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Netzwoche 11/2018

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34 Technology

34 Technology Titelgeschichte 1 Steinhausen Baar 10 Cham 4 Zug 115 2 Walchwil Im Crypto Valley haben sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Firmen angesiedelt, die Produkte auf Basis der Blockchain-Technik entwickeln. Doch wo liegt das Valley überhaupt? Seinen Ursprung hatte der Begriff gemäss Angaben der Stadt Zug um das Jahr 2013, als sich die Firmen Bitcoin Suisse, Ethereum und Monetas in Zug ansiedelten. Monetas-Gründer Johann Gevers habe an einer Sitzung mit der kantonalen Volkswirtschaftsdirektion vorgeschlagen, den Ort Crypto Valley zu nennen. Heute wird der Begriff auch breiter verwendet. So versteht das «Cryptovalley Directory» darunter die ganze Kryptobranche in der Schweiz und Liechtenstein. Karte: Google Maps Anzahl Firmen pro Ort Baar 10 Firmen Cham 4 Firmen Steinhausen 1 Firma Walchwil 2 Firmen Zug 115 Firmen eine digitale Repräsentation erhalten. So liessen sich Handelsgeschäfte in Zukunft für jedermann einsehbar, fälschungssicher und ohne Mittelsmann durchführen, versprechen die Entwickler. Ebenfalls mehrfach vertreten sind Firmen, die Produkte für Versicherungen und den Regtech-Bereich entwickeln. Hier soll die Blockchain Kosten senken, Prozesse vereinfachen und Betrug verhindern. Weitere Firmen wollen mit Krypto das Gesundheitswesen, Social Media, die Landwirtschaft oder die Immobilienbranche aufwirbeln. Die Start-ups des Crypto Valley sind zahlreich, arbeiten in verschiedenen Bereichen und sind um grosse Worte nicht verlegen. Die nächste Generation des Internets, die Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI) oder der Aufbau eines global vernetzten Supercomputers – manche der Versprechungen aus dem Crypto Valley muten beinahe fantastisch an. Doch lauffähige Produkte haben erst wenige Firmen auf dem Markt. Die Redaktion wollte von 63 Firmen aus dem Crypto Valley wissen, woran sie arbeiten, wo die Herausforderungen liegen und was sie sich von Politik und Wirtschaft wünschen. Von 12 Start-ups, die antworteten, gaben 3 an, bereits fertige Produkte anzubieten oder Minimum Viable Products zu testen. Die Mehrheit peilte einen Start im weiteren Verlauf des Jahres 2018 an. Was Firmen ins Crypto Valley zieht Auf die Frage, weshalb das Crypto Valley für Blockchain- Firmen besonders attraktiv ist, waren sich die Befragten weitgehend einig. Zum einen ist es die wachsende Krypto- Community selbst, die von den Start-ups geschätzt wird. Die Nähe zu anderen Blockchain-Firmen, aber auch zu potenziellen Partnern und Beratern, biete Expertenwissen, bewirke gegenseitige Inspiration und schaffe ein innovationsfreundliches Klima. «Das Crypto Valley vereinigt auf kleinem Raum eine unglaubliche Menge und Vielfalt an Krypto-Firmen», sagt etwa Remo Frey, CEO und Mitbegründer der Datenhandelplattform Human AI. «Man denkt vielleicht, dass ein verbindender Ort im digitalen Zeitalter nicht mehr nötig ist und die Kommunikation jederzeit und überall stattfinden kann. Doch gerade weil die digitale Welt ein unendlich weites Feld ist, braucht es einen Ort zum gegenseitigen Finden.» Allerdings dürfe man sich von der Zahl der Firmennamen im «Cryptovalley Directory» nicht blenden lassen, merkt Perica Grasarevic, Gründer des Regtech-Start-ups Contract Vault, an. «Von den meisten Unternehmen kann man leider keinen Mitarbeiter vor Ort antreffen, sie existieren ausschliesslich in Form eines Briefkastens», sagt Grasarevic. Zum anderen seien es rechtliche, finanzielle und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die den Standort Zug – und den Rest der Schweiz – für die Branche attraktiv machen. Die Behörden stünden den Blockchain-Projekten mit Wohlwollen gegenüber und die Regulation sei ebenso fortschrittlich wie verlässlich, sagt eine Mehrheit der Befragten. Dazu komme, dass die Ideen hinter der Blockchain – Dezentralisierung, Mitbestimmung, Transparenz – zur politischen Kultur der Schweiz passten. «Der Standort Schweiz ist dazu prädestiniert, Blockchain-Projekte zu entwickeln, weil wir ein tiefes Verständnis von Föderalismus und Demokraktie und dazu eine ausgeprägte Sicherheitskultur haben», erklärt sich Matthias Loepfe, Head des Adnovum Incubators, den Erfolg der «Crypto Nation». 11 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Technology Titelgeschichte 35 Schattenseiten des Hypes So viel Lob Politik und Behörden für ihre Unterstützung der Blockchain-Branche erhalten, die Regulierung ist auch ein Sorgenkind für die Unternehmen. John Patrick Mullin von der Trading-Plattform Trade.io sieht etwa das Risiko, dass «unnötige und umständliche» Vorschriften oder Verbote die weitere Verbreitung der Technologie aufhalten. Zwar brauche es eine Aufsicht, um Konsumenten und Firmen vor Gefahren zu schützen. Diese müsse aber berücksichtigen, dass die Blockchain noch ganz am Anfang stehe. Auch zu wenige oder unklare Regeln seien ein Problem für die Branche. «Solange wir nicht wirklich wissen, was illegal ist, wird der Markt niemals wirklich gedeihen und vernünftige Risiken eingehen», sagt Shiv Malik von Streamr, einer Peer-to-peer-Plattform für den Austausch von Echtzeitdaten. Den aktuellen Hype um Kryptowährungen und Inititial Coin Offerings betrachten mehrere der befragten Firmen mit Skepsis. Er sorge etwa dafür, dass die Blockchain als Allheilmittel in allen möglichen Bereichen missverstanden werde, obwohl man dort besser auf klassische, zentralistische IT-Lösungen setzen würde. Im Prinzip sei die Blockchain heute so weit, wie das Internet 1993 war – doch der Hype habe längst Dotcom-Ausmasse erreicht, sagt Raj Unny, Gründer und CEO des Blockchain-Entwicklers Indus Finch. Dazu komme eine Vielzahl an Betrugsversuchen, Sicherheitslücken und überzogene Erwartungen im Krypto-Umfeld. Dies könne einen Schatten auf die ganze Branche werfen. Die Folgen könnten schwerwiegend sein, geben einige zu bedenken. «Wir gehen davon aus, dass wir einige gescheiterte Blockchain-Projekte sehen werden», sagt Tom Sprenger, CTO von Adnovum. Vielleicht stehen wir am Anfang einer langen Entwicklung, in der sich die Blockchain am Ende auf breiter Front durchsetzen wird, fügt Remo Frey an. «Es kann aber auch sein, dass die Blockchain in einigen Jahren nur noch eine Anekdote der Geschichte ist.» Behörden sind gefordert Angesichts dieser Herausforderungen ist es nicht erstaunlich, dass das Crypto Valley ganz konkrete Wünsche an die Politik hat. Eines ihrer drängendsten Probleme besteht nach einhelliger Auffassung der befragten Firmen darin, dass Blockchain-Firmen keine Geschäftsbeziehungen mit Schweizer Banken eingehen können. Sprich: Sie können keine Konten eröffnen. Zwar habe sich die Blockchain Taskforce des Bundesrats und auch die Schweizerische Bankiervereinigung dem Thema angenommen, «konkrete Lösungsansätze oder gar Massnahmen» seien aber noch nicht erkennbar, sagt Perica Grasarevic von Contract Vault. Wenn es um die Förderung der Blockchain-Branche geht, sieht sich der Kanton Zug vor allem in der Rolle des Enablers und Netzwerkers. Ein «Masterplan», um die Branche ins Crypto Valley zu holen, gebe es nicht, sagt Bernhard Neidhart, Leiters des kantonalen Amts für Wirtschaft und Arbeit. Man sei bestrebt, möglichst gute Rah- menbedingungen für alle Firmen zu schaffen, unabhängig von der Branche. Die Stadt Zug engagiert sich laut Kommunikationsleiter Dieter Müller indirekt für die Start-ups, indem sie sich mit deren Exponenten austauscht und versucht, auf ihre Bedürfnisse soweit möglich einzugehen. Mit der auf Blockchain basierenden E-ID und der Akzeptanz von Bitcoin bei der Einwohnerkontrolle beteilige sich die Stadt auch technologisch an der Entwicklung. Die Blockchain verspricht, die digitale Wirtschaft gehörig aufzuwirbeln, gar ganze Branchen zu revolutionieren, wie Bernhard Neidhart sagt. Dass sich ein Teil der dahinter stehenden Firmen im Crypto Valley niedergelassen habe, bietet grosses Potenzial für die Region. Die Blockchain bringe nicht nur neue Arbeitsplätze und Geschäftsideen, sondern stärke auch die Wettbewerbsfähigkeit des Kantons Zug. Vom Grossunternehmen bis zum Start-up im Crypto Valley – viele IT-Firmen entwickeln heute in der Schweiz Produkte auf Blockchain-Basis. Welche davon sich am Ende durchsetzen werden, ist noch nicht absehbar. Raj Unnys Vergleich mit dem Dotcom-Hype gibt zu denken. Vielleicht steht der Krypto-Community noch bevor, was mit der Internetbranche um die Jahrtausendwende passierte. VORTEILE, RISIKEN, WÜNSCHE UND BRANCHEN DES CRYPTO VALLEY Welche Vorteile bietet das Crypto Valley? Wohlwollende Regulatoren und Behörden Starker Finanz- und Wirtschaftsplatz Präsenz von Investoren und Beratern Niedrige Steuern Attraktives politisches System Grosse Community mit engem Austausch « Wir gehen davon aus, dass wir einige ge scheiterte Blockchain- Projekte sehen werden. » Tom Sprenger, CTO, Adnovum Was sind die grössten Risiken und Herausforderungen für das Crypto Valley? Zu strenge/falsche Regulierung 5 Skalierbarkeit der Blockchain 3 Betrugsversuche und Vorurteile 6 Junge Technologie mit unklarer Zukunft 5 2 2 Anwendung in Fällen, wo die Blockchain keinen Sinn ergibt Erwartungen, die nicht erfüllt werden können Was wünscht sich das Crypto Valley von Firmen und Behörden? Technologiegerechte Regulierung Besserer Zugang zum Finanzmarkt Mehr Rechtssicherheit Beibehalten des aktuellen Kurses Mehr Aufklärung und Ausbildung Mehr lokale und internationale Kooperation 2 6 8 3 Branchen im Crypto Valley 5.3% 7.6% 12.9% 9.1% 11.4% 21.2% 24.2% 8.3% Technologie Regtech und Versicherungen Mining und Cryptowährungen Finanzdienstleistungen Sonstige Handel Immobilien und Infrastruktur Kommunikation und Medien 9 3 2 2 1 2 2 9 Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcod DPF8_93680 Quelle unter: https://cryptovalley.directory / E-Mail-Umfrage im Mai 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag 11 / 2018

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