Aufrufe
vor 2 Wochen

Netzwoche 17/2020

  • Text
  • Hinderling
  • Homeoffice
  • Zuschlag
  • Kategorie
  • Netzmedien
  • Projekt
  • Schweizer
  • Unternehmen
  • Schweiz
  • Swiss

22 People Nachgefragt

22 People Nachgefragt Digitalisierung ist nicht das Ende des Buches, aber der Bedarf wird schrumpfen Martin Suter hat bei Best of Swiss Web 2020 mit seiner neuen Website «martin-suter.com» Gold in der Kategorie «Digital Commerce» gewonnen, was er aber zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht wusste. Im Gespräch mit dem Schriftsteller und ehemaligen Werber geht es um den Versuch, die Belletristik zu digitalisieren und sie so multikanalfähig zu machen. Interview: Kevin Fischer « Als ich beobachtet habe, wie einige Leute auf ihre Bildschirme schauen, war ich mir ziemlich sicher, dass von ihnen kaum jemand ein E-Book von mir liest. » Martin Suter, Schriftsteller Sie haben mit Ihrer Website «martin-suter.com» an Best of Swiss Web teilgenommen. Wie sind Sie auf die Idee für dieses Projekt gekommen? Martin Suter: Meine Bücher sind ja immer noch sehr erfolgreich, ich kann mich nicht beklagen. Aber heute braucht es viel weniger verkaufte Bücher als früher, um erfolgreich auf die Liste des «Spiegels» zu kommen. Die Leute lesen immer weniger Bücher und zeigen dafür mehr Interesse an ihren Handys, Laptops oder Tablets. Als ich beobachtet habe, wie einige Leute auf ihre Bildschirme schauen, war ich mir ziemlich sicher, dass von ihnen kaum jemand ein E-Book von mir liest. Sie lesen auf ihren Geräten nicht nur, sie hören auch Musik, machen Spiele und kommunizieren miteinander. Deshalb habe ich mir überlegt, was ich machen könnte, das dann auf diese Art und Weise konsumiert wird. So bin ich zu dieser Website gekommen. Was ist das Spezielle an der Website? Sie ist voller spezieller Sachen. So kann man Dinge von mir lesen, die es sonst nirgends zu lesen gibt. Ich habe 15 Jahre lang eine Business-Class-Kolumne geschrieben und 5 Jahre lang den Geri Weibel. Beides habe ich vor Jahren beendet. Nun schreibe ich sie wieder. Jeden Monat kann man neue Business-Class-Kolumnen und einen neuen Geri Weibel lesen. Zudem schreibe ich darüber, was mein Romanheld Johann Friedrich von Allmen, der Hochstaplerdetektiv, zwischen den Romanen so macht. Die Welt von Johann Friedrich dreht sich auch zwischen den Büchern weiter. Wie verbringt er etwa die Zeit während des Lockdowns? Wie schaut er, wie er wieder zu Geld kommt? Das klingt interessant. Versuchen Sie sich auch an neuen Formaten? Ich mache etwas, das ich zuvor noch nicht kannte: eine Live-Fortsetzung eines Bestsellers von mir, «Lila, Lila». Diese Hochstaplerliebesgeschichte kam vor 17 Jahren heraus und endete nicht gerade in einem Happy End. Immer wieder wurde mir gesagt, wie schade es ist, dass die Figuren am Ende nicht zusammenfinden. Darauf habe ich immer geantwortet, dass sie sich ja vielleicht wieder finden. Jetzt bin ich auf der Website dabei, die Fortsetzung dieser Die Website «martin-suter.com». Geschichte zu schreiben. Momentan ist das vierte Kapitel online, bald kommt das fünfte. Welche Rolle spielt Social Media auf der Website? Da versuche ich etwas sehr Spezielles: Ich mache auf Twitter ein «Poesie-Pingpong». Ich habe angefangen zu twittern und habe mir dabei vorgenommen, dass sich meine Tweets immer reimen sollen. Damit will ich die Sprache auf Twitter und generell auf Social Media ein bisschen zivilisieren. Nachdem ich damit angefangen hatte, fingen zunehmend mehr Follower an, mir ebenfalls gereimt zu antworten. Die besten Reime kommen jetzt jeden Tag auf die Website unter dem Titel «Poesie-Pingpong». So kann man den Ballwechsel von Reimen anschauen, von denen es jeden Tag mehr gibt. Das sind nur einige der Dinge, die es auf der Website zu entdecken gibt. Was hält Ihr Verlag von diesem direkten Vertriebsmodell auf der Website? Es ist nicht ein eigentliches Vertriebsmodell. Die Website ist nicht kostenlos, man muss sie abonnieren. In der Schweiz kostet das Abo 6 Franken im Monat oder 60 Franken im Jahr, in Deutschland sind es 5 Euro im Monat oder 50 Euro im Jahr. 17 / 2020 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Nachgefragt 23 Martin Suter nimmt seine goldene Boje virtuell entgegen. Wenn es auf der Website genügend Inhalte gibt, werden sie zudem nach einer gewissen Zeit in normalen Diogenes-Sammelbänden verlegt. So besteht überhaupt keine Konkurrenz zu den gedruckten Büchern. Vielmehr ist die Website eine Erweiterung zu dem, was ich ansonsten mache. Meine Bücher finden jetzt eben zusätzlich im Internet statt, auf dem Handy und auf dem Tablet. Umgekehrt möchte ich die Inhalte für Handy und Tablet später auch wieder in gedruckter Form bringen, und zwar in einem schönen, wohlriechenden, altmodischen Buch. Wie ist es Ihnen bisher mit Ihrer Website ergangen? Besser als mit der ersten Version der Website. Diese war ein bisschen zu literarisch. Sie war sehr schön typografiert, aber es sah alles gleich aus. Die aktuelle zweite Version der Website kommt da viel abwechslungsreicher daher. In diesem Medium muss man auch unterhaltsamer auftreten. Deshalb kann man auf der Website zum Beispiel sehen, wie Stephan Eicher und ich zusammen einen Song machen. Man kann eine Jamsession von Stephan Eicher mit seiner Band nach den Proben hören. Es sind auch Trailer von Filmen aufgeschaltet, die auf Martin-Suter-Drehbüchern basieren, oder meine Romane adaptieren. Es ist sehr viel los auf der Website, und das sollen die Besucher auch merken. Deswegen haben wir die aktuelle Version bunter und verspielter gemacht. Die Seite ist jetzt erfolgreicher als in der ersten Version. Also ist die Website ein Erfolg? Nun, bis jetzt können wir die entstehenden Kosten noch nicht decken. Wenn eine bestimmte Deadline erreicht ist, werden wir uns zusammensetzen und entscheiden, ob wir das Projekt weiterführen oder nach zwei Jahren, in denen wir viel Spass hatten, fallen lassen. Aber ich bin sehr optimistisch, weil auch die Website immer besser wird. Gerade in letzter Zeit haben wir einige störende Faktoren entfernt. Zum Beispiel haben wir endlich ein technisches Problem behoben, weswegen Nutzer ihre Zahlungsdaten eingeben mussten, obwohl sie nur unser Gratis-Abo testen wollten. Das hat verständlicherweise viele Leute davon abgehalten, ihre Gratiszeit zu beziehen. Seit einem guten Monat läuft aber alles wie vorgesehen. Was denken Sie, welche Auswirkungen wird die Digitalisierung auf das Schriftstellergeschäft in den kommenden Jahren haben? Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, dass das gedruckte Buch nach wie vor etwas Besonderes, Wertvolles ist. Es ist ein schönes und stimmungsvolles Objekt. Die Digitalisierung wird nicht das Ende des gedruckten Buches sein, aber der Bedarf wird sicher schrumpfen. Ich sehe das bei mir selbst. Ich lese nicht weniger als früher, aber anders. Ich lese auf verschiedenen Medien. Der Herr Trump hat mich dazu gebracht, regelmässig die «Washington Post», «Politico» und die «New York Times» zu lesen. In dieser Zeit lese ich dann zum Beispiel weniger Gottfried Keller. Aber die Digitalisierung ändert mehr als nur das Lesen? Die Digitalisierung führt nicht nur dazu, dass anders gelesen wird. Dazu kommt, dass andere Medien laufend leichter zugänglich und beliebter werden. Heute kann man zuhause wunderbare Filme und Serien streamen, anstatt ins Kino zu gehen. Die immer bessere und erschwinglichere Hardware unterstützt diese Entwicklung. Wegen dieser Änderungen werden die Verlage nicht darum herumkommen, selbst Neues auszuprobieren. Und deswegen muss auch ich bei diesen Entwicklungen einfach mitmachen, solange es mir Spass macht und solange ich es mir leisten kann. Martin-suter.com ist etwas, das Freude macht und Abwechslung in den Alltag bringt. Und man kann die Website, wie gesagt, einen Monat lang gratis testen unter martin-suter.com/probeabo. Den vollständigen Artikel finden Sie online www.netzwoche.ch www.netzwoche.ch © netzmedien ag 17 / 2020

Archiv