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Netzwoche 03/2016

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20 Business

20 Business Titelgeschichte Thoma weiter sagt. Allerdings habe das Tessin Nachholbedarf im Bereich IT-Versorgung, sagt Thoma. Sie sei aber zuversichtlich, dass sich diese Situation dank der Universitäten sowie der zusätzlichen Förderung durch den Kanton in naher Zukunft ändern werde. Diesen Trend bestätigt auch Kai Hormann, Dekan der Fakultät für Informatik der Università della Svizzera Italiana USI. Das Tessin sei zu wenig attraktiv für Hochschulstudenten. Die meisten Absolventen zögen es deshalb vor, in einem anderen Teil der Schweiz zu arbeiten oder ins Ausland auszuwandern, auf der Suche nach besseren Gehalts- und Projektbedingungen. Der Markt habe sich nicht sonderlich entwickelt, sagt etwa Gatti. Es gebe noch viele KMUs, die eine Erneuerung in den Bereichen Projektmanagementsoftware, Webportale, Analyse- und Reporting-Tools benötigen würden. Ihrer Meinung nach wird es noch ungefähr fünf Jahre dauern, bis die Geschäftsprozesse in den Tessiner Unternehmen komplett digitalisiert sind. Die Marktdaten scheinen dies zu bestätigen. Ein dynamischer Markt Der Tessiner ICT-Markt ist gemäss den Statistiken von verschiedenen Forschungsinstituten in den letzten zehn Jahren stetig gewachsen. Dabei unterscheiden sich die Studien nach den zwei Definitionen ICT und IT. Geht es nach dem IRE stieg das BIP der Tessiner ICT-Branche von rund 3,2 Prozent im Jahr 2003 auf 3,5 Prozent im Jahr 2016. In dieser Zeit stieg der Mehrwert des ICT-Sektors von rund 640 Millionen Franken auf 950 Millionen Franken. Im Jahr 2015 lagen gemäss MSM Research die ICT-Ausgaben (B2B) im Kanton Tessin bei rund 730 Millionen Franken oder 4,3 Prozent des Schweizer Marktes. In diesem Jahr betrugen die ICT-Ausgaben in der ganzen Schweiz rund 17 Millionen Franken. In der Deutschschweiz lagen die Ausgaben deutlich höher bei 12,5 Millionen Franken. Dies entspricht 74 Prozent des Schweizer Marktes. In der Romandie waren es 3,6 Millionen Franken, was rund 20 Prozent des Schweizer Marktes ausmacht. Das BAK Basel verschafft mit einer verfeinerten Studie einen Einblick in den IT-Markt. Im Vergleich zu den anderen Kantonen entwickelte sich der Tessiner IT-Markt überdurchschnittlich gut. Das durchschnittliche reale Wachstum der IT-Services in der Schweiz von 2005 bis 2015 liegt gemäss BAK Basel bei 1,4 Prozent. Im Kanton Tessin stieg die Wertschöpfung der IT-Services von 2005 bis 2015 um 3,2 Prozent. In dieser Zeit war in den Kantonen Obwalden (18 Prozent), Jura (6,7 Prozent), Appenzell Innerrhoden (6 Prozent), Uri (4,5 Prozent) und Appenzell Ausserrhoden (4,1 Prozent) das reale Wachstum stärker. In der Romandie hingegen wuchs die Wertschöpfung um 2,5 Prozent in Waadt und um 2 Prozent in Genf. i IT-Services BruTTowerTSchöpfuNG SchwEIz Kanton Nominaler Anteil 2015 Durschnittliches reales Wachstum 2005 – 2015 (p. a.) AG 5,2 ↗ + 0,8 % AI 0,1 ↗ + 6,0 % AR 0,4 ↗ + 4,1 % BE 11,3 ↘ – 0,6 % BL 2,2 ↘ – 1,4 % BS 3,1 ↘ – 0,8 % FR 1,2 ↗ + 1,1 % GE 8,6 ↗ + 2,0 % GL 0,1 ↘ – 2,4 % GR 0,9 ↗ + 0,6 % JU 0,3 ↗ + 6,7 % LU 3,9 ↗ + 1,7 % NE 1,0 ↘ – 1,1 % NW 0,2 ↘ – 2.7 % OW 0,3 ↗ + 18,0 % SG 4,6 ↗ + 0,8 % SH 0,4 ↘ – 4,7 % SO 1,5 ↘ – 0,3 % SZ 1,4 ↗ + 1,1 % TG 1,5 ↗ + 2,2 % TI 3,2 ↗ + 3,2 % UR 0,1 ↗ + 4,5 % VD 9,3 ↗ + 2,5 % VS 0,8 ↗ + 0,5 % ZG 4,3 ↗ + 0,5 % ZH 34,3 ↗ + 2,5 % CH 100 1,4 % Licht am Ende des Tunnels Die IT-Branche hat sich in den letzten zehn Jahren gut entwickelt. Das Tessin blieb wie die anderen Kantone auf dem aktuellen Stand der Technologie. Allerdings gibt es noch viele alteingessene Unternehmen, die nicht zum digitalen Wandel beitragen können. Möglicherweise fehlt ihnen das nötige Kapital. Die Cloud-Technologie könnte Kosten reduzieren und die Zusammenarbeit mit grossen und reichen Unternehmen in die Wege leiten. Die strategische Relevanz des Tessins liegt mit Sicherheit in der Verbindung zu Italien. Dennoch besteht eine gute Zusammenarbeit mit den Kantonen der Deutschschweiz. Im Vergleich zu den anderen Kantonen ist die Wertschöpfung der Tessiner IT-Branche höher. Künftig könnte sich das Tessin weiter entwickeln. Jetzt scheint die Zeit noch nicht reif zu sein. Es gibt immer noch sehr viele Uni-Absolventen, die nicht in der Region bleiben wollen. Tessiner Unternehmer stehen nun vor der Herausforderung, ihr Geld in die richtige Technologie zu investieren. Gleichzeitig müssten sie bereit sein, sich von traditionellen Denkhaltungen und Strategien zu lösen und den kulturellen Wandel in die Wege zu leiten. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode 6685 03 / 2016 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Business Titelgeschichte 21 «Seit der Finanzkrise sehen wir eine Neuorientierung in Richtung IT-Sektor» Tessiner Hochschulen wie die Università della Svizzera italiana (USI) bilden die IT-Fachkräfte der Zukunft aus. Diese könnten eine zentrale Rolle bei der digitalen Transformation der Tessiner Wirtschaft spielen. Wenn sie nicht abwandern würden. Weshalb das so ist, erklärt der Dekan der Fakultät für Informatik der USI, Kai Hormann. Interview: Daniele Giampà Wo sehen Sie die grössten Chancen für den Tessiner IT-Markt? Kai Hormann: Die Chancen sind sehr gut. Über viele Jahrzehnte hinweg war der Finanzsektor das Rückgrat der Wirtschaft im Tessin, doch spätestens seit der Finanzkrise sehen wir eine Neuorientierung in Richtung des IT-Sektors. Zudem verfolgt die Stadt Lugano momentan intensiv eine «Smart City»-Initiative. Zu diesem und zu anderen innovativen Projekten können unsere Fakultät und ihre Absolventen wertvolle und aktive Beiträge leisten. Was sind die grössten Herausforderungen für den Tessiner IT-Markt? Die Öffentlichkeitswirkung der Region zu verbessern und somit ihre Kompetenzen, was fortschrittliche Forschung und Entwicklung im Bereich der Informatikwissenschaften anbelangt, in den Vordergrund zu rücken. Dies mit dem Ziel, grosse Namen der Industrie anzulocken, um Teil ihrer Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten zu werden. Trends wie neue IT-Technologien und die Digitalisierung verändern Arbeitsprozesse und -methoden sowie die Kompetenzen der Entwickler. Wie reagiert die USI auf diesen Wandel? Ein grosser Teil unserer Forschung beschäftigt sich mit neuen Technologien und den sich daraus ergebenden Konsequenzen, Möglichkeiten und Chancen. Wir sind dadurch immer «am Ball» und bilden etwa die Gymnasiallehrer des Tessins dahingehend in Fortbildungsseminaren weiter. Wie bilden Sie diese Veränderungen im Studienangebot ab? Das Informatikstudium an der USI vermittelt in erster Linie die Kenntnis grundlegender Prinzipien. Dadurch erlangen unsere Absolventen eine breite und fundamentale Wissensbasis, die ein gutes Rüstzeug für zukünftige Entwicklungen in der IT-Branche ist. Zudem gibt es in unserem Bachelor-Programm das Konzept der «Atéliers», in denen die Studierenden die erlernte Theorie in die Praxis umsetzen. Die konkreten Projekte, die in diesen «Atéliers» realisiert werden, werden stets im Hinblick auf neue Technologien angepasst. Ausserdem fordern wir unsere Studierenden auf, ihr eigenes Unternehmen zu kreieren und sich auf Projekte zu stützen, die sie während ihres Studiums entwickelten. Denn bereits seit seiner Erstellung sieht der Studienplan einen Lernansatz für Projekte vor, bei dem die Studierenden jedes Semester die Möglichkeit haben, an Gruppenprojekten teilzunehmen, die wiederum den Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, unterbreitet werden. Welchen Beitrag leistet die USI zur IT-Wirtschaft des Tessins? Die Fakultät für Informatik der USI bildet hochqualifizierte Fachexperten und Forscher aus, die für die Wirtschaft des Tessins sehr interessant sind. Die Statistiken offenbaren jedoch, dass die meisten unserer Absolventen es vorziehen, in andere Kantone der Schweiz oder ins Ausland auszuwandern auf der Suche nach besseren Gehalts- und Projektbedingungen. Im Tessin gibt es interessante Möglichkeiten, jedoch ist deren Anzahl noch zu gering, und die Unternehmen sind zum Grossteil eher im Bereich des IT-Managements oder im IT-Support aktiv, was für unsere Studierenden offensichtlich weniger attraktiv ist. Wie kooperiert die USI mit Tessiner IT-Unternehmen? Die USI arbeitet in verschiedenen Formen mit den lokalen IT-Unternehmen zusammen. Wir haben etwa ein Wirtschaftspraktikum für die Studierenden im dritten Jahr des Bachelor-Studiums in Informatik eingeführt, eine von beiden Seiten hochgeschätzte Massnahme, die in einigen Fällen sogar zu einer dauerhaften Zusammenarbeit weit über den Praktikumszeitraum hinaus wurde. Ausserdem kooperieren wir durch Forschungs- und Entwicklungsprojekte mit den Unternehmen, insbesondere an innovativen Projekten, die Know-how und neue Arbeitsplätze generieren. Welche Kooperationen gibt es noch? Auf direkte Weise arbeiten die USI und die Fakultät für Informatik mittels des CP-Start-ups – eines Inkubators für junge Unternehmer – mit der regionalen Wirtschaft zusammen. Ausserdem haben wir mit unserem «Master in Management and Informatics» ein sehr wirtschaftsorientiertes Studienprogramm in unserem Portfolio. Unter anderem beinhaltet es ein «field project», das zur Entwicklung konkreter Projekte führt. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode 6637 «Die USI arbeitet in verschiedenen Formen mit den lokalen IT-Unternehmen zusammen.» Kai Hormann, Dekan der Fakultät für Informatik, Università della Svizzera Italiana www.netzwoche.ch © netzmedien ag 03 / 2016

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