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Netzwoche 02/2020

24 People Live Wie viel

24 People Live Wie viel Bargeld haben Sie aktuell bei sich? « Letztlich muss man auch ein wenig verrückt sein » In einer verschneiten Winternacht war Sandipan Chakraborty auf der Suche nach Bargeld, um den Babysitter zu bezahlen – und hatte eine Idee: Warum kann man Bargeld nicht einfach in lokalen Geschäften beziehen? Aus der Idee wurde die Firma Sonect – das «Next Global Hot Thing» der Schweizer IT-Branche. Interview: Oliver Schneider « Wir mussten ein paar harte Entscheidungen treffen. » i Sandipan Chakraborty, CEO, Sonect ZUR PERSON Sandipan Chakraborty gründete Sonect im August 2016, heute ist er CEO des Zürcher Fintech-Unternehmens. Davor war er in der IT der Credit Suisse seit 2004 in verschiedenen Positionen tätig. Gleichzeitig war er insgesamt 12 Jahre lang Projektmanager bei Cognizant. Chakraborty besitzt einen Bachelor of Technology, Electronics & Communication Engineering des National Institute of Technology Warangal und ist Certified Scrum-Master. Im November 2019 wurde Sonect an der Digital Economy Award Night zum «Next Global Hot Thing» gekürt. Das vollständigen Interview finden Sie online www.netzwoche.ch Sandipan Chakraborty: Im Moment habe ich 50 Franken im Portemonnaie. Aber nur als Backup. Normalerweise habe ich überhaupt kein Bargeld bei mir. Haben Sie die 50 Franken über Sonect bezogen? Ja, natürlich! Da ich nicht gerne Bargeld bei mir trage, benutze ich die Sonect-App auf meinem Smartphone, weil ich damit Bargeld genau dort beziehen kann, wo ich es am meisten brauche. Sie haben mit Sonect am Digital Economy Award die Auszeichnung «Next Global Hot Thing» und den Fintech-Preis gewonnen. Was bedeuten diese Auszeichnungen für Sie? Ehrlich gesagt haben wir nicht erwartet, dass wir beide Auszeichnungen gewinnen würden, die Mitbewerber hatten grossartige Ideen präsentiert. Jeder hätte an diesem Abend gewinnen können ! Natürlich waren wir nach dem Gewinn der beiden Preise euphorisch, denn das unterstreicht, dass die Leute unsere Meinung teilen und dass wir in der Lage sind, einen globalen Impact zu erzielen. Das ganze Team hat die Preisverleihung über den Livestream verfolgt und die Begeisterung war entsprechend riesig. Die Jury des Awards sagte, Sonect sei auf dem besten Weg, das weltweit grösste Geldautomaten-Netzwerk zu werden. Ist das Ihr Ziel? Ja. Wir sehen Sonect als eine Plattform ähnlich wie Uber oder Airbnb. Keiner von beiden verfügt über ein Taxi beziehungsweise Hotel, und doch sind sie das grösste Taxiflotten-Netz und die grösste Hotelkette der Welt! Unser Ziel ist es, das grösste Bargeldbezug-Netz der Welt zu werden, ohne dass wir eine physische Infrastruktur besitzen. Wie wollen Sie das schaffen? Unsere User können jetzt überall mit ihrem Smartphone Bargeld abheben, ohne einen Geldautomaten aufsuchen zu müssen. Über unsere Plattform verbinden wir diejenigen, die Bargeld abheben wollen, mit denen, die es einzahlen wollen, in der Regel mit einem lokalen Ladenbesitzer. Auf diese Weise werden die Ladenbesitzer nicht nur ihr Bargeld los, sondern verdienen eine Provision und haben zusätzliche Laufkundschaft im Laden. Dadurch verkürzen wir den Zyklus der Bargeldrückführung, was wiederum zu Kosteneinsparungen bei Banken und Ladenbesitzern führt. Wie ist die Idee zu Sonect entstanden? In einer verschneiten Winternacht in Bern. Wir mussten unseren Babysitter bar bezahlen, und ich hatte kein Bargeld bei mir. Auf dem Weg zum Geldautomaten lief ich an einer Pizzeria vorbei und ich dachte mir «Moment mal, sie brauchen das Bargeld jetzt nicht und müssen es später sowieso bei ihrer Bank deponieren. Ich brauche das Bargeld sofort und gehe zur gleichen Bank? Das ergibt einfach keinen Sinn – warum können die Pizzeria und ich das Bargeld nicht einfach so umtauschen, dass wir uns beide den Weg zur Bank ersparen? Was waren die grössten Hürden in der Entwicklung der Firma? Wenn du beginnst, ein Problem zu lösen, welches das Leben fast aller Menschen auf der ganzen Welt berührt – ja, Bargeld ist auch heute noch die vorherrschende Zahlungsmethode auf der ganzen Welt! –, bieten sich wieder neue Herausforderungen und Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten zu priorisieren und sich auf die richtigen Märkte zu konzentrieren, blieb eine ganze Weile lang eine grosse Herausforderung. Eine weitere Challenge in den Anfangszeiten war, gute Talente zu vernünftigen Konditionen zu gewinnen. Wie haben Sie diese Herausforderungen gemeistert? Wir mussten einfach ein paar harte Entscheidungen treffen und anfangen, bei mehreren Gelegenheiten «Nein» zu sagen. Als Gründer ist das wirklich schwierig, da man nie weiss, ob sich diese Gelegenheiten wieder einmal ergeben oder nicht. Ich bin meinem Führungsteam und meinem Vorstand dankbar und bin zuversichtlich, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben, die Märkte zu 02 / 2020 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 25 priorisieren und unseren Fokus intensiv auf diese Märkte zu legen. « Wenn man keine Leidenschaft für die Arbeit im Unternehmen empfindet, können keine Berge versetzt werden. » Sandipan Chakraborty, CEO, Sonect Und die Suche nach Talenten? Das zweite Problem konnte durch die Gewinnung von Menschen mit der richtigen Motivation gelöst werden. Wir haben bei der Einstellung von Mitarbeitern innerhalb des Unternehmens immer der Leidenschaft für den Erfolg Vorrang vor relevanten Fähigkeiten gegeben. Ich bin der festen Überzeugung, dass Fähigkeiten vermittelt werden können, aber wenn man keine Leidenschaft für die Arbeit im Unternehmen empfindet, können keine Berge versetzt werden. Letztlich muss man auch ein wenig verrückt sein, wenn man davon träumt, die Welt zu erobern. Wie verdient Sonect Geld? Jeder Bargeldbezug verursacht zuerst einmal Kosten. Mit unserer Lösung reduzieren wir einerseits die Fremdbankengebühr und bieten eine kostengünstigere Alternative zum Bargeldbezug am Geldautomaten an. Wir verdienen also Geld pro Transaktion und teilen diese Einnahmen mit dem Ladenlokal. Auf diese Weise verdienen Einzelhändler Geld, während Banken und unsere Kunden Geld sparen. Eine tolle Win-win-Situation für alle Beteiligten. Sie bieten den Bargeldbezug in Läden an und erweitern damit das Netz von Bancomaten in der Schweiz. Was ist daran innovativ? Die Verwendung von Bargeld nimmt stetig ab, somit wird auch an der Infrastruktur der Geldautomaten gespart. In vielen Dörfern in der Schweiz gibt es heute schon keinen Zugang zu Bargeld mehr, während der Bedarf an Bargeld aber weiterhin vorhanden ist. Mit unserer Lösung kann der Dorfladen ohne Investitionen und in kürzester Zeit diese Lücke schliessen. Darüber hinaus arbeiten wir mit Cashin-Transit-Unternehmen – das sind Unternehmen, die Bargeld sicher von einem Ort zum anderen mit gepanzerten Lastwagen transportieren – wie Loomis zusammen, um die Effzienz des ganzheitlichen Bargeldkreislaufs zu erhöhen. Diesem gesamten Bargeldkreislauf fehlte jahrzehntelang die innovative Anwendung von Technologie. Unsere auf der Geolokalisierung basierende dynamische Verkehrsführung zum Geschäft ist in diesem Bereich einzigartig. Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Sonect aktuell? Wir sind derzeit 30 Personen. Wo wird Sonect entwickelt? Das Herz von Sonect ist in der Schweiz. Wir haben jedoch auch ein dezentralisiertes IT-Team, das in ganz Europa verstreut ist. Es gibt Bestrebungen, das Bargeld durch elektronische Zahlungsmittel zu ersetzen. Was bedeuten diese Pläne für Sonect? Ich glaube, bar oder bargeldlos – die Wahl der Zahlungsmethode muss immer dem Verbraucher überlassen www.netzwoche.ch © netzmedien ag 02 / 2020

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