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IT for Health 01/2016

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Produkte & technik

Produkte & technik Muehlner betont. Teilweise gebe es noch erhebliche Schwankungen bei den gemessenen Werten. In der Medizintechnik würden nur sehr geringe Abweichungen toleriert. Es gebe aber schon erste Wearables, die auch die Zulassung von den Aufsichtbehörden, etwa der FDA in den USA, erhalten hätten. Das Angebot an speziellen medizinischen Wearables werde rasant wachsen, ist Muehlner überzeugt. Diese Entwicklung beschreibt auch Santinelli. Anfangs hätten viele Produkte noch mit der Ungenauigkeit zu kämpfen. Aber in nur wenigen Jahren der Weiterentwicklung habe sich die Genauigkeit deutlich verbessert. Als Beispiel nennt er Blut druck- und Pulsmesser. Diese entsprächen inzwischen den medizinschen Kritieren. Santinelli zeigt sich optimistisch, dass auch die anderen Produkte diese Entwicklung vollziehen werden. Für die Zwecke der CSS seien die ungenaueren Geräte durchaus ausreichend. «Alle Geräte sind hier gleich ungenau», sagt Schmidt. Wichtig sei ihm nicht die genaue Schrittzahl, sondern dass die Kunden zu mehr Bewegung und einem Wandel in den Lebensgewohnheiten animiert würden. Hierfür brauche es nicht Genauigkeit bis ins letzte Detail. Laut Santinelli bieten heute Geräte für deutlich unter 100 Franken schon medizinische Qualität. Beispielsweise hätten Erfahrungen gezeigt, dass sich die Vitalwerte von Patien ten durch solche Geräte deutlich verbessern liessen. Oft sei dazu nicht viel mehr nötig als eine Waage, ein Blutdruckmessgerät und ein Bewegungstracker sowie eine App, die diese Daten auswertet. Daher seien Wearables für die Leistungserbringer im Gesundheitswesen und auch für die Gesundheit der Bevölkerung im Allgemeinen zunehmend interessant, betont Santinelli. Wer in der Schweiz vorangeht Die Vorreiter im Bereich Wearables in der Schweiz sind laut Santinelli die Apotheken. Viele Apotheken böten die Geräte nicht einfach nur zum Verkauf, sondern sie hätten ganze Lösungen rund um Wearables entwickelt. «Sie sind sehr innovativ», hebt Santinelli lobend hervor. So würden einige Apotheken personalisierte Beratung mithilfe von Wearables anbieten, mit dem Ziel, den Lebensstil des Kunden positiv zu verändern. Wirtschaftliche Potenziale Laut einer McKinsey-Studie mit dem Titel: «The Internet of Things (IoT: Mapping the Value beyond the Hype») von 2015 soll der Markt für IoT-Anwendungen bis 2025 auf 3,9 bis 11,1 Billionen US-Dollar wachsen. Bei IoT-Geräten für den Menschen sehen die Forscher einen Markt von 170 Millionen bis 1,6 Milliarden US-Dollar entstehen. Darunter fassen die Forscher vor allem Wearables im Gesundheits- und Fitness-Umfeld zusammen. Die Prognose ist aber noch sehr vage, was sich in der grossen Spanne niederschlägt. Dennoch könnte sich laut der Studie im Bereich Healtcare einer der grössten Märkte für IoT- Anwendungen entwickeln, was ihn zunehmend intessant für grosse ICT-Unternehmen macht. Aber auch unter Spezialärzten sei die Verbreitung und Akzeptanz schon sehr hoch, betont er. Diese sei um einiges höher als bei Hausärzten. Als Gründe nennt Santinelli das engere Feld der Spezialärzte. Die Zahl der potenziell Nutzen versprechenden Geräte sei für sie deutlich überschaubarer. Bis jedoch auch Allgemein- und Hausärzte Wearables entdecken würden, sei es noch ein weiter Weg. « Das Vertrauen ist für die Akzeptanz der Wearables von grosser Bedeutung. » Stefano Santinelli, CEO, Swisscom Health Vorteile müssen für alle Seiten ersichtlich sein Matter wagt noch keine Aussage, wie die Patienten die Wearable- Technologie aufnehmen werden. Seiner Meinung nach braucht es noch ein paar Jahre, bis hier ein gewisses Mass an Akzeptanz aufgebaut ist. «Die ersten paar Prozent werden sicherlich schnell gehen», glaubt er. Bis 20 oder 30 Prozent erreicht seien, werde es aber sicherlich noch ein paar Jahre länger dauern. «Es wird immer einen Teil geben, der die Technologie nicht haben will», sagt er weiter. Insbesondere ältere Semester würden das Ganze eher problematisch sehen. Bei den Digital Natives zeigt sich Matter deutlich optimistischer. Sie würden die Vorteile bestimmt schneller erkennen. «Bei der Akzeptanz der Wearables wird entscheidend sein, wie sinnvoll diese sind», ist Schmidt der Meinung. «Der Kunde will nicht überwacht werden.» Vielmehr wolle er einen Service, der auf ihn und seine Gesundheit einen positiven Einfluss habe. Dies könne nur durch «sinnvolle Produkte» erreicht werden. Mit den Wearables Kosten zu sparen und die Behandlung zu optimieren, sei für die Spitäler und auch die Ärzte entscheidend. Für die Versicherungen sei hingegen ein Kunde wichtig, der möglichst lange gesund sei, indem er auf einen guten Lebenswandel achte. Der Patient oder Kunde sollte dabei jedoch im Mittelpunkt stehen. Keinesfalls sollte nur eine Seite einen Vorteil durch den Einsatz von Wearables haben. Nur eine «Win-win-Situation» verspricht Erfolg, meint auch Schmidt. Das Zünglein an der Waage werde schliesslich die Akzeptanz des mündigen Patienten oder Kunden sein. Es werde davon abhängen, ihm den Mehrwert zu vermitteln. Diesen könnte er sowohl in finanziellen Vorteilen, einer verbesserten Behandlung oder auch in einem gesünderen und längeren Leben sehen. Für die Akzeptanz sei nicht zuletzt auch das Vertrauen in die Sicherheit der Daten wichtig, sagt Santinelli. Nur wenn der Nutzer der Wearables selbst über die Verwendung seiner Daten entscheiden könne, sei ein langfristiger Erfolg möglich. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode 6797 32

«Ich sehe eine ‹Konsumerisierung› des Gesundheitswesens» Als Global Head Outcomes Technologies Incubator (Novae) bei Novartis verantwortet Ulrich Muehlner auf Gruppenebene die «Beyond-the-Drug»-Strategie des Basler Pharmariesen. Mit Technologien aller Art soll die Wirkung von Medikamenten optimiert werden. In diesem Zusammenhang spielen auch Wearables eine immer wichtigere Rolle. Interview: Christoph Grau Produkte und technik Bei Pharmafirmen vermutet man nicht gleich, dass sie sich mit Wearables beschäftigen. Können Sie uns kurz einen Einblick in Ihre Aktivitäten geben? Ulrich Muehlner: Wir setzen Wearables ein, um sicherzustellen, dass unsere Medikamente in der sogenannten «realen Welt» auch die gehofften Wirkungen erzielen – wir sprechen hier von «real world outcomes». Damit meine ich, dass die in klinischen Studien erzielten Ergebnisse auch in der Praxis reproduziert werden können. Denn die Studien finden unter sehr kontrollierten und genormten Bedingungen statt. Idealerweise helfen uns Wearables sogar dabei, die Wirkung der Medikamente noch zu steigern. In der Pharmabranche nennt sich dieser Ansatz «Beyond-the-Drug». Dr. Ulrich Muehlner, Global Head Out comes Technologies Incubator (Novae) bei Novartis. Können Sie diesen «Beyond-the-Drug»-Ansatz noch etwas genauer erklären und welche Rolle Wear ables dort spielen? Mit Wearables können wir den Patienten sozusagen zuhause begleiten und wichtige Vitalfunktionen überwachen. Die Geräte teilen einem Patienten etwa mit, wann er ein Medikament einnehmen muss, oder messen Parameter wie den Blutdruck oder den Blutzuckerspiegel. Diese Lösungen sind nicht nur digital und high-end. Entscheidend ist es, mit den Anwendungen eine bessere Transparenz über den Gesundheitszustand zu erlangen und die Motivation des Patienten zu steigern. Gibt es über das Monitoring hinaus auch noch weitere Anwendungen? Wearables bei Patienten könnten uns langfristig dabei helfen, neue «digitale» Biomarker zu entdecken. Die Diagnostik vieler Krankheiten, insbesondere im neurologischen Bereich, ist oft noch nicht weit genug vorangeschritten und abhängig von subjektiven Kriterien. Mit Wearables liessen sich ausser biologischen Markern noch weitere beobachten und in die Diagnose integrieren. Dies könnte etwa unmerkliches Zittern oder auffällige beziehungsweise abweichende Augenbewegungen sein. Krankheiten wie Alzheimer oder Multiple Sklerose liessen sich so frühzeitiger und differenzierter erkennen. Was waren bisher die grössten Projekte, die Sie mit Novartis realisiert haben? Im Sommer 2014 gingen wir eine Partnerschaft mit Google ein, genauer gesagt mit Google(x) Life Sciences (heute Verily), das damals noch unter dem Dach von Googles X-Labs war, wo auch Produkte wie die selbstfahrenden Autos oder Google Glas entwickelt werden. Zusammen entwickelten wir einen Prototyp einer Linse für die Glukosemessung in der Tränenflüssigkeit, der bald in die klinischen Tests gehen soll. Momentan arbeitet die Augensparte von Novartis auch an einer Linse, die den Brechungsindex automatisch anpasst, was Personen zugute kommen soll, die sowohl weit- wie auch fernsichtig sind, wie häufig bei Alterssichtigkeit. Liessen sich auch handelsübliche Fitnesstracker für die Anwendungen nutzen? Ich bin da eher skeptisch. Meiner Meinung nach ist die Qualität von handelsüblichen Geräten wie Fitbit oder Jawbone nicht gut genug für die meisten medizinischen Anwendungen. Die Schwankungen bei den gemessenen Werten sind zum Teil erheblich. Medizinische Geräte werden nur bei sehr geringer Schwankungsbreite zugelassen. Die Aufsichtsbehörden lassen daher auch nur Geräte zu, die diese hohen Standards erfüllen. Welche Rolle spielen die Patienten bei der Einführung von Wearabels im Gesundheitsbereich? Ich sehe eine deutliche «Konsumerisierung» des Gesundheitswesens, das heisst, Wellness und Gesundheit verschmelzen immer mehr. Durch den Einsatz von Wearables rückt der Mensch immer weiter ins Zentrum. Auch wollen sich die Patienten vermehrt selbst managen. Gerade unter der heranwachsenden Generation, den «Digital Natives», sehe ich eine grosse Akzeptanz, Wearables im Gesundheitsbereich zu nutzen. 33

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