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Zukunft Banking: Best-of Digital Movers and Shakers

Zukunft

Zukunft Banking 26. Mai 2019 | netzwoche.ch/ZukunftBanking 08 SHAKERS Innovation aus rechtlicher Perspektive Kellerhals Carrard hat den Fintech-Trend frühzeitig erkannt. Die Rechtsanwältin Cornelia Stengel leitet bei der Wirtschaftskanzlei das Fintech-Team und unterstützt Innovationen auf dem streng regulierten Finanzmarkt. Sie zeigt ihren Klienten den rechtlichen Rahmen auf und gestaltet diesen im politischen Umfeld auch aktiv mit. 3 FRAGEN, 3 ANTWORTEN Warum ist Fintech ein Thema für Anwälte? Cornelia Stengel: Unsere Klienten sind hauptsächlich Banken, Versicherungen, Zahlungsdienstleister oder andere Finanzintermediäre, welche die Innovation in der Branche vorantreiben. Es ist wichtig, dass ein Unternehmen die rechtlichen Rahmenbedingungen für sein Geschäftsmodell kennt, um gemäss der eigenen Geschäftspolitik gut informierte Entscheidungen treffen zu können. Autor: Marc Landis Die Regulierungsdichte auf dem Finanzmarkt hat in den letzten Jahren – bedingt durch die Finanzkrise 2008, Geldwäschereiskandale und globalen Terrorismus – zugenommen. Gleichzeitig ist der Innovationsdruck auf etablierte Finanzmarktteilnehmer gestiegen. Mit dem Fintech-Boom wuchs in der Schweiz der Bedarf an juristischen Dienstleistungen rund um neue Technologien, Systeme ÜBER KELLERHALS CARRARD Kellerhals Carrard (KC) ist eine führende, schweizweit präsente Anwaltskanzlei mit Standorten in Basel, Bern, Genf, Lausanne, Lugano, Sion und Zürich sowie Zweigniederlassungen in Binningen, Shanghai und Tokio. Mit derzeit über 200 Berufsträgern (bestehend aus Partnern, angestellten Anwälten, Juristen, Steuerberatern und Notaren) und insgesamt mehr als 300 Mitarbeitenden ist KC die zweitgrösste Kanzlei der Schweiz. Speziellen Fokus legt KC auf die Branchen Finanzdienstleistungen, Life Sciences, IMT (Information, Medien, Technologie), Sport, Energie, Immobilien/Bau sowie Handel und Retail. (Quelle: Kellerhals Carrard) und Produkte auf dem Finanzmarkt, aber auch im Bereich der technologischen Infrastruktur. Kein Wunder hat der junge Fintech- Bereich von KC, den Wirtschaftsanwältin und KC-Partnerin Cornelia Stengel aufbaut und leitet, alle Hände voll zu tun. Stengel verfügt über spezialisierte Erfahrung bei der rechtlichen Analyse neuer Produkte, Systeme und Technologien insbesondere im Fintech-Umfeld, hat aber auch ein Gespür für die Weiterentwicklung der rechtlichen Rahmenbedingungen, die es für das Gedeihen innovativer Produkte und Dienstleistungen braucht. Deshalb engagiert sich Stengel auch im Rahmen von Gesetzgebungsprojekten zu ihren Tätigkeitsbereichen, namentlich in ihrer Funktion als Co-Director von Swiss FinTech Innovations, als Geschäftsführerin des Leasingverbands oder als Mitglied von Arbeitsgruppen und Kommissionen der economiesuisse und der Schweizerischen Bankiervereinigung. Aktuell unterstützt sie als Expertin die Bundesverwaltung im Zusammenhang mit der Ausarbeitung der Gesetzesvorlage für die Distributed-Ledger-Technologie. Interdisziplinärer Austausch Im Fintech-Team ist ihr der interdisziplinäre « Es ist von grösster Bedeutung, dass die Schweiz als Wirtschaftsstandort innovations- und digitalisierungs - freund lich ist. » Dr. Cornelia Stengel, Partnerin, Kellerhals Carrard Dr. Cornelia Stengel ist Partnerin bei Kellerhals Carrard Austausch zwischen Experten mit technischem oder ökonomischem Hintergrund wichtig: «Erst diese interdisziplinäre Zusammensetzung erlaubt eine gesamtheitliche Betrachtung und die schlüssige Beantwortung der Fragen, die sich etwa im Zusammenhang mit Zahlungssystemen, neuen technologischen Entwicklungen und Lösungen sowie neuen Geschäftsmodellen in der Finanzbranche stellen können», sagt Stengel. Durch die Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen entstehen zukunftsgerichtete und tragfähige Lösungen. «Es braucht genauso die Spezialisten für die jeweiligen Technologien und Märkte wie auch die Juristen, welche die technischen und wirtschaftlichen Hintergründe verstehen und diese ins Rechtssystem einordnen können», so Stengel weiter. Warum interessieren Sie sich für Fintech? Die Dynamik in diesem Bereich fasziniert mich: Täglich stehen wir grösseren oder kleineren Neuerungen gegenüber. Neue technologische Möglichkeiten fordern aber auch bestehende Regulierungen und altbekannte Prozesse in Unternehmen heraus. Das regt zum Denken an. Welche Bedeutung kommt den Rahmenbedingungen für Fintech in der Schweiz zu? Es ist von grösster Bedeutung, dass die Schweiz als Wirtschaftsstandort innovations- und digitalisierungsfreundlich ist. Hier ist es wichtig, dass aktuelle Gesetzesprojekte, wie beispielsweise die Vorlage für Distributed Ledger Technology oder die staatlich anerkannte elektronische Identität als Basisinfrastruktur für zahlreiche staatliche und private Online-Dienstleistungen, rasch umgesetzt werden können. Nur so fallen die Innovationen der Unternehmen auf fruchtbaren Boden und können auch skalieren. Dr. Cornelia Stengel ist Partnerin bei Kellerhals Carrard, Rechtsanwältin für Finanzdienstleistungsrecht und Datenschutz mit besonderer Erfahrung in der rechtlichen Analyse neuer Produkte (Zahlungs-)Systeme und Technologien (Fintech, IoT, Blockchain-Technologien), Geschäftsführerin des Schweizerischen Leasingverbands und Mitglied der Geschäftsleitung von Swiss FinTech Innovations. « Wie viel ist ein Crypto Token wert?» Ältere Generationen halten physisches Gold für ein sicheres Wertaufbewahrungsmittel. Jüngere Generationen sind in einer digitalen Welt aufgewachsen und bevorzugen eher das digitale Gold: Bitcoin. Was heisst das für den Finanzsektor? Und wie wird sich der Krypto-Markt weiterentwickeln? Interview: Marc Landis Mit Bitcoin und Co. scheint es wieder aufwärts zu gehen. Was beobachten Sie im Markt? Désirée Müller: Wir sehen erste Anzeichen von Frühlingserwachen. Swissquote bietet Zugang zu ICOs an, Vontobel ist daran, Depots für Krypto-Währungen aufzusetzen, und die Schweizer Börse wird schon bald mit einer regulierten Börse für Tokens auffahren. Auch Facebook analysiert Möglichkeiten, um die Blockchain zu integrieren, und Ripple kooperiert mit Banken, um schnelle und günstige Transaktionen zu ermöglichen. Die Stimmung an den Krypto- Märkten hat sich in den letzten Monaten massiv verbessert. Viele Anleger sind nicht positioniert und haben auf den richtigen Moment gewartet, um einzusteigen und von dieser neuen Anlageklasse zu profitieren. Dementsprechend mussten viele auf den Zug aufspringen, was die Kurse in die Höhe schnellen liess. Wie werden Blockchain und Krypto den Finanzsektor verändern? Reto Stiffler: Fintechs waren die erste Umwälzung in der Finanzwelt. Durch die Blockchain werden viele Prozesse automatisiert und damit könnten sogar gewisse Fintech-Firmen selbst obsolet werden. Im Speziellen sind Banken und Versicherungen gefordert, wo immer noch veraltete Strukturen wie Swift vorherrschen. Die Blockchain bietet folgende Vorteile: Transaktionen können schneller und günstiger abgewickelt werden, im Vergleich zu Swift mit einer Dauer von bis zu drei Arbeitstagen dauern diese über die Blockchain wenige Minuten. Auch werden Aktienregister in Zukunft auf der Blockchain sein und damit digitale Abstimmungen vereinfacht. Im Weiteren können auch kleine Unternehmen besseren Zugang zu Kapital erhalten. Jeder kann mit kleinen Beträgen an Start-ups partizipieren. Nicht zuletzt werden Smart Contracts viele Unternehmen überflüssig machen, insbesondere diejenigen, die sich auf treuhänderische Dienstleistungen konzentrieren. Welche Schritte sind notwendig, um diese neue Anlageklasse voranzutreiben? Müller: Gute Depotlösungen, Versicherungen und regulierte Börsen für digitale Tokens sind wichtige Entwicklungen, um den Bereich für institutionelle Anleger zu öffnen. Ihr Eintritt wäre Garant für mehr Professionalität und Liquidität. Vor einem Jahr haben Sie die SwissRex AG in Liechtenstein gegründet. Was ist die Vision und die Philosophie hinter dem SwissRex Crypto Fund? Désirée Müller, Partnerin und CEO, und Reto Stiffler, Partner und Chairman von Crypto Consulting AG und SwissRex AG. Müller: Während unserer Tätigkeit als Portfolio Manager bei GAM wurden wir mit dem Thema Bitcoin konfrontiert. Wir empfanden es als unsere Pflicht, neue Entwicklungen im Finanzsektor zu beobachten. Die Eröffnung von Wallets und Börsen und die sichere Aufbewahrung der Tokens stellten sich als viel komplexer dar als erwartet. Gleichzeitig erkannten wir das Potenzial dieser neuen Technologie mit einem komplett neuen Ökosystem. Wir wollten diese neue Anlageklasse Anlegern zugänglich machen und lancierten den SwissRex Crypto Fund im Juni 2018. Er zeichnet sich durch aktives Portfolio-Management und fundamentale Analyse aus. Wie unterscheidet sich die Bewertung von Crypto Tokens zu traditionellen Bewertungsmethoden? Müller: Ungefähr 2000 Tokens werden derzeit an Krypto-Börsen weltweit gehandelt. Basierend auf den Eigenschaften des Tokens teilen wir diese vereinfachend in fünf Kategorien ein: Wertaufbewahrungsmittel, globales Zahlungsmittel, Beteiligung, Mitgliedschaft und lokale Zahlungsmittel. Für Beteiligungen beziehungsweise Security Tokens können gängige Bewertungsmethoden aus der traditionellen Welt wie Discounted-Cash-Flow-Analyse oder Kursgewinn Verhältnisse he rangezogen werden. Für Zahlungs- und Nutzungstokens muss aber ein neuer Weg eingeschlagen werden. Wir haben ein eigenes Modell entwickelt, das wir «Transaction-volume Creating Price» oder TCP-Modell nennen. Es berechnet den Preis eines Tokens, der notwendig ist, um ein gewisses Transaktionsvolumen zu generieren. Eine Besonderheit bei der Bewertung von Zahlungs- und Nutzungstoken ist die Umlaufgeschwindigkeit, die beschreibt, wie oft ein Token pro Jahr die Hand wechselt. Die Inflation eines Tokens erhöht dessen Angebot und muss daher auch berücksichtigt werden. In den meisten Fällen ist sie durch das Blockchain-Protokoll vorgegeben und daher einfach zu berechnen. Was haben Sie in Ihrem ersten vollen Jahr im Geschäft gelernt? Stiffler: Es dauert länger und kostet mehr als ursprünglich erwartet. Ein integres Team mit komplementären Eigenschaften ist wichtig. Die Lernkurve war steil und wir haben ein tiefes Verständnis für die Prozesse und Produkte erworben. Wir schätzen es, wichtige Entscheidungen selbst zu treffen. Unserer Meinung nach ist Krypto eine neue und unterbewertete Anlageklasse. Eine Technologie mit vielen Risiken, aber auch einem grossen Potenzial. Wir geniessen es, Pioniere in diesem Bereich zu sein. ÜBER SWISSREX & CRYPTO CONSULTING Die SwissRex AG lancierte im Juni 2018 einen aktiv verwalteten Crypto Fund, um Zugang zu einer neuen Anlageklasse zu schaffen. Investitionsentscheidungen basieren auf fundamentaler Analyse. Die Crypto Consulting AG berät Firmen, die sich über die Ausgabe eines Tokens finanzieren möchten (ICO/STO). Als Mitglied der Selbstregulierungsorganisation VQF werden ausserdem Dienstleistungen im Bereich der Geldwäscherei-Bekämpfung (KYC/AML) angeboten.

26. Mai 2019 | netzwoche.ch/ZukunftBanking Zukunft Banking DIGITALISIERUNG IST CHEFSACHE 09 « Unser Ziel ist eine selbstlernende Plattform im Stil von IBMs Watson » Swissquote war die erste rein digitale Bank der Schweiz. Vor 18 Jahren. Heute sprechen alle über Fintech; aber wo bleibt die Innovation? Swissquote-CEO Marc Bürki wirft im Interview einen kritischen Blick auf den aktuellen Fintech-Hype. Interview: Marc Landis, Redaktion: David Klier Sie haben Swissquote 1996 als Finanzplattform für Realtime-Kurse gegründet, und seit 2001 ist Swissquote eine Onlinebank mit Banklizenz. Wie hat sich das Banking-Umfeld in dieser Zeit verändert? Marc Bürki: Banken und Onlinebanken verkaufen immer noch die gleichen Produkte wie vor 20 Jahren. Die Art und Weise, wie sie die Produkte verkaufen, und die Benutzeroberfläche, über die der Kunde die Produkte konsumieren kann, haben sich aber komplett verändert. 1996 gab es kein Google, keine iPhones, das Internet war noch ganz am Anfang. Unsere Plattform swissquote.ch war die zwanzigste Website in der Schweiz. Heute tragen wir Supercomputer in der Hosentasche. Man kann sich kaum vorstellen, was in den nächsten 20 Jahren passieren wird. Das ist der technologische Aspekt. Was hat sich konkret aufseiten des Bankings verändert? Das Ende des Bankgeheimnisses und die Neuorganisation der Banken haben die Schweizer Finanzwelt auf den Kopf gestellt. Allein darüber könnte man ein ganzes Magazin füllen. Was war denn für Sie der einschneidendste Moment? Die Finanzkrise vielleicht? Finanzkrisen wird es immer geben. Ich glaube, die fundamentalste Veränderung war und ist die rasante technologische Entwicklung. Sie hat die Bankenwelt umgekrempelt und letztlich die Swissquote-Bank ermöglicht. Wenn ich heute zurückblicke, haben das Internet und die Smartphones die relativ konservative Bankenwelt komplett durchgeschüttelt. Und Sie sind einer der «Shaker»? Ja, das kann man so sagen. Aber wir stehen alle immer noch am Anfang dieser digitalen Transformation. Und es ist, wie gesagt, nicht eine Transformation von Bankprodukten wie etwa Aktien, Obligationen und Fonds, sondern eine Transformation der Art und Weise, wie der Kunde diese Produkte konsumiert. Ihr Weg mit Swissquote war aussergewöhnlich. Sie gründeten ein Fintech, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Wie stehen Sie zum aktuellen Start-up-Hype in Ihrer Branche? Fintech ist ein neues Wort, aber die Innovation dahinter gibt es schon seit 20 Jahren. Wir waren damals tatsächlich ein Fintech, auch wenn es diesen Begriff noch gar nicht gab. Ist es heute ein Hype? Bis zu einem gewissen Punkt ja. Und ich glaube, der Hype ist notwendig. Denn viele der etablierten Grossbanken haben eine sehr hierarchische Struktur mit viel zu vielen Leuten, die mitreden oder entscheiden müssen. Heute braucht man aber kleine Teams, eine Organisation, die agil ist. Und zwar nicht nur auf der Entwicklungsseite, sondern auch in der Art und Weise, wie die ganze Bank organisiert ist. Deshalb finde ich es gut, dass man als Bank heute von Startups herausgefordert wird. « Egal, was die Briten mit der EU aushandeln, es wird von unserer Seite wohl nicht mehr funktionieren. Deshalb haben wir die Vollbank Internaxx in Luxemburg zugekauft. » Marc Bürki, CEO, Swissquote Digitale Fitness Auf einer Skala von 1 bis 10, als wie « digital fit » bezeichnen Sie … — 9— — 5 — sich selbst? die Schweiz? — 4 — — 10 — die Finanz branche? Ihr Unternehmen? Sie sagen, dass der Hype nur bis zu einem gewissen Punkt geht. Was geschieht danach? Sobald es darum geht, dass man Geld verwaltet, gelangt man relativ schnell zu dem Punkt, ab dem man eine Banklizenz braucht. Die Finma gibt zwar die sogenannte Banklizenz «light» aus, die einem Startup die Möglichkeit gibt, bis zu einem gewissen Niveau zu wachsen. Aber auch so kommt unausweichlich der Moment, wo man dann eine Volllizenz braucht. Und diese Lizenz bedingt, dass man genügend Eigenkapital und eine entsprechende Struktur innerhalb seiner Organisation hat. Das drosselt die Erfolgsstory der Fintech-Startups. Hinzu kommt, dass viele der Fintechs im gleichen Bereich unterwegs sind. Meistens geht es um E-Payment oder Crowdfunding. Wirklich viel technische Innovation sehe ich in der Schweiz nicht. Würden Sie es begrüssen, wenn der Regulator die Bedingungen lockern würde? Ja, absolut. Ich finde, dass die Situation in der Schweiz noch sehr konservativ ist. Die Kontoeröffnung über den Onlineweg ist beispielsweise erst seit Kurzem möglich und mit sehr vielen Konditionen verbunden. Fairerweise muss ich sagen, dass diese auch in allen anderen Ländern üblich sind. Ich bleibe aber dabei: Die Schweiz ist konservativ, was die Regulierung der Finanzbranche angeht. Digitale Unterschrift, digitale Identität? Würde das helfen? Ja. Die Zertifizierung von Dokumenten ist in der Schweiz immer noch notwendig und sehr kompliziert. Einen Kunden aus China muss ich zur Botschaft oder zu einer Polizeistation schicken, um seine Ausweispapiere beglaubigen zu lassen. Das ist ein grosses Hindernis. Swissquote war von Anfang an eine digitale Bank. Können Sie sich nun zurücklehnen und geniessen, dass Sie schon 20 Jahre Vorsprung haben? Marc Bürki, CEO, Swissquote Leider nicht. Die Konkurrenz holt auf und wir müssen sicherstellen, dass wir schneller sind als sie. Beim Kapital und der Finanzkraft können wir uns nicht mit Kalibern wie beispielsweise der UBS messen. Deshalb konzentrieren wir uns auf unseren Vorteil: die Schnelligkeit. Wir waren die Ersten in der Branche, die eine App auf den Markt gebracht haben, wir waren die Ersten mit einer App für die Apple Watch. Und wir waren die Ersten mit einem Robo-Advisor. Das soll so bleiben. Woran arbeiten Sie konkret, um Ihren Vorsprung zu behalten? Gegenwärtig beschäftigen wir uns sehr viel mit der Blockchain. Auch wenn der Hype etwas vorbei ist, die Technologie ist noch immer interessant. Ausserdem arbeiten wir an einer neuen Generation unseres Robo-Advisors. Das System wird sehr viel intelligenter sein als das bisherige. Unser Ziel ist eine selbstlernende Plattform im Stil von IBMs Watson. Was machen Sie genau mit der Blockchain? Wir haben fünf Krypto-Währungen, die man bei uns handeln und in einem Wallet lagern kann. Besonders das Lagern ist allerdings sehr kompliziert. Die Finma verlangt, dass wir nachweisen können, wer der Besitzer eines Wallets ist. Das muss automatisiert werden können. Daran arbeiten wir derzeit. Viele traditionelle Banken schnallen sich an ein Fintech, um die Start-up-Philosophie zu adaptieren. Wie arbeitet Swissquote mit Fintechs zusammen? Wir haben ein paar Kooperationen, etwa im Bereich Crowdfunding, wo wir als Depot-Bank fungieren. Wie schon gesagt, im Schweizer Fintech-Markt gibt es nicht sonderlich viel Kreativität. Es gibt 300 Tokenisation-Plattformen und 100 davon machen Crowdfunding. Das war’s. Vielleicht hilft die neue EU-Regulierung PSD2. Sie könnte einen Kick in Richtung Open-Banking geben. Werden Sie entsprechende Schnittstellen bereitstellen? In der Schweiz warten wir mal ab, was die Finma entscheidet. Wie sehen Sie die Zukunft des Retail Banking und des Private Banking? Im Private Banking sind die Margen unter Druck. Die Antwort auf diesen Druck kann nur Technologie liefern. Das heisst, ein Bankberater wird in Zukunft umzingelt sein von Tools, die ihm seine tägliche Arbeit vereinfachen. Früher hatte ein Relationship- Manager einer Privatbank vielleicht 50 Kundenbeziehungen. Heute bis zu 300. Das geht nur, wenn er intelligente Tools hat, die ihn unterstützen helfen. Auf das Retail Banking kommt eine neue Generation von Kunden zu. Diese Generation hat einen weniger starken Bezug zum Markt und den Brands, die wir mit Banking verbinden. Die Retailbanken müssen sich darauf einstellen und sich ganz stark in Richtung Mobile orientieren. Wie entwickeln Sie Swissquote weiter? In der Schweiz wollen wir breiter werden, also mehr Dienstleistungen anbieten. Denn bisher sind wir ja immer eher die zweite Bank des Kunden gewesen. Also die Bank, bei der er sein Vermögen selbstständig verwaltet. Das werden wir ändern und uns in Richtung Universalbank entwickeln. Welche Strategie verfolgen Sie auf dem internationalen Markt? Wir gehen in die Länder, in denen wir bereits Erfolg haben. Von den 3 Milliarden Franken Neugeld, die wir im Jahr 2018 akquiriert haben, kam rund ein Drittel aus Asien. Deshalb werden wir im September dieses Jahres in Singapur eine neue Filiale eröffnen. Plätze, die wir schon aufgebaut haben, wie etwa Dubai, sind sehr erfolgreich. Unser Standort in London wird allerdings durch den Brexit etwas überschattet. Eigentlich wollten wir von London aus das Europageschäft abwickeln. Aber egal, was die Briten mit der EU aushandeln, es wird von unserer Seite wohl nicht mehr funktionieren. Deshalb haben wir die Vollbank Internaxx in Luxemburg gekauft. ÜBER SWISSQUOTE Swissquote wurde im 1997 von der Marvel Communications S.A. in Gland als Online-Finanzdienst lanciert, über den Nachrichten, Anlagestudien und Kurse der wichtigsten Börsen angeboten wurden. Marvel Communications S.A. war ursprünglich als Finanzinformations-Software gegründet worden. Im Verlaufe von 1999 entstanden die Swissquote Trade S.A. und die Swissquote Info S.A., während die auf die Entwicklung integrierter Weblösungen für Internetkommunikation und E-Business spezialisierte Marvel Communications S.A. nur noch für ihren Kernbereich zuständig war. Die Unternehmensgruppe wurde unter dem Dach der ebenfalls 1999 gegründeten Swissquote Group Holding S.A. zusammengefasst. Im Mai 2000 erfolgte der Börsengang an der Schweizer Börse SWX Swiss Exchange.

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