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Netzwoche 19-20/2016

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48 V. l.: Peter Grütter

48 V. l.: Peter Grütter (Asut), Florence Boinay (Tagungsmoderatorin), Jürg Röthlisberger (Astra) und Peter Goetschi (TCS). Bild: David Biedert Die Verkehrswende gelingt nur vernetzt Der Verkehr auf Strasse und Schiene wächst in den nächsten Jahren weiter an. Gleichzeitig können gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Entwicklungen die Alltagsmobilität komplett verändern. Doch welche Rahmenbedingungen, welche Anstrengungen vonseiten der Forschung und Entwicklung, der Politik, der Mobilitäts- und ICT-Branche sind für eine wirklich «intelligente» Verkehrswende notwendig? Unter dem Motto «Mobilitätsstadt Schweiz» luden der Schweizerische Verband der Telekommunikation (Asut), die Schweizerische Verkehrstelematik-Plattform (its-ch) und der Touring Club Schweiz (TCS) die Mobilitätswirtschaft und die ICT-Branche zu einer gemeinsamen Reflexion ein. ASUT Asut, der Schweizerische Verband der Telekommunikation, repräsentiert heute die Telekommunikations branche und sämtliche Wirtschaftszweige sind in ihm vertreten. Die Schweiz soll sich durch fairen, freien und dynamischen Wettbewerb als Land mit dem weltbesten Kommunikationsnetz und mit First-Class-Services positionieren, durch resiliente Systeme und smarte Infrastrukturen differenzieren und als ein auf die digitale Gesellschaft und Wirtschaft zugeschnittener Bildungs- und Forschungsplatz etablieren. www. asut.ch Die Konferenz im Berner Kursaal wurde denn auch gemeinsam eröffnet: Peter Grütter, Präsident Asut, Jürg Röthlisberger, Direktor Bundesamt für Strassen (Astra), das zu den Hauptinitianten von its-ch gehört, sowie TCS-Zentralpräsident Peter Goetschi betonten, wie wichtig, trotz unterschiedlicher Perspektiven, eine offene und sachliche Auseinandersetzung mit den Herausforderungen im Mobilitätsbereich sei. Denn eine Entwicklung, die sich nur vernetzt lösen lasse, müsse auch vernetzt angegangen werden. Folgerichtig wurde die Entwicklung im Mobilitätsbereich aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln analysiert. Wilfried J. Steffen, vormals bei Daimler für Business Innovation zuständig, postulierte, dass die Automobilindustrie sich künftig weit mehr einfallen lassen müsse, als Autos zu bauen, um nicht von branchenfremden Playern ausgebootet zu werden. Um den Zusammenhang zwischen technischen Neuerungen, digitalen Geschäftsmodellen und sozialen Innovationen ging es Jörg Beckmann, Direktor Mobilitätsakademie TCS, für den die Mobilität der Zukunft kollaborativ und elektrisch ist. Bernhard Rytz, Leiter Digitalisierung bei der SBB, legte dar, wie die Bahn als klassischer ÖV-Anbieter in einer zunehmend intermodalen Mobilitätswelt relevant bleiben will. Und Thierry Burkart, Nationalrat und Mitglied der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF), wünschte sich, dass die Politik über ihren Schatten zu springen lerne und innovative neue Mobilitätsformen nicht zu Tode reguliere, bevor sie überhaupt Fuss fassen könnten. Was dies in der Praxis bedeutet, zeigten konkrete Beispiele: Multimodale Zugangs- und Abrechnungssysteme, bestechend clevere Mobility-as-a-Service-Apps wie «Whim» oder «Lezzgo», autonome Fahrzeuge im öffentlichen Verkehr oder das Potenzial von Datenanalysen zum Verkehrsmanagement. Die Verkehrswende, so viel wurde am Ende des Tages klar, ist bereits im Gang, und der Prozess so dynamisch, dass Zukunftsprognosen müssig erscheinen. Viel wichtiger ist es, ihre wirtschaftlichen, rechtlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen zu verfolgen und die Debatte darüber zu führen, wie die Entwicklung mitzugestalten wäre. Genau zu diesem Zweck haben Astra und TCS im Rahmen des Asut-Kolloquiums das Webportal www.auto-mat.ch lanciert, das News und Informationen zur automatisierten Mobilität bündelt und zur Verfügung stellt. 1920 / 2016 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Service Verbandsnachrichten 49 Die Politik muss ihre Scheuklappen ablegen Vernetzte Fahrzeuge, vernetzte Nutzer und Anbieter von Mobilitätsdienstleistungen jeglicher Art: für Thierry Burkart, FDP- Nationalrat und Mitglied der Kommission Verkehr und Fernmeldewesen (KVF), wird der Spielraum der Politik angesichts der dynamischen Mobilitätsentwicklung in einer vernetzten Gesellschaft zunehmend enger. Interview: Christine D’Anna-Huber Wie sehen Sie die Zukunft der Mobilität? Thierry Burkart: Sie ist ausgesprochen spannend. Die Schweiz ist ja bereits heute eine Mobilitätsstadt, gleichzeitig sind die Mobilitätsbedürfnisse im städtischen Raum, in der Agglomeration oder auf dem Land natürlich sehr unterschiedlich. Je nach Situation ist ein anderer Verkehrsträger der richtige, das Gebot der Stunde heisst deshalb Vernetzung. Sie wird die Gesellschaft und die Wirtschaft verändern. Will sie nicht Bremsklotz, sondern Treiber sein, dann ist auch die Politik gefordert, sich neu auszurichten. Was heisst das konkret? Die Politik sollte die Entwicklung ohne ideologische Scheuklappen begleiten, ihr klare Rahmenbedingungen setzen, sie aber auch fördern, indem sie keine Hindernisse zur Bewahrung bestehender Mobilitätsformen aufbaut. Ein Beispiel: Uber ist ja inzwischen auch in der Politik angekommen und damit geht auch schon die Forderung einher, hier die genau gleiche arbeitsrechtliche Regulierung durchzusetzen wie anderswo. Meiner Meinung nach sollte stattdessen im Vordergrund stehen, dieses neue Angebot zuzulassen, die Mobilität zu liberalisieren und gleichzeitig gut zu regeln. Denn hier findet eine Vermischung von öffentlichem Verkehr und Individualverkehr statt, der ein herkömmliches Schablonendenken nicht gerecht wird: Es kann in Zukunft nur noch ein Gemeinsam geben, kein Gegeneinander. Unterlaufen solche neuen Formen nicht Bestrebungen, wie etwa den Schutz der Arbeitnehmenden, für die sich die Politik jahrzehntelang eingesetzt hat? Für mich ist es offen, ob dieser Schutz hier tatsächlich unterlaufen wird. Und selbst wenn: wäre die angemessene Antwort darauf eine Anpassung der bestehenden Regulierung oder eher der Anstoss dazu, sie zu liberalisieren? Für mich ist der zweite Weg der richtige, denn nur so können wir zukünftige Mobilitätsformen überhaupt zulassen. Wenn die Politik nur bewahren will, was wir schon haben, dann behindert sie einen Fortschritt, der unserer Gesellschaft sehr viel bringen kann. Sie sprechen aber auch von der Notwendigkeit einer vollständigen Überarbeitung der Strassenverkehrsgesetzgebung, sobald autonome Fahrzeuge kommen. Das ist richtig. Denn das wird eine völlig neue Form der individuellen Mobilität sein, wenn wir unsere Fahrzeuge nicht mehr selbst aktiv lenken, sondern uns nur noch als Passagiere hineinsetzen. Das ist eine enorme Änderung, die eine Anpassung des Strassenverkehrsrechts verlangt und dazu haftungsrechtliche und viele weitere Fragen aufwirft, auf die die Politik Antworten finden muss. Die Mühlen der Politik malen bekanntlich langsam. Muss sie die Regulierung der Mobilität von morgen schon heute anpacken? Die Politik tut sicher gut daran, sich schon heute ihre Gedanken dazu zu machen. Regulieren soll sie aber noch nichts, sondern zuerst verschiedene Tests und innovative Möglichkeiten zulassen und erst dann mit der Gestaltung der Rahmenbedingungen anfangen, wenn erkennbar wird, was dabei herauskommt. Solange wir nicht sicher sind, wohin die Reise genau geht, sollten wir nicht schon den Riegel schieben. « Wenn die Politik nur bewahren will, was wir schon haben, dann behindert sie einen Fortschritt. » Thierry Burkart, FDP-Nationalrat und Mitglied der Kommission Verkehr und Fernmeldewesen (KVF) www.netzwoche.ch © netzmedien ag 1920 / 2016

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