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Finance Online die Banken wenig gewinnbringend sind, so büssen diese durch Robo Advisors neue Kunden ein. «Zwar wird der Grossteil der bestehenden Kunden nicht abwandern, aber die neuen Anbieter gehen gezielt jene Kunden der Zukunft an, die nicht mehr vom Bankberater betreut werden wollen», sagt Abele. Die aufgeklärten Selbstentscheider suchen nach digitalen und gleichzeitig sicheren Finanzlösungen. Darüber hinaus wollen sie detailliert und vollumfänglich informiert werden. Sie verlangen berechenbare Lösungen, die klar definierten Regeln folgen. Mit diesen Anliegen sind sie nicht allein. Auch die Generation 60 plus wendet sich vermehrt digitalen Inhalten zu. Senioren haben Zeit, sich mit den Technologien auseinanderzusetzen, und bevorzugen ebenfalls vermehrt den digitalen Kontakt. So wächst der Druck auf die Banken, ihre Dienstleistungen an die neue digitale Realität anzupassen, gleichzeitig von mehreren Seiten. Regulierung treibt Wandel an Neben der Digitalisierung gibt es einen weiteren wichtigen Treiber des Wandels: die Regulierung. Seit der Finanzkrise wurden zahlreiche neue Richtlinien und Verordnungen beschlossen, welche die Finanzmärkte grundlegend verändert haben. Besonders verschärft wurden die Vorgaben zum Anlegerschutz, was auch die Beratungstätigkeit der Banken verändert. Der Trend geht hin zu einer Standardisierung der Produkte und Verfahren, die durchaus auch von Algorithmen übernommen werden kann. Gemäss Andreas Dietrich, Professor für Bankmanagement an der Hochschule Luzern, gilt das vor allem fürs Anlagegeschäft. Dort gebe es «enorm viel Optimierungspotenzial für eine Prozessautomatisierung», räumte er in einem Interview mit AWP ein. Wie in zahlreichen anderen Bereichen der Digitalisierung sind die USA auch in Sachen Robo Advisor Vorreiter. Die führenden Unternehmen sind Wealthfront, Betterment und der britische Anbieter Nutmeg. Wealthfront verwaltete gemäss eigenen Angaben Ende Juni bereits 2,6 Milliarden Dollar. Dabei sind 60 Prozent der insgesamt 37 500 Kunden jünger als 35 Jahre. Betterment kommt ebenfalls auf 2,6 Milliarden Dollar. Auch in der Schweiz haben erste Robo Advisors ihre Tätigkeit aufgenommen. Vorreiter und bislang einziger bankenunabhängige Anbieter ist True Wealth. Das Schweizer Startup hat seit 2014 zirka 14 Millionen Franken eingesammelt. Um rentabel zu sein, reicht das natürlich nicht, aber True Wealth befindet sich immer noch in der Anfangsphase. Vermögensverteilung nach Altersklassen 1% unter 35 Jahre (7000 USD) 7% 35 – 44 Jahre (37 000 usD) 20% 45 – 54 Jahre (80 000 usD) 30% 55 – 65 Jahre (140 000 usD) 42% über 65 Jahre (170 000 USD) Median-Vermögen Mittlerweile ist mit der Glarner Kantonalbank auch ein etablierter Player eingestiegen und hat vor wenigen Monaten den Investomat lanciert. Das Vorgehen ist bei beiden Anbietern ähnlich, beim Investomat können jedoch zusätzlich Satellitenanlagen eingesetzt werden. Mögliche Themen sind etwa Dividenden und Immobilien Schweiz, Gold, Öl oder Wasser. Nachdem in einem ersten Schritt ein Anlagevorschlag erstellt wurde, wird die Gewichtung zwischen Basisanlagen und Themen anhand einer Risiko-Rendite-Optimierung berechnet. Zudem hat der Kunde jederzeit die Möglichkeit, seine individuellen Bedürfnisse einzubringen. Klumpenrisiken werden nach Möglichkeit vermieden, die Gewichtungen werden dank eines regelmässigen Rebalancings an die Marktverhältnisse angepasst. Trotz rasanter Fortschritte sind Robo Advisors nicht perfekt. Vor allem in Spezialfällen stossen sie mit ihren standardisierten Fragebögen an Grenzen. Familiäre, berufliche oder persönliche Situationen werden ebenso wenig berücksichtigt wie andere entscheidende Lebensabschnitte. Abele zufolge könnten solche Aspekte allerdings bald folgen. Wealthfront etwa hat sich auf Steueroptimierung spezialisiert. Andere würden sich auf das Cash-Management konzentrieren. Für die Technologie sei so etwas keine Herausforderung. Kritischer sieht der Experte der Credit Suisse allerdings, dass die Robo Advsiors die Portfolios nach neuester Finanzmarkttheorie konstruieren, diese aber noch nie in wilden Märkten getestet wurden. Gerade in solchen Phasen kann die menschliche Intuition von Bedeutung sein. Kritiker bemängeln zudem, dass aus den wenigen Fragen kein fundiertes Rendite-Risiko-Profil abgeleitet werden könne. Die Anbieter müssen eine Güterabwägung 10 IT for Finance

vornehmen: Zu viele Fragen verkomplizieren den Anmeldeprozess und wirken abschreckend, zu wenige Fragen führen zu einem unzureichenden Rendite-Risiko-Profil, das die Situation des Anlegers falsch einschätzt. Für Abele wird es interessant zu beobachten sein, ob die Technologie jemals eine umfassende Beratung ermöglichen wird. Eine besondere Herausforderung sei zudem, dass die Robo Advisors das Rebalancing und alle Anpassungen ihren Kunden vermitteln müssen – und das ohne ein persönliches Gespräch. Wenn sie über Änderungen unzureichend informiert werden, entsteht das Gefühl, in eine Black Box investiert zu haben. Aus dem Wirtschaftsmagazin «PUNKT» – «Du bist Wirtschaft» Ausgabe 4, 2015 | www.punktmagazin.ch Artikel online: www.netzwoche.ch Webcode 4468 Hybrides Zukunftsmodell Noch sind die Volumen der Robo Advisors gering, doch Abele ist überzeugt, dass das klassische Vermögensverwaltungsgeschäft durch die neuen Angebote langfristig unter starken Druck gerät. Ab 2020 seien die Digital Natives in der Mehrheit und spätestens dann werde das Wachstum stark zunehmen. Daher sei es für die Bankinstitute entscheidend, sich rechtzeitig in dem Bereich zu engagieren. «Wir bauen ebenfalls an einem internen Robo Advisor, der aber nicht voll elektronisch sein wird, sondern auch die persönliche Komponente einbaut. Ich bin überzeugt, dass in der DNA unserer Kunden immer noch der Bedarf nach menschlicher Interaktion besteht», sagt Abele. Eine solche Kombination wird als hybrides Modell bezeichnet. Wie die Hochschule Luzern (HSLU) in der Publikation «Status quo: Marktübersicht & Geschäftsmodelle» schreibt, «verläuft der Anlageprozess vollständig automatisiert und basiert auf vergangenheitsorientierten Algorithmen. Sofern der Kunde es wünscht, besteht jedoch die Möglichkeit zur punktuellen Beratungsunterstützung.» Bislang sind Angebote dieser Art selten. Ein solches Modell könnte zukünftig eine Ergänzung des Produktangebots von Retail-Banken sein. Dadurch hätten sie die Möglichkeit, bei geringeren Anlagesummen auf automatisierte Modelle zurückzugreifen. Zudem können so die Bedürfnisse von Anlegern gestillt werden, die auf eine Vermögensverwaltung verzichten möchten. Sie würden von tieferen Kosten profitieren und hätten den Vorteil einer Art Beratung auf Honorarbasis. Letztlich soll sich die Kundenzufriedenheit insgesamt erhöhen. Für Abele hat ein solches hybrides Modell die besten Zukunftsaussichten. Denn es kombiniert die Effizienz, Einfachheit und Skalierbarkeit der Robo Advisors mit der menschlichen Komponente. Der Vorteil für den Anleger ist, dass seine persönlichen Präferenzen mehr Berücksichtigung finden bei der Portfoliokonstruktion und somit sein Vertrauen in die Lösung gestärkt wird. Die Chancen für Robo Advisors, sich künftig einen Teil vom Vermögensverwaltungskuchen abschneiden zu können, stehen gut. Auch weil der Kuchen grösser wird. Die Boston Consulting Group geht davon aus, dass die verwalteten Vermögen von derzeit etwas über 164 Billionen Dollar bis 2019 auf 222 Billionen Dollar wachsen. Die Studie rät den Vermögensverwaltern, die keine Marktanteile verlieren wollen, dazu, mehr in digitale Dienstleistungen zu investieren. Ein weiter Weg Das theoretische Marktpotenzial, das durch digitale Anlageprodukte in der Schweiz abgedeckt werden könnte, beziffert die HSLU auf rund 587 Milliarden Franken – so viel Vermögen hielten Schweizer Privathaushalte Ende 2013 in Form von Wertschriften. Sie umfassen Anlagen in Aktien, Schuldentitel, Anteile an kollektiven Kapitalanlagen und strukturierte Produkte. In der Praxis traut die HSLU den Robo-Advisor-Unternehmen im besten Fall 7,8 Milliarden Franken zu. Im Basisszenario sind es 3,2 Milliarden. Für hybride Lösungen sehen sie Vermögen in Höhe von 4,4 Milliarden im Basis- beziehungsweise 8,1 Milliarden im progressiven Szenario. Der Weg hin zur automatisierten Vermögensverwaltung ist geebnet. In den nächsten Jahren werden weitere Anbieter auf den Zug aufspringen, die Lösungen werden weiterentwickelt und verfeinert. Für Banken, die weiterhin vor allem mit dem herkömmlichen Modell arbeiten, bedeutet dies: Sie werden noch härter um die Kunden, vor allem Neukunden, kämpfen müssen. Aber auch für Robo Advisors ist das Geschäft hart, denn die geringen Kosten haben zur Folge, dass die Anbieter nur tiefe Margen einfahren. Kompensieren können sie dies nur durch Grösse, sprich: Milliarden statt Millionen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Finance Online IT for Finance 11

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