Aufrufe
vor 2 Jahren

Netzwoche 19-20/2017

42 Bundespräsidentin

42 Bundespräsidentin Doris Leuthard und der ehemalige CIO von Estland, Taavi Kotka, stimmten die Gäste auf die Herausforderungen durch die Digitalisierung ein. Taavi Kotka liest Doris Leuthard die Leviten Referate, Workshops und Panelgespräche haben an der ersten nationalen Konferenz Digitale Schweiz den aktuellen Stand der Digitalisierung und Handlungsfelder gezeigt. Doris Leuthard, Johann Schneider-Ammann und Dolfi Müller waren drei der illustren Redner, die an der Veranstaltung auf die Bühne traten. Der Ex-CIO von Estland hielt die Keynote. Autor: Marc Landis « Es braucht einen digitalen Namen für jeden Bürger. Nur so ist die Verbindung von Daten zwischen verschiedenen Registern möglich. » Taavi Kotka, ehemaliger CIO von Estland Am 10. November hat die erste nationale Konferenz Digitale Schweiz stattgefunden. Die Veranstaltung sollte eine Zwischenbilanz zur Umsetzung der bundesrätlichen Digitalisierungsstrategie ziehen und Handlungsfelder für die digitale Weiterentwicklung der Schweiz erkennen. Im gut gefüllten Konzertsaal des Kongresszentrums in Biel diskutierten ausgewählte Vertreterinnen und Vertreter der Behörden, der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft, der Politik und der Wissenschaft über die Auswirkungen der Digitalisierung und mögliche Szenarien für deren Umsetzung. Begrüssung durch die Bundespräsidentin Bakom-Direktor Philipp Metzger eröffnete die Konferenz und übergab sogleich das Wort an Bundespräsidentin und Uvek-Vorsteherin Doris Leuthard. Diese dozierte, dass die Schweiz als innovativstes und wettbewerbsfähigstes Land der Welt in der Topliga mitspiele, aber bei der Digitalisierung nur im Mittelfeld liege. Es seien Anstrengungen nötig, um bei der Digitalisierung den Anschluss nicht zu verpassen. Die öffentliche Diskussion sei durch Angst geprägt, sagte Leuthard weiter, Angst vor Restrukturierung, Angst durch Digitalisierung den Job zu verlieren, Angst vor dem gläsernen Bürger. «Digitalisierung ist nicht bequem», sagte die Bundespräsidentin. Aufhalten könne man die neuen Geschäftsmodelle aber nicht. Leuthard fragte auch nach der Rolle des Staates bei der Digitalisierung. Zu viel Regulierung nehme der Forschung die Luft für Innovation. «Der Staat sollte Enabler sein», sagte Leuthard. In der Schweiz gebe es eine Kultur des Dialoges. Man solle offen über die Risiken und die Chancen diskutieren. Und auch der Staat müsse die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen. Auch über aktuelle E- Government-Projekte referierte die Bundespräsidentin, so etwa über die Online-Mehrwertsteuer-Abrechnung, E- Voting, E-Umzug und die elektronische Identität, die bis 2019 etabliert sein sollen. Aus der Ferne ermahnte sie das Parlament, die entsprechenden Geschäfte zügig zu bearbeiten. Estland als E-Government-Vorzeigeland «Wir sind international gesehen im Rückstand beim E- Government. Aber ich hoffe, dass wir eines Tages vor Estland liegen werden.» Wer das Konferenzprogramm gelesen hatte, wusste, dass das die Überleitung zum Keynote- Speaker, Taavi Kotka, war. Der bis Februar 2017 amtierende Chief Information Officer von Estland war massgeblich daran beteiligt, Estland zum Vorzeigekandidaten bei der Digitalisierung zu machen. Bei Antritt seiner Stelle im Februar 2013 stellte er nur zwei Bedingungen, wie der sichtlich gut gelaunte Taavi Kotka auf der Bühne erklärte: «Ich wollte einen Parkplatz direkt hinter dem Regierungsgebäude und die volle politische Unterstützung der Regierung für meine Arbeit. Wie sich herausstellte, war es schwieriger, einen Parkplatz am Regierungsgebäude zu bekommen ...» Gelächter im Saal. Trotz heiterer Stimmung ermahnte er die Schweizer Regierungsvertreter auch, die Einführung der elektronischen Identität und damit der elektronischen Signatur voranzutreiben. «Es braucht einen digitalen Namen für jeden Bürger. Nur so ist die Verbindung von Daten zwischen verschiedenen Registern möglich», sagte Kotka. Die elektronische Identität dürfe nicht politisch aufgeladen werden, 1920 / 2017 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Technology Konferenz 43 riet Kotka. «Die elektronische Identität ist kein politisches Ding, es ist ein Ingenieurs-Ding!», rief er in die Richtung der Bundespräsidentin, die in der ersten Reihe sass. Die Kotka-Show schien den laut offiziellen Angaben rund 700 Gästen im Konzertsaal des Konferenzzentrums zu gefallen. Sie applaudierten ausgiebig. Kritischer waren die Voten danach im Panel zum Thema Digitale politische Gouvernanz mit Bundeskanzler Walter Thurnherr, Franz Grüter, Nationalrat und Green-Verwaltungsratspräsident, Anja Wyden Guelpa, Staatskanzlerin des Kantons Genf, Dolfi Müller, Stadtpräsident von Zug, und wecollect.ch- Mitgründer Daniel Graf. Panelgespräch am Morgen Zum Referat von Kotka sagte Bundeskanzler Thurnherr, dass man hierzulande nicht einfach etwas von oben anordnen könne wie in Estland. Die Schweiz hatte und hat eine funktionierende Verwaltung und musste 1990 nicht von null anfangen, wie es die ehemalige Sowjetrepublik nach dem Abzug der Russen tun musste. Auch Nationalrat Franz Grüter zeigte sich überzeugt, dass die Schweiz mit ihren Digitalisierungsvorhaben auf gutem Weg sei, und man auch «nicht alles von anderen kopieren» müsse. «Die Schweiz hat ihre eigenen Stärken», sagte Grüter. Auch brachte der Green-Verwaltungsratspräsident die Idee von der Schweiz als sicherem Hafen für die besonders schützenswerten Daten der Welt einmal mehr aufs Tapet. Thurnherr bemängelte in einem weiteren Votum ein altbekanntes Problem: «Wir haben etwa 35 Landwirte im Parlament und dafür zu wenig IT-Kompetenz.» Der Zuger Stadtpräsident, Dolfi Müller, der im Zusammenhang mit der Einführung der Blockchain im Verkehr mit der Zuger Stadtverwaltung von sich reden gemacht hatte, erklärte, wie er mit der Digitalisierung umgeht: «Ich habe auch Angst vor der Entwicklung, deshalb sage ich: Let’s face it!» Das Panelgespräch endete mit Voten aus dem Publikum. So regte ein engagierter Senior an, dass man die Alten bei der Digitalisierung nicht vergessen solle. Er sei an der Aare aufgewachsen und wisse, dass man nicht gegen sie anschwimmen könne. Das Gleiche gelte für die Digitalisierung: «Sie ist nicht aufzuhalten und man muss sich auch als Senior mit ihr auseinandersetzen.» Nur befürchte er, dass er irgendwann mit der Geschwindigkeit nicht mehr mitkomme und die verschiedenen Geräte und IT- Systeme nicht mehr bedienen könne. ETH gemacht. «Wir können die Digitalisierung lieben oder nicht lieben», das Wesentliche sei, dass Chancen genutzt und Risiken reduziert würden. Zu den Risiken zählt der Wirtschaftsminister Arbeitslosigkeit, die mit der vierten industriellen Revolution einhergehen könnte. «Wir sind heute ein Land mit Vollbeschäftigung und wir müssen dafür Sorge tragen, dass wir das auch nach der Digitalisierung bleiben.» Die Schweizer Start-up-Szene liegt dem Wirtschaftsminister am Herzen. Aus eigener Erfahrung weiss er, wie es sich anfühlt, mit einem Start-up Schiffbruch zu erleiden. Damit es den Schweizer Start-ups besser ergeht als ihm, setzt er sich für die Äufnung eines Risikokapitalfonds ein. Die Swiss Entrepreneurs Foundation soll bis Januar 500 Millionen Franken dafür sammeln. «Damit wir die jungen Firmen hier im Land halten können und sie nicht ins Silicon Valley abwandern, um Geld für die Weiterentwicklung ihrer Geschäftstätigkeit zu bekommen.» Von der Nationalen Konferenz Digitale Schweiz nimmt Johann Schneider-Ammann drei Dinge mit, wie er sagt: «Vertrauen ist zentral für das Gelingen der Digitalisierung, auf diesem Vertrauen müssen wir aufbauen können; Bildung ist der Schlüssel. Und wir müssen uns neu erfinden wollen und neu zu erfinden wagen.» Schneider-Ammann ist zuversichtlich: «Wir sind aus drei industriellen Revolutionen gestärkt hervorgegangen und es gibt keinen Grund, warum das bei der vierten industriellen Revolution nicht auch so sein sollte.» Mit einem Networking-Apéro klang die erste nationale Konferenz Digitale Schweiz aus. Sie markierte den Auftakt für den ersten Digitaltag der Schweiz, an dem sich dutzende Unternehmen und Institutionen beteiligten. Mit dem Digitaltag wollten Wirtschaft und Wissenschaft unter dem Patronat des Bundesrates die Chancen der Digitalisierung aufzeigen. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_69937 « Wir haben etwa 35 Landwirte im Parlament und dafür zu wenig IT-Kompetenz. » Walter Thurnherr, Bundeskanzler Bundespräsidentin Doris Leuthard und Taavi Kotka, Ex-CIO von Estland, hatten noch Zeit für ein Selfie. Schlusswort von Bundesrat Schneider-Ammann «Den Letzten beissen die Hunde.» Mit diesen Worten begann Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann sein launiges Schlusswort und sorgte für Schmunzeln im Konzertsaal des Kongresszentrums in Biel. Schneider-Ammann sagte, er habe seine ersten Erfahrungen mit der Digitalisierung 1974/75 als Student an der www.netzwoche.ch © netzmedien ag 1920 / 2017

Archiv