für viele Führungs personen unumgänglich. Medien- und Auftrittstrainer Oliver Schroeder erklärt im Interview, warum eine gute Kommunikation für die IT immer wichtiger wird und weshalb man seine Zuhörer beim Präsentieren auf eine Reise mitnehmen muss. Interview: Leslie Haeny « Eine E-Mail muss informieren, ein Auftritt überzeugen. » Oliver Schroeder, Geschäftsführer von Mediencoach.ch und Studienleiter Rhetorik, Moderation und Medientraining am MAZ Das vollständige Interview finden Sie online www.netzwoche.ch Kann jeder lernen, prägnant aufzutreten? Oliver Schroeder: Jeder. Aber nicht jeder hat es dabei gleich einfach. Ich habe mit Kunden zwei Stunden gearbeitet und mit anderen über Jahre. Am Ende sind alle besser geworden. Veränderung ist immer eine Reise, wie gute Kommunikation übrigens auch. Wie nehmen Sie den Menschen die Angst vor Präsentationen, Reden, Medienauftritten und dergleichen? Im Publikum sitzen keine Feinde, sondern Interessierte, Neugierige, oft sogar freundlich zugewandte Menschen, die meist ein Anliegen haben, bei dem man als Vortragender Nutzen stiften und etwas auslösen kann. Nervosität geht, Angst bleibt. Darum gilt es, den inneren Fokus auf die Themen zu verschieben, sich auf die eigenen Kompetenzen und Erfahrungen zu stützen. Nicht die Dinge machen uns Angst, sondern die Vorstellung von den Dingen und die spielt sich nur im Kopf ab. Wir brauchen also das richtige Kopfkino. Man darf sogar Angst haben, aber die Angst darf einen nicht haben. Auch der mutigste Samurai hatte Angst. Aber er hat sich mit seiner Angst verbündet. Sie hat ihm im Kampf das Schwert geführt. Wie steht es um Ihre Nervosität vor einem Auftritt? Ich bin immer etwas aufgeregt, Auftritt für Auftritt. Jahr für Jahr. Zum Glück. Sonst würde ich mir Sorgen machen. Auch wenn ich mit oder vor Menschen in Top-Positionen als Coach oder Trainer auftrete, habe ich nur ein paar Minuten für das «Onboarding». Sonst bin ich raus. Aber ich begrüsse mein Aufgeregtsein wie einen alten Freund. Dann atme ich richtig und tief und verlasse mich auf mich, meine Vorbereitung und Erfahrung. Das musste ich aber auch erst lernen. Was ist das Wichtigste, wenn man einen guten Auftritt hinlegen will? Mehr Inspiration, weniger Information. Es geht immer um das Publikum. Ich muss wissen, was, warum und wie ich das sagen will und nicht nach dem Motto verfahren: «Wer nicht weiss, was er sagen soll, sagt alles, was er weiss.» Das Publikum spürt, ob ich mit meinen Inhalten, Gedanken und Anliegen bei ihm bin. Aber man hat nicht immer den Luxus, etwas zu präsentieren, wofür man Feuer und Flamme ist. Wie geht man dann vor? Ich sollte den Aspekt in meinem Thema finden, von dem ich überzeugt bin. Falls ich diesen nicht finde, brauche ich nicht aufzutreten. Man kann schlichtweg keine gute Präsentation halten, von der man nicht überzeugt ist. Eine Präsentation zeichnet sich dadurch aus, dass ich bei den Menschen, die mir zuhören, etwas auslösen will. Und das gelingt nur, wenn ich mich intensiv mit meinem Publikum beschäftige und einen Nutzen stifte. Information ist hier Mittel zum Zweck. Man muss also seine Zielgruppe gut kennen? Das sagen alle, aber das reicht nicht. Man muss die Zielgruppe nicht nur gut kennen, man muss sie auf eine Reise mitnehmen mit seinem Thema. Denn am Ende einer guten Präsentation sind die Leute mental woanders als davor. Aber das funktioniert nur, wenn derjenige, der präsentiert, die Leute dort abholt, wo sie mit ihren Fragestellungen, Wünschen, Erfahrungen und mit ihrem Wissen stehen. Um das zu veranschaulichen, habe ich das Inselmodell entwickelt: Stellen Sie sich vor, Sie beginnen Ihre Präsentation auf Ihrer eigenen Insel. Nun können Sie ein noch so schönes Schiff bauen und damit auf dem Meer herumfahren, aber das bringt alles nichts, wenn Sie das Publikum nicht mit an Bord holen. Sie müssen die Leute an der Anlegestelle von ihrer eigenen Insel abholen und mit ihnen gemeinsam durch das Thema reisen, um sie am Ende wieder an einem anderen Ort zu entlassen, der neue Perspektiven bietet. Welchen Zweck hat ein Auftrittscoaching für Leute in Führungspositionen? Klingt paradox, aber je digitaler unsere Welt wird, desto mehr rückt der persönliche Auftritt von Angesicht zu Angesicht wieder in den Fokus. Führung 4.0 geht immer weiter weg vom Prinzip der Macht. Jemand in einer Top-Position muss als Person und mit seinen eigenen Worten, Ideen und Anliegen überzeugen. Mehr Dialog, weniger Monolog. Gibt es spezielle Kommunikationsanforderungen an Entscheider aus der IT-Branche? Die IT als Expertenbranche spürt mehr und mehr, dass sie an den Schnittstellen zur «Nicht-Nerd-Welt» besser, ver- 18 / 2019 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Management & Career Nachgefragt 47 ständlicher und überzeugender kommunizieren muss. Das Thema IT durchdringt die gesamte Gesellschaft und alle Wissensbereiche. Damit stellt sich die Herausforderung, überzeugend aufzutreten und sich verständlich zu machen. Denn Kommunikation, die überzeugen will, braucht bei aller Digitalisierung immer noch die persönliche Begegnung. Menschen überzeugen Menschen und darum setzen verstärkt auch technische Branchen und natürlich allen voran die IT auf Kommunikations- und Auftrittstrainings. « ‹Das› No-Go schlechthin ist, den Menschen die Zeit zu rauben. » Oliver Schroeder, Geschäftsführer von Mediencoach.ch und Studienleiter Rhetorik, Moderation und Medientraining am MAZ Was halten Sie von unterstützenden Mitteln wie Folien, Flipcharts und Bildern? Über Visualisierungen kann ich Dinge sichtbar machen, die ich mit Worten so nicht vermitteln kann. Viele Präsentationen sind heute allerdings mehr betreutes Vorlesen als Präsentation. Man hat vollgeschriebene Slides und jemand steht vorne und rattert sie runter. Aber Visualisierung ist kein Selbstzweck. Als Erstes muss ich mich fragen, was der Nutzen meiner Präsentation ist und was ich den Leuten darum zu sagen habe. Dann bereite ich die Inhalte auf, strukturiere sie, baue eine Dramaturgie des Erzählens und schreibe letztlich den Text. Erst jetzt überlege ich, an welchen Stellen es eine Visualisierung braucht und wie ich die Botschaft visuell ins Bild setze. Was sind No-Gos bei Präsentationen? «Das» No-Go schlechthin ist, den Menschen die Zeit zu rauben. Viele Präsentationen haben keine Dramaturgie. Der, der präsentiert, lädt zu viel Wissen beim Publikum ab und merkt gar nicht, dass er am Ende keine Präsentation hält, welche die Leute bewegt, sondern eine betreute Vorlesestunde gibt. Das Publikum hat Wünsche, Bedürfnisse, Fragestellungen und Erfahrungen mit dem Thema. Die Leute hören mich als Redner an, weil sie glauben, dass sie von einer Interaktion mit mir, wie ich da vorne stehe, etwas Nützliches erfahren. Wir benehmen uns heute beim Präsentieren häufig immer noch so wie in der Zeit, als nur einer lesen konnte und nur einer das Buch hatte. Dabei ist die reine Information beim Präsentieren nur ein Mittel zum Zweck. Ich frage mich vor jedem Auftritt, was mein Ziel ist. Wenn ich bloss informieren will, sollte ich das besser über digitale Kanäle tun und mich nicht vor die Leute stellen. Sie standen jahrelang als Moderator und Reporter selbst vor der Kamera. Was hat Sie dazu bewogen, nun andere für ihre Auftritte zu coachen? Ich fühle mich viel erfolgreicher, wenn ich anderen helfen kann, erfolgreich zu sein. Das ist viel befriedigender, als selbst vorne zu glänzen. Selbst vor der Kamera zu stehen, hat viel mit Eitelkeit zu tun, aber anderen dabei zu helfen, ihr wichtiges Anliegen überzeugend zu präsentieren, ist tief befriedigend. Glückliche Kunden machen mich glücklich. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 18 / 2019

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