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Netzwoche 19-20/2019

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24 People Live « Ich

24 People Live « Ich verstehe mich als Brückenbauer » Im August ist Azure Schweiz offiziell online gegangen. Marc Holitscher, National Technology Officer bei Microsoft Schweiz, sagt warum. Ausserdem spricht er über seine Rolle als NTO beim US-Unternehmen und erklärt, warum seine jetzige Aufgabe zu seinem Studium passt. Interview: René Jaun Microsoft Schweiz hat zwei Technologiechefs: Sie und Stefano Mallè. Warum ist das so? Marc Holitscher: Technologie durchdringt zunehmend jeden Lebensbereich, sowohl den privaten wie auch den geschäftlichen. Und sie beeinflusst immer stärker, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, wie wir mit ihr interagieren und wie wir Entscheidungen fällen. Mit dieser Veränderung steigt auch der Erklärungsbedarf bei unseren Kunden sehr stark. Und wir möchten diese Nachfrage möglichst ganzheitlich adressieren. « Wir wissen, dass unsere Kunden neue Technologien nur dann einsetzen, wenn sie ihnen vertrauen. » Marc Holitscher, NTO, Microsoft Schweiz Sprechen wir ein Sie. Stimmt es, dass Sie früher journalistisch tätig waren? Ja. Ich habe während meines Studiums unter anderem als freier Journalist gearbeitet, etwa für die «Neue Zürcher Zeitung». Davor war ich beim «Internet Standard». Ich erinnere mich noch genau an unsere erste Ausgabe. Die publizierten wir am 18. August 2001 – dem Tag, an dem an der Börse die New-Economy-Blase platzte. Wir sassen vom ersten Tag an auf dem sinkenden Schiff, weil das ganze Businessmodell nicht mehr aufging. Wie teilen Sie sich Ihre Aufgaben auf? Wir haben einen «Chief Technology Officer» und einen «National Technology Officer». Der CTO beschäftigt sich traditionell sehr stark mit dediziert technischen Problemstellungen. Er fragt sich beispielsweise, wie man softwarebasierte Entwicklungsprozesse weiter automatisieren kann oder wie sich Softwarearchitekturen optimal definieren lassen. Ich als NTO fokussiere mich sehr stark auf Schnittstellenthemen und beschäftige mich zum Beispiel mit der Frage, was es braucht, damit Kunden im regulierten Bereich cloudbasierte Infrastrukturen nutzen können. Hier kommen technische, wirtschaftliche, rechtliche und regulatorische Aspekte zusammen. Ich verstehe mich als Brückenbauer. Der NTO, im Unterschied zum CTO, verantwortet vielmehr strategische Themen. Er spricht über künstliche Intelligenz oder Cybersecurity, aber auf einer übergeordneten Ebene. Ich habe die Aufgabe, die Themen in ihren verschiedenen Ausprägungen den relevanten Zielgruppen näherzubringen und zu erklären. Zum Beispiel? Ich spreche die Möglichkeiten, aber auch potenzielle Risiken neuer Technologien an. Man darf beispielsweise künstliche Intelligenz nicht als rein technisches Phänomen verstehen. Sie bringt auch verschiedenste Begleitfragen mit sich: Was leistet sie? Ist alles, was möglich ist, auch wünschenswert? Indem wir solche Themen proaktiv und transparent ansprechen, möchten wir vor allem auch Vertrauen schaffen. Wir wissen, dass unsere Kunden neue Technologien nur dann einsetzen werden, wenn sie ihnen auch vertrauen und verstehen, wie sie funktionieren. Dieser Aspekt ist meiner Meinung nach heute so wichtig wie noch nie. i ZUR PERSON Marc Holitscher ist National Technology Officer (NTO) und Mitglied der Geschäftsleitung von Microsoft Schweiz. Als Leiter des Technology Office begleitet er Unternehmen bei der Beurteilung von Chancen und Risiken bei der Adoption von cloudbasierten Szenarien. Holitscher promovierte an der Universität Zürich in Internationalen Beziehungen und arbeitete zunächst als Journalist für die «NZZ», den «Internet Standard» und «Cash». Er kam im November 2005 als Platform Strategy Manager zu Microsoft. Später war er Business Group Lead Server & Tools sowie Specialist Team Unit Lead. NTO ist er seit April 2015. Das vollständige Interview finden Sie online www.netzwoche.ch Promoviert haben Sie an der Universität Zürich in «Internationalen Beziehungen». Wie kamen Sie schliesslich zu Microsoft? Mich haben schon sehr früh Themen an der Schnittstelle von Technologie, Wirtschaft und Politik interessiert. In Deutschland gibt es das schöne Wort «Technologiefolgenabschätzung». Und genau zu diesem Kontext schrieb ich meine Dissertation – über Internet Governance. Es ging vordergründig um ein technisches Thema, das aber für wirtschaftliche und politische Zusammenhänge hochgradig relevant war. Ich schaute mir konkret an, wer die Macht hat über die Root Server, quasi das Telefonbuch im Internet, und welche zusätzliche Machtmomente diese Kontrolle verleiht. Auch heute bei Microsoft beschäftigt mich diese Schnittstelle zwischen Technologie und anderen Bereichen. Es ist gewissermassen die Fortsetzung. Sie haben mehrere Bücher über Internetregulierung geschrieben … Na ja, es waren in erster Linie Fachartikel, die ich veröffentlichte. Was hat Sie dazu motiviert? Das war vermutlich die Übersetzungsleistung. Vordergründig ging es um technische Zusammenhänge, die eine gewisse Komplexität mit sich bringen. Diese übersetzte ich in die Sprache der Leute, die nicht den Luxus haben, sich vertieft damit auseinanderzusetzen, aber dennoch darüber entscheiden müssen. Auch da gibt es wieder eine gewisse Kontinuität. Sind Sie der Wissenschaft treu geblieben? Ja, meine Rolle bringt das quasi mit sich. Ich muss mich stets über den neuesten Stand der kommenden Technologien informieren. Und ich habe als NTO auch mit Universitäten sehr viel zu tun, mit denen wir zusammenarbeiten. 1920 / 2019 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 25 « Bisher konnten wir nicht feststellen, dass die Preise ein Schweizer Unternehmen abgeschreckt hätten. » Marc Holitscher, NTO, Microsoft Schweiz Internet nicht zum Durchsetzen politischer Interessen zu missbrauchen. Das fasziniert mich, weil es alles kombiniert, an das ich glaube. Sind Sie eigentlich mit Windows oder Mac aufgewachsen? Ich wurde grösstenteils mit Macs gross. Zu meiner Studentenzeit waren Macs an Universitäten noch sehr verbreitet. Ich muss sogar zugeben, dass ich mir einen Windows-Computer ausleihen musste, um meine Präsentation für mein Microsoft-Vorstellungsgespräch mit Windows halten zu können. Das ist jetzt aber 14 Jahre her. In der Zeit hat sich sehr vieles verändert. Inzwischen haben sich die Unterschiede zwischen den beiden Plattformen weitestgehend aufgelöst. Ob man Mac oder Windows nutzt, wird heute nicht mehr so religiös kultiviert wie früher. Als Firma bemühen wir uns heute stark darum, dass unsere zentralen Anwendungen auf beiden Plattformen gleich gut laufen. Wie kam es zu dieser Öffnung? Microsoft hat in den letzten fünf Jahren einen sehr tiefgreifenden Transformationsprozess durchgemacht, auf unterschiedlichsten Ebenen und Dimensionen. Einerseits wurden wir anderen Plattformen gegenüber offener. Wir änderten aber auch als Firma unser Geschäftsmodell fundamental weg vom Verkauf von Lizenzen hin zum cloudbasierten Modell, das wir nur monetarisieren können, wenn es der Kunde wirklich nutzt. Zu Ihren Aufgaben gehört es, Kunden bei der Umsetzung von Cloud-Projekten zu begleiten. Welcher Branche fällt es besonders schwer, in die Cloud zu wechseln? Es gibt sicher Branchen mit erschwerten Anforderungen, wie Versicherungen oder Banken. Es gibt aber auch Branchen, von denen wir uns wünschen würden, die Cloudplattformen etwas «freizügiger» oder aggressiver zu nutzen, namentlich der öffentliche Sektor. Dort sehen wir nach wie vor eine gewisse Zurückhaltung gegenüber den Möglichkeiten. Erst kürzlich eröffneten wir das Labor für KI und Augmented Reality zusammen mit der ETH. So darf ich mich heute in beiden Welten bewegen. Haben Sie in der Techbranche ein Vorbild? Ja, so kitschig es klingen mag. Ich schätze Brad Smith, Präsident von Microsoft, sehr. Ich finde, er artikuliert Themen und Zusammenhänge in einer einzigartigen Weise und zeigt auf, wie sich Technologie auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge auswirkt. Er fragt sich zum Beispiel, wie wir sicherstellen, dass Technologie im Sinne einer erweiterten Öffentlichkeit eingesetzt und nicht von Partikular-Interessen missbraucht wird. Das Flaggschiff seiner Bemühungen ist die Digital Geneva Convention, die Staaten verpflichtet, in Friedenszeiten das Gegenüber Microsoft oder gegenüber der Cloud generell? Ich würde sagen: gegenüber der Public Cloud. Viele Departemente betreiben ihre eigenen Datacenter, die sie als Private Cloud bezeichnen. Oder sie unterhalten eine Hybrid Cloud, also eine Mischform. Aber wenn es um wirkliche Public-Cloud-Strukturen geht, ist die öffentliche Hand noch sehr zurückhaltend. Das ist schade, zumal gerade der Bund eine gewisse Vorbildfunktion gegenüber kommerziellen Firmen hat. Google ist vor Microsoft mit einer Schweizer Cloud gestartet. Hat Sie das überrascht? Nein, ich war nicht überrascht. Wir haben vor Google angekündet, dass wir in die Schweiz kommen. Insofern war der Schritt abzusehen. Grundsätzlich sind wir sehr selbstbewusst, was die Fähigkeiten unserer Plattform, aber auch die www.netzwoche.ch © netzmedien ag 1920 / 2019

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