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IT for Health 02/2020

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xxxxxx Big Data, Big Trouble? So meistern Spitäler die Datenflut 8

Die Digitalisierung bringt viele Vorteile, sie generiert aber auch massenhaft Daten. Besonders im Gesundheitswesen. Die Redaktion hat bei Schweizer Spitälern nachgefragt, wie sie damit umgehen. Lösungsansätze gibt es viele – Hürden aber auch. Die Datenflut im Schweizer Gesundheitswesen ist so gross wie noch nie. Ein Beispiel dafür ist die Präzisionsmedizin. Sie basiert auf persönlichen medizinischen Daten und generiert schnell mal 1 Terabyte pro Behandlungsfall. «Die Schweiz hat aber Nachholbedarf, die vielen Daten werden so gut wie gar nicht genutzt», sagt Martin Pfund, CIO des Kantonsspitals Graubünden. Der Aufwand, die oft unstrukturierten Daten nutzbar zu machen, sei sehr hoch. Daran seien schon einige Spitäler gescheitert. Auch die Lindenhofgruppe hat das Problem erkannt. In der Schweiz gebe es keine stringente nationale Initiative für die Erhebung und Nutzung von Daten, heisst es auf Anfrage. Die Daten der Leistungserbringer seien oft zu lückenhaft, um sie sinnvoll zu nutzen. Am besten funktioniere das aktuell noch bei den onkologischen Datenregistern. Ein positiveres Bild zeichnet Mandy Warnke, die Leiterin der Notfallorganisation Stettbach des Universitätsspitals Zürich. Sie sagt, dass interne medizinische und betriebliche Abläufe seit Jahrzehnten digital unterstützt würden. Bei der datengetriebenen Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg habe die Schweiz aber tatsächlich Nachholbedarf. Gründe dafür seien die schwierige Margensituation und der hohe Investitionsmittelbedarf für bauliche Anpassungen. Es fehle darum oft an Mitteln für Investitionen in die IT und in Daten- und Digitalthemen. Was wäre möglich, wenn die Erhebung und Nutzung der Daten im Schweizer Gesundheitswesen besser wäre? Warnke sagt, dass dies zu mehr Effizienz und Effektivität entlang der Versorgungskette führen würde. Die Qualität der Behandlungen würde steigen, das Patientenerlebnis besser werden. Mit der Erkennung von Mustern könnte man sich abzeichnende Krankheiten schon früh diagnostizieren, ergänzt Pfund. Das Papier muss weg Ein Grund für die mangelhafte Sammlung von Daten ist, dass viele Mediziner noch immer papierbasiert arbeiten und keine digitalen Patientenakten nutzen. «Nichts ist so schnell wie eine Papiernotiz», sagt Stefan Hunziker, Leiter der Informatik des Luzerner Kantonsspitals (LUKS). Er digitalisierte diesen Prozess im LUKS im September 2019 mit dem Klinikinformationssystem LUKiS. «Einige hatten Mühe damit, dass sie ihre Notizen nun selbst ins System eingeben müssen», sagt Hunziker. Sie würden aber mit Spracherkennung, Textbausteinen und laufenden Optimierungen unterstützt. Auch das Kantonsspital Graubünden setzt kaum noch auf Papierakten. Nur noch da, wo es um historische Akten gehe, die noch nicht digitalisiert seien, sagt Pfund. Bei den niedergelassenen Ärzten sei es häufig eine Frage des Alters und der Gewohnheit. Da der Aufwand für eine elektronische Akte sehr gross sei, würden gerade ältere Ärzte oft zum Schluss kommen, dass Autor: Marcel Urech sich eine Umstellung nicht lohne. Auch die Lindenhofgruppe merkt an, dass viele Ärztinnen und Ärzte aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters gar nicht bereit seien, in digitale Systeme zu investieren. «Nach unserer Erfahrung arbeitet höchstens ein Drittel der niedergelassenen Ärzte ohne Praxisinformationssystem und wir kennen kein Spital und keine Nachsorgeeinrichtung ohne Klinikinformationssystem», sagt Warnke. Die Fragmentierung des Marktes erschwere aber die Zusammenarbeit. Die Akteure im Gesundheitswesen würden zwar ihre internen Abläufe mit Daten verbessern, für die Optimierung der Gesamtprozesse gebe es allerdings kaum Anreize. Weder monetäre wie in den angelsächsischen Ländern noch regulatorische wie in den nordischen Ländern oder in Osteuropa. «Die Papierprozesse haben sich in den klinischen Abläufen über Jahre etabliert», sagt Christian Schraner, CIO des Kantonsspitals Baselland. Neue Abläufe und digitale Prozesse würden temporär immer zu Mehraufwänden im klinischen Alltag führen und erst nach einiger Zeit einen Mehrwert bringen. Es gelte darum, die richtige Balance zwischen schnellen Erfolgen und nachhaltigen Lösungen zu finden. Adrian Grob, Mediensprecher der Insel Gruppe, weist darauf hin, dass eine digitale Patientenakte nicht reiche, um ein Spital erfolgreich zu digitalisieren. Nötig sei immer auch eine Anpassung der klinischen Prozesse. «Daten alleine haben noch keinen Wert.» Wertvolle Informationen könne man aus den Daten nämlich nur gewinnen, wenn man alle Datensilos zusammenführe und die daraus gewonnenen Daten sinnvoll kombiniere. Bremsklotz Föderalismus «Ich habe nicht den Eindruck, dass die Schweiz anderen Ländern hinterherhinkt, was die Integration der Systeme innerhalb der Gesundheitseinrichtungen betrifft», sagt Schraner. Auch Pfund sieht das so. Die Schnittstellen seien meist internationale Standards wie HL7, DICOM, IHE und FHIR. Das Problem liege vielmehr an der komplexen und stark heterogenen System- und Gerätelandschaft in Schweizer Spitälern. Die föderalistische Struktur der Schweiz bewirke zudem, dass es keine zentrale Vorgabe bezüglich Systeme und Technik gebe. In den skandinavischen Ländern hingegen würden alle Spitäler dasselbe klinische Informationssystem nutzen. Auch Warnke stellt fest, dass der Föderalismus den Fortschritt lähmt. «Die Konzepte und Technologien für das elektronische Patientendossier werden schon bei der Einführung Ende 2020 nicht mehr State of the Art sein.» Eine Verbesserung der Situation könnten regulatorische Vorgaben für Standards, monetäre Anreize oder Steuerrabatte auf Digitalisierungsinvestitionen bringen. Potenzial gebe es überall, wo die Digitalisierung E-HEALTH KONKRET 9

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