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IT for Health 02/2017

PRODUKTE & TECHNIK «

PRODUKTE & TECHNIK « Die Kommunikation in Spitälern steckt in der Steinzeit fest » Viele Ärzte und Pfleger nutzen ihre Handys und Whatsapp, damit sie im Spital rasch an Informationen gelangen können. Komed Health will das ändern. Mit seinem Ansatz gewann das Schlieremer Start-up mehrere Wettbewerbe. Was Komed Health bringt, darüber berichten die Gründer Luzia Dobre und Marc Bornträger. Interview: George Sarpong Wie sind Sie auf die Idee von Komed Health gekommen? Luiza Dobre: Ich arbeitete ursprünglich an einem anderen Projekt im Healthcare-Markt. Durch Gespräche mit Ärzten und durch eigene Erfahrungen wurde ich auf die Schwierigkeiten bei der Kommunikation in Spitälern aufmerksam. Dann las ich einen Artikel über die erschreckend hohe Zahl von Fehlbehandlungen in US-Spitälern, verursacht durch Probleme bei der Kommunikation. Hier sah ich ein Problem, dass man lösen könnte und womit sich ein Geschäftsmodell aufbauen liesse. Am Startup Weekend 2016 von Google fand ich Mitstreiter, darunter unseren CTO Marc Bornträger. Gemeinsam befragten wir Ärzte, was sie von unserer Idee halten. Anhand des Feedbacks merkten wir, dass wir mit unserer Idee offene Türen einrannten. Wie haben Sie das Produkt entwickelt? Dobre: In den ersten drei bis vier Monaten programmierten wir keine Zeile Code. Stattdessen setzten wir uns noch mal gründlich mit unserer Idee auseinander und analysierten die Probleme, die wir lösen wollten. Wir gingen hierfür nach dem Lean-Prinzip vor, eine agile und vor allem nutzerzentrierte Vorgehensweise. Diese wird noch viel zu selten im E-Health-Markt angewandt. Wie sind Sie konkret vorgegangen? Dobre: Wir suchten die Eingangsbereiche von Spitälern auf und sprachen mit so ziemlich jeder Person, die uns über den Weg lief. Wir befragten etwa Ärzte und Pfleger auf dem Weg in ihre Mittagspause. Das kam nicht immer gut an. Einmal hatte man uns damit gedroht, uns aus dem Spital hinauswerfen zu lassen. Unterm Strich war es aber der richtige Weg. Eher ein radikaler Weg für eine Produktentwicklung. Was hat es gebracht? Marc Bornträger: Zwischen Mai und August letzten Jahres führten wir über 100 Gespräche mit Spitalmitarbeitern. Mit Ärzten, Pflegekräften und IT-Verantwortlichen. Stand heute zählen wir rund 800 Stunden an Interviews, geführt in 22 Spitälern in Europa, den USA und dem Nahen Osten. All das Feedback floss in unsere Produktentwicklung ein. Quasi als Nebeneffekt bauten wir uns ein Netzwerk auf. Einige unserer Gesprächspartner beraten uns mittlerweile oder unterstützen unser Start-up. Andere kannten weitere Experten, denen wir unsere Lösung vorstellen konnten. Welchen Problemen begegneten Sie bei Ihren Spitalbesuchen? Dobre: Einmal waren wir zufällig dabei, als Ärzte und Pfleger eine halbe Stunde darüber diskutierten, wer jetzt für einen bestimmten Patienten verantwortlich ist. Solche Probleme passieren täglich in Schweizer Spitälern. Ein weiteres Problem sind die Kommunikationsmittel. Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt und Klinikdirektor des universitären Notfallzentrums des Inselspitals Bern, sagte uns, dass die Spitäler in der Steinzeit der Telekommunikation feststeckten, verglichen mit den medizinischen Durchbrüchen, die sie feierten. Das Team von Komed Health will die Kommunikation in Spitälern so einfach wie Whatsapp gestalten. (V. l.) Marc Bornträger, CTO und Co-Founder, Luiza Dobre, CEO und Co-Founder, Kimmo Myllyviita, Software Engineer. Komed Health soll eine Alternative zu Whatsapp sein. Wie hoch ist denn die Whatsapp-Durchdringung in Spitälern? Dobre: Jeder hat heutzutage ein Smartphone in der Tasche. Studien aus den USA zeigen, dass 96 Prozent der Ärzte und Pfleger über Whatsapp kommunizieren. Das deckt sich auch mit unseren Interviews. Meist werden die Klarnamen der Patienten weggelassen. Das war es dann aber auch schon mit dem Datenschutz und der IT-Sicherheit. 38

Wie löst Komed Health diese Probleme? Bornträger: Komed soll eine Plattform für den Informationsaustausch sein, die Whatsapp und Pager ersetzt sowie Daten aus verschiedenen Quellen bündelt und teilt. Und wie funktioniert die App aus Sicht der Anwender? Bornträger: Anwender können sich einfach die App für iOS und Android auf ihr Smartphone laden. Sie geben dann den Namen ihre Arbeitsgruppe und ein Passwort ein. Anschliessend können sie mit den Kollegen in der Gruppe kommunizieren. Das ist vergleichbar mit einer Chat-Gruppe in Whatsapp. Ärzten werden dann die Patienten angezeigt und zwar in der Reihenfolge der Dringlichkeit. Die Kanäle orientieren sich an den Patienten. Die Patientin, nennen wir sie Emma, erhält quasi einen eigenen Gruppenchat. Komed kann auch Vital-Zeichen von Patientin Emma anzeigen und Alarme auslösen. Hat Emma etwa eine Temperatur von 40 Grad, wird an die verantwortlichen Ärzte und Pfleger eine Nachricht gesendet. IT-Security ist ein wichtiges Thema im E-Health- Umfeld. Wie gewährleisten Sie die Sicherheit Ihrer Lösung? Bornträger: Wir haben eine Verschlüsselung auf jedem Layer. Darüber hinaus sichert unser Hoster die Lösung zusätzlich ab. Spitäler können Komed auch On-Premise betreiben und so individuell in ihr Sicherheitsdispositiv einbinden. Wie haben Sie sich vorher finanziert? Dobre: Die erste Zeit haben wir von unseren Ersparnissen gelebt und alles selbst bezahlt. Anfang des Jahres konnten wir Postfinance als Sponsor gewinnen. Postfinance finanziert uns für einige Zeit den Platz hier im Start-up-Zentrum in Schlieren. Wir gewannen beim Start-up-Wettbewerb Venture-Kick 30 000 Franken und haben die Chance, im Oktober zusätzliche 100 000 Franken für unsere Firma zu gewinnen. Des Weiteren erhalten wir Coaching durch Experten der Kommission für Technologie und Innovation (KTI). Hinzu kommt ein KTI-Forschungsprojekt. Mit diesem wollen wir empirisch den Nutzwert unserer Applikation aufzeigen. Wo stehen Sie jetzt? Bornträger: Derzeit arbeiten wir an einem Proof-of-Concept mit der Notfall-Abteilung des Berner Inselspitals. Mit der Radiologie- Abteilung arbeiten wir im Rahmen eines KTI-Projekts an einem zweiten Proof-of-Concept. Mit weiteren Spitälern stehen wir in Verhandlungen. Sieben Spitäler unterzeichneten etwa Absichtserklärungen. Darüber hinaus erhielten wir Anfragen aus Deutschland, Finnland und Spanien. Wir wollen auch expandieren. Lassen Sie uns in die Zukunft blicken. Wie sieht die technische Roadmap von Komed Health aus? Bornträger: Nächstes Jahr werden wir die Möglichkeit bieten, auch Patienten in den Komed-Chat einzubinden. Der Patient oder die Patientin erhält dann einen Zugang zum Chat über die Website des Spitals und kann sich sogar Push-Nachrichten auf das Smartphone senden lassen. Auf diese Weise können Ärzte Wie sieht Ihre Marktstrategie aus? Dobre: Komed ist eine SaaS-Lösung. Wir verrechnen Nutzungskosten, abhängig von der Anzahl der Nutzer. Hinzu kommt eine Gebühr für die Implementierung. Derzeit gehen wir direkt auf Spitäler zu. Aber um rasch zu skalieren, arbeiten wir mit Partnern zusammen, die Erfahrungen im E-Health-Geschäft mitbringen wie etwa der IT-Dienstleister Cerner oder Epic. Andere Partner und Pfleger etwa die Patientin Emma fragen, wie es ihr gerade geht oder ob sie etwas braucht. Wir wollen künftig einen Weg bieten, die mit Komed erzeugten Daten auszuwerten, um die Arbeitsabläufe in den Spitälern zu verbessern. Wir analysieren anonymisierte Chatprotokolle, wodurch ein virtueller Assistent dem Spitalpersonal die wichtigsten Aufgaben aufzeigen kann. Dafür arbeiten wir mit einem Experten für künstliche Intelligenz sind The-I-Engineers, die Spitäler in der Schweiz und in Deutschland zu ihren Kunden zählen. The-I-Engineers bieten Schnittstellen zu KIS und EMR-Systemen und aggregieren « Bis heute haben wir rund 800 Stunden Interviews geführt in Europa, den USA und dem Nahen Osten. All das Feedback floss in unser Produkt ein. » Marc Bornträger, CTO, Komed Health zusammen. Und wie geht es mit dem Unternehmen weiter? Dobre: Wir bewarben uns zudem für verschiedene Start- auf diese Weise Daten. up-Förderprogramme, etwa Durch die Zusammenarbeit können wir wiederum Patienteninformationen aus unterschiedlichen Quellen in unserer Applikation bündeln und Ärzten und Pflegern bereitstellen. von Venture Kick und Venture Accelerator. Darüber hinaus wurden wir von Venture Kick als Global Shaper 2016 nominiert. Wir bewarben uns ausserdem für das internationale Start-up-Programm Masschallenge. Dieses besitzt den Ruf, härter auszusieben als die Universität Harvard. Bis wann wollen Sie mit Komed Health Geld verdienen? Dobre: Wir gehen davon aus, dass wir im vierten Quartal dieses Jahres Umsatz erwirtschaften werden. Von den 450 Bewerbern der Masschallenge Switzerland sind wir eines von 75 Unternehmen, das es bis in die Finalrunde geschafft hat. Ein Sieg brächte uns auf unserem Weg einen grossen Schritt weiter. PRODUKTE & TECHNIK Artikel online: www.netzwoche.ch ▸ Webcode DPF8_50457 39

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