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IT for Health 01/2020

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E-HEALTH KONKRET Bild:

E-HEALTH KONKRET Bild: National Cancer Institute/Unsplash Die Liste der gewünschten und notwendigen Verbesserungen für das elektronische Patientendossier ist lang. Auf ihr befindet sich mit der elektronischen Identität ein ganz anderes Problemfeld für den Bund. Gegen das E-ID-Gesetz läuft ein Referendum. Die Alternative für ein nationales Identifikationsmittel sind mehrere verschiedene Identitätsprovider, auf die sich wiederum die Stammgemeinschaften einstellen müssen. Sowohl die Patienten als auch die Gesundheitsfachpersonen benötigen eine elektronische Identität für die Nutzung des EPD, so verlangt es das EPD-Gesetz. Hinzu kommt das komplizierte Erstellen und Verwalten eines elektronischen Patientendossiers. Zugangsrechte müssten aktiv vom Patienten erteilt werden. Für ältere Patienten eine fast unüberwindbare technische Hürde, wie das Kantonsspital Aarau befürchtet. EPD-Plattformen sind Neuland Das EPD selbst bestehe derzeit noch aus PDF-Dateien und nicht aus strukturierten Datensätzen, die den Behandlungsprozess unterstützen könnten. Es fehle zudem an einer intelligenten Suchfunktion für «Keywords ausserhalb der definierten Metadaten», beklagt das Claraspital. Die «dezentrale Umsetzung unter einem nationalen Dach» führe zu Unterschieden bei der Unterstützung durch die Stammgemeinschaften, sagt Adrian Schmid, Leiter von E-Health Suisse. Trotz der Nutzung internationaler Standards ist die Integration der EPD-Plattformen «grösstenteils Neuland». Schuld daran ist die «Helvetisierung» der technischen Standards, wie die Vereinigung Gesundheitsinformatik Schweiz schreibt. Auf der Wunschliste der zukünftigen Ergänzungen im B2B- Bereich stehen unter anderem die E-Medikation, das E-Rezept und der vollelektronische Datenaustausch zwischen allen Leistungserbringern im Gesundheitswesen. Langfristig müsse das EPD massiv erweitert werden, sonst «kann von einem kurz- oder mittelfristigen Mehrwert nicht ausgegangen werden», lautet das Fazit des Bethesda Spitals. Deutliche Kritik am Bund Die Spitäler beklagen eine Abhängigkeit von den Stammgemeinschaften und vom Bund. Natürlich seien sie selbst auch Teil einer Stammgemeinschaft, aber ihr Einfluss sei begrenzt. Dies zeigten nicht nur die verzögerten Lizenzierungsverfahren. Was schieflaufen kann bei den Stammgemeinschaften zeigt das Beispiel des Kantonsspitals Baselland. Der im Jahr 2017 gegründete Trägerverein E-Health Nordwestschweiz sollte auf die Gründung einer eigenen Stammgemeinschaft hinarbeiten. Zwei Jahre später wurde die Idee verworfen und der Trägerverein aufgelöst. Dem Kantonsspital Baselland blieb zu diesem späten Zeitpunkt nur der Anschluss an eine andere Stammgemeinschaft. Einer der grössten Kritikpunkte der Spitäler und Kliniken sind die fehlenden oder zu späten Vorgaben seitens des Bundes. Die Vorgaben in den Bereichen Technik und Organisation seien sehr komplex, während für die Anwendung im Alltag keine Lösungen angeboten würden. Mögliche Fragen, wie etwa die Qualität der eingestellten Daten im elektronischen Patientendossier zu beurteilen sei oder ob das EPD für die Therapiefestlegung genutzt werden müsse, blieben bei den Spitälern hängen. Und auch wie Dokumente über die Stammgemeinschaften hinweg ausgetauscht werden sollten, sei nicht geklärt. Der föderalistische Ansatz beim Schweizer EPD führe zu kantonalen Unterschieden bei der Kostenverteilung – eine Wettbewerbsverzerrung, beklagen die Spitäler. Die Vereinigung Gesundheitsinformatik Schweiz fordert eine «nationale Umsetzungstruppe» mit ausreichenden Ressourcen. Letzte Änderungen in den gesetzlichen Rahmenbedingungen hätten dazu geführt, dass ein Systemtest unter Livebedingungen bisher nicht möglich sei, schreibt die Spital Simmental- Thun-Saanenland AG. Die endgültige Verschiebung des EPD- Starts im Februar 2020 sorge wiederum für Unsicherheiten bei der Planung und verkompliziere die Schulung des Gesundheitsfachpersonals. «Das EPD wird kommen», sagte Nicolai Lütschg, Projektleiter EPDG beim BAG, schon am EDI-Podium 2015. Die Frage ist nur, wann das hochkomplexe «Innovationsprojekt», wie E-Health Suisse das EPD- Projekt nennt, kommt. Die Schweizer Spitäler und Kliniken sagen: Wir sind bereit, andere nicht. Den Artikel finden Sie online www.netzwoche.ch 18

« Es wird keine Revolution geben » Serge Bignens, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Medizininformatik, spricht im Interview darüber, wie das elektronische Patientendossier erfolgreich starten kann und wie es in Zukunft das Schweizer Gesundheitswesen verändern wird. Interview: Sven Martens E-HEALTH KONKRET Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die drei Buchstaben «EPD» hören? Serge Bignens: Haha, da reicht aber eine Seite nicht aus, um es zu beschreiben, ein Buch wäre besser! Mir kommt zuerst die Metapher des früheren Pflicht- und Kür-Programms beim Eiskunstlauf in den Sinn. Wir befinden uns momentan beim Pflichtprogramm, das im Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier festgelegt ist. Es ist Knochenarbeit, um eine hochsichere dezentrale Infrastruktur aufzubauen, mit dem Primärsystem zu vernetzen und in Betrieb zu nehmen. Das Nächste ist die Kür, dafür wird schon trainiert. Die Plattformhersteller bauen Module und Schnittstellen, damit die Gemeinschaften Zusatzdienste anbieten können. Die Diskussionen zum EPD dauern schon Jahre, trotzdem ist nicht klar, ob es alle Akteure rechtzeitig schaffen. Wo liegt das Problem? Es liegt einerseits in der legalen und technischen Komplexität dieses riesigen nationalen Projekts und andererseits in dem unvollständigen Anreizsystem, in dem nicht alle Akteure denselben Nutzen haben. Letzteres ist für ein Ökosystem wie das EPD eine grosse Hürde. erhöhen. Die Gesundheitsfachpersonen und auch -einrichtungen werden sich routine mässig die Fragen stellen müssen: Welche von mir generierten Informationen sind behandlungsrelevant und nützlich für weitere Behandelnde und die Patienten? Mit der Zeit werden sich Best Practices etablieren. Wie sehen Sie die Zukunft des EPDs? Das vollständige Interview finden Sie online www.netzwoche.ch Ich sehe eine Konvergenz von EPD mit M-Health. Neue Dienste werden via dedizierte mobile Applikationen mit krankheitsspezifischen Funktionalitäten angeboten. Es wird möglich sein, selbst generierte Dokumente, wie Verlaufskurven einer mit Sensor gemessenen Glykämie, in seinem EPD zu speichern. Daten wie den aktuellen Medikationsplan können aus dem EPD geholt werden. Diese Art einer Integration EPD – M-Health würde auch Start-ups und andere Innovationsstrukturen ermöglichen, Nutzen aus dem EPD zu schöpfen. Gleichzeitig sollte es mehr Austausche von strukturierten Dokumenten wie Laborresultaten geben. Durch zusätzliche Mehrwertdienste wird das EPD noch attraktiver. Was ist die grösste Herausforderung bei den Vorbereitungen? In der jetzigen Phase ist es die Anbindung der Primärsysteme wie klinische Informationssysteme und Arztpraxen-Software, die nicht nur eine minimale Dokumentzugriffsfunktion bieten sollten, sondern eine Integration in den Behandlungsprozess und einen höheren Nutzen generieren werden. Was braucht es ausser dem EPD noch, um die Digitalisierung des Gesundheitswesens voran zubringen? Ich sehe das EPD als ein wunderbares Werkzeug für Gesundheitsprävention und integrierte Versorgungen. Die Akteure, die innovativ in diesen zwei genannten Sektoren sind, werden die Digitalisierung sinnvoll nutzen und vorantreiben, nicht als Selbstzweck, sondern als Mehrwert-Generator. Dazu ist ein enormer Aus- und Weiterbildungseffort nötig. Daran arbeiten wir. Serge Bignens, Vorstandsmitglied, Schweizerische Gesellschaft für Medizininformatik, Leiter des Instituts I4MI an der BFH, Leading Team der BFH Zentrum Digital Society. Wie wird das EPD den Alltag von Gesundheitsfachpersonen verändern? Es wird keine Revolution geben, sondern progressiv vor sich gehen. Es wird das Bewusstsein der Wichtigkeit des Informationsmanagements und der -übermittlung 19

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