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IT for Health 02/2017

PRODUKTE & TECHNIK Vom

PRODUKTE & TECHNIK Vom Datenpool zur Diagnose Mit Cobedias hat die Internistin Barbara Biedermann eine Software zur Dokumentation von ärztlichen Untersuchungen entwickelt. Sie ermöglicht nicht nur die Eingabe von Patientendaten, sondern soll durch den Vergleich mit anderen Krankengeschichten auch die Diagnose unterstützen. Autor: Oliver Schneider Die klinische Diagnose ist eine komplexe Angelegenheit. Jeder Patient ist anders, keine Krankengeschichte verläuft gleich. Am Anfang jeder Diagnose stehen auch heute noch die Anamnese und die körperliche Untersuchung durch den Arzt. Hier will die Software Cobedias ansetzen und mithilfe alltäglicher klinischer Beobachtungen und Befunde die Qualität der Diagnosen verbessern. Von der Forschung in die Praxis Cobedias, kurz für Comprehensive Bedside Diagnosis, ist eine browsergestützte Software zur Dokumentation von ärztlichen Untersuchungsergebnissen, sozusagen ein elektronisches Statusblatt. Cobedias will allerdings weiter gehen als andere medizinische Dokumentationslösungen. Indem es die Daten des untersuchten Patienten mit zahlreichen digitalen Krankengeschichten im sogenannten Medical Data Warehouse in Echtzeit vergleicht, ermögliche Cobedias präzisere Diagnosen, sagt Barbara Biedermann. Sie ist Internistin im zürcherischen Adetswil und hat Cobedias entwickelt. Die Idee zu Cobedias kam Biedermann Anfang der 2000er- Jahre, als die vollständige Sequenzierung des menschlichen Erbguts gelang. Sie gründete das Unternehmen Cobedix, und gemeinsam mit dem Lausanner Softwarehersteller Elca Informatik, der die technische Umsetzung übernahm, entstand Cobedias. Ein erster Prototyp stand 2010. Seit 2013 ist das elektronische Statusblatt marktreif und in der Praxis von Biedermann im Einsatz. Cobedias sei auf viel Zustimmung gestossen, sagt die Ärztin. Kollegen schätzten vor allem die automatische Zusammenfassung der Krankengeschichte. Drei Hersteller von Praxis-Informationssystemen hätten eine Schnittstelle für Cobedias in ihren Produkten eingerichtet. der Daten von Anfang an hoch und eine stichhaltige Diagnose möglich. Cobedias anonymisiert alle gesammelten Daten, wie Biedermann betont. Nicht anonymisierte patientenbezogene Daten verblieben ausschliesslich unter der Kontrolle des behandelnden Arztes oder Spitals. Cobedias soll helfen, die Behandlung zu verbessern Dennoch stellten sich der Verbreitung der Software noch einige Hürden in den Weg. Zum einen sei die Integration in bestehende Praxis- und Spitalsysteme schwierig. Zum anderen honoriere der geltende Tarmed eine Untersuchung nach den Cobedias- Prinzipien nur ungenügend. Biedermann und ihre Partner hätten ihr Geschäftsmodell deshalb neu ausgerichtet. Ausser Lizenzen für Software und Referenz-Datenpool bietet Cobedix nun Ärzten an, Patienten direkt in Adetswil mit Cobedias untersuchen zu lassen. So soll das Programm seine Leistungsfähigkeit zugunsten der Patienten unter Beweis stellen. Was eigentlich für die Software spricht, erweist sich im aktuellen Abrechnungsmodell der Schweizer Medizin als Hypothek. Cobedias bedingt nämlich eine gründliche Untersuchung durch den Arzt, in erster Linie den Hausarzt, was auf den ersten Blick mehr Zeit benötigt. Längerfristig könne das Gesundheitswesen mit Cobedias aber Zeit und Kosten sparen, ist Barbara Biedermann überzeugt. Besonders in komplexen medizinischen Fällen oder bei der Früherkennung schwerer Krankheit könnten die Informationen aus dem Data Warehouse eine umfassendere Diagnose ermöglichen als der frühe Gang zum Spezialisten. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_55181 Datenbankvergleich statt Text-Mining Im Laufe einer Untersuchung gibt der Arzt die Daten des Patienten, etwa Alter, Body-Mass-Index oder Durchschnittspuls, in Cobedias ein. Die Software vergleicht diese Werte anschliessend mit einem Referenz-Datenpool. Der Arzt erhalte so in Echtzeit eine erste Einschätzung zur Diagnose, erklärt Biedermann. Das Fundament hierzu bilden wissenschaftliche Studien, die die Ärztin und ihre Kollegen in den vergangenen Jahren an den Universitäten Basel und Zürich durchgeführt haben. Hier liegt laut Biedermann die Stärke von Cobedias. Im Unterschied zu anderen digitalen Arzthelfern wie etwa IBMs Watson setze die Software nicht auf die Auswertung von medizinischer Fachliteratur, sondern greife direkt auf die standardisierten Untersuchungsdaten anderer Patienten zu. Dadurch sei die Qualität Barbara Biedermann, Fachärztin für Innere Medizin und CEO von Cobedix 36

Wie Visionarity die Wende schaffte Das Basler Start-up Visionarity ist auf Umwegen im E-Health gelandet. Ein Weg, der sich langsam auszahlt. CEO Kolja A. Rafferty erzählt in einem Gespräch, was das Unternehmen auszeichnet und warum «Gamification» auch im Gesundheitswesen wichtig ist. Autor: Christoph Grau PRODUKTE & TECHNIK 2012 ist das Geburtsjahr von Visionarity. Das Unternehmen mit Niederlassungen in Basel und Madrid versucht zunächst, sich im Bereich Energiemanagement zu positionieren. Es entwickelt eine Mobile-App, die Personen auf spielerische Weise (Gamification) zum Energiesparen motivieren soll. Laut Visionarity-CEO Kolja A. Rafferty stellen sich auch schnell die ersten Erfolge ein. Firmen wie etwa Google und Microsoft werden auf das Start-up aufmerksam und stecken Geld in die Idee. Bald darauf kommt die Ernüchterung. «Visionarity hat den Weg in den Markt nicht gefunden», fasst Rafferty heute die damalige Entwicklung zusammen. Im Jahr 2015 bekommt die Firma Schlagseite. Kolja A. Rafferty, CEO von Visionarity. Lange Durststrecke überwinden In dieser Phase kommt Rafferty zum Unternehmen, der sich mit der Beratungs- und Investitionsfirma Leverage Experts auf den Auf- und Umbau von Start-ups spezialisiert hat. Das alte Management von Visionarity zieht sich aus der operativen Führung zurück. Rafferty und sein Team übernehmen. Er installiert erfahrene Entwickler und Manager, um die Kurve zu kriegen. Bis dato ist noch kein grösserer Investor in Sicht, die Firma wird mehr oder weniger mit dem Herzblut der Beteiligten zusammengehalten. Statt des Energiesparens rückt Rafferty nun das Thema Gesundheit in den Fokus der Entwicklung. In Verbindung mit dem Prinzip «Gamification» ist das die neue Marschrichtung. «Dabei geht es um die Nutzung spielerischer Elemente mit dem Ziel, Teilnehmer zu gesünderer Lebensweise zu motivieren», erklärt Rafferty. Ab Juli 2016 verbessert sich die Lage von Visionarity. Die Lösung kommt langsam zur Marktreife und der Business Case wird konkreter. Erste Kunden werden gewonnen, darunter Brands wie Roche. Hinzu kommen Partnerschaften, etwa mit Garmin oder IBM. «Die haben erkannt, welche Potenziale Gamification im Gesundheitsbereich bietet», sagt Rafferty. Für Garmin wird Visionarity sogar zum strategischen Partner; entwickelt wird im Rahmen ÜBER VISIONARITY Visionarity entwickelt unter anderem multipartnerfähige Programme für Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und Innovationen für die Versicherungs- und Finanzwirtschaft (Insure-/Fintech). Ein Kernelement ist «Gamification»; die Nutzung spielerischer Elemente, um Teilnehmer zu gesünderer Lebensweise zu motivieren. Gesundheit und Wohlbefinden werden verbessert und Risiken in Bezug auf Adipositas, Bluthochdruck, Diabetes Typ 2, Depressionen oder Burn-out gesenkt. Medizinisch bedingte Ausfälle und durch Unternehmen und Versicherer zu tragende Krankheitskosten nehmen ab. Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_54090 eines Drei-Jahres-Plans. Die Partnerschaften geben der Firma Schub. Visionarity erhält Zugang zum Vertriebsnetz der Partner und auch zu Technologien, etwa im Bereich künstlicher Intelligenz. Grosse Pläne für die Zukunft Rafferty ist mit seinen Plänen nicht bescheiden: «Wir wollen europäischer Marktführer mit Gamification im Bereich E-Health werden.» Im letzten Jahr kann Visionarity zahlreiche Kontakte zu europäischen Gesundheitsanbietern aufbauen und festigen, darunter Helsana, Helvetia, DKV Seguros. In den meisten Fällen sind es noch Pilotprojekte, bei einigen – wie der DKV – ist es bereits ein operatives Geschäft. «Ich glaube, wir machen eine ganze Menge richtig», blickt Rafferty optimistisch in die Zukunft. Einen grossen Erfolg verbucht Visionarity durch die Partnerschaft mit Weight Watchers in Deutschland. Weight Watchers integriert die Lösung von Visionarity in ihre App in Deutschland. «Darauf sind wir sehr stolz», sagt Rafferty. Er ist optimistisch, dass in diesem Jahr noch weitere bekannte Firmen hinzukommen werden. Konkrete Namen nannte er nicht. Fokus zunächst in Westeuropa Generell sieht Rafferty in Europa das grösste Entwicklungspotenzial. Bisher gebe es im Gegensatz zu den USA noch keine grösseren Player im Markt. Seiner Einschätzung nach bieten nur vier bis fünf Unternehmen eine ähnliche Plattform an. Damit sei der Markt etwa zu 5 Prozent abgedeckt und ein grosses Feld liege brach. Die bisherigen Anbieter seien auch noch relativ klein und viel stecke noch in den Kinderschuhen, in den nächsten Jahren werde die Entwicklung aber Fahrt aufnehmen, ist Rafferty überzeugt. «Ich habe noch keinen Markt erlebt, der so dynamisch ist.» 37

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