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Netzwoche 03/2021

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16 Business Hintergrund

16 Business Hintergrund Swico wehrt sich gegen die Verstaatlichung des Recyclings Der Bund möchte das Recycling von Elektroschrott neu regeln. Teil davon ist die Verstaatlichung sowie ein obligatorisches Finanzierungssystem. Der Wirtschaftsverband Swico wehrt sich dagegen. Autorin: Milena Kälin Den Artikel finden Sie auch online www.netzwoche.ch Aktuell werden in der Schweiz 95 Prozent der elektrischen und elektronischen Geräte recycelt. Die Wiederaufbereitung defekter oder unerwünschter Geräte wird hierzulande auf freiwilliger Basis privat gehandhabt. Systeme wie Swico Recycling oder die Stiftungen Entsorgung Schweiz (SENS) und Licht Recycling Schweiz (SLRS) kümmern sich darum. Mit 50 000 Tonnen pro Jahr recycelt der Wirtschaftsverband der ICT- und Onlinebranche Swico einen Grossteil des anfallenden Elektro- und Elektronikschrotts. Mit 600 offiziellen Sammelstellen und über 6000 Rückgabemöglichkeiten im Handel möchte es der Verband für Konsumentinnen und Konsumenten so einfach wie möglich machen. « In der Schweiz ist bereits beim Kauf eines Geräts das saubere Recycling finanziert. » Judith Bellaiche, Geschäftsführerin, Swico Die «Verordnung über die Rückgabe, die Rücknahme und die Entsorgung elektrischer und elektronischer Geräte» (kurz VREG) sieht nur die Rücknahmepflicht von Elektroaltgeräten vor. Um diese zu finanzieren, ist im Kaufpreis aller VREG-Geräte bereits ein vorgezogener Recyclingbeitrag einberechnet. «In der Schweiz ist bereits beim Kauf eines Geräts das saubere Recycling finanziert», erklärt Swico-Geschäftsführerin Judith Bellaiche. Für das Recycling eines Smartphones bezahlt der Konsument beispielsweise 10 Rappen. Die Gegenstimmen zur Revision der Verordnung sind laut. So wehrte sich etwa Swico, zusammen mit etlichen Gleichgesinnten, mit einer Vernehmlassungsantwort. Im Bereich Büro-, Digital- und Unterhaltungsgeräte gebe es keine Finanzierungslücken, heisst es darin. Ein obligatorisches Finanzierungssystem hätte aber zur Folge, dass das Recycling generell teurer wird – für Hersteller sowie für Konsumentinnen und Konsumenten. Auch auf das Thema Trittbrettfahrer geht der Verband ein: Swico bemerke fast bis gar keine Trittbrettfahrer. Und Onlinehändler ohne Sitz in der Schweiz – wie etwa das E-Commerce-Unternehmen Wish mit Sitz in San Francisco – würden durch die Verstaatlichungspläne des Bundes nicht erfasst. «Händler, die schwierig zu erfassen sind, importieren aber auch praktisch keine hochwertigen Elektronikgeräte», sagt Bellaiche. Denn aufgrund ihrer hohen Qualitätsansprüche würden Schweizerinnen und Schweizer Digitalgeräte bevorzugt über inländische Händler beziehen. Und inländische Onlinehändler, wie etwa Brack.ch und Digitec Galaxus, sind bereits am Recycling-System von Swico angeschlossen. Recycling beginnt beim Konsumenten Die neue Verordnung sieht vor, dass sich Hersteller vom staatlichen System befreien lassen und stattdessen eine Branchenlösung betreiben können. Dafür müssten sie ein Gesuch beim Bundesamt für Umwelt (BAFU) einreichen. Somit könnten Hersteller in Zukunft ihr Recycling möglicherweise weiterhin über Swico oder andere private Organisationen abwickeln. Das staatliche Finanzierungssystem müssten diese Hersteller aber dennoch mitfinanzieren. Somit würde das Recycling auch für die Hersteller teurer werden. «Bei der Revision wurden die Konsumentinnen und Konsumenten komplett ausgeblendet», sagt Bellaiche. Im Verordnungspaket des Bundes werden sie nur am Rande erwähnt. Da der gesamte Recyclingprozess aufgrund der Revision teurer werde, erhöhten sich für diese auch die Verkaufspreise. Die Swico-Geschäftsführerin ist aber überzeugt: Recycling funktioniere nur, wenn es niederschwellig und unproblematisch sei. «Die Konsumentinnen und Konsumenten wollen ihre Geräte einfach und unkompliziert abgeben können», sagt Bellaiche. Mit doppelspurigen Systemen wächst die Komplexität für alle Beteiligten, ohne dass ein Mehrwert entstünde. Für den Verband stellt sich die Frage, wieso der Bund das System überhaupt ändern wolle. In einigen anderen Ländern sei das Recycling bereits sehr stark reguliert – aber die Erfahrungen der Hersteller mit diesen überregulierten Systemen seien nicht gut. Auch die Statistiken würden dies bestätigen: Sogar in Kroatien, jenem EU- Land, das am meisten Elektroschrott recycelt, wurden 2017 rund 81,3 Prozent des Elektro- und Elektronikabfalls wiederverwertet – fast 14 Prozent weniger als in der Schweiz, wie Bellaiche sagt. «Unsere internationalen 03 / 2021 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

XXXXXXXXXXX XXXXXXXXXXXX 17 Bild: KPixMining / Shutterstock Hersteller, die in der ganzen Welt präsent sind, bezeichnen das Swico-System als Best Practice.» Mittlerweile ist bekannt, dass rund 200 Vernehmlassungsantworten beim BAFU eingereicht wurden – die meisten davon lehnen die Revision ab. Derweil hat der Bund den entsprechenden Bericht noch immer nicht veröffentlicht. Wann und ob die Änderungen tatsächlich zustande kommen, ist somit noch unklar. «Ich hoffe einfach, dass wir dann doch noch genügend Zeit erhalten, um zu reagieren», sagt Bellaiche. « Bei der Revision wurden die Konsumentinnen und Konsumenten komplett ausgeblendet. » Judith Bellaiche, Geschäftsführerin, Swico Swico fördert Innovationen im Recycling Der Wirtschaftsverband wartet aber nicht nur ab oder bleibt auf dem Erreichten stehen: Mit einem speziell geschaffenen Innovationsfonds unterstützt Swico Forschungsprojekte im Bereich Recycling. Vergangenes Jahr förderte der Verband drei Projekte: 1. Mit dem ersten Förderprojekt hat Swico das Tonerrecycling in die Schweiz geholt: Tonerhaltige Bauteile sollen für den Abbau nicht mehr ins Ausland transportiert werden, sondern in Gossau nachhaltig und CO2-freundlicher rezykliert werden. Die Anlage wird voraussichtlich am 1. April 2021 in den Regel betrieb überführt werden können. 2. Die Firma Le Bird will mit ihrem Projekt die Kreislaufwirtschaft fördern. Zu diesem Zweck untersuchte sie, wie viele der abgegebenen Elektronikgeräte noch verwendet und dem Secondhand-Markt zugeführt werden können. 3. In einem gestaffelten Projekt konnte Solenthaler Recycling zunächst die Rückgewinnung von Kobalt ermöglichen. In einem nächsten Schritt soll die gemeinsame Rückgewinnung von Kobalt und Neodym wirtschaftlich und ökologisch gestaltet werden. «Mit diesen vielversprechenden Projekten verbessern wir ganz konkret und ohne zusätzliche Regulierung das Recycling in der Schweiz», sagt Bellaiche. Bleibt die Frage, ob diese Projekte auch Einzug in das Recycling-System der Schweiz finden, wenn der Bund die Zügel in der Hand hält. www.netzwoche.ch © netzmedien ag 03 / 2021

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