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IT for Health 02/2020

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PRODUKTE & TECHNIK

PRODUKTE & TECHNIK Virtual-Reality-Revolution in der Gesundheitsbranche Die Digitalisierung schreitet im Gesundheitswesen in beachtlichem Tempo voran. Während in der jüngsten Vergangenheit vor allem das Contact-Tracing von sich reden machte, verändert Virtual Reality den Health-IT-Sektor vergleichsweise lautlos, dafür stetig. Die Virtual-Reality-Revolution ist einer jener Umbrüche, die sich nicht über Nacht manifestieren, sondern sich über Jahre im technologischen Bewusstsein einer Gesellschaft einnisten. Erste halbwegs brauchbare Produkte gab es zwar bereits in den 90er- Jahren – jedoch noch mit überschaubarem Erfolg. Richtig Schwung aufgenommen hatte Virtual Reality (VR) erst um 2015 mit dem Start der High-End-VR-Brille Oculus Rift des gleichnamigen Facebook-Unternehmens. Heute lassen sich VR-Anwendungen grob in zwei Kategorien einteilen: Da ist zum einen der High- End-Gaming-Markt, zum anderen kommt VR zunehmend in hochspezialisierten, professionellen Anwendungsfeldern zum Einsatz, unter anderem auch im Health-Sektor. Ausbildung, Training und Schmerzmanagement Bereits heute verzeichnet das Gesundheitswesen verschiedene praxistaugliche Einsatzfelder für die VR-Technologie. So wird der Ansatz im Training und in der Ausbildung eingesetzt: Operationen lassen sich in der VR realitätsnah simulieren, oder VR wird dazu genutzt, um anatomisches Wissen näherzubringen und den menschlichen Körper auf eine Weise erleb- und «greifbar» zu machen, an die noch vor nicht allzu langer Zeit kaum zu denken war. Das Spektrum der Anwendungen umfasst aber nicht nur Lösungen, die von einem Fachpublikum bedient werden. Längst werden auch Anwendungen ersonnen, die sich direkt an den Patienten selbst richten. So wird etwa untersucht, inwiefern VR bei der Schmerzbehandlung unterstützen kann, etwa beim Setzen einer Infusionsnadel oder bei der Behandlung starker Hautverbrennungen – ein mitunter schmerzhafter Vorgang. Bei diesen Ansätzen liegt das Hauptaugenmerk nicht auf eigens entwickelte Applikationen – oftmals wird bereits erhältliche VR-Software aus Der Autor Nicola Schlup, Managing Director, Nexum den bekannten Stores genutzt. Denn schon mit Anwendungen von der Stange lassen sich spürbare Ablenkungseffekte erzielen, die sich positiv auf die Schmerzbehandlung (Medizinfachleute sprechen gerne von «Schmerzmanagement») auswirken. Eine US-Studie schätzt, dass rund 60 Prozent der Kinder bei einer bevorstehenden Operation unter Ängsten und Unsicherheiten leiden. Spitalangst bei Kindern Kein Fachgebiet hat den Ideenreichtum rund um die entstehende VR-Medizin aber so angefacht wie die Kindermedizin beziehungsweise die Kinderchirurgie. Einerseits weil gerade die kleinsten Patienten empfänglich für digitale Medien sind, andererseits weil die Pädiatrie mit Herausforderungen zu kämpfen hat, für welche die VR-Technologie wie geschaffen ist. Während sich Anwendungen für Erwachsene eher auf die Behandlung (z. B. eben von Schmerzen) konzentrieren, versuchen Experten mithilfe von VR Kinder didaktisch abzuholen und so Ängste vor Operationen oder Die VR-App «Kinderinsel» soll die verschiedenen Stationen eines Spitalaufenthalts auf kindgerechte Weise vermitteln. 44

Brillen auf eine MRT-Untersuchung vor. Junge Patienten können sich so schon im Vorfeld ein Bild von der Lage machen und Unsicherheiten abbauen. Einen Schritt weiter ging das Boston Children’s Hospital. Das Spital nutzt mit «Health Voyager» eine Anwendung, die es ermöglicht, Kindern die Ergebnisse aus Darmspiegelungen mithilfe von VR altersgerecht zu erklären. Dabei werden die Untersuchungsresultate als digitales Modell abgebildet. So erhalten die Kinder die Möglichkeit, bei einer virtuellen Darmbegehung das individuelle Krankheitsbild zu begutachten und mehr über die eigene Diagnose zu erfahren. PRODUKTE & TECHNIK VR-APP DES BERNER INSELSPITALS GEGEN SPITALANGST Mit der Anwendung können Kinder einen interaktiven Operationssaal begehen. Behandlungen abzubauen. Die Spitalangst ist real und die Zahlen sind eindrücklich. Eine US-Studie schätzt, dass rund 60 Prozent der Kinder mit einer bevorstehenden Operation unter Ängsten 25 Prozent der Kinder, die keine beruhigenden Medikamente erhalten oder von ihren Eltern begleitet werden, müssen während der Anästhesie mit Gewalt festgehalten werden. und Unsicherheiten leiden. Brisant: Operationsangst kann sich negativ auf die postoperative Verarbeitung auswirken, den Heilungsverlauf negativ beeinflussen, Verhaltensauffälligkeiten verursachen oder die Spitalentlassung verzögern – spätestens hier werden auch die gesundheitspolitischen Dimensionen von Tech- Innovationen im Health-Bereich deutlich. Aber auch im Vorfeld einer Operation zeigen sich die Auswirkungen von Ängsten. 25 Prozent der Kinder, die keine beruhigenden Medikamente erhalten oder von ihren Eltern begleitet werden, müssen während der Anästhesie mit Gewalt festgehalten werden. Ähnlich wie in der US-Studie beschrieben, präsentiert sich die Situation in der restlichen Welt. Spitalangst bei Kindern ist ein globales Phänomen. Gerade weil VR unter Medienexperten für junge Zielgruppen als ideale Didaktik-Maschine gilt, überrascht es nicht, dass man bei der Suche nach Lösungen gegen Spitalangst gerne auf sie zurückgreift. Das King’s College Hospital in London etwa bereitet Kinder mithilfe von verschiedenen 360-Grad-Filmen und VR- Auch in der Schweiz soll Virtual Reality Kindern die Angst vor Spitalaufenthalten nehmen. Die VR-App «Kinder insel», die das Inselspital zusammen mit der Digitalagentur Nexum realisierte, richtet sich an Kinder zwischen 5 und 10 Jahren sowie an deren Eltern. Auf einen spezifischen Eingriff bezieht sich die VR-Lösung indes nicht. Vielmehr soll sie die verschiedenen Stationen eines Spitalaufenthalts auf kindgerechte Weise vermitteln. Im Zentrum der App steht eine interaktive Geschichte in VR, in der aus der Optik einer jungen Protagonistin erklärt wird, was Kinder bei einem Aufenthalt im Kinderspital alles erleben, also von der Aufnahme über die Operationsvorbereitung bis zur Entlassung. Weiter bietet die Anwendung die Möglichkeit, einen interaktiven Operationssaal zu begehen und dabei mehr über die verschiedenen OP-Geräte zu erfahren oder mit verschiedenen 360-Grad-Filmen die Räumlichkeiten anhand der realen Begebenheiten virtuell zu inspizieren. Durch die VR-App führt der virtuelle Pin guin «Kimi», der dem Kind als Erzähler und Begleiter zur Seite steht. Damit Eltern ihre Kinder bei der Nutzung unterstützen können, wurde für die App auch eine Spiegel-Funktion entwickelt. Mit ihr verfolgen Eltern, was ihr Kind in der virtuellen Realität erlebt und können, falls nötig, Hilfestellungen bei der Bedienung geben. «Eine gute Vorbereitung der Kinder und Eltern auf einen Spitalaufenthalt steht am Anfang eines erfolgreichen Behandlungsprozesses. Kinder sollen wissen, wohin sie kommen und was sie erwartet, das gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit», so Catharina Bucher Anliker, Projektinitiantin beim Inselspital für die Anwendung. Im Unterschied zu anderen Lösungen werden die Kinder bei der Nutzung der App nicht durch das Fachpersonal begleitet. Eltern und Kinder mit einer geplanten Operation erhalten vom Kinderspital ein Komplettpaket, bestehend aus einer Kartonbrille für das eigene Smartphone, einigen Erläuterungen sowie einer Plüschversion von «Kinderinsel»- Maskottchen «Kimi». Wer will, nimmt das Plüschtier als Glücksbringer mit zur Operation. Das Beispiel der Spitalangstbewältigung zeigt: Die Möglichkeiten der VR-Technologie im Gesundheitswesen sind enorm. Und mit der fortschreitenden Verbesserung der Technologie dürfen sich junge und erwachsene Patienten wohl auf weitere nützliche Innovationen freuen. Den Betrag finden Sie auch online www.netzwoche.ch 45

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